In den
letzten Jahren hatte ich immer Schwierigkeiten mit der Art, in der das Thema
der Gewalt in der linken Öffentlichkeit diskutiert wurde. Auf der einen Seite
gibt es jene, die ausgehend von einer Position des radikalen Humanismus, die
jesuitische bzw. stalinistische Rechtfertigung aller Mittel durch das Endziel
ablehnen, und so zu einer kategorischen Ablehnung aller Gewaltanwendung kommen.
Sie betonen, daß das Ziel der Schaffung einer besseren Welt, in jedem Schritt
der dahin führt, klar erkennbar sein muß. Obwohl ich grundsätzlich dieser Position
nahe stehe, habe ich Probleme mit der Art und Weise, in der sie häufig
vertreten wird. Für mich bleibt es zu abstrakt. Ich kritisiere diese Haltung
nicht als zu moralisch — im Gegenteil, es ist erstaunlich, daß mache Leute,
die aus einer Bewegung kommen, deren treibende Kraft stets auch Moral war —
das moralische Entsetzen über die Nazis, über Vietnam, über die Lage der
Dritten Welt — heute eine Position als zu moralisch ablehnen und dadurch in
gewisser Weise einen Teil ihrer Selbst verdrängen. Nein, mein Problem ist, daß
bei dieser Diskussion die Frage der Gewalt aus jedem politischen und geschichtlichen
Zusammenhang gerissen wird. Es entsteht der Eindruck, daß Gewalt von allen
Bewegungen und Gruppen ungeachtet ihrer konkreten historischen Situation
abgelehnt werden soll. Aber nicht nur das - ich glaube nicht, daß diese Position
alleine ausreicht eine adäquate Kritik der Politik der Stadtguerilla zu
leisten.
Ich
lehne die Politik der Guerilla nicht nur aus moralischen, sondern auch aus
politischen Gründen ab, denn folgt man der Guerilla auf das von ihr vorgegebene
Feld, so ist es eine politische Auseinandersetzung, die mit ihr geführt werden
muß. Die Guerilla schätzt sich selbst als 'realistisch', als 'effektiven Widerstandsfaktor'
ein und wirft dem Rest der Linken Naivität und Liberalismus vor. Diese
Selbsteinschätzung möchte ich problematisieren, da sie meiner Ansicht nach selber
zutiefst unpolitisch ist.
Ich
möchte dies im Folgenden erklären.
Die meisten
Argumente der Verteidiger der Metropolenguerilla sind auch abstrakte und
moralische. Aber der Charakter ihrer Argumente unterscheidet sich stark von
denen der Vertreter der "radikal-humanistischen" Position. Während
jene die Beziehung zwischen Ziel und Mittel von Gesellschaftsveränderung
problematisieren, leitet die Guerilla die moralische Rechtfertigung ihrer
Gewalt nur aus der bestehenden gesellschaftlichen Gewalt ab, nicht aber aus den
Veränderungen, die durch ihre Politik erreicht werden sollen. Sie erklärt nur
die Ursachen ihrer Gewalt, nicht aber deren Wirkung und Ziel.
Ich
kritisiere nicht ihre Wut — sie ist auch meine. Ich kenne auch den Wunsch,
diese Wut unmittelbar in Gewalt ausdrücken zu wollen. Obwohl Wut die
Antriebskraft vieler politischer Aktionen ist, so muß doch eine Aktion, um zur
politischen zu werden, nicht nur einem kleinen Kreis emotional verständlich
sein; die Frage, ob man sie unternimmt oder nicht, darf nicht nur an ihrer
moralischen Rechtfertigung, sondern muß an ihren Wirkungen diskutiert werden.
(Die
erste Demonstration in den USA gegen den Krieg in Süd-Ost Asien, an der ich
teilnahm, lief 1963. Wir waren zu zehnt. Passanten spuckten uns an. Aber wir
wußten, welche Schreck-lichkeiten dort geschahen, wir wollten sie beenden, aber
sahen uns isoliert in einem Meer von reaktionären amerikanischen Patrioten. Was
wäre geschehen, wenn wir aus unserer Wut und unserer Isolation heraus zu
Sabotageakten gegriffen hätten? Es wäre moralisch gerechtfertigt gewesen, aber
wir hätten auch die Möglichkeit einer breiten Opposition gegen den Krieg zerstört.
Wir wären, und mit uns alle Antikriegspositionen, von der breiten
Öffentlichkeit als Verräter und Feind des amerikanischen Volkes verurteilt
worden. Man hätte uns benutzt, um noch mehr Unterstützung für den Krieg zu
mobilisieren. Dies war nicht mehr so leicht möglich, als nach langer Agitation
es 1967 bereits 300 000 waren, die auf das Pentagon marschierten, als 1970 in
Washington bereits 1 Million Leute demonstrierten, und als es ebenfalls 1970
in einem nationalen Studentenstreik gegen die Invasion Kambodschas und für die
Freilassung Bobby Seales gelang, mehr als 1000 Universitäten gleichzeitig lahm
zu legen. Es war eine breite Bewegung entstanden, die die US-Regierung viel
effektiver behinderte als jede Art von Sabotage. Die eigentliche Frage ist doch
die: wollen wir unsere Wut unmittelbar rausschreien, und so moralisch sauber
bleiben, oder wollen wir das, was unsere Wut erzeugt, verändern oder zerstören?
Das ist nicht das gleiche.)
Die
Sprache der Verfechter der Guerillaposition ist die Sprache von Anwälten, die
die Aktion ihrer Klienten rechtfertigen, sie verständlich machen, sie
erklären, aber es ist nicht die Sprache politisch Handelnder, die Gewalt als
ein Mittel zur Erreichung politischer Ziele ansehen.
Aber
wie könnte es anders sein? Welches
halbwegs „reali stische" Argument spräche für einen möglichen Erfolg der
Guerilla in diesem Land? Es geht nicht um die Berechtigung des Zorns, es geht
nicht um die Brutalität des Staates und der Gesellschaft, es geht nicht darum,
ob die Guerilla an der Repression schuld ist oder nicht, — die Frage heißt: Was
ist erreicht worden? bzw. was könnte auf diesem Weg überhaupt in einer
Metropole erreicht werden?
Nichts.
Seit
einigen Jahren sagen uns die RAF-Genossen, daß wir in einem faschistischen Land
leben, und daß daher der militärische Widerstand die einzige Möglichkeit des
Handelns sei. Okay. Ich will darauf nicht länger eingehen, nur, wenn hier
Faschismus herrschen würde, gäbe es diesen Artikel, diese Zeitung, und all
diese Teach-ins nicht mehr. Aber was wäre zu tun, falls der Faschismus vor der
Tür steht? Man müßte mit allen Mitteln versuchen, ihn zu verhindern, meiner
Ansicht nach wäre dies nur durch eine möglichst große antifaschistische Bewegung
möglich.
(Die
deutsche Arbeiterbewegung wurde 1933 nicht geschlagen, sie gab auf, ohne
gekämpft zu haben. Die Taktik der KPD, bereits vor der Machtübernahme Hitlers
in den Untergrund zu gehen, und das Festhalten an der Sozialfaschismusthese bezeichnen
die Schritte dieser kampflosen Aufgabe. Der Untergrund wurde dann mehr oder
weniger schnell zerschlagen. Was damals der Untergrundarbeit einer der größten
kommunistischen Parteien der Welt nicht gelang, soll nun einer kleinen Gruppe
möglich sein? Die Leute, die hier an den erfolgreichen jugoslawischen oder
französichen Widerstand erinnern, dürfen das nationale Element des Kampfes
gegen eine ausländische Besatzungsarmee nicht vergessen. Deutschland ist nicht
von einer ausländischen Militärmaschinerie besetzt. Legitimationsprobleme
bestehen in der BRD nach wie vor, sie sind nicht einfach durch Fragen der
Angst und Angsterregung ersetzt.)
Die
Grundidee einer antifaschistischen Front ist die Gemeinsamkeit des Gegners —
jenseits aller Unterschiede in den positiven Bestimmungen des Kampfziels. Die
Genossen, die für sich in Anspruch nehmen, hier und heute gegen den Faschismus
zu kämpfen, haben an einer derartig breiten Bewegung offensichtlich kein
Interesse.
Nochmal
ein Blick auf die USA zur Zeit der großen politischen Prozesse Ende der 60er
Jahre, vor allem auf dem Bobby Seale-Prozeß. Die Panthers verlangten keine
Identifikation mit ihrer Politik, sie verlangten Unterstützung gegen die
Angriffe des Staates. Auf dieser Grundlage gelang die Schaffung einer breiten
Front, einer gemeinsamen Bewegung, deren Ziel über die Freilassung von Bobby
Seale hinaus die Anklage der brutalen und terroristischen Methoden des Staates
gegen die Panther und gegen das Ghetto waren.
Agitationspunkt
war der Bruch zwischen dem liberalen Anspruch eines angeblich nach klar
definierten Gesetzen handelnden Staates und der praktizierten Realität.
Natürlich ist solch ein Vorgehen "liberal" - aber man sah es als
ersten Schritt in Richtung einer sich stetig radikalisierenden breiten Bewegung,
aber zumindest war die Schaffung dieses liberalen Schutzschildes notwendige
Verteidigungslinie der Linken. Jede Linke braucht dieses Schild, braucht Raum
um zu leben. In der 3.Welt ist es die Unterstützung der Bauern, in den Metropolen
eine starke Arbeiterbewegung, oder eben eine liberale Öffentlichkeit, die der
Linken diesen Raum garantieren. Dieser (Spiel-) Raum ist ein politischer, er
ist nicht einfach da, er muß aufgebaut werden. (Der "Raum", den die
Großstadtanonymität der Stadtguerilla bietet, ist dafür kein Ersatz, ist nur
die verdinglichte Übertragung einer politischen Konstellation ins technische,
analog der Verdinglichung des Begriffs von politischer Macht zur Knarre.)
Wie
lief es bei uns ab? Meiner Ansicht nach lehnte die RAF Unterstützung gegen das
Stammheimer Landrecht, gegen die Haftbedingungen ab, wenn diese Unterstützung
nicht bereit war, bis zur Identifikation mit der Politik der RAF zu gehen.
Es gab und gibt viele, die protestieren wollten gegen die Behandlung der
Gefangenen, gegen den Versuch, durch die RAF die Repression zu legitimieren,
aber viele wollten dies tun ohne sich quasi automatisch mit der Politik der RAF
identifizieren zu müssen. Nicht aus Angst, nicht aus Schwäche — sondern weil
sie diese Politik schlicht falsch fanden. Diese Art von Unterstützung wurde von
der RAF nicht zugelassen. Das, was der Staat ihnen antat, wurde als moralisches
Druckmittel benützt. Moralischer Druck als Rekrutierungsmaßnahme — diese
Haltung ist so avantgardistisch, daß sie selbst die vorrevolutionären
Bolschewiki als reinste Rätesozialisten erscheinen läßt. Für mich ist dies einer der Gründe für die
lähmende Wirkung vieler RAF-Diskussionen in den letzten Jahren — ein Beitrag
zur Lähmung einer eh schon gelähmten Linken.
Man
fragt sich natürlich, was hinter der Ablehnung dieser Unterstützung steht. Ein
sich erstmals seit langem regender Protest zur Zeit der Abhöraffären, war mit
dem Buback-Attentat zu Ende. Man fragt sich, warum der RAF eine breitere
Öffentlichkeit egal war. Meiner Vermutung nach setzte die RAF, aus der
Erkenntnis der Brutalität des Imperialismus und des "demokratischen
Kapitalismus" diese Formen von Herrschaft gleich mit faschistischer
Brutalität. Diese moralische Wertung, die alle Differenzierungen hinwegfegt,
ist nicht nur anlytisch falsch, sondern auch politisch tödlich. Sie negiert
jeglichen politischen Spielraum, verwirft ihn als moralischen Kompromiß.
Es
kommt dann nur noch darauf an, den Staat als faschistisch zu
"entlarven". Scheinbar glaubten sie, würde die Bevölkerung dieses
erkennen, so würde sie sich darüber moralisch empören. Eigene moralische
Wertungen wurden als Norm gesetzt und auf die Gesellschaft projiziert, als ob
Empörung etwas wäre, was einfach da ist, und nicht etwas, was erst herzustellen
ist. Oder sie vertraten das gleiche Weltbild wie der Weather Underground in den
USA, also die These, daß die USA/BRD das absolut Böse und die Bewegungen der
3.Welt das absolut Gute sind; sich die Metropolenguerilla also als kleine
Einheit einer Weltbefreiungsbewegung begreifen kann, die hinter den Linien des
Feindes operiert.
Dieses
manichäische Weltbild, zusammen mit der absoluten Vereinfachung und
Glorifizierung der 3.Welt war bereits Ende der 60er Jahre ein Fehler, heute ist
es nur noch traurig.
Ich
habe zwei Assoziationen zur RAF. Die eine ist die Faszination, die die Idee
des bewaffneten Widerstandes — speziell gegen die Nazis — vor ein paar Jahren
auf mich hatte. Ich würde heute sagen, daß Teil dieser Faszination (die
keineswegs vorbei ist) die Vorstellung war, keinen Alltag mehr leben zu müssen.
Jede Minute meines Lebens hätte einen Sinn, bekäme ihn durch einen Kampf, der
moralisch nötig und richtig ist, und der, da stets die Frage von Leben und Tod
gestellt ist, keinen Alltag kennt. Bei diesem Gedanken fiel mir auf, daß mir
eine andere Vorstellung von Alltag als die des langsamen grauen Todes des
Lebens im Kapitalismus fremd geworden war, ich eine verächtliche Haltung
gegenüber alltäglichen Kämpfen hatte. Es gab keine anderen Vorstellungen eines
Lebens anstelle des Lebens im langsamen Tode. Ich sage dies, weil mir klar
wurde, daß meine Vorstellung eines Lebens ohne Alltäglichkeit den Flirt mit
dem Tod bedeutete. Ich wollte den grauen Tod durch einen ändern ersetzen. Kampf
kann aber auch durch ein anderes Leben bestimmt sein.
Die
zweite Assoziation dreht sich um die Vergangenheitsbewältigung. Ich fühle mich
emotional dem Antifaschismus der RAF eng verbunden. Aber manchmal kommt mir der
Gedanke, daß sie in ihrem Abscheu vor der allgemeinen Verdrängung der
Nazi-Vergangenheit dieses Volkes bis zu dem Wunsch kamen, die 30er und 40er
Jahre in einer neuen Auflage erleben zu wollen, um sich selber zu beweisen, daß
sie doch moralisch besser sind als es die erbärmlichen Eltern waren. Ich habe
manchmal ähnliche Phantasien, Phantasien, mit denen ich mich auseinandersetzen
muß, da die Reaktion auf die allgemeine Verdrängung der Vergangenheit nicht
der Wunsch nach einem Nochmal-Erleben sein darf.
Aber trotz
meiner Assoziationen, und obwohl
ich mich emotional bis zu einem
gewissen Grad mit solch einer Haltung identifizieren kann, heißt das noch lange
nicht, daß ich die Politik der RAF gut finde. Ich habe oben klarstellen
wollen, daß eine politische Haltung durch den Willen zur sozialen Veränderung
und durch eine Diskussion der anzuwendenden Mittel zur Erreichung dieses Ziels
bestimmt ist. Die meisten von uns wollen, daß das Ziel sich in den Mitteln
ausdrückt, viele von uns bemühen sich, politisches und privates Leben
miteinander zu verbinden. Es gibt einen großen Schuß Existenzialismus in
unserer Politik. Mir erscheint aber der
Existenzialismus der Stadtguerilla als ein anderer. Sein Ziel ist nicht die
soziale Veränderung, sondern diese existenzielle Haltung wird sich selbst zum
Ziel.
Ich
betone dies, weil ich wütend bin. Ich habe nichts gegen eine nicht-politische
existenzialistische Haltung. Man kann von niemandem verlangen, er solle
"politisch" sein, und dies zum höchsten aller Werte des Lebens
erklären. Aber ich bin wütend auf das, was in den letzten Jahren geschah.
Wütend auf die RAF-Leute, die sich selbst als die politischsten überhaupt
erklärten, und so auf viele von uns, die ohnehin unter der Machtlosigkeit und
der Isolation litten, einen ungeheuren moralischen Druck ausübten, einen Druck,
der so weit ging, all die, die nicht mit der RAF übereinstimmten, als naiv,
unpolitisch zu diffamieren. Mir geht es darum, die Selbsteinschätzung der RAF
als politische Gruppe in Frage zu stellen.
Ich
sehe in der oben beschriebenen Haltung nicht nur die Gründe für die Ablehnung
aller Bündnisse, sondern auch die Grundlage jener Konstruktion, die die eigene
Gewalt stets nur aus der existierenden, nie aber aus den eigenen Zielen heraus
erklärt. Man kann diese Haltung nicht nur moralisch kritisieren, da sie selbst
zutiefst moralisch ist.
Moralisch
steht nun die Ablehnung des Mordes durch die radikalen Humanisten gegen die
Notwendigkeit, das Böse mit allen Mitteln zu bekämpfen. Letztere Moral kann zu
einer Haltung führen, die Zahlenspiele mit Toten betreibt, und vier Tote und
die Möglichkeit des Todes von 86 weiteren als unwichtig gegenüber der viel
höheren Zahl der staatlichen Opfer erklärt. An diesem Punkt, beim Aufrechnen
der Toten, beginnt die Haltung der Guerilla zum Spiegelbild ihres Gegners zu
werden, zumindestens qualitativ, die quantitativen Unterschiede sind klar.
Ich
will mehr sagen, als daß die RAF eine Gruppe ist, deren Mittel ich ablehne. Da
ihre Grundhaltung ein spezifischer Existenzialismus ist, werden alle Fragen
nach Zielen etc. verschwommen und unklar. Die Haltung ist alles andere als
das, was sie sein will, nämlich effektive Politik und Widerstand.
II
Um dies
klarer zu machen, will ich nun einige Aktionen von bestimmten politischen
Gruppen aus dem Nahen Osten darstellen. Es geht dabei um Organisationen, denen
die RAF auf unselige Weise verbunden war, deren ausgeführte Aktionen jedoch,
im Gegensatz zu denen der RAF, ein klares strategisches Ziel verfolgten. Die
Planer der Flugzeugentführung nach Mogadischu kalkulierten sehr wohl die
Wirkungen — aber diese Wirkungen hatten wenig mit der RAF zu tun. Ich betone
dies nicht nur, um zu zeigen, inwiefern andere Gruppen über ein Verhältnis von
Mitteln und Zielen verfügen (wenn auch eines, das ich in diesem Fall ablehne),
sondern auch, weil ich meine, daß sie die RAF für ihre eigenen Zwecke
benutzten. Letzteres konnten sie aufgrund der Haltung der RAF zur Gewalt,
ebenso wie aufgrund einer gewissen in der Linken weit verbreiteten Art
Anti-Imperialismus, der mit dieser Haltung eng verknüpft ist.
Zunächst kurz zum Hintergrund: Israel ist — aus Gründen, auf die ich noch eingehen werde — lediglich bereit, mit den existierenden arabischen Staaten ‚Frieden’ zu schließen, nicht jedoch mit den Palästinensern. Die Möglichkeit eines Friedens mit den Palästinensern wird von Israel permanent unterminiert. Alle palästinensischen Gruppen widersetzen sich selbstverständlich jeglicher Art von Friedensverhandlungen, die sie aussschließen würden und nicht zu einer irgendwie gearteten palästinensischen nationalen Einheit führen würden. Innerhalb der palästinensischen Bewegung gibt es jedoch Gruppierungen, wie z.B. die PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas) und verschiedene Splittergruppen, die sich aus ihr heraus und neben ihr gebildet haben, die jede Art von Friedensregelung mit Israel ablehnen. Auf dieser Ebene ist ihre Position in Bezug auf Israel aus anderen Gründen komplementär zu der Israels in Bezug auf die Palästinenser. Unabhängig davon, wie man diese Position beurteilen will (ich halte wenig davon, was ich weiter unten zu erklären versuche), können bestimmte Aktionen der PFLP, besonders Flugzeugentführungen, nur als Versuche, diese Positionen durchzusetzen, verstanden werden — oder zumindest um andere Lösungsbemühungen zu torpedieren. Das bedeutet, daß der letztliche strategische Zweck jeder Flugzeugentführung, obwohl sie stets die Freilassung politischer Gefangener forderten, ein anderer war. Beispiele:
1) September 1970.
Israel und Ägypten hatten gerade
einen Waffenstillstand beschlossen, der den Abnutzungskrieg am Suezkanal
beendete. Der amerikanische Außenminister Rogers brachte einen ,Friedens’-Plan
für den Nahen Osten ein. Zu diesem Zeitpunkt waren die palästinensischen
Gruppen in Jordanien äußerst stark geworden, fast ein Staat innerhalb eines
Staates. Die jordanische Armee wurde immer unruhiger, suchte nach einer
Gelegenheit zum Angriff. In dieser Situation entführten Leute der PFLP drei
Flugzeuge - angeblich um die Freilassung palästinensischer Gefangener zu
erreichen. Die Wirkung war natürlich, daß in Jordanien Krieg ausbrach. Und das
war der tatsächliche und unmittelbare Zweck der Flugzeugentführungen. Die PFLP
nahm wahrscheinlich an, daß die palästinensische Bewegung Husseins Armee
schlagen könnte. Und wenn sie in Jordanien an der Macht wären, brauchten die
Palästinenser an keinen Friedensverhandlungen interessiert zu sein. Der
Rogers-Plan wäre so unterminiert. Tatsächlich führte der Krieg zu einem großen
Massaker an Palästinensern; die politische und militärische Macht der Palästinenser
in Jordanien wurde gebrochen. Jedoch: ob die PFLP dies nun mit einkalkulierte
oder nicht: das gleiche „letztendliche" Ziel war erreicht: alle Gespräche
über Friedenspläne waren vom Tisch. Dies war die strategische Absicht der
Entführungen — die Forderungen nach Befreiung von politischen Gefangenen
dienten nur als Vorwand. (Eines muß ich noch klarstellen: wenn ich von
Versuchen bestimmter palästinensischer Bewegungen spreche, mögliche Friedenspläne
zu sabotieren, so sollte klar sein, daß Israel mit anderen, brutaleren Mitteln
das gleiche Ziel verfolgt: gewaltsame Enteignung palästinensischen Landes,
Besiedlung besetzter Territorien, Militärangriffe auf Palästinenserlager,
Überfälle auf benachbarte Gebiete. Die israelische Politik brutaler Angriffe
und „fertiger Tatsachen" ist eine permanente Provokation der Palästinenser
und der benachbarten arabischen Länder — und ist als solche beabsichtigt.
Historisch als auch aktuell sind die Aktionen der Israelis
die größten Hindernisse für einen Frieden. Der Grund
meiner Konzentration auf die Palästinenser ist ihr starker Einfluß auf die
heutige Linke, ist die Frage, die ich hier aufwerfen will, die eines
politischen Lernprozesses innerhalb der Linken.)
2) Sommer 1976.
Krieg und Bürgerkrieg im Libanon. Die lange und
mörderische Belagerung von Tel Zataar - das palästinensische Flüchtlingslager
in Beirut, das als Hochburg der PFLP galt — näherte sich ihrem Höhepunkt. Die
Belagerung wurde nicht nur durch die israelische Unterstützung der christlichen
Falangisten möglich, sondern auch durch den Einzug der syrischen Truppen in den
Libanon — als „Ordnungsfaktor." In diesem Sinn ersetzte sie die PLO, die
bisher diese Rolle erfüllt hatte, aber dies sowohl politisch als auch
militärisch nicht mehr konnte. Die PFLP sah die unmittelbare Gefahr der
Zerstörung des Lagers sowie auf politischer Ebene, das faktisch Rapprochement
zwischen Israel und Syrien. Syrien war bisher derjenige sog. Front-Staat
gewesen, der der palästinensischen Sache am stärksten Unterstützung gegeben
hatte.
Dies war der Hintergrund der
Flugzeugentführung nach Entebbe. Auch diesmal verschleierte die Forderung nach
Freilassung politischer Gefangener ein anderes Ziel: den Versuch, eine
israelisch-syrische Annäherung zu verhindern, und, falls möglich, den Druck auf
Tel Zataar zu verringern. Wie? Die Planer der Entführung wußten, daß die
Israelis noch nie Gefangene für Geiseln ausgetauscht haben. Sie konnten jedoch
kaum damit rechnen, daß ein israelisches Kommando auf einem so weit entfernten
Flughafen stürmen würde. Welche Reaktion der Israelis erwarteten sie also? Ich
glaube, daß sie auf einen massiven israelischen Angriff auf den Libanon
spekulierten, und zwar einen Angriff, der sich nicht auf die von Syrien als
israelische Einflußsphäre implizit konzedierten Gebiete Südlibanons beschränken
würde. Wenn ein solcher Angriff massiv erfolgt wäre, hätte Syrien unmöglich
passiv zusehen können, und noch weniger ein faktisches Einvernehmen mit Israel
aufrechterhalten können. Selbst wenn es zu keinem Krieg zwischen Israel und
Syrien.gekommen wäre, so wäre zumindest ihre Annäherung zunichte gemacht
worden. Syrer, PLO und PFLP wären auf derselben Seite der Barrikaden gewesen,
die Belagerung Tel Zataars wäre beendet worden (der Preis wäre allerdings eine
noch größere Zerstörung im Libanon gewesen).
Ich glaube, daß dieses Ziel die
spezifische Form der Aktion erklärt. Zwei Tage, nachdem die Air France Maschine
Entebbe erreichte, wurden die etwa 150 nicht-jüdischen Passagiere
freigelassen. Die etwa 100 jüdischen Passagiere wurden als die eigentlichen
Geiseln festgehalten. Und unter denen, die die Selektion der Passagiere in
jüdische und nicht-jüdische vornahmen (nicht etwa israelische und
nicht-israelische, was schlimm genug gewesen wäre), waren junge Deutsche. Ich glaube
nicht, daß dies ein Zufall war, sondern es war bewußte Inszenierung ( ob die
unmittelbar beteiligten Entführer dies nun realisierten oder nicht). Die
Absicht war, so extrem zu provozieren, daß eine extrem gewalttätige israelische
Reaktion ausgelöst würde. Der Welt wurde, wieder einmal, vorgeführt, wie
Deutsche Juden und Nicht-Juden voneinander selektieren. Und so wurde es
wahrgenommen (außer vielleicht in Teilen der Linken, dazu werde ich noch
kommen). Eine ungeheure Welle traumatischer Erinnerungen brach überall auf.
Alle kleinen Erfolge, die progressive Anti-Zionisten bei ihrem Versuch, die
enge Verbindung von jüdischem Selbstverständnis und Zionismus zu brechen,
erzielt hatten - eine Verbindung, die erst nach dem 2.Weltkrieg zu einer so
allgemeinen wurde — waren weggefegt. Die Absicht war, eine Einheitsfront aller
palästinensischen Gruppen und Araber gegen alle Israelis und Juden
herzustellen, alle Konflikte innerhalb der jeweiligen ,Lager' zu verkleistern,
so daß jede Seite in der anderen die „wirklichen Nazis" sah - eine Absicht,
die nichts mehr mit einer progressiven Befreiungsbewegung zu tun hat.
3)
Oktober 1977.
Flugzeugentführung
nach Mogadischu. Wieder wurde die Freilassung politischer Gefangener gefordert
- obwohl es diesmal hauptsächlich Deutsche waren. Aber ich glaube dennoch
nicht, daß dies das wirkliche Ziel war, noch daß die Entführung von der RAF
initiiert wurde. Selbst von einem RAF-Standpunkt aus ergab sie wenig Sinn.
Erstens stand der massive Angriff auf beteiligte deutsche Bürger in Widerspruch
zur bisherigen RAF-Politik. Zweitens minderte die Entführung, taktisch
gesehen, die Bedeutung von Schleyer als Geisel, der jetzt nur noch einer von 87
war. Ich glaube, daß die RAF nur als Vorwand benutzt wurde, und daß der
tatsächliche strategische Grund wieder im Nahen Osten gesucht werden muß.
Am
gleichen Tag, als die GSG 9 in Mogadischu zuschlug, wurde im Libanon ein Anschlag
auf Arafats Leben unternommen. Er hatte die PFLP unter Druck gesetzt, ihre
Fedajin aus dem Südlibanon zurückzuziehen. Der wahrscheinliche Grund für
Arafats Druck war, daß er - in Anbetracht der amerikanischen und sowjetischen
Bemühungen, die Genfer Konferenz diesen Herbst wieder zusammen treten zu lassen,
und in Anbetracht der israelischen Versuche, diese Bemühungen durch die
Legalisierung neuer Siedlungen auf dem West-Ufer zu unterminieren etc. — eine
Situation vermeiden wollte, die die Israelis als Vorwand für weitere Aktionen
zur Verhinderung der Konferenz hätten nutzen können. (Inzwischen, am
S.November, haben, — als eine vorgebliche Vergeltungsmaßnahme für einen
Raketenangriff auf die nordisraelische Stadt Nahariya, bei der 3 Menschen
getötet wurden — Angriffe der israelischen Luftwaffe und Artillerie auf mehrere
Dörfer und Lager im Südlibanon diese völlig zerstört, und weit über 100
Menschen getötet).
Ein
weiterer Aspekt der Konstellation, in dem die Aktion stattfand, ist der von den
Westmächten, besonders den Europäern, auf Israel in letzter Zeit ausgeübte
Druck, die Palästinenser als Verhandlungspartner in Genf zu akzeptieren.
Israel hat sich hartnäckig geweigert: es beabsichtige nicht, mit
„Terroristen" zu verhandeln.
In
diesem Kontext wird von einer palästinensischen Gruppe eine Aktion ausgeführt,
die sich gegen den mächtigsten Staat Europas richtet. Das Ergebnis ist ein
Aufschrei in der ganzen westlichen Welt gegen den „internationalen
Terrorismus", der eng mit den Palästinensern identifiziert wird. Israels
Position erscheint verständlicher. Dies ist kaum ein Zufall.
Es
ist noch zu früh, um sehen zu können, ob dies Ziel erreicht wurde. Das wäre der
Fall, wenn arabische Frontstaaten — aus dem Gefühl, daß die Palästinenser
einen nicht mehr zu akzeptierenden Ballast darstellen — sich auf Verhandlungen
mit Israel einlassen, ohne signifikante palästinensische Partizipation. Dies
würde natürlich alle palästinensischen Gruppen zwingen, diese
Friedensverhandlungen zu torpedieren. (Die Frage, wie innerarabische
Rivalitäten — Libyen versus Ägypten, Irak versus Syrien — sich auf vermittelte
Weise in widerstreitenden palästinensischen Gruppen darstellen, ist zu
kompliziert, als daß sie hier dargestellt werden könnte).
Es
ist jedoch möglich, daß diese Kalkulation der PFLP nicht aufgeht, und daß die
Amerikaner und Europäer fortfahren werden, auf eine palästinensische
Anwesenheit in Genf zu drängen. Das würde lediglich indizieren, daß die europäischen
Mächte und die USA sich ihrer eigenen Interessen sehr wohl bewußt sind, und
daß, gleichwohl Israel den Imperialismus braucht, das Gegenteil nicht
unbedingt der Fall ist. Der Imperialismus und seine Strategie hat sich seit
1967 im Nahen Osten erheblich verändert.
Der
Punkt bei all diesen Beispielen ist, daß diese Aktionen sehr wohl taktische
und strategische Ziele haben, egal, was man von ihnen halten mag.
Diese Ziele, die ihren Hintergrund
im Nahen Osten haben, sind nicht bloß Ausdruck von Wut, dienen nicht bloß
der
Gefangenenbefreiung. In dieser Hinsicht sind sie sehr verschieden von den
RAF-Aktionen in der BRD, enthüllen letztere als - trotz ihrer „Härte" -
ziemlich naiv. Weil die RAF leider nicht über einen Politikbegriff verfügte,
der ihrer moralischen Empörung angemessen wäre, glaubte sie wahrscheinlich den
Sprüchen, die ihnen angeboten wurden, und konnte deshalb von anderen Gruppen
für deren Zweck eingespannt werden.
Aber
dies bedarf näherer Erklärung. Wie konnten junge deutsche Linke sich auf eine
Weise instrumentalisieren lassen, z.B. in Entebbe, wo ihre primäre Funktion
genau ihr Deutschsein war? Ich glaube, sie haben das wahrscheinlich nicht
realisiert — aber der Grund dafür kann nicht in individueller Naivität gesucht
werden. Wie ich schon gesagt habe, ich glaube, es hat viel mit der Haltung der
RAF, Gewalt mit Verweis auf existierende Gewalt zu rechtfertigen, zu tun — aber
ebenso mit einer damit zusammenhängen Form von Anti-Imperialismus, die
keineswegs auf die RAF beschränkt ist.
III
Ich
möchte etwas zu der weitverbreiteten Form des Anti-imperialismus sagen, wie er
auch von der RAF repräsentiert wurde, und zwar an Hand des Nahen Ostens. Hieran
möchte ich die Frage politischer Lernprozesse im allgemeinen diskutieren.
Für
viele von uns erscheint rückblickend die Erfahrung der meisten Kommunisten der
1930er und 40er Jahre schwer nachzuvollziehen. Wir haben Schwierigkeiten, uns
subjektiv dazu zu verhalten. Wie konnten Leute — selbst angesichts der
welthistorischen Bedrohung durch den Faschismus — dermaßen blind auf einem
Auge gewesen sein? Wie konnten sie ihre Kritikfähigkeit in einem solchen Maß
suspendieren, daß sie — trotz der Schrecken von Zwangskollektivierung, Massendeportationen,
Schauprozessen, Spanien, Hitler-Stalin-Pakt, Arbeitslagern — sich der Realität
der Sowjetunion so verschließen konnten?
Wir
fragen uns, ob es selbst im Kampf gegen den Faschismus nötig war, die
Sowjetunion als das Paradies der Arbeiterklasse zu „sehen" — statt sie
als das geringere von zwei Übeln zu akzeptieren.
Wir
sagen das — aber geht es uns denn viel anders, selbst ohne Direktiven von einer
Zentrale in Moskau und ohne eine hierarchische Organisation? Wenn wir sagen,
daß es — um gegen den Faschismus zu sein — nicht notwendig war, alle
Kritikfähigkeit über Bord zu werfen, und die Sowjetunion total zu akzeptieren
und zu glorifizieren, dann sollten wir vielleicht unsere eigene Haltung
gegenüber verschiedenen politischen Bewegungen genauer überprüfen: Müssen wir,
um den antiimperialistischen Standpunkt, den sich die meisten von uns im Laufe
des letzten Jahrzehnts angeeignet haben, beizubehalten, alle Bewegungen, die
sich als antiimperialistische deklarieren, dermaßen unkritisch umarmen?
Was
mir z.B. auffiel, war, daß ich seit Entebbe niemals in der deutschen Linken
habe öffentlich darüber reden hören, was dort vor dem israelischen Angriff
passierte. Was für eine Art von Blindheit, welche Verdrängung erforderte das
von Linken hier, deren politische Sozialisation im Abscheu vor dem Nazismus
begann, heute eine Aktion, bei der Deutsche wieder Juden von ändern
selektierten, nicht zu erkennen? (Es gab hier sogar Leute von solcher politischen,
historischen und moralischen Bewußtlosigkeit, daß sie die Aktion feierten).
Befürchten sie, falls sie die Aktion infragestellen würden, man ihren
Antizionismus anzweifeln könnte?
Diese beiden Dinge haben jedoch nichts miteinander zu tun. Das Bewußtsein über Verbrechen, die an einem Volk oder irgendeiner Gruppe von Menschen begangen wurde, und der Wunsch, zu versuchen, damit Schluß zu machen, sollte nicht zwangsläufig unkritische Solidarität mit jeder politischen Auflehnung gegen diese Unterdrückung implizieren – besonders nicht mit nationalistischer. Es reicht einfach nicht aus, auf diese Unterdrückung hinzuweisen, um damit jede Politik, die dagegen kämpft, zu legitimieren. Eine solche Haltung ist, nicht zufällig, derjenigen ähnlich, die ich oben als die der Verteidiger der Stadtguerilla beschrieben habe, die die Gewalt mit Hinweis auf deren Ursachen rechtfertigen, und nicht unter Berücksichtigung ihrer Wirkung.
Ich
möchte ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Als ich auf die
Schule ging, war ich in der zionistischen Bewegung. Es dauerte viele Jahre des
„Sehens" — sowohl moralisch als auch politisch — und Auseinandersetzung
mit mir selbst, bevor ich diese Position ablehnen und eine antizionistische
Kritik entwickeln konnte. Aber warum war ich Zionist gewesen, was bedeutete
(und bedeutet) diese Bewegung für die meisten Juden seit dem zweiten
Weltkrieg? (Früher unterstützte nur eine Minderheit von Juden den Zionismus).
Die
meisten Juden haben den Zionismus niemals analysiert. Er bedeutet für sie, wie
es auch für mich der Fall war, einfach nationale Selbstbestimmung. Um zu
verstehen, weshalb nationale Selbstbestimmung den meisten Juden so selbstverständlich
als notwendige Lösung erschien, muß man verstehen, daß wir wußten, daß nicht
nur die deutschen Faschisten für die Ausrottung von 6 Millionen Juden und die
Zerstörung der traditionellen Zentren europäisch-jüdischer Kultur in Osteuropa
verantwortlich waren. Wären ,nur' sie es gewesen, wäre Nationalismus gar keine
so selbstverständliche Reaktion. Aber ich lernte schon früh, daß den deutschen
Faschisten — obwohl sie die Endlösung initiierten und dirigierten — bei deren
Ausführung massive Hilfe von Nicht-Deutschen gegeben wurde. Zum Beispiel von
französischen Faschisten und rumänischen Faschisten, aber auch von flämischen,
kroatischen, slowakischen, ukrainischen, litauischen und lettischen Faschisten.*
In
Polen wurden Juden, die die Aufstände in Ghettos und die KZs überlebt hatten,
oft von polnischen nationalistischen Partisanen, weil sie Juden waren,
umgebracht; Zionisten wurden oft von Kommunisten erschossen. Zur aktiven Unterstützung
durch die Nazis kam die passive der USA, Kanadas, Großbritanniens, die sich
weigerten, ihre Einwanderungsquoten zu verändern. Als nach dem Krieg und nach
1948 der Antisemitismus sich auch in den kommunistischen Ländern zu regen
begann — der Slansky-Prozeß in der CSSR, das „Ärztekomplott" in Moskau —
war der Kreis für die meisten Juden geschlossen. Der Zionismus, der von den
meisten schlicht als nationale Selbstbestimmung begriffen wurde, wurde nun allgemein
unterstützt.
Wir
„sahen" nicht, was mit den Palästinensern passierte. Dieses
„Nicht-Sehen" wurde durch einige Vorkommnisse noch begünstigt: daß der
Mufti von Jerusalem die Kriegsjahre in Berlin verbracht hat; daß die
anti-britische Revolte von Raschid Ali im Irak von den deutschen Faschisten
unterstützt wurde; daß Hakenkreuzfahnen auf den Straßen Kairos erschienen, als
Rommels Armee sich Ägypten näherte. Diese Geschichten, zusammen mit den Reden
reaktionärer palästinensischer Nationalisten wie z.B. Schukairy, ließen in
unserer Wahrnehmung die Palästinenser als einen weiteren Feind, der auf unsere
Zerstörung aus ist, erscheinen. Aber diesmal würden wir uns wehren. Wir
„sahen" die Palästinenser nicht als das, was sie waren: Bauern und
Handwerker, kleine Kaufleute und Arbeiter, die enteignet und terrorisiert, ja
verjagt wurden und — in Fällen wie Deir Yasin - von den Zionisten massakriert
wurden, und die versuchten, sich dagegen zu wehren.
Ich führe den Zionismus hier als extremes Beispiel an für eine Bewegung, die
in Bezug auf ihre Ursache völlig verständlich ist, also in Bezug auf die
Leidensgeschichte eines Volkes, die jedoch hinsichtlich ihrer Wirkungen
überhaupt nicht gerechtfertigt werden kann. Wenn Leute jetzt sagen:
"okay, aber es ist eine reaktionäre Bewegung!" so haben sie recht,
aber es erschien nicht immer so — und es ist die Frage der Erscheinung, die
ich thematisieren will. In den späten 1940er Jahren hatte der Zionismus ein
anderes Image. Er wurde von vielen linken und liberalen Bewegungen als
progressiv begrüßt. Die hauptsächlichen Waffenlieferungen kamen aus der
Tschechoslowakei, nicht aus dem Westen. Die UDSSR war das erste Land, das
Israel de Jure anerkannte. Teile der zionistischen Bewegungen präsentierten
sich in ihren Kämpfen mit den Briten als antiimperialistisch. Die Armee der
Zionisten des rechten Flügels, geführt von Menachim Begin (gegenwärtig der
Premierminister Israels) hatte gute Beziehungen zur IRA (der gemeinsame Feind
waren die Briten). Die Kibbuzim wurden als Beispiele utopischen Sozialismus
gefeiert.
Der
Punkt ist natürlich nicht, daß der Zionismus einmal progressiv war und es jetzt
nicht mehr ist. Vielmehr muß eine Bewegung, egal wie verständlich sie in Bezug
auf ihre Ursache ist, hinsichtlich der Wirkungen, die sie hat und, die sie
haben könnte, unabhängig von ihrem Bild und dem Selbstverständnis ihrer
Mitglieder, innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen und historischen
Kontexts begriffen werden. Viele der aktiven Zionisten sahen sich tatsächlich
als progressiv, als Sozialisten. Aber der Wunsch linker Zionisten, ein
progressives Land, getragen vom jüdischen Arbeiter in Industrie und auf dem
Land, zu errichten, wurde im Kontext der Besiedelung eines Landes, das schon
bewohnt war, zum besten Mittel, eine soziale Infrastruktur herzustellen, die
die ursprünglichen palästinensischen Bewohner ausschließen mußte. Unabhängig
von ihren subjektiven Absichten schufen die linken Zionisten eine Struktur, die
den Erfolg der jüdischen Besiedelung Palästinas sicherstellte. Auf arabische
Arbeit gegründet, hätte diese niemals überleben können. Es ist nicht
notwendig, dies Wissen den meisten Zionisten zu unterstellen. Es genügt,
aufzuzeigen, daß in diesem Kontext progressive Vorstellungen davon, nicht von
der Arbeit anderer zu leben, eine faktische Wirkung hatte, die anders war als
die ursprüngliche Absicht. Diese Bewegung konnte innerhalb des realen Kontexts
des Nahen Ostens überhaupt nicht progressiv sein.
Durch
meine Auseinandersetzung mit dem Zionismus habe ich begriffen, Ursache und
Wirkung einer Bewegung getrennt zu sehen — daß es nicht genügt, eine Bewegung
mit Verweis auf die Unterdrückung der Menschen, die sie repräsentiert, zu
rechtfertigen. Ich habe auch die Bedeutung begriffen, die der Analyse eines
gesellschaftlichen und politischen Kontexts zukommt, um zu verstehen, wie
subjektive Absicht und tatsächliche Wirkung divergieren können.
"Objektive" Faktoren mit einzubeziehen ist absolut notwendig und ist
nicht unbedingt Objektivismus. Nachdem ich einen langen und emotional
schwierigen Lernprozeß in Bezug auf den Zionismus durchgemacht habe, habe ich
keine Lust, den gleichen Fehler in Bezug auf andere Bewegungen zu wiederholen.
Ich möchte an dem festhalten, was ich gelernt habe, und es nicht auf eine Bewegung
partikularisieren und dann vergessen.
Daraus
erklärt sich, was ich im folgenden zu den meisten der palästinensischen
Bewegungen sagen möchte. Es ist inzwischen schon ein Allgemeinplatz, zu
behaupten, daß durch das Leiden der Juden in Europa das Leiden der
Palästinenser nicht gerechtfertigt wird. Die umgekehrte Seite dieser Medaille
ist jedoch problematisch. Die Palästinenser waren nicht für das Leiden der
Juden verantwortlich, aber die Palästinenser wurden von den Juden vertrieben.
Die Palästinenser haben deswegen ein Recht, ihr Heimatland wieder in Besitz zu
nehmen.
Problematisch
an dieser Position ist jedoch, daß — obwohl sie verständlich und in gewissem
Sinn moralisch richtig ist — ihre Wirkungen viel zweideutiger werden, wenn man
ihren gesellschaftlichen und politischen Kontext mit betrachtet.
Denn
das Schwierige am palästinensisch-israelischen Konflikt ist, daß Modelle wie
Algerien, oder weniger noch Vietnam, hier nicht funktionieren können, da die
Situation eine total andere ist. Die israelischen Juden sind keine kleine Minderheit
gegenüber einer großen palästinensischen Mehrheit. Es gibt etwa 3 Millionen
Juden in Israel und etwa 3 Millionen Palästinenser im Nahen Osten. Die
Besonderheit der zionistischen Wirtschaft im Gegensatz zu den meisten
imperialistischen Ökonomien ist, daß sie nicht primär von palästinensischer
Arbeit abhängt. Das bedeutet nicht, daß die Palästinenser weniger gelitten
hätten als z.B. die Algerier. Aber es bedeutet, daß innerhalb eines solchen
Kontexts (von dem ich nur zwei besonders hervorstechende Merkmale beschrieben
habe) eine klassische nationale Befreiungsbewegung —die sich auf Guerillakrieg
und/oder Streikbewegungen stützt — und die 'Befreiung' gesamt Palästinas zum
Ziel hätte, überhaupt keinen Erfolg haben kann. Nur in Gebieten, in denen die
Palästinenser eine Mehrheit darstellen (d.h. hauptsächlich in Gebieten, die die
Israelis nach 1967 besetzt haben), könnte — gemeinsam mit anderen Faktoren —
eine palästinensische Bewegung stark genug werden, die Israelis zum Rückzug zu
zwingen. Aber in den meisten Gebieten innerhalb der vor 1967er Grenzen würde
jede 'Befreiung' die Eroberung eines anderen Volks implizieren — egal wie dies
Volk dahin gekommen ist — und nicht den Umsturz einer relativ kleinen
herrschenden Gruppe, die auf der Arbeit arabischer Bauern, Arbeiter und
Handwerker ruht. Und das ist sowohl politisch als auch militärisch höchst
unwahrscheinlich. Entgegen aller palästinensischen und israelischen Propaganda
haben die Fedayin niemals eine Bedrohung für die israelische Existenz
dargestellt.
Innerhalb
eines solchen Kontexts könnte die Schaffung eines "demokratischen
säkularen Staates", den die Palästinenser programmatisch fordern, nur das
Ergebnis eines multinationalen Kampfes sein, nicht aber das Ergebnis eines
rein nationalen Kampfes. Aber genau solch einen Kampf haben die
palästinensischen Guerillaorganisationen bisher geführt. Ich meine natürlich
nicht, daß die Palästinenser ihren Kampf hätten aufgeben und abwarten sollen, bis
große Teile der israelischen Bevölkerung mit ihnen gemeinsam den Kampf gegen
den Zionismus aufnehmen würden. Aber trotzdem muß jede Bewegung, die als ihr
Ziel einen "demokratischen, säkularen Staat" setzt, in dem Juden,
Moslems und Christen zusammen leben sollen — sogar im Guerillakrieg — unter den
Israelis differenzieren zwischen denen, die mögliche Verbündete sein können
und denen, die nie Verbündete sein werden. (Ich will hier nicht auf die
Tatsache eingehen, daß — bezeichnenderweise — das Programm der PLO die Gruppen
nach religiösen und nicht nationalen Gesichtspunkten bestimmt, und daß es mit
den Juden, die in einem zukünftigen Palästina leben dürften, nur diejenigen
meint, die — je nach der Version — bereits vor 1917 oder 1948 lebten. Das ist nicht
als ein abstraktes Argument gedacht in dem Sinne, daß multinationale Kämpfe
besser seien als nationale. Eine rein nationale palästinensische Bewegung
könnte höchstens jene Gebiete befreien, in denen die Palästinenser eine
Mehrheit der Bevölkerung darstellen; ein nationalistischer Versuch, auch den
Rest Palästinas zu „befreien", wäre kein nationaler Befreiungskrieg mehr,
sondern ein Krieg zwischen zwei Nationen. Wenn ein Kampf tatsächlich
antizionistisch wäre, und sich nicht einfach gegen Juden, die in Palästina
leben, richtet, dann müßte sich dieses Programm auch in den Aktionen selbst
manifestieren.
Und
dies ist nicht der Fall. Die Guerillaaktionen machten keine Unterschiede. Das
gilt selbst für die Demokratische Volksfront für die Befreiung Palästinas
(PDFLP), die immer die Notwendigkeit von Kontakten zu progressiven Elementen
innerhalb Israels betont hat, und die auf ein mögliches Klassenbündnis mit den
.orientalischen' Juden in Israel gehofft hat. (Orientalische Juden sind solche,
die nach 1948 aus arabischen Ländern emigriert sind, und die heute den Großteil
der israelischen Arbeiterklasse bilden, ca. 60% der israelischen Bevölkerung
ausmachen). 1974 griff die PDFLP eine Schule in der nordisraelischen Stadt
Maalot an und nahm Schüler als Geiseln. Die Bevölkerung in dieser Stadt besteht
fast vollständig aus orientalischen Juden der Arbeiterklasse. Die Aktion fiel
hinter das Programm zurück. Es ist wichtig, die Handlungen der politischen
Gruppen zu sehen und nicht nur ihr Programm zu lesen. Die Guerillaaktionen
ließen den Nationalismus erkennen, den das Programm der Fedayin bestreitet.
Solche Aktionen tragen dazu bei, in den Augen der meisten Israelis den Zionismus
zu legitimieren, und den Massen der Palästinenser den Kampf als rein nationaler
erscheinen zu lassen, ohne gesellschaftlichen Inhalt. Dies hat verheerende
politische Wirkungen auch im Hinblick auf die Kämpfe in Jordanien und im Libanon
gehabt.
Im
Gegensatz zu vielen anderen Kämpfen zeichnet sich der israelisch-palästinensische
Konflikt dadurch aus, daß der Krieg die gesellschaftlichen Widersprüche auf
beiden Seiten nicht verschärft, sondern verschleiert. Daher stelle ich die
möglichen Wirkungen von Gruppen wie der PFLP, die jegliche Verhandlungen mit
den Israelis ablehnen, und die die .militärische' Befreiung ganz Palästinas
zum Ziel haben, in Frage. (Unbeachtet bleibt auch hier, wie verschiedene
arabische Regimes verschiedene palästinensische Bewegungen benützen, um ihre
eigenen Rivalitäten auszutragen). Der Effekt solcher Politik ist nicht die
Entzündung, sondern die Einfrierung der gesellschaftlichen Konflikte im Nahen
Osten, oder deren Übersetzung in nationale Kategorien.
Aus
diesem Grund ist die israelische Politik so komplementär dazu. Für die
Zionisten ist der permanente nationale Kampf oder seine Androhung notwendig,
sowohl für ihre raison d'etre als auch für die interne Stabilität.
In den
arabischen Staaten hat er in der Vergangenheit die Funktion erfüllt, die
.arabische Revolution' mit der .palästinensischen Revolution' gleichzusetzen,
und letztere mit der Wiedereroberung Palästinas. So werden alle
gesellschaftlichen Konflikte in nationalen aufgehoben.
Wer
eine Friedenslösung, die einen palästinensischen .Teilstaat' einschließt,
ablehnt, ist zu kurzsichtig. Natürlich ist eine solche Friedenslösung im
unmittelbaren Interesse des Imperialismus. Natürlich wäre ein solcher Staat
nichts anderes als ein von einer Nationalbourgeoisie und PLO-Bürokraten
regierter Ministaat, durch saudi-arabisches Geld am Leben erhalten. Natürlich
würde ein solcher Staat die Struktur des Zionismus untangiert lassen —
zunächst. Aber indem eine solche Friedensregelung den nationalen Konflikt
entschärfen würde, könnte sie viel effektiver zur Unterminierung des Zionismus
beitragen als Jahrzehnte wirkungsloser Guerillakriege. Nur dann wäre die
Möglichkeit für gesellschaftliche Auseinandersetzungen gegeben, die nationale
Grenzen überschreiten — Auseinandersetzungen, die vielleicht schließlich zur
Etablierung ,,demokratischer, säkularer" Staaten führen könnten — nicht
nur in Palästina, sondern im ganzen Nahen Osten.
Deshalb
ist Israel bereit, mit den existierenden arabischen Ländern Frieden zu
schließen, nicht aber — jedenfalls nicht ohne extrem starken ausländischen
Druck — mit den Palästinensern. Ein Frieden mit ihnen ist aber absolut
notwendig, um den nationalistischen Charakter der Auseinandersetzungen in
Nahost zu entschärfen und genau das will Israel nicht, da damit die politische
Legitimität des Zionismus angegriffen wäre. Und deshalb behaupte ich, daß
Gruppen wie die PFLP, die ihren nationalistischen Maximalismus ins Gewand marxistisch-leninistischer
anti-imperialistischer Phrasen kleiden, genau das gleiche Spiel wie die
Israelis spielen.
Anti-Imperialismus
kann nicht nur Widerstand gegen den unmittelbaren Unterdrücker und die ihn
stützenden Mächte bedeuten. Er muß auch die Absicht erkennbar werden lassen,
eine Gesellschaft zu errichten, deren Struktur anti-imperialistisch ist. In
diesem Sinn hat der Anti-Imperialismus der PFLP z.B. viel weniger mit dem des
VietCong gemein als etwa mit dem der rechten Zionisten der 40er Jahre, die
einen militanteren Untergrundkampf gegen die Briten führten als die übrigen
Zionisten. Der Grad militärischer Militanz in einem nationalen Kampf ist kein
notwendiger Indikator gesellschaftlicher Radikalität.
Nichts
von all dem ist als Vorwurf gegen die Palästinenser gemeint. Ihr Nationalismus
ist total verständlich, nicht nur moralisch, sondern auch materiell. Welche
andere Haltung wäre denn möglich für Menschen, die vertrieben wurden und seither
außerhalb jeder realen gesellschaftlichen Struktur gelebt haben; seit über
einer Generation in Flüchtlingslagern, die permanent das Ziel brutaler
israelischer Angriffe waren, und von den arabischen Staaten in deren Konflikten
untereinander als Spielball benutzt wurden? Natürlich wollen sie ihr Land zurück.
Das ganze. (Es gibt dabei wichtige latente Unterschiede zwischen
Palästinensern, die in Flüchtlingslagern leben und denen, die in den besetzten
Gebieten leben).
Ich
will also hier nicht anklagen, sondern eine Einschätzung versuchen, um so den
Grad bestimmen zu können, zu dem ich als Anti-Zionist, bereit bin, mich aktiv
mit verschiedenen palästinensischen Gruppen zu solidarisieren.
Auf
einer Ebene existiert gleichwohl ein Vorwurf, der sich aber nicht gegen die
Palästinenser richtet. Er richtet sich gegen die hiesige Linke, die
Schwierigkeiten hat, anti-imperialistische Politik mittels einer Analyse und
Einschätzung einer Situation zu machen, und so zu einer kritischen
Unterstützung anti-imperialistischer Bewegungen kommen könnte - eine Haltung,
die einen andauernden politischen Lernprozeß bedeuten würde. Stattdessen gibt
es oft nur die unkritische Identifizierung mit solchen Bewegungen. Wenn wir
diese Bewegungen aber nicht mit offenen Augen sehen, werden wir später
möglicherweise enttäuscht oder desillusioniert —ohne irgendwas gelernt zu
haben. Stattdessen wird das nächste Identifikationsobjekt ausgesucht. Dieser
Anti-Imperialismus ist wie die Haltung der RAF zur Gewalt: Bewegungen werden in
Bezug auf ihre Ursache, nicht in Bezug auf ihre politischen Wirkungen gerechtfertigt.
Ist es das Geheimnis eines so großen
Teils der Linken, daß wir verkehrte Nationalisten sind? Nationalisten, deren
Heimat irgendwo anders liegt? Wenn nicht offensichtlich und dogmatisch in
Moskau oder Peking, so doch wechselnd: in Algerien, Vietnam, Kuba, Palästina,
Portugal? Ist es notwendig, daß wir das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht
hier durch unkritische Identifikation mit Bewegungen und Regimes anderswo
kompensieren? (Die westlichen KP's, die am moskautreusten geblieben sind, sind
die schwächsten: die DKP und die KPUSA). Ist es ein Zufall, daß genau die Teile
der Linken, die sich der Mutterbrust Moskaus oder Pekings entwöhnt haben, in
ihrem Ohnmachtsgefühl am empfänglichsten für die Glorifizierung des
bewaffneten Kampfs im Ausland zeigten? Können wir nicht auf unseren eigenen
Füßen stehen?
Wenn
wir in dieses Identifikationsmuster fallen, geben wir etwas von dem auf, was
uns ursprünglich zu Linken gemacht hat: unsere kritischen Reflexionen von
unseren eigenen Erfahrungen, und ihre Vermittlung zu der Gesellschaft, in der
wir leben. Wir wurden zu Linken, indem wir uns weigerten, uns länger von
unserer Gesellschaft verdummen zu lassen. Aus unserer Ohnmacht heraus waren wir
nur allzu anfällig für neue Arten der Verdummung.
M. Lubetsky
* Alle
Bewegungen in der zweiten Gruppe kamen von Völkern, die sich von einer
Zentralgewalt beherrscht sagen, die selbst von einem anderen Volk dominiert
wurden: die Flamen von den Wallonen, die Kroaten von den Serben, die Slowaken
von den Tschechen, die Ukrainer, Litauer und Letten von den Russen. Der Punkt
ist, daß die Frage regionaler Autonomie und Unabhängigkeit komplizierter ist,
als sie in der gegenwärtigen Diskussion meist dargestellt wird. Solche
Bewegungen sind nicht immer progressiv.
Aus: Autonomie
Nr. 10 1/78
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