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Forum für politische Ökologie und soziale Emanzipation Ehem.:
LiFo-Info. Neue Folge. März /
April 1998 DM
10,- Editorial |
Uralt ist die Aussage, daß wir kein rot-grünen Wahlkampf führen, sondern einen grünen. Nie ist es uns wirklich gelungen.
Diesmal
haben wir uns schon früh und aktiv in die Rolle des Juniorpartners gefügt. Wir
haben der SPD Vorschläge zu ihrem Kanzlerkandidaten gemacht. Wir haben sie
aufgefordert, es doch mit Schröder zu versuchen, weil der das rot-grüne Projekt
wählerwirksamer vertrete. Man kann sich nun kaum beschweren, daß dieser
Kandidat uns jetzt vorschreiben will, was wir politisch zu wollen haben. Dabei
ist es eigentlich ein gutes Prinzip, daß jeder über Personalauswahl selbst entscheidet,
während die programmatischen Schnittmengen in Koalitionsverhandlungen
austariert werden – da müssen wir schleunigst wieder hin. Sonst laufen wir
Gefahr, programmatisch ganz unterzugehen und mit einigen „Ministerköpfen“ in
Nebenressorts gespeist zu werden.
Jetzt gilt es, aus der schon reichlich
verfahrenen Lage das Beste zu machen. Zuerst müssen die Wähler davon überzeugt
werden, daß die modernen Probleme ohne die Grünen nicht zu bewältigt sind. Die
SPD wird es uns da nicht leicht machen. Durch symbolträchtige Personalentscheidungen
wird sie dem Wähler klarzumachen versuchen, daß die grünen Anliegen bei ihr
ebensogut aufgehoben sind. Wer glaubte, Schröder werde den Grünen ihre feministischen,
radikal-demokratischen und ökologischen „Spielwiesen“ kampflos überlassen, um
sich mit ganzer Kraft der „harten Ökonomie“ zuzuwenden, hat sich getäuscht. Auf
sein Schattenkabinett dürfen wir gespannt sein. Er wird klarmachen wollen, daß
rot-grün auch ohne die Grünen geht, so wie er schon jetzt suggeriert, daß
wirtschaftsliberale Standortpolitik bei ihm auch ohne Christliberale zu haben
ist. Das ist „die Politik der neuen Mitte“. Dieser politischen Falle können
sich die Grünen nur entziehen, wenn es ihnen gelingt, verständlich zu machen,
daß sie als Oppositionspartei ebenso wichtig sind, wie als Teil einer
rot-grünen Regierungskonstellation.
Im
Augenblick bläst uns der Wind ins Gesicht. Der sich jetzt durchsetzende medienorientierte
Personenwahlkampf ist ein schlechter Rahmen, um mit unseren programmatischen
Vorstellungen durchzudringen. Die Debatte um das Steuersystem hat das gezeigt.
Änderungen in komplexen und unübersichtlichen Systemen produzieren Unsicherheit;
Personen - richtig aufgebaut - dagegen (scheinbar) Vertrauen. Deswegen fällt es
uns so schwer, mit weiter reichenden Umbauvorschlägen, z. B. im Bereich der
Ökosteuern durchzudringen.
Vieles
ist aber auch selbstverschuldet. Die leidige 5 DM-Diskussion und die zum Teil
erschreckend hilflosen Reaktionen einiger grüner Promis haben gezeigt, daß da einiges
nicht zu Ende gedacht ist. Die Bundesgrünen haben sich zu sehr auf das
vermeintlich so schmerzlose Instrument der Ökosteuer verlassen. Dabei gibt es
schon seit längerem eine kritische Diskussion (z. B. im Cross-over
Zusammenhang) die davor warnt, allzu einseitig nur auf die Ökosteuern zu
setzen. Wir haben sie in unserer Zeitung ausführlich dokumentiert (vgl u. a. R.
Land A.Z. 4/94, W. Brüggen A. Z. 4/96). Ökosteuern sind gut, wo
bereitliegenden Umsteuerungspotentialen nur zum Durchbruch verholfen werden
soll. Soll dagegen durch Ökosteuern ein grundsätzlicher Richtungswechsel (z. B.
Verkehrswende), erreicht werden, müssen die Steuersätze so hoch sein, daß die
Ärmeren von bestimmten Konsumformen ausgeschlossen werden.
Fortsetzung nächste Seite
Zwar
gibt es an der 5 DM-Forderung nichts zurückzunehmen. Trotzdem hätten wir besser
daran getan, bei unserem ökologischen Wendeszenario auch die anderen Steuerungsinstrumente
(Mengenbegrenzung, Zertifikatmodelle, Emmisionsverordnungen etc.) stärker einzubeziehen.
Dann könnten wir jetzt besser klarmachen, wie wir dafür sorgen wollen, daß die
Kosten des ökologischen Umbaus vor allem durch die getragen werden, die es sich
leisten können. Das jetzt häufig zu beobachtende erschreckte Zurückrudern nach
dem Motto: „Letztendlich wollen wir doch nur das gleiche, wie Schäuble oder
Solms auch – führt auf Dauer nicht weiter“. Unsere Stammwähler können wir damit
nicht mobilisieren. Die Wechselwähler werden in ihrer Vermutung bestätigt, daß
man dann ja eigentlich ebenso gut auch die anderen wählen könne.
Die
Wahl wird zwei Wochen vor der Wahl entschieden und nicht jetzt. Der Höhenflug
der SPD muß auch noch Sachsenanhalt überleben. Sie sollte die Daumen drücken,
daß die Grünen mindestens 5 % bekommen. Ansonsten hat sie im Vorfeld der Bundestagswahl
das Problem, mit der CDU oder mit der PDS koalieren zu müssen. Ihre Strategie
der „neuen Mitte“ könnte Schaden nehmen. Schröder liefe Gefahr, wieder in die
rot-rote oder rot-schwarze Ecke gedrängt zu werden.
Die Bündnisgrünen werden einen grünen Wahlkampf
hinbekommen müssen, in dem sie kompliziertes einfach darstellen und angesichts
der unvermeidlichen Zielkonflikte nicht zu populistisch verschleiernden Parolen
greifen. Das können die anderen sowieso besser. Entscheidend ist, daß wir unsere
Fähigkeit zur Opposition bewahren, in dem wir uns nicht schon im Vorfeld dem
„drohenden“ Koalitionskompromiß unterwerfen. Und ob wir wirklich mitregieren
müssen, wenn wir nur der grüne Punkt sind, der an der nächsten Ecke in die
gelbe Tonne kommt, sollten wir uns als Partei, die immer das Mehrwegsystem
präferiert hat, gründlich überlegen. Susanne Jahn.
2/98
Dieses Heft beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit einer
rotgrünen Strategie. Elmar Altvater formuliert aus wissenschaftlicher Sicht die
wichtigen wirtschaftspolitischen Themenfelder einer solchen Perspektive.
In den anderen Artikeln zum Thema geht es um die Frage, wie sich grüne Politik in rotgrünen Koalitionen einbringen kann und welche Folgen rotgrüne Koalitionen für grüne, speziell für linksgrüne Politik haben.
Den ersten Aspekt beleuchten Antje Radcke und Undine
Kurth am Beispiel der Erfahrungen in Hamburg und Sachsen-Anhalt. Michael Jäger
scheint angesichts rotgrüner Perspektiven nicht sonderlich optimistisch gestimmt.
Sven Metzger plädiert für deutlich höhere „Koalitionseinstiegsforderungen“.
Mit dem zweiten Aspekt befassen sich Roland
Appel/Martin Böttger, Markus Herzberg/Barbara Hoffmann/Mehrdat Mostofizadeh und
Reimer Hamann. Herzberg u.a. warnen angesichts der nordrhein-westfälischen
Erfahrungen vor einer Aufsplitterung der linken Grünen. Appel/Böttger
problematisieren die NRW-Erfahrungen im Hinblick auf ein brüchig gewordenes
Links-Verständnis. Reimer Hamann zeichnet die Folgen einer Entmachtung der
Partei anhand der hessischen Ministerinnenrücktritte nach.
Rund um den Magdeburger Bosnienbeschluß finden sich
ein Interview mit Christian Ströbele, ein Beitrag von Uli Cremer, in dem die
Genese dieses Beschlusses geschildert wird und ein Artikel von Senta Seip und
Kurt Kreß, der interessanterweise vor „Magdeburg“ geschrieben wurde.
Winfried Roth stellt ein Buch vor, das von A. A.
Komlosy u.a. herausgegeben wurde und sich mit dem informellen Sektor in der
Weltwirtschaft beschäftigt.
Aber aus gegebenem Anlaß beginnen wir mit einem
Artikel von Matthias Horwitz, der für einen gelasseneren Umgang mit Refombestrebungen
plädiert. In Zeiten, in denen erhebliche Zweifel an der Gesetzmäßigkeit der
Geschichte und der Steuerungsfähigkeit von Gesellschaften bestehen, dämpft Horwitz
auch noch den Glauben an die Planbarkeit von Reformen. Elmar Peine
Babelsberger
In
Hannover und Magdeburg fanden am 22.2. und 6.3. Treffen des "Babelsberger
Kreises" statt. Auf der Tagesordnung standen unter anderem die Bewertung
der Aufstellung der Landeslisten, eine Diskussion der Rot-Grünen Strategie und
natürlich die Wahlprogrammdiskussion. Wir dokumentieren in Teilen den Vortrag
von Elmar Altvater zu einer rot-grünen Strategie. Um die Wahlprogrammdiskussion
bezüglich der Bosnienfrage geht es u.a. in einem Interview mit Christian
Ströbele und in einem Artikel von Uli Cremer .
Es
folgt ein Bericht (von einem uns bekannten Babelsberger) über die Kommentierung
der Listenwahlergebnisse (von uns angereichert um Hessen und Bremen).
BaWü
war ein Erfolg auf Listenplatz 9 mit Sylvia Kotting-Uhl, die z.B. fit ist in Gentechnik.
Dafür waren Kuhn / Bütikofer / Schlauch super sauer, weil eigentlich nur Monika
Knoche auf 5 gewählt werden sollte. Jürgen Rochlitz, ein Linker, fiel aus, weil
seine Arbeit kritisiert wurde, er im LV keinen Rueckhalt hat, nach Hessen umgezogen
ist und auf der Landesversammlung wegen schwerer Krankheit gar nicht da war. Wilfried
Telkämper, linker MdEP, wurde nicht gesetzt und stieg aus. Harte Verhältnisse
im Realo-Landesverband.
Schade,
daß Barbara Steffens in NRW nur auf 15 kam, auf sie hatte die Linke gesetzt.
Sonst haben in NRW die Realos mit dem Oekoliberalen Reinhard Loske einen guten
Mann, der den eher farblosen Wolfgang Schmitt abgelöst hat, der wohl in die USA
geht. Hart waren auch die Stimmverluste der Linken, die in NRW abfallen, und
vielleicht noch 55:45 die Mehrheit haben (Ludger Volmer 51%). Also von wegen
"Hochburg der Linken". Erwähnenswert: Das gute Abschneiden von
Christian Simmert.
Brandenburg
wird mit der Landessprecherin Sylvia Voss hoffentlich vertreten sein und die
Linke verstärken.
Rheinland-Pfalz
bleibt unverändert, Christian Sterzing dürfte bekannt sein als Linker, Ulrike
Höfken ist Reala.
In
Thüringen steht Katrin Göring-Eckhardt (Buvo) auf 1, eine radikale Reala, die
aber keine ausgewiesene Fachpolitikerin ist.
Berlin
hat mit Christian Ströbele für die Linke Gewinn gebracht; nach dem Wegfall der
Ostquote konnte Gerd Poppe, der Rechtsausleger der Bundestagsfraktion, aus dem
Rennen geworfen werden.
In
Niedersachsen wird erst im Mai aufgestellt wegen zu erwartendem Streß mit
Schröder wegen Rot-Grün. Fest steht schon jetzt, daß Waltraud Schoppe wegen
Krankheit nicht kandidiert. Dafür will die starke Reala Thea Dückert ins Rennen
gehen.
Sachsen-Anhalt
hat wieder Steffi Lemke auf 1 gesetzt.
Bayern
ist immer für Überraschungen gut. Die Super-Reala Christine Scheel ging auf 1,
Ali Schmidt mit 95% ohne Gegenkandidaten auf 2. Die linke Claudia Roth kam dann
auf 3, mit einem Klasseergebnis, dafür daß sie in Bayern nicht verankert ist.
Ein radikaler Anti-Atom-Aktivist, Hans-Josef Fell, kam auf 4, der auch ziemlich
realo-resistent sein dürfte. Überraschend kam Ekin Deligöz auf 5, eine
26jährige Jugendpolitikerin türkischer Herkunft mit deutschem Paß, über die
niemand etwas wußte. Sie verdrängte die linke Halo Saibold auf 7.
In
Hessen ist ziemlich alles beim alten geblieben, immerhin konnte sich Marina
Steindor im ersten Wahlgang um Platz 5 sicher behaupten.
In
Bremen überrascht vor allem Till Stenzel auf Platz zwei, der sich gegen zwei
Fraktionäre durchsetzen konnte.
In
S-H hat sich Angelika Beer auf 1 durchgesetzt. Klaus Müller auf 2 benötigt ungefähr
8%, um in den Bundestag einzuziehen.
Rechnet man ein bißchen herum, kann man zu der Ansicht kommen, daß es ca. 1/3 Linke, 1/3 ungebundene und 1/3 Realos in der nächsten Bundestagsfraktion bei einem Ergebnis um die 9% geben sollte.
Dumm für Joschka: jede Verbesserung des alten Bundestagswahl-Ergebnisses wird die Linke ihm gegenüber stärken, da viele auf den aussichtsreichen Listenplätzen vertreten sind.
Jürgen Trittin war weder in Magdeburg
noch in Hannover da, aber er hatte eine Aufstellung gemacht für den
angestrebten Fall von 59 (statt bisher 49) Bundestagsmandaten für Grün. n

Matthias Horwitz ist
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin „Forschungsgruppe
Metropolen“
Die Diagnose lautet: der
Standort Deutschland sei in Gefahr. Unterschiede bestehen ausschließlich darin,
ob mit Appellen oder konkreten Vorschlägen geschlossen wird. Soviel aber ist
klar, die Sache ist planbar.
Ähnlich
stereotyp wie bei der Kommentierung geht es bei den Diskussionen selbst um
solche Herausforderungen zu. Nehmen wir die um die Reform des modernen Wohlfahrtsstaats.
Wissenschaftler erklären ihn für ineffizient und überholt.[1], Unternehmensberater entdecken überflüssige Ausgaben
in Milliardenhöhe.[2], Politiker schließlich dringen auf eine Modernisierung
des öffentlichen Dienstes.[3] Interessant an der aus unterschiedlichen Bereichen
vorgetragenen Kritik ist, neben einer Austauschbarkeit der Rhetorik, ein
begrenztes Set an Argumenten. Unabhängig davon, ob es sich um Wissenschaftler, Ökonomen
oder Politiker handelt, ist von 'Privatisierung', 'Deregulierung',
'marktwirtschaftlicher Ausrichtung der Verwaltung', 'Dezentralisierung', 'Subsidiarität',
'Regionalisierung', 'administrativer Verschlankung', bis hin zu 'public/private
partnership' und 'private government' die Rede.
Gefordert wird ein "New Public Management", das helfen soll, bürokratisch-hierarchische Steuerung durch Ergebnissteuerung zu ersetzen, Monopole aufzubrechen und Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Dienstleistungsanbietern zuzulassen und schließlich administrative Selbstbezüglichkeit zu überwinden und durch kundenorientierte Qualitätspolitik zu ersetzen. Soviel aber ist klar, die Sache ist planbar.
Wechseln
wir zur Abwechslung einmal die Seite und schauen auf das, was sich an der
Anti-Deregulierungsfront tut. Dort tobt momentan insbesondere der Kampf gegen
die Globalisierung. Hier will die Anti-Front ein für alle Mal mit dem Vorurteil
aufräumen, freie Märkte für Produkte, Personen und Kapital würden schon für den
Himmel auf Erden sorgen, wenn man die Deregulierer nur ließe, wie sie wollen.
"Grenzen des Wettbewerbs", "Terror der Ökonomie",
"Globalisierungsfalle", oder auch "Zivilisiert den
Kapitalismus" heißen Stichworte und Apelle. Auch hier wieder erstaunliche
Einigkeit in der Forderung nach einer globalen Ordnungspolitik. Auf diese Weise
soll, um es bildlich auszudrücken, eine entfesselte Ökonomie an die Kette
gelegt werden. Soviel aber ist klar, die Sache ist planbar.
Verlassen
wir für den Moment dieses Feld des Kampfes und werden einen Schritt konkreter.
Zu diesem Zweck möchte ich Cees Nooteboom zu Wort kommen lassen, der sich
unlängst der bescheidenen Aufgabe angenommen hat, eine Beschreibung des Status-Quo
eines vereinten Deutschlands (vgl. Zeit 12/97) zu liefern. Er sieht es im Gegensatz
zwischen einer "Orgie der Zukunft" und einer "unendlichen
Ermüdung". Für ersteres steht ihm die "Baustelle der Macht":
Berlin, für die Baustelle: (wie könnte es anders sein) der Potsdamer Platz. Die
dort vorfindliche "Euphorie des Geschehens" sieht er in einem krassen
Gegensatz zu dem leisen Gejammer, "das sich in diesem so reichen Land
erhebt, als sei das alles eine Maskerade, ein theatralischer Trick, um den Rest
der Welt in den Schlaf zu wiegen." Nooteboom wirkt allerdings recht hilflos
vor der von ihm aufgeworfenen Frage, wie es eigentlich zu dem von ihm benannten
Widerspruch kommt und wie er aufzulösen sei. Aber vielleicht ist er deshalb so
hilflos, weil er die andere Seite der Unterscheidung intuitiv entdeckt hat,
nämlich die unplanbare, unkalkulierbare, unberechenbare, ohne sie benennen zu
können...
Geplante
Ordnung und tägliche Improvisation.
Ich
schließe mit der Behauptung an, daß es möglich ist, mittels der Unterscheidung
von geplanter Ordnung (Repräsentation) und täglicher Improvisation (Praktiken)
einen erhellenderen Blick auf die von Nooteboom aufgeworfene Problematik zu
werfen. Im großen und ganzen lassen sich nämlich zwei Beobachtungsstrategien
unterscheiden.
Nehmen
wir als Beispiel das, was als Stadtwissenschaft oder auch Urbanistik bezeichnet
wird. Auf die Frage, ob und inwieweit Städte den Herausforderungen, denen sie
tagtäglich begegnen, bewältigen können, bekommt man zwei sehr unterschiedliche
Antworten.
Aus
der Sicht der einen Seite dürften Städte eigentlich gar nicht funktionieren, da
ihre Regierungen und Verwaltungen hoffnungslos überfordert sind und eigentlich
nur Krisenmanagement betreiben. Dem entsprechen dann Deutungen, die Städte als
kontingente Prozesse auffassen, die Planen und Steuern zu wollen, unrealistisch
ist. Um ihr Funktionieren braucht man sich - im Prinzip - keine Sorgen machen,
da ihre Reproduktionsprozesse sich eh unabhängig von Regierung und Verwaltung
vollziehen: Städte organisieren sich in dieser Sicht selbst.
Aus
der Sicht der anderen Seite sind Städte nicht zuletzt das Ergebnis von
Regierung und Verwaltung, deren strategisches Handeln auf die Realisierung
bestimmter Projekte gerichtet ist. Können Ziele nicht realisiert werden, wird
dies zum Anlaß genommen, darüber zu reflektieren, welche Bedingungen der
Handlungssituation nicht bedacht wurden, so daß ein zweiter Anlauf unweigerlich
zum Ziel führen muß. Dem entsprechen Deutungen, die Städte als politische
Projekte auffassen, die gelingen oder auch mißlingen können. Aber man muß sich
um ihr Funktionieren sehr wohl Sorgen machen, denn nur planvolles und kontrolliertes
Handeln führt überhaupt zu gewünschten Veränderungen städtischer Strukturen:
Städte sind in dieser Sicht das Ergebnis planvollen Handelns.
Beide
Vorstellungen, sowohl die von der geplanten als auch die von der selbstorganisierten
Stadt finden ihre Entsprechung in zwei Perspektiven, die sich durch die gesamten
Sozialwissenschaften ziehen. Auf der einen Seite wird die Frage danach, wie
soziale Ordnung möglich ist, beantwortet mit dem Hinweis darauf, daß soziale Ordnung
das Resultat von intentionalen Handlungen sei. Was sich dem nicht fügt, wird unter
unbeabsichtigten Nebenfolgen solchen Handelns verbucht. Auf der anderen Seite
wird die Frage mit Hinweis auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation des Sozialen
beantwortet. Soziale Ordnung kommt als Resultat einer Verknüpfung von Handlungsfolgen
zustande und ist damit per definitionem den Intentionen der Handelnden
entzogen. Gesellschaft folgt demnach keinem übergeordneten Plan, sondern ist
ein zufälliges Produkt sozialer Evolution.
Der
Gedanke liegt nahe, daß es sich bei den beiden Perspektiven um zwei Seiten ein
und derselben Medaille handelt. Vielleicht besteht des Rätsels Lösung ja gerade
darin, daß in sozialen Prozessen beide Seiten eine unhintergehbare Rolle
spielen. Um diesen Gedanken zu skizzieren, komme ich auf die Unterscheidung von
Repräsentation und Praktiken zurück. Der Begriff der Repräsentation zielt auf
Prozesse, die als geplanter Wandel beschrieben werden können. Er bezeichnet die
Macher-Perspektive. Wohingegen der Begriff der Praktiken auf diejenigen
Prozesse abhebt, die Kontingenzphänome in den Mittelpunkt stellen. Er bezeichnet
die Machen-Perspektive.
Für
die Beobachtung von konkreten Reformen ist dann von Interesse, wie bestimmte
Beteiligte es schaffen, sich einen Status im Kampf um Definitionsmacht zu
sichern. Zu diesem Zweck fabrizierte Repräsentationen sind es, die gekoppelt
mit bestimmten Praktiken, letztere mit Legitimität und Autorität versehen.
Unter
diesem Dach kann dann mittels einer Vielzahl unterschiedlicher Praktiken an der
Reform gebastelt werden. Aus dieser Perspektive erscheinen die Repräsentationen
zwar als notwendige (nur so gelingen Verknüpfungen heterogener Praktiken) aber
zugleich auch verkürzte Sicht auf Reformprozesse. In ihnen kommen die Kontingenzen
der Prozesse, die auf der Ebene der Praktiken sichtbar werden, gerade nicht
vor, weil sie sonst ihre ordnende Wirkung und ihre Autorität verlieren würden.
So
gesehen, besteht jedes Organisieren[4] in einer Jongleurskunst: Eine unter dem Druck
alltäglicher Probleme weiterlaufende Praxis erzeugt Rechtfertigungen des
Status-Quo nach außen, wie nach innen, die bei entsprechendem Druck, von innen
wie von außen, entsprechend modifiziert werden müssen. Man kann dieses Spiel
als "intelligentes Durchlavieren" (Lindblom) bezeichnen. Offiziell
kommt dieses Spiel aus guten Gründen nicht vor. Damit solche Rechtfertigungen
ihre ordnende Wirkung nicht verfehlen, darf man ihnen nicht mehr ansehen, daß
sie auch anders möglich sind.

Kehren
wir so gewappnet an unseren Ausgangspunkt zurück, sehen wir sofort, was in den
Auseinandersetzungen um Globalisierung, Deregulierung etc. passiert. Das, was
oben als Feld des Kampfes beschrieben worden war, entpuppt sich bei näherem Zusehen
eben als Kampf um Definitionsmacht, als Kampf um wirkmächtige Repräsentationen,
die dann institutionellen Wandel etwa 'des Staates' anleiten sollen. Nur was
man aus der hier eingenommenen Perspektive zusätzlich zu sehen bekommt, ist,
daß solche Institutionalisierungen mittels konkreter Praktiken umgesetzt werden
müssen. Was dann am Ende eines solchen auch Reform genannten Institutionalisierungsprozesses
steht, ist in den seltensten Fällen von der Repräsentation vorgegeben. Wer die
Verwaltungsreform in Berlin beobachtet, weiß wovon die Rede ist.
Was aber ist die Konsequenz eines Einbezugs der
dunklen Seite von Plänen, ihrer Unplanbarkeit? Was kann man lernen, wenn man
sie in die Beobachtung des Kampfes um Definitionsmacht einbezieht? Soviel
dürfte klar geworden sein: Es soll gerade nicht bestritten werden, wie wichtig
die "Poesie der Reformen" (Luhmann) ist. Vielmehr soll behauptet
werden, daß sie nicht alles ist.
Die hier skizzierte Position gibt eine gewisse
Gelassenheit an die Hand, da angesichts der "Realität der Evolution"
(dito) erst einmal abzuwarten bleibt, wie sich die
Europa-Globalisierungs-Deregulierungs-Debatte angesichts erster
Umsetzungserfahrungen entwickelt. Was wir dann zu sehen bekommen, wird
vermutlich beiden Seiten nicht gefallen, aber, und damit bin ich auch schon am
Ende, aus der hier eingenommenen Perspektive sieht man zumindest: so ist das
eben. Oder, frei nach Wilhelm Busch: Erstens kommt es anders, und zweitens als
man denkt. n
95% der
nordrhein-westfälischen Grünen-Delegierten stimmten im Sommer 1995 für eine
papiertechnisch dicke, inhaltlich jedoch recht dünne Koalitionsvereinbarung mit
der SPD. Sie taten es mit so großer Mehrheit nicht aus Begeisterung, sondern in
der Hoffnung, die Zeit würde über die fundamantalistisch-konservative Ausprägung
der NRW-SPD hinweggehen. Viele Konflikte, insbesondere in der Verkehrspolitik
und beim Braunkohletagebau Garzweiler II, wurden mit kunstvollen Formulierungen
verdeckt, oder als „Zeitfenster“ zunächst auf die
lange Bank geschoben. Eine Hoffnung dabei: mit dem
Rückenwind von Rot-Grün würden sich gesellschaftliche Bewegungen für die grünen
Ziele in der Verkehrs- und Energiepolitik ergeben und so viel Druck machen, daß
auch die NRW-SPD irgendwann nicht mehr anders könne.
Von Hoffnung allein entsteht keine gesellschaftliche
Bewegung. Sie wird stattdessen mittlerweile ersetzt durch eine wechselnde Zahl
Grüner Landtagsabgeordneter, die abgehoben von WählerInnenschaft und Parteibasis
vor allem für Unterhaltung unter ein bis zwei Dutzend KorrespondentInnen der
Landespresse sorgen. These und Antithese toben nicht im gesellschaftlichen Leben
NRWs, sondern fast ausschließlich innerhalb unserer 24 Köpfe (bzw. mit MitarbeiterInnen
75 Köpfe) zählenden Landtagsfraktion, von der wir einmal angenommen haben, die
Parteilinke stelle die 2/3-Mehrheit. „What’s left? ist dabei mehr denn je zur
schwer beantwortbaren Kernfrage virtueller oder realer linker Identität
geworden. Ob sich bestimmte inhaltliche Begründungen durch Hinterfragung von
Positionen im Sinne klassisch undogmatisch linker Parameter erweisen, die da zu
prüfen wären wie etwa:
· Emanzipation als Freiheit von Fremdbestimmung,
· Bildung von Gegenmacht,
· Solidarisierung mit Minderheiten,
· Feminisierung aller Politikbereiche und
· Vernetzung des Denkens ökologischer Alternativen,
sowie auf den
·
Roland Appel ist
bündnisgrüner Fraktionssprecher in NRW, Martin Böttger ist sein
Mitarbeiter
Abbau von nicht legitimierter
Herrschaft .
Entspricht die Forderung XY diesen Kriterien (5 Mark
pro Liter muß wohl von den Realos kommen) ? Diese Fragen zu stellen ist
inzwischen längst in der Alltagspraxis in Vergessenheit geraten. Gerade deshalb
streiten sich Teile der NRW-linken , Regierungslinke NRW und die klugen Teile
der NRW-Realos, die sich noch vom Königs-Bütikofer u.a. Virus nicht infiziert
zeigen nicht um inhaltliche Ziele, sondern immer wieder um reine Fragen der
Koalitionstaktik.
Die Ursache dafür liegt unseres Erachtens darin, daß
bis heute kein gemeinsames Verständnis von der Dialektik des Regierens und
gesellschaftlicher Bewegung entwickelt worden ist.
Die Spielräume einer Landesregierung sind klein. Diese
grüne Erkenntnis hat sich von Hessen aus über Niedersachsen mittlerweile nach
Sachsen-Anhalt, und Schleswig-Holstein ausgebreitet. Von einem Stadtrat wie
Hamburg ganz zu schweigen. Atomgesetz ist Bundesgesetz. Ausländergesetz
(Flüchtlinge, Abschiebehaft usw.) ist Bundesgesetz. Steuergesetze sind
Bundesgesetze. Arbeitsmarktpolitik, Maastricht-Kriterien, usw., usf, EUROPOL
sind Bundesgesetze, denen zu widersprechen im Bundesrat ebenso ehrenhaft wie
symbolisch bleibt.
Wer es gut macht, trägt mit dem Bund in diesen Fragen
öffentlichkeitswirksame Kontroversen aus, wie es Joseph Fischer einst anhand
der Hanauer Nuklearbetriebe getan hat. Da macht es mitunter nichts, wenn man
auch schon mal einen Prozeß verliert, wenn in der Öffentlichkeit wenigstens
hängenbleibt, daß GRÜNE gekämpft
haben. Das kann natürlich in Bonn übelgenommen werden. Schwierig wird es dann,
wenn das Land von eben dort die eine oder andere Milliarden-Subvention braucht,
wie NRW bei der Steinkohle mit einer immer noch knapp sechsstelligen Zahl von Arbeitsplätzen.
Eine Landesregierung braucht ihre Meinungsverschiedenheiten
nicht zu verbergen. Harmoniesucht ist ein Vorwurf, der Rot-Grün in NRW aber nur
ganz selten gemacht wird. Jede Seite hat ihre eigene Kundschaft zu bedienen. In
Niedersachsen war hier einst zwischen Schröder und Trittin Arbeitsteilung
verabredet, die sich in verbesserten Wahlergebnissen für beide auszahlte. In
NRW verabredete das bisher niemand, was zu entsprechenden Unkalkulierbarkeiten
beiderseits führte. Dabei darf Unkalkulierbarkeit nicht verwechselt werden mit
der demokratischen und öffentlichen Kultur der Grünen, mit Konflikten wie z.B.
der Frage der Wahl von Wolfgang Clement zum Ministerpräsidenten von NRW
umzugehen.
Natürlich wird es, wenn der Vertrauensverlust, den
Clement in den letzten zweieinhalb Jahren beim Koalitionspartner im Schweiße
seines Angesichts und unter müdem Lächeln der CDU-wählenden und ihr spendenden
Unternehmer erkämpft hat, nicht zurückgewinnt, eine nicht geringe Zahl von
Bündnisgrünen Stimmen geben, die ihn nicht wählt. Gerade weil wir nicht falsch
spielen, werden wir dies auch in einer Probeabstimmung der Fraktion öffentlich
machen. Das ist jedoch etwas völlig anderes als die Unkalkulierbarkeit einer
außer Kontrolle geratenen SPD- Fraktionsspitze, die - wie in der Debatte des
Landtags über Ahaus - voll gegen den zukünftigen Ministerpräsidenten Clement polemisiert
oder die Grüne Umweltministerin attackiert. Ein Ministerpräsident Clement wäre
mit einem Fraktionsvorsitzenden Matthiesen nur fünf Minuten lang glücklich! Den
aus diesem Interessenkonflikt für Grüne Politik erringbaren Vorteil haben linke
Grüne bisher nicht zu erkennen gewußt. Stattdessen gibt es nach wie vor
Versuche, durch öffentlich kommunizierte Forderungskataloge, die dann nicht
durchzusetzen sind, die eigene öffentlich vermittelte Niederlage zu
inszenieren. Insofern muß sich auch linke Politik weiterentwickeln.
Eine Landesregierung hat (Förderungs-)Möglichkeiten
für gesellschaftliche Kräfte, Organisationen und Initiativen. Sie kann so
Freiräume für Basisarbeit schaffen, mit der sie selbst in eine bestimmte
Richtung wieder unter Druck gesetzt werden kann. Flüchtlingsräte, Drogenhilfevereine,
Schwulenverbände, Sozialhilfeinitiativen, Jugendorganisationen u.v.m. Förderung
reicht natürlich nicht aus. Wie ist es auf beiden Seiten um das
Politikverständnis bestellt? Will wenigstens unser grüner Teil der
Landesregierung unter Druck von unten? Wollen geförderte Gruppen Druck organisieren
(statt sich untereinander um die Brosamen zu zerstreiten)? Stehen unsere grünen
MinisterInnen und Abgeordneten alle als Agenten des Basisdrucks zur Verfügung?
Setzt unsere gesellschaftliche Basis ihre grünen Agenten auch ein? Oder wird
lediglich für die Wählerstimmen Dienstleistung erwartet? Und genörgelt, wenn
sie nicht zeitgerecht erfolgt?
Bringen die Abgeordneten die Dienstleistung überhaupt?
Manche grüne Ressortverantwortliche telefonieren kaum mit „ihrem“ sozialdemokratischen
Fachminister (die natürlich froh sind, nicht belästigt zu werden). Wer ruft
schon gerne jemand an, den man nicht leiden kann. Aber ist das professionell
von Abgeordneten (die teuer bezahlt werden)? Ist das links? Fördert es die außerparlamentarische
Bewegung, scharfe Presseerklärungen abzugeben, statt die eine oder andere
Million für sie auszuhandeln? Da bedarf es zumindest einer Einzelfallprüfung.
Zu beklagen ist vor allem ein statisches Denken. Hier ist ein Mensch. Der will eine Position
durchsetzen, gegenüber einem andern. Sie formulieren. Im optimalen Fall
formulieren sie eine Einigung, einen Kompromiß zu beiderseitigem Nutzen. Dann
wird umgesetzt, wie versprochen. Das ist Politik, wie Klein-Mäxchen sie
sich vorstellt.
Denn die zwei sind nicht allein. Die Parteien, die die
beiden repräsentieren, sind gegenüber dem gesamtgesellschaftlichen Kapital- und
Interessendruck, der sie umgibt, vergleichsweise klein und unbedeutend. Gerade
deswegen sind sie opportunistisch und beeinflußbar. Da sind wir, so ehrlich
sollten wir sein, keine Ausnahme. Wer in einer Partei ist, aber sich diesen Sachverhalt
nicht bewußt macht, wird mit seiner Naivität scheitern.
Die, die bei uns klischeehaft als „Realos“ bezeichnet
werden, benutzen diesen Sachverhalt zur Abwehr von Druck. Realistisch sein
heißt für sie: man möge ihnen vertrauen, d.h. sie in Ruhe machen lassen. Sie lehnen
harte Forderungen, harte Wahlprogramme ab, weil „unerfüllbar“. Sie werden in
der Sache nie voran kommen. Ihre kurze Geschichte lehrt, daß es Einzelnen von ihnen
als Person gelingt. Reicht ihnen das? Wichtig, gesellschaftlich notwendig, werden
sie so nicht.
Diejenigen, die bei uns klischeehaft als „Fundis“
bezeichnet wurden und mit dem Austritt Jutta Ditfurths aus der Partei verschwunden
schienen, lehnten einstmals aus den gleichen Gründen ab, zu regieren. Sie
hatten sich mit den Grünen im bundesdeutschen Parlaments-, Parteien- und Wahlsystem
verirrt. Denn wer Wahlen nicht gewinnen will, wird auch nicht gewählt und sollte
sich folgerichtig woanders als in einer Partei engagieren (wofür es - völlig
ohne Ironie! - reichlich nutzbringende Möglichkeiten gibt).
Diejenigen, die bei uns heute klischeehaft „Neofundis“
genannt werden, wollen in Nordrhein-Westfalen gar nicht aus der Koalition raus.
Ihr Anfang des Jahres 1997 in der „Frankfurter Rundschau“ dokumentiertes Papier
sagte: die Bilanz von Rot-Grün in NRW ist zwar schlecht, aber wir bleiben
trotzdem drin; wir müssen nur härter verhandeln. Hier verraten sich zwar
persönliche Konkurrenzverhältnisse in unserer eigenen Partei- und
Fraktionsspitze, aber sicher kein linkes Politik- und Gesellschaftsverständnis.
Kerstin Müller brachte dieses Verständnis richtig auf die Formel: „Also wenn
das Ergebnis beschissen ist und wir trotzdem weiterkoalieren, sind die Grünen
unfähig und machtgeil.“
Einige unserer zumindest emotional regierungsunwilligen
und/oder -unfähigen Abgeordneten wollen gerne leisten, was nicht ihre Aufgabe
ist, und von denen, deren Aufgabe es wäre, nicht geleistet wird: Kritik und Druck auf Rot-Grün von links und
von unten. Landtagsabgeordnete sind objektiv nicht „unten“. Die Erfahrungswelt,
sich da hineinzuversetzen fehlt irgendwann zwangsläufig, weil sie nicht durch
subjektives Denken, sondern nur durch objektive Lebensumstände hergestellt
wird. Es wäre Aufgabe unserer Parteibasis und ihres gesellschaftlichen
Umfeldes. Parteiführung und Verbandsspitzen müßten das organisieren, statt sich
mit in unser selbstbespiegelndes Getümmel zu stürzen. Ein solches Arbeitsteilungsverständnis
fehlt derzeit sowohl theoretisch und erst recht praktisch.
Dabei gibt es ermutigende Ansätze, wo solche
Arbeitsteilung deutlich geworden ist. Der Verlauf des Konfliktes um den Atommülltransport
nach Ahaus ist ein solches. Trotz Meinungsverschiedenheiten auch in der
Landesregierung über die Alternative zum Atomtransport nach Ahaus - Grüne:
Zwischenlagern am AKW, SPD: Ein neues Zwischenlager in Süddeutschland - und den
Polizeieinsatz - Grüne: Deeskalation durch geduldete Räume für zivilen
Ungehorsam und Zurückhaltung der Polizei, SPD: Massive Polizeipräsenz und
Abschreckung - und das Problem eines Grünen Polizeipräsidenten, der zeitweilig
leider nicht auf der richtigen Veranstaltung war, hat eine arbeitsteilige
Bearbeitung des Politikfeldes bisher erfolgreich stattgefunden.
1.
Es ist klar
rübergebracht worden, daß GRÜNE mit der Anti-AKW-Bewegung mit der Bereitschaft
zum zivilen Ungehorsam demonstrieren und mobilisieren, die örtlichen und
regionalen Parteigliederungen haben sich an der Demo-Infrastruktur ganz
wesentlich beteiligt, ohne die Bürgerinitiativen zu majorisieren.
2.
Im Vorfeld sind die in
der Regierung möglichen Mittel der Einflußnahme auf die Konzeption des
polizeilichen Einsatzes genutzt worden. Dort, wo wir uns nicht durchgesetzt
haben, war die GRÜNE Position klar, weil sachlich richtig und bis weit in die
Polizei hinein akzeptiert und zwar so klar, daß selbst ein Grüner
Polizeipräsident vor Ort mit seinen zum Teil anderen Einschätzungen nicht mit
der GRÜNEN Landespolitik verwechselt wurde.
3.
Hat in der konkreten
Situation niemand mehr die Frage gestellt, warum nun nur einige wenige Grüne
Abgeordnete auf den Schienen sitzen und andere als Beobachter und Vermittler
dafür sorgen, daß deeskaliert wurde und alle Beteiligten begriffen hatten, daß
die Rolle Grüner Abgeordneter in dieser Situation eine andere war.
4.
Die Nachbereitung wieder
in der Zusammenarbeit zwischen örtlichen Inis, regionalen Grünen und im Landtag
bzw. in der Koalition stattfinden wird, wobei es wieder darum geht, die
Sachinformation arbeitsteilig über die Medienrampe zu bringen.
Natürlich gibt es auch zu diesem Politikfeld nun
Stimmen, die kritisieren, daß wir - d.h. die Spitze der Landtagsfraktion -
unsere Differenzen mit dem SPD-Innenminister oder mit dem GRÜNEN
Polizeipräsidenten nicht deutlich genug betont hätten: Dieser Blickwinkel
beschränkt sich aber auf den Sumpf grün-interner und koalitionsinterner Konflikthuberei
und ist gesellschaftspolitisch irrelevant. Denn der wesentliche Focus der gesellschaftlichen
Diskussion war, daß sie Risiko und Gefahr für die Bürgerrechte im Mittelpunkt
des Interesses brachten, wie selten zuvor und dies ist ein Erfolg der
Anti-AKW-Bewegung und der demokratischen Öffentlichkeit.
Das breite gesellschaftliche Publikum wurde 1997 durch
die Steuerreform-Oper in Bonn abgelenkt. Deswegen schadete das damalige
NRW-Theater Rot-Grün im Bund demoskopisch kaum. Das war jedoch ein Glücksfall,
der sich nicht in dieses Jahr verlängert hat. Durch die Ausrufung von Schröder
ist es der SPD gelungen, das Scheinwerferlich von ihren eigenen - real
fortexistierenden - Auseinandersetzungen wieder auf unsere zu lenken.
Streitpunkte, deren sachlich-inhaltliche Austragung uns vor einem halben Jahr
noch geschmückt hat, sei es Bosnien auf Bundesebene oder Garzweiler II auf
Landesebene - fallen jetzt auf uns zurück. Denn zahlreiche uns in der
Öffentlichkeit vertretende LautsprecherInnen stilisieren Meinungsverschiedenheiten,
die wir miteinander haben, wie sie die Bevölkerung selbst hat, zu Entscheidungsschlachten,
Fiaskos und Hühnerhaufen. Das abschreckenste Beispiel hierzu lieferte kürzlich
die Bosnien-Entscheidung der Bundesversammlung: Da fieberten einige an den
eigentlichen Strippenzügen im Hintergrund unbeteiligte Abgeordnete mittelmäßiger
Prominenz inmitten eines Pulks von JournalistInnen den dramatischen Folgen
dieser Entscheidung - „die schrieben uns übermorgen alle ‘runter“ – entgegen.
Aufgrund wohlfeiler Zitate taten diese es denn auch und schrieben die Grünen
‘runter und die Parteisprecherin lieferte, statt den Vorgang souverän
einzuordnen als die Rückkehr der Partei zum Kompromiß des Bundesvorstandes,
selbst die Stichworte für die Tagesthemen, für Schröder und seine Medienfreunde.
Und wir beweisen mangelnde Verläßlichkeit, nicht wegen unserer Standpunkte,
sondern wegen haarsträubender Unprofessionalität bei ihrem strategischen
Vortrag in die Gesellschaft.
Das ist auch der eigentliche Vorwurf, den wir unseren
regierungsoppositionellen FreundInnen in NRW machen. Nach jeder Verabschiedung
eines Landeshaushaltes wird das gleiche Drehbuch aufgeführt. Erst wird
mitverhandelt, dann zugestimmt, dann von einer grünen Fraktionsminderheit gejammert.
Dabei gibt es nur zwei grüne Erfolgs-Optionen: entweder drin in der Regierung
und erfolgreich - oder raus!
Drin und erfolglos ist zwar auch eine Option, hilft
aber allenfalls der SPD (und dort vor allem Matthiesen, der Dienstwagen in
Bewegung setzt, um die Erklärung eines einzelnen grünen MdLs zu besorgen, der erklärte
einen Ministerpräsidenten Clement nicht wählen zu wollen) und der CDU weiter.
Heißt das, eine Koalition schönzulügen? Sicher nicht.
Es heißt für die gesellschaftliche Basis etliche Jahre harter Arbeit, eine Koalition
unter Druck zu halten, statt auf Leistungen zu warten; es heißt für Koalitionsabgeordnete
langjährige professionelle und zielstrebige Agententätigkeit für ihre gesellschaftliche
Basis. Und davon sollten sich alle Beteiligten nicht ständig mit selbstverliebten
Entscheidungsschlachten und Ultimatenaustausch ablenken.
Es besteht kein Zweifel: Die Parteilinke gerät, weil
sich GRÜNE in der Regierung verändern auch in einen Veränderungsprozeß und kann
- wie in NRW - in die Krise kommen. Und dies in einer Situation, in der eigentlich
Bündnis 90/ Die Grünen als Partei ihr Meisterstück an innerparteilich solidarischer
und in der Sache hochqualifizierter Diskursfähigkeit am Beispiel des Jüchener
Garzweiler-Parteitags abgeliefert haben. Die Entscheidung über Verbleib oder
Nichtverbleib in der Koalition wurde losgelöst von der rechts-links Frage und
ohne Personalisierung diskutiert und entschieden. Die Positionen gingen dabei
quer zu den Flügeln und bisheriger Kreise von Koalitionskritikern und
-BefürworterInnen. So stimmten die in Hamm koalitionsgegnerischen Kreisverbände
Köln und Rhein-Sieg mit großer Mehrheit für den Verbleib, stritten die Reala
Christa Nickels ebenso wie die in der Regel zur Fraktionsmehrheit zählende
unabhängige Landtagsvize Katrin Grüber gegen ein Weiterführen der Koalition.
Nichts ist nach Jüchen absurder, als auf dieser
Entscheidung strömungspolitische personelle Ansprüche formulieren zu wollen.
Wer dies trotzdem tut, hat offensichtlich ein ganz entscheidende Erkenntnisproblem
über die Lage in der GRÜNEN Partei. Wenn Teile des „Linken Kreises“ oder des
„Zorbas-Kreises“ - wie kürzlich geschehen - explizit mit dem Verweis auf Jüchen
beanspruchen, nicht nur wie bisher mit zwei Personen im Fraktionsvorstand
vertreten zu sein, sondern Person und Funktion ultimativ als Junktim zu formulieren,
tappen sie damit nicht nur in dieselbe taktische Falle, die schon als Verhandlungsempfehlung
gegenüber der SPD immer wieder den kürzeren gezogen hat, sondern
instrumentalisieren unverfroren den Basiswillen in einer inhaltlichen Frage für
elitäre Personalansprüche. Schon in anderen Parteien haben sich Flügel, die
sich auf diesem Weg begeben haben, dadurch auf schlichte Seilschaften reduziert.
Die Südhessischen Jusos der späten Siebziger Jahre sind dafür nur ein Beispiel.
War es doch gerade ein Diskussionsmerkmal in Jüchen,
daß nicht wie bei früheren LDKen in „gute“ und „böse“ Befürworter oder Kritiker
der Koalition geschieden wurde und auch die Listen-LDK vom 31.1. hat gezeigt,
daß niemandem geschadet hat, für welche Seite er oder sie sich in Jüchen ausgesprochen
hat. Wer solchermaßen personelle Ansprüche erhebt, hat nicht nur den Nutzen und
die Funktion der arbeitsteiligen Strategie auf verschiedenen Ebenen und
zwischen Initiativen, Partei und Parlamentsfraktion aus den Augen verloren.
Schlimmer
noch: Wer Links-sein auf den Parameter der Koalitionsferne oder Koalitionsgegnerschaft
reduziert, fällt damit nicht nur weit hinter Erkenntnisse des „Viererpapiers“
von 1996/97 zurück, denn damals beanspruchten ja Manfred Busch, Daniel Kreutz
et al., für sich, nicht aus der Koalition aussteigen zu wollen. Beim
derzeitigen Diskussionsstand innerhalb der GRÜNEN in NRW wird sichtbar, daß
auch in Bündnis 90/Die Grünen die Entideologiesierung mit einer Unfähigkeit zur
Ideologiekritik einhergeht, daß die Frage, was eigentlich links unter den Bedingungen
eines EU-Kapitalismus der späten 90er Jahre unter Bedingungen von
Standortdiskussion und ökologischer Rückschritte, fortschreitender Entsolidarisierung
und Ent-Organisierung ebenso ungeklärt ist wie bei Gewerkschaften, der linken
Sozialdemokratie, des linken Spektrums jenseits der PDS, in Sozialwissenschaften
bis hin zu den kritischen Kräften in den Kirchen. Häme ist hier ebenso fehl am
Platz wie das von manchen K-Gruppen erfahrenen Realos seit Jahren gepflegte
„was schert mich also mein linkes Geschwätz von Gestern“-Spiel. Denn es ist
eine gesellschaftlich relevante Krise, die uns zwingt, unseren Standort als
Parteilinke neu zu bestimmen.
Was bedeutet links und radikaldemokratisch heute und
wie setzt sich es unter den Bedingungen einer Regierungsbeteiligung um - wie gestalte
ich diesen Prozeß arbeitsteilig?
Was tun, damit es Bündnis 90/Die Grünen nicht zerreißt
oder nach der „Methode Hessen“ viele resignieren und aufgeben mit der Folge,
daß nur die härtesten Seilschaften profitieren?
Wir wissen darauf keine einfache Antwort, nur, wie es
nicht geht: Die politische Strategie, Ultimaten zu stellen, Verantwortung für
gemeinsam verhandelte Ergebnisse nicht zu tragen, auch wenn sie besser nicht
gingen, um vor allem die „Weicheier“ in den eigenen Reihen zu suchen, oder gar
die „Verräter“ zu entlarven, hat die Parteilinke in NRW in den vergangenen
zweieinhalb Jahren nachhaltig geschwächt. Wer sich einigelt, gewinnt keine
Freunde. n
· Die
Mediendebatte um die 5 DM-Forderung hat ja viele Grüne - insbesondere in Bonn -
in Panik versetzt. Die Hoffnung, die Grünen könnten aufgrund der
Kanzlerkandidatur Schröders locker die linken rotgrünen Wechsel-WählerInnen
abgreifen, scheint verfrüht gewesen zu sein.
Wie schätzt Du die Wahlmotive Grüner WählerInnen ein, sind sie genauso medienabhängig
wie andere WählerInnen?
Sie sind sicherlich auch davon beeinflußt. Das stelle
ich bei Gesprächen auf der Straße und bei Veranstaltungen fest. Und wir müssen
auch zur Kenntnis nehmen, daß die verkürzte Darstellung zur Benzinpreiserhöhung
auch bei bisherigen Grün-WählerInnen auf Skepsis stößt. Erst wenn man dann die
Position erläutert, finden sie zu ihrer alten richtigen Auffassung zurück, daß
es ja sinnvoll ist, die Sozialversicherungsbeiträge herabsetzen zu können und
dafür ein griffiges Konzept zu haben.
Es ist sicherlich von vielen Grünen, die in
verantwortlicher Position sind, falsch eingeschätzt worden, wie diese 5
DM-Forderung, die ja auf das Jahr 2008 gerichtet ist, rüberkommt, wenn man sie
in das Wahlprogramm für 1998 hineinschreibt. Das kann man ihnen aber nicht
vorwerfen, weil 1994 die gleiche Forderung keinen Wirbel hervorgerufen hat.
Ich denke aber, daß es nach dem Parteitag von
Magdeburg auch andere Gründe gab, warum das plötzlich alles so dramatisch gesehen
wurde. Viele Grüne haben es nach dem
Parteitag für richtig gehalten, so eine Art Katastrophenstimmung
aufkommen zu lassen. Die Medien haben dann begierig Punkte aufgezählt, woran
sie das festmachen konnten. Die Entscheidung in der Bosniendebatte war den
Medien anscheinend noch zu wenig und so haben sie die 5 DM-Entscheidung
herausgesucht und entsprechend dramatisiert. Das ist nicht ohne Wirkung auch
auf unsere WählerInnen.
· Noch eine
Nachfrage in Bezug auf Schröder. Es gab ja die insgeheime, aber teilweise auch
ausgesprochene Hoffnung, daß Schröder sich auf ein WählerInnenspektrum in der
“Mitte” bezieht, d.h. von der CDU WählerInnen übernimmt, so daß die Grünen mit
Leichtigkeit auf der linken Seite des politischen Spektrums WählerInnen bekommen.
Ist diese Einschätzung noch tragfähig?
Ich meine, daß diese Auffassung nach wie vor vieles
für sich hat, wahrscheinlich richtig ist, das ist ja immer schwierig zu beweisen.
Wir haben aber dabei übersehen, daß die Grünen bei guten Wahlergebnissen, wie
etwa 1995 in Berlin und in den Umfragen noch bis zum Frühjahr diesen Jahres,
ganz offensichtlich schon ein Großteil von bisherigen SPD-WählerInnen zu sich
herüber gezogen hatten, die nicht geblieben sind; ich sage mal: trotz Schröder.
Sie sind jetzt, nachdem Schröder zum “Hoffnungsträger” geworden ist, zur SPD
zurückgegangen. Ob man diese WählerInnen nun links oder in der Mitte ansiedelt,
jedenfalls waren sie mit der SPD unzufrieden. Das mögen auch welche gewesen
sein, die eher auf dem rechten Flügel der SPD angesiedelt waren, es der SPD
jedoch “zeigen” wollten, indem sie Bündnis 90/Die Grünen wählten. Im Rahmen der
Sogwirkung der sehr erfolgreichen Schröder-Wahl in Niedersachsen und seiner
Nominierung sind diese WählerInnen wieder zur SPD zurückgewandert.
Diese Erfahrung haben wir ja in den vergangenen vielen
Jahren gemacht, daß nichts erfolgreicher ist als der Erfolg.
· Es geht ja
auch um die Unterscheidbarkeit der Grünen zu den anderen Parteien, und dafür
steht ja die Ökologie im Kern.
Wie kommt es zu der medienweiten Überraschung, daß die Grünen, wenn auch
gemäßigt und regierungs”tauglich” - für ökologische Forderungen stehen?
Die Grünen werden - immer wenn man es gerade mal
braucht, was ja in den letzten Jahren gar nicht mehr so war - in eine Art
ökologische “Spinner”-Ecke abgeschoben. Früher waren es die Biotope, die man
den Grünen untergeschoben hat und jetzt ist es die völlig falsche und irreführende
Parole, die Grünen wollten etwa zu Lasten der sozial Schwachen ihre
ökologischen Forderungen durchsetzen. Da ist natürlich nichts richtiges dran,
aber das ist gerade für den politischen Gegner ungeheuer attraktiv, solche Unterstellungen
zu versuchen.
Die Grünen haben ihre ökologischen Forderungen immer
gehabt, die innerhalb der Partei - wie die Benzinpreiserhöhung - so wenig
umstritten waren, daß die Mehrheiten immer weit flügelübergreifend bei achtzig
bis neunzig Prozent lagen. Die Grünen dürfen bei allem Kompetenzzuwachs in vielen
anderen Bereichen, z.B. in der Sozialpolitik und bei den Freiheitsrechten, auf
keinen Fall ihre Kompetenz in der ökologischen Frage verlieren. Deshalb ist es
erstmal nicht schlecht, daß sie auch als ökologische Partei wieder sichtbar
werden.
· Ist es uns
also nicht gelungen, die ökologische Frage mit der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik
zu verknüpfen bzw. diese Verknüpfung zu verdeutlichen? Liegt das an
technokratischen Konzepten, die die Brücke schlagen, für die Leute aber nicht
nachvollziehbar sind, nicht unmittelbar lebbar erscheinen?
Das Irre ist ja, daß gerade in der Frage der
Benzinpreiserhöhung und dem Umgehen mit deren Folgen überhaupt nicht gerechtfertigt
ist, die Nichtverknüpfung dieser politischen Fragen zu behaupten. Hier hat man
ja gerade so viel an Berücksichtigung der sozial Schwächeren und Familien mit
niedrigem Einkommen eingebaut, daß diese sogar davon profitieren und sogar mehr
im Geldbeutel behalten. Gerade hier haben wir gezeigt, wie verantwortungsbewußt
wir das verknüpfen und dabei in Kauf nehmen, daß die ökologische Steuerung
nicht ganz so funktioniert, wie bei der Durchsetzung der reinen ökologischen
Lehre ohne soziale Verknüpfung. Mit der gleichzeitigen erheblichen Entlastung
bei den Sozialbeiträgen und der Einkommenssteuer ist der Zwang, weniger Auto
oder energiesparender zu fahren nicht so groß wie er sonst wäre.
Daß die Vermittlung nicht möglich gewesen ist, obwohl
wir besonders viel Rücksicht genommen haben, hängt wohl damit zusammen, daß wir
das Endziel, welches wir nach zwei weiteren Bundestagswahlen erreichen wollen,
zu sehr in den Vordergrund gestellt haben gegenüber dem, was jetzt in der nächsten
Legislaturperiode ansteht.
· Bei der Frage
der Verlängerung des Bosnien-Einsatzes der Bundeswehr auf der Magdeburger BDK
wurdest Du ja zum Wortführer der knappen Mehrheit gegen den vorgelegten
“Kompromiß”-Antrag erkoren. Beim Babelsberger Kreis-Treffen am Vorabend hattest
Du Dich noch dafür eingesetzt, daß die Grünen in ihrem Programm zur Sondersituation
in Bosnien etwas sagen müßten.
Wie sieht denn nun Deine Position zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr aus?
Zu dieser Sprecher-Funktion bin ich ohne mein eigenes
Zutun gekommen. Man hat einfach jemanden gesucht, an dem man das aufhängen kann
oder den man dafür hinstellen kann. Ich habe nichts organisiert und war über
das Ergebnis der Abstimmung auch überrascht. Ich habe aber nie einen Hehl
daraus gemacht, daß ich diese knappe Entscheidung auf dem Parteitag für grundsätzlich
richtig halte und auch verteidige.
Meine Position sieht so aus: Es war eine ganz
besondere Situation in Bosnien und viele Befürchtungen, die wir ja gehabt haben,
daß es zu erheblichen militärischen Auseinandersetzungen, möglicherweise zu
einer militärischen Eskalation kommt, wenn die NATO und insbesondere die Bundeswehr
in Bosnien einrücken, sind zum Glück nicht eingetreten. Das muß man zur Kenntnis
nehmen, da muß man der historischen Wahrheit die Ehre geben.
Das heißt für mich, daß wir nach wie vor kritisch und
skeptisch dem Einsatz der NATO und der Bundeswehr überall auf der Welt aber
auch in Bosnien gegenüber stehen aber auch sagen, wie wir uns das ganz konkret
vorstellen, wie es in Bosnien weitergehen soll. Da reicht es nicht zu sagen
`NATO und Bundeswehr raus aus Bosnien´. Wir haben ja ein Konzept, welches im
Programm angesprochen ist, aber mehr konkretisiert werden müßte. Ich plädiere
dafür, daß wir sagen, in welchen zeitlichen Stufen und mit welchem
organisatorischen Aufwand die UNO in die Lage versetzt werden kann und muß, mit
eigenen ausgebildeten Polizeikräften das abziehende NATO-Militär in Bosnien zu
ersetzen, um ein drohendes Vakuum zu vermeiden.
Im Sommer sollten wir möglichst konkrete Überlegungen
und Pläne vorlegen, um auch in der Öffentlichkeit zu zeigen, wir handeln hier
nicht aus Prinzipientreue ohne Rücksicht auf Verluste, sondern wir haben wirklich
praktikable Alternativen. Nur dann können wir unseren Standpunkt durchhalten
und unserer Bundestagsfraktion eine Alternative an die Hand geben, die sie von
der Bundesregierung fordern kann. Wir zeigen damit, wie wir es machen würden,
z.B. wenn rot-grün dran wäre.
· Müssen wir
uns dann nicht auch zu vielen anderen Krisenregionen in der Welt im Programm
äußern? Besteht da nicht auch ein aufgezwungener Eurozentrismus in der Debatte?
Bosnien hat einen hohen Symbolwert und in anderen
Weltregionen stehen NATO und Bundeswehr nicht, so daß auch keine Forderung besteht,
sie abzuziehen.
Natürlich besteht in vielen Weltregionen die
Notwendigkeit, Sicherheit zu schaffen. Aber in Bosnien würden wir ja durch die
Entscheidung, raus zu gehen, Verantwortung übernehmen müssen, wie das dann für
die Menschen dort weitergeht.
· Ich möchte
noch mal auf das aktuelle Medienecho der Grünen eingehen. Derzeit sind die
Grünen mit ihrer Programmatik und auch ihrem Personal ja in einer Weise
umstritten, wie wir das seit den achtziger Jahren (mit der Ausnahme der 1990er
Wahl) nicht mehr gewohnt waren.
Obwohl das Wahlprogramm schon stark auf Regierungs”tauglichkeit” herunter
dekliniert ist, werden die Grünen als noch zu radikal dargestellt.
Wie bewertest Du diesen Widerspruch und was heißt das für evtl. rot-grüne Regierungspolitik?
Zunächst gebe ich Jürgen Trittin recht, der sagt, daß
es das rechteste Wahlprogramm ist, was Grüne je beschlossen haben. Somit ist es
sicherlich auch das am wenigsten radikale. Trotzdem gibt es aber diese Aufregung.
Die hat aber mit der Realität sowohl des Parteitages als auch mit dem, was im
Programm steht, eigentlich wenig zu tun.
Ich glaube, auch wenn vieles dort anders formuliert
wäre, hätte es ähnliche Versuche und ähnliche Aufregung gegeben. Die Gründe
liegen woanders:
Erstens wird alles, was Grüne sagen, sehr ernst
genommen. Das ist auch gut so. Aber Journalisten, Meinungsmacher und auch die
interessierten Wahlkämpfer auf der anderen Seite klopfen unsere Forderungen so
ab, als wenn diese am 29. September sofort umgesetzt würden. Was wir sagen wird
nicht mehr abgetan, sondern wird auf seine konkrete jetzige Tauglichkeit
überprüft. Und es ist Wahlkampfzeit. Da fahren einige Medien ihre eigene
Kampagne pro SPD oder CDU, aber jedenfalls gegen die Grünen.
Das zweite ist das Hausgemachte an der Aufregung. Der
Parteitag war ja eigentlich ein Parteitag der ganz großen Einigkeit, bis hin
zur Langeweile am Anfang; es gab nur kleine, wenig in die Substanz gehende Änderungsanträge
und es stand von vornherein fest, daß mit riesengroßen Mehrheiten die einzelnen
Programmteile beschlossen werden. Derselbe Parteitag wurde in der öffentlichen
Wahrnehmung nachträglich als Chaoten-Parteitag, als Parteitag der Unverantwortlichkeit,
der Nicht-Realos dargestellt. Das ist auch zum Teil von einer ganzen Reihe von
Grünen so in die Öffentlichkeit getragen worden.
Man erinnert sich an viele grüne Interviewte, die nach
der Bosnienentscheidung herumliefen, als ob Weltuntergang angesagt ist und die
Regierungsfähigkeit der Grünen in Frage steht. Das ist ja zunächst von Grünen
selbst so dargestellt worden, mit dem Verlust von 2 % der WählerInnenstimmen
u.ä., so daß man sich nicht besonders wundern kann, daß das von den Medien dann
noch einmal überdramatisiert und in die Länge gezogen wird.
· Du bist
Direktkandidat im Wahlkreis Kreuzberg-Schöneberg und Kandidat auf dem
Listenplatz 2 in Berlin. Wie siehst Du denn Deine Chancen? Und wie sieht es mit
Deiner persönlichen politischen Zukunftsperspektive aus, was sind die
Fachgebiete im Bundestag, die Du bearbeiten möchtest?
Die Chancen für den Direktwahlkampf sehe ich als sehr
gut an, trotz des allgemeinen Stimmungstiefs, das wir jetzt haben. Ich hoffe,
das werden wir über den Sommer verbessern können, schließlich ist ja noch ein
halbes Jahr Zeit, dafür was zu tun. Und wir sind sehr heftig dabei, Wahlkampf
zu betreiben. Es besteht die Chance für die Grünen in Deutschland, das erste
Mal ein Direktmandat zu erreichen, und die werden wir nutzen.
Zu meiner persönlichen Arbeit im Deutschen Bundestag
wage ich keine Voraussage. Ich werde mich natürlich in den Bereichen, in denen
ich seit Jahrzehnten zu Hause bin, demokratische Rechte, Freiheitsrechte aber
auch Probleme der Kriminalpolitik, Drogenpolitik, engagieren, ob als Mitglied
von Ausschüssen oder nicht. Das wird sich letztlich daran entscheiden, wer über
die Listen in den Bundestag kommt.
Ich gehe immer noch davon aus, daß es für einen Macht-
und Politikwechsel in Bonn reicht und daß wir dann in einer Regierung mitwirken
können. Und daß das eine Politik sein wird, die wesentliche grüne Inhalte haben
muß. Ich sehe mich als jemand, der sich als Garant versteht dafür, der sagt,
ich will nicht nur in oder begleitend zu Koalitionsverhandlungen mit dafür
sorgen, sondern auch in den vier Jahren immer wieder mit allen meinen
Möglichkeiten daraufhin drängeln, daß es im Interesse der Bevölkerung und nicht
nur der Partei ist, eine andere, eine bündnisgrüne Politik zu machen.
· Du giltst in
den Medien neben Claudia Roth und Jürgen Trittin als einer derjenigen, die in
der neuen Bundestagsfraktion die Linke der Partei stärken werden. Ist Dir
dieses Echo recht?
Das ist einfach richtig. Ich will das auch und bin
auch dafür bei den Nominierungsveranstaltungen sowohl für den Wahlkreis Kreuzberg-Schöneberg
als auch für die Landesliste aufgetreten. Ich habe das auch in vielen Interviews
gesagt. Ich möchte natürlich bei innergrünen Auseinandersetzungen in der
Fraktion diesen Teil der Fraktion, der in der bald vergangenen Legislaturperiode
meiner Meinung nach etwas unterrepräsentiert war, stärken.
Die Fragen stellte für Andere Zeiten Rüdiger Brandt. n
1
Sie war immer perspektivlos, das haben die Grünen
gewußt, als Ditfurth, Ebermann und Trampert ihre Leitfiguren waren. Die Begründung,
die wir in den 80er Jahren kannten, ist heute immer noch richtig: die SPD nicht
anders als die CDU ist eine "Wachstumspartei", die ihre Klientel auf
Produktion um der Produktion willen orientiert, sie läuft dem Kapital
hinterher, sie verteidigt verbissen jede Kapitalstrategie in der Autogesellschaft.
Da Ditfurth, Ebermann und Trampert strategisch nichts anzubieten hatten, wurden
sie korrekterweise gestürzt. Nach ihrem Sturz schien die gemäßigte Linke die
Parteispitze zu übernehmen, doch zeigt sich im nachhinein, daß sie nur dieselbe
Rolle spielte wie Lafontaine in der SPD: sie federte Schritt für Schritt den
Durchmarsch der "Realos" ab. Nun wäre gegen einen Durchmarsch von
Realos an sich gar nichts zu sagen. Aber unsere sogenannten "Realos"
müssen leider als Irrealos gelten. Joschka Fischer hat um 1990 herum behauptet,
die 90er Jahre würden der SPD gehören, deshalb sei Rot-grün die angemessene
Strategie. Es kam anders.
Wovon soll ich noch reden - von der Ökosteuer?
Ins Spiel gebracht von Ernst-Ulrich von Weizsäcker, der jetzt für Schröders SPD
gegen Rezzo Schlauch kandidiert, bringt sie die Grünen in den Geruch einer
Partei, die den kleinen Leuten Geld wegnehmen will. Das sind mir "Realos":
statt mit einer ökologischen Losung aufzutreten, die eine politische
Gegnerschaft benennt, überfallen sie die Gesellschaft mit einer Idee von
Finanzexperten und Steuerkameralisten, um in dem Moment, wo die Idee wenigstens
einmal gesellschaftlich diskutiert wird, wie das jetzt im Wahljahr geschieht,
auch noch wegzubrechen und sie, weil sie leider so schwer vermittelbar sei,
möglichst verschweigen zu wollen. Und dann Garzweiler! Was ist nun mit dem Argument,
Garzweiler werde scheitern, weil es durch die Ökosteuer zu teuer werde? Offensichtlich
wird Clement sich durchsetzen, der längst mitgeteilt hat, es sei umgekehrt,
wegen Garzweiler werde die Ökosteuer scheitern. Unsere "Realos" und
"Linken" hielten sich die Ohren zu! Und dann der Transrapid. Die hessische
rot-grüne Regierung hat ihn im Bundesrat passieren lassen, weil er
"sowieso nicht kommt", wie Joschka Fischer und andere tönten. Glaubt
er, Schröder wird dieses Projekt stoppen? Und geht etwa Jürgen Trittins
Strategie auf, daß Schröder als Kanzlerkandidat mehr Stimmen der Mitte, die
Grünen dafür mehr linke Stimmen erhalten?
Es ist eigentlich sonnenklar, daß die Grünen jetzt von
sich aus bekanntgeben müßten, daß sie auf keinen Fall mit dieser SPD eine Koalition
eingehen. Schluß mit "rot-grün"! Die SPD hat sich in den letzten 20
Jahren um nicht einen Flohsprung bewegt. Nur die Grünen haben sich verändert,
nicht zu ihrem Vorteil: gegen Schmidt haben sie gekämpft, für Schröder hissen
sie die weiße Fahne und rollen die grüne ein. Schröder gegen Kohl ist genau
das, was er selbst sagt: er ist jünger und weniger verbraucht, Osram-Nachschub
für die ausgebrannte Kohl-Birne, und, das wenigstens ist nicht schlecht, wenn
er die Kanzlerrunde wiederbelebt, werden alle mitmachen. Er wird zwar viel zu
feige sein, sich der Krise der Arbeitsgesellschaft zu stellen, von den Katastrophen
der Ökologie ganz zu schweigen, er wird also kostbare Zeit für nichts und
wieder nichts, für einen bloßen Aufschub, versüßt durch das tolle, geile, großartige
Machtgefühl, verbrauchen, aber immerhin, es wird ein paar Arbeitslose weniger
geben, das ist auch schon nicht zu verachten. Ja doch, er soll Kanzler werden.
Und an der Spitze einer großen Koalition stehen! Was haben die Grünen damit zu
schaffen? Aber was soll's - sie wollen sich nun mal an seine Rockschöße hängen.
2
Vielleicht gewinnt Schröder die Wahl gar nicht. Immerhin
bleibt noch abzuwarten, ob die Wähler nicht wie vor vier Jahren zu Kohl, oder
eher diesmal zu Schäuble überlaufen, wenn plötzlich wundersamerweise die
Arbeitslosenzahl abnimmt und der "große Umschwung" behauptet wird. Argumente
in der Richtung, die Regierung könne unmöglich einen Umschwung bewirken, da sie
nicht auf das hierfür einzig mögliche Rezept, den ökologischen Umbau, setze,
kann Schröder ja nicht vorbringen. Was dann? Aber nehmen wir ruhig an, er
gewinnt die Wahl und es kommt zur rot-grünen Koalition. Die Grünen werden ihr
Ökosteuerprogramm mit diesem Kanzler nicht durchführen können. Schlüsselministerien
werden sie auch nicht erhalten. Sie werden am Ende nicht einmal ihre "Regierungsfähigkeit
bewiesen haben". Also, was sollen sie anstellen? Ich sehe immerhin eine
Perspektive im "Bündnis für Arbeit", der Kanzlerrunde, die Schröder
wiederbeleben will, ja zum Angelpunkt seines Wahlprogramms gemacht hat.
Das ist die Neubelebung des Neokorporatismus, einer
Regulationsweise, die früher keynesianisch funktionierte, vom Keynesianismus anscheinend
aber auch abgekoppelt werden kann. Der Umstand, überhaupt mitreden zu dürfen,
macht alle kompromißbereit und gefügig, selbst wenn es fast nur eigene Opfer zu
verhandeln gibt: Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Staat. Europäische
Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, daß hier tatsächlich etwas bewegt werden
kann. Es kann Arbeitszeitverkürzung initiiert werden. Man kann eine betriebsorientierte
Flexibilisierung des Tarifvertrags aushandeln, die dennoch die Kontrolle bei
den nationalen Dachverbänden beläßt. Man kann eine Rentenreform, eine
Steuerreform in diesem Kreis beraten, verhandeln, absegnen lassen. Man kann in
diesem Zusammenhang beschließen, daß Unternehmer, die aus ihrem Unternehmerverband
austreten, mehr Steuern zahlen müssen. Das ist ja alles nicht von Übel, auch
wenn dafür eigentlich keine Ökologenpartei gebraucht wird. Ökologen werden sich
aber für zwei Nebenaspekte dieser Neubelebung des Neokorporatismus interessieren.
Erstens sind die europäischen Bündnisse für Arbeit
vielfach schon zum Vorbild analoger Bündnisse für die Umwelt gemacht worden, so
besonders in den Niederlanden, die in der einen wie anderen Hinsicht der
europäische Vorreiter sind. Gerade die korporatistischen Akteure sind nämlich,
wie man schon im Dokument der Konferenz von Rio nachlesen kann, die Hauptakteure
auch von nationalen Umweltplänen, die in vielen Ländern schon existieren,
während in Deutschland bisher nicht einmal ihre Vorstufe, die kommunale
Willensbildung im Prozeß der Lokalen Agenda 21, so recht in Gang gekommen ist.
Wie sehr die Grünen heute fast nur noch zum Schein eine ökologische Partei
sind, sieht man drastisch daran, wie wenig sie sich um diese Dinge kümmern.
Michaele Hustedt immerhin hat schon des öfteren einen nationalen Umweltplan
angemahnt, aber wer weiß schon davon? Warum hat sie die Forderung nicht auf der
BDK in Magdeburg wiederholt? Da hätte sie hingehört! In Magdeburg, wo es den
Freundinnen und Freunden dämmerte, daß die Ökosteuer zwar eine fleißige kameralistische
Arbeit, aber keine sehr geschickte politische Losung ist. Warum hat dort
niemand vorschlagen können, der Ökosteuerforderung die Forderung eines nationalen
Umweltplans an die Seite zu stellen? Und warum kümmert sich niemand um den Lokalen
Agenda-Prozeß? Aber was nicht ist, kann ja noch werden, spätestens wenn die
rot-grüne Regierung zu arbeiten begänne.
Zweitens sind die neuen europäischen Bündnisse für
Arbeit so angelegt, daß sie nicht mehr wie früher auf "Vollbeschäftigung"
und volkswirtschaftliches Wachstum im allgemeinen hinarbeiten (auch wenn sie
natürlich meistens behaupten, sie täten es), sondern sie beschränken sich
darauf, ausgewählte Branchen und Produkte zu fördern, die als besonders
chancenreich in der Weltmarktkonkurrenz angesehen werden. Den entsprechenden
Diskurs gibt es längst auch in Deutschland, wo man immer mit Biotechnologie
"innovativ" sein will, und selbstredend mit Autos, Autos, Autos. Ein
deutsches Bündnis für Arbeit wird genau diesen antiökologischen Diskurs in die
Tat umsetzen. Und da gibt es dann für Ökologen allerlei zu tun. Zunächst einmal
werden sie fordern, daß es nicht einen Korporatismus für nationale Umweltpläne neben dem Korporatismus für Autos,
Biotechnik und andere Antiökologie geben sollte, sondern, wenn schon, dann ein
und denselben Korporatismus, ein und dasselbe Bündnis für Arbeit, in dem
sozusagen das notwendige Maß deutscher Arbeit, Ökologie und Antiökologie
ausgehandelt wird. Wenn schon Widersprüche, dann sollen sie wenigstens deutlich
sein. Und dann werden die Ökologen darüber zu reden beginnen, wer eigentlich
mit welchem Recht diese Branchen und Produkte auswählt, die da ihre Chancen in
der Weltmarktkonkurrenz wahrnehmen sollen. Nur das Kapital? Warum eigentlich?
Steht das so im Grundgesetz? Steht da nicht etwas ganz anderes? Ist da nicht
eher von freien Wahlen und sogar von Enteignungen im Gemeinwohlinteresse die
Rede?
Das könnte dann doch noch recht spannend werden.
Literatur:
Vgl.
meinen Artikel Verhandeln ist besser in Freitag 7/1998, der sich besonders auf
den Überblick bei Philippe C. Schmitter
/ Jürgen R. Grothe, Der korporatistische Sisyphus: Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft, in Politische Vierteljahresschrift 3/1997, 530-554, stützt. n
„In diesem Jahr befinden wir uns
nicht nur in einem Wahljahr, sondern auch vor einem Epochenwechsel. Dafür
sprechen eine Reihe von Indizien auf ganz verschiedenen Ebenen. Sehen wir uns
einige dieser Ebenen ein wenig genauer an:
Die globale Ebene
Nach
der “Globalisierungsbonanza“, die in den vergangenen anderthalb bis zwei Jahrzehnten
von den westlichen Industrieländern, den USA und Großbritannien ausging und in
aller Welt losgetreten worden ist, setzt sich heute immer mehr die Erkenntnis
durch, daß die Deregulierungsrevolution ihre Kinder frißt. Die Emerging Markets
drohen zu Submerging Markets zu werden. Als Wachstumsmodelle hätten sie dann
ausgespielt.
.....
Vor
allem die deregulierten Finanzmärkte fressen nicht nur ihre Kinder in Asien, sondern
auch in anderen Regionen der Welt mit handfesten Auswirkungen auch für uns, die
reichen Industrieländer. Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich hat in
einem Artikel der Financial Times vor etwa drei Wochen von der heraufziehenden
Deflationsgefahr gesprochen. Wenn es stimmt und es sprechen Indizien dafür, daß
es stimmt, dann hat das für uns hier in der Europapolitik ziemlich gravierende Folgen.
Denn dann wäre eine Politik, die sich die Stabilitätskriterien von Maastricht
zu eigen macht und die Inflationsgefahr an die Wand malt, völlig übertrieben.
Dann würde eher die deflationär wirkende Stabilitätspolitik
eine Gefahr für andere Bereiche, etwa für den Arbeitsmarkt, sein.
Die
Finanzmärkte, dafür sprechen die Krisentendenzen, sind außer Kontrolle geraten.
Nicht umsonst hat die Bundesbank zum ersten Mal am Ende des letzten Jahres
Zahlen über ihre Entwicklung geliefert. Aus ihnen geht hervor, daß der Handel
mit den neuen Finanzinstrumenten, den Derivaten, um das 500fache in den letzten
10 Jahren angestiegen ist. Die täglichen Umsätze an Devisen betragen an die
1500 Milliarden US-$, höchstens 50-60 Milliarden US-$ sind für den Welthandel
und für reale Investitionen nötig, der Rest ist nichts als Spekulation. Aber
die Spekulation führt nicht, wie es die neoliberale, neoklassische
Wirtschaftstheorie sagt, zu geringeren Schwankungen der Wechselkurse etc., sondern
sie reproduziert beständig die Differenzen etwa zwischen aktuellen und erwarteten
Kursen. Nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit ist der Effekt dieser Märkte und
diese Ungleichheit ist immer wieder Anlaß für neue Spekulationen und für neue
Krisen. Daß diese Krisen nicht nur im finanziellen Bereich verharren, sondern
verheerende Auswirkungen auch auf die übrigen Bereiche der Gesellschaft haben,
hat nicht nur die Krise in Mexiko 1994 gezeigt, als innerhalb eines Jahres das
Sozialprodukt (um 8%) und die Löhne stark gesunken sind und die Arbeitslosigkeit
dramatisch gestiegen ist. Auch die Brände im südostasiatischen Raum sind unter
anderen eine Folge des Crashes.
Auf
der globalen Ebene sollte auch die Situation in Ost- und Mitteleuropa in den
Transformationsgesellschaften in Rechnung gestellt werden. Dieser Transformationsprozeß
droht, wie die internationale Arbeitsorganisation in ihrem Jahresbericht
schreibt, die Gefahr einer sozialen Explosion heraufzubeschwören. Es ist nicht
das eingetreten was viele erwartet haben, nämlich daß durch einen heterodoxen
Schock, durch die Einführung der Marktkräfte und der parlamentarischen
Demokratie im sehr formalen Sinne, die Modernisierung und der Wohlstand
eingetreten wäre. Vielmehr sind in den osteuropäischen und GUS Ländern Prozesse
im Gange, von denen man nicht weiß, wohin sie führen werden. Sie führen nicht
zu einem “zivilisierten Kapitalismus“, sondern zu irgend etwas anderem, von dem
wir nicht genau wissen, was es sein wird. Wir können nur hoffen, daß die
beschworene soziale Explosion nicht eintritt. Zu der neuen Situation eines
“unzivilisierten Kapitalismus“ gehört in einer Reihe von Ländern auch die
Herrschaft der Kriminalität, der Mafia. Dies wird für die Lebensbedingungen der
Menschen, für den Umgang mit der Natur, für den Frieden in den Gesellschaften
und zwischen den Ländern möglicherweise noch sehr nachhaltige und nicht nur
positive Folgen haben.
Was wird aus Europa
Europa
wird auch für nationale Belange zu einem immer wichtiger zu beackernden Politikbereich.
Die gegenwärtige Kernfrage ist natürlich die, ob der Euro kommt oder nicht
kommt. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es ist möglich, daß der Fahrplan
noch mal verändert wird und der Euro nicht kommt, aber was passiert dann eigentlich?
Gibt es dann einen Rückfall in nationalstaatliche Politik, einen neuen Wohlstandschauvinismus?
Würde das auch bedeuten, daß andere Politikfelder, wie die gemeinsame
Sicherheits- und Außenpolitik, neu gefaßt werden müssen? Manchmal wird die
Frage um den Euro in dieser Hinsicht in sehr isolierter Weise behandelt.
Wenn
er kommt, wie er nach Ansicht der Konservativen kommen soll, sind die Wirkungen
auf den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme bekannt. Was jetzt die Wechselkurse
abfangen können, müssen dann die Arbeitsmärkte und Sozialsysteme abfedern. Die
Vorschläge der Konservativen und Neoliberalen lauten denn auch: Mit dem Euro
müssen wir die Arbeitsmärkte weiter deregulieren und die Sozialsysteme abbauen,
damit es nicht zu endlosen Transferzahlungen von den ‚reicheren‘ zu den ärmeren
Regionen kommt.
Aber
muß man dieser Linie der Deregulierung als einer möglichen Antwort auf den Euro
folgen? Gibt es eine linke Antwort auf den Euro? Man kann den Euro annehmen -
wenn man ihn denn nur schlecht und verlustreich stoppen könnte - um konsequent
einen regulierten europäischen Sozialstaat zu errichten.
Auf
der bundesrepublikanischen Ebene ist das System Kohl, wenn es denn ein System
ist, aber es klingt so schön - am Ende. Es hat seine Glaubwürdigkeit verloren.
Blühende Landschaften sind zum geflügelten Wort und zu einer geflügelten Häme geworden
gegen den, der sie versprochen hat; die Halbierung der Arbeitslosigkeit, das
andere große Versprechen ist ja noch rechtzeitig vor der heißen Wahlkampfphase
von der eigenen Partei und von Kohl zurückgezogen worden.
Das
entscheidende ist, daß mit dem Politikkonzept, für das diese Regierung verantwortlich
ist, keines der beiden Versprechen hätte eingehalten werden können. Es ist kein
historischer Zufall, der Kohl da einen Streich gespielt hat, sondern es ist das
eigene Politikkonzept, das verhindert, daß blühende Landschaften im Osten
entstehen können und es ist eine Konsequenz dieses Politikkonzeptes, daß die
Arbeitslosigkeit sich nicht reduziert, sondern auf 5 Mill. vergrößert hat.
...
Wenn
es weder auf globaler Ebene, noch in Europa noch in Deutschland so weiter gehen
kann, wenn es um neue Rezepte gehen muß, dann stellt sich an der Wegscheide die
Frage, in welche Richtung dieser Wechsel läuft. Daß es um mehr geht als die Bestätigung
oder Abwahl einer Regierung, wird ja auch daran deutlich, daß sich auf der
rechten Seite tatsächlich sehr viele daran gemacht haben, Konzepte für einen
Wandel zu entwickeln, Konzepte die zum Teil nachgerade revolutionären Charakter
haben.
...
Aber
welche Möglichkeiten einer linken Bifurkation, eines linken Abzweiges gibt es
eigentlich. Es stellt sich also die Frage nach dem rot-grünen Projekt. Ich will
dazu 4 Ziele benennen:
Frieden
Dieses
Ziel kann man nur diskutieren, wenn man auch über das Ziel Gleichheit und zwar
auf globaler Ebene diskutiert. Dort, wo es Ungleichheit gibt über ein bestimmtes
Maß hinaus, gibt es Konflikte, destabilisieren sich die Verhältnisse, oder sie
werden destabilisiert. Das neoliberale Projekt verzichtet auf irgendeine
Gleichheitsvorstellung. F.A. von Hayek hat explizit gesagt: ‚Ungleichheit ist
gut und nicht schlecht.‘ Was gewährleistet werden muß aus neoliberaler Sicht,
ist Freiheit, und zwar die Freiheit der Akteure auf Märkten. Die Konservativen
meinen nicht die Freiheit der Bürger in der Gesellschaft. Zur Gleichheit sagen
sie nichts. Ein linkes Projekt muß zur Gleichheit eine Aussage treffen. Die
Tatsache daß die Konflikte auf Grund der Ungleichheit zunehmen, ist ja
verantwortlich für eine Destabilisierung, die dann wiederum bloß den Anlaß für
militärische Eingriffe gibt. Über NATO: ja oder nein kann man nur sinnvoll
reden, wenn man sich auch über die Frage, wie mehr Gleichheit in der Welt hergestellt
werden kann, Gedanken macht. Wie ungleich die Welt ist, um eine kleine Zahl aus
dem Entwicklungsbericht des UNDP (UN Development Program), sieht man daran, daß
das Einkommensverhältnis zwischen den 5% Reichsten und den 5% Ärmsten der Welt
von 1961 bis 1997 von 30 zu 1 auf 78 zu 1 angestiegen ist. Heute also sind die
5% Reichsten der Welt 78 mal reicher als die 5% Ärmsten der Welt.
Die
Ungleichartigkeit wird also nicht kleiner, sondern größer, und wenn man über
Frieden redet, muß man über diese Zusammenhänge reden und wenn man über NATO
redet, muß man diese Zusammenhänge in Rechnung stellen.
Beschäftigung
Vollbeschäftigung,
so wird gesagt, sei nicht mehr möglich, sei kein sinnvolles Ziel. Vielleicht
war es das auch noch nie, je nachdem wie man es begreift. Jedenfalls zeigt
sich, daß die traditionelle Freisetzungsdynamik in kapitalistischen Gesellschaften
wieder voll durchschlägt. Insofern hat sich gar nichts geändert und man braucht
nicht so postmodern zu dünken, wie manche das tun. Auch im 19. Jh. Hat es diese
Freisetzungsdynamik gegeben, nur hatte man damals andere Auswege. Von 1820 bis
1900 haben etwa 50 Mill. Leute Europa verlassen. 50 Millionen Migranten und
Asylanten sind vor allem nach Amerika und Australien gegangen. Dieser Ausweg
ist aber heute nicht mehr möglich.
Die
ILO gibt die Zahl der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten (Beschäftigungsverhältnisse
zu sehr schlechten Arbeitsbedingungen, z.B. durch fast keine Entlohnung und
Unterbeschäftigung) mit 750 Millionen an. Auf Familien bezogen kann man sagen,
daß die Hälfte der Weltbevölkerung von Arbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigungssituation
betroffen ist. Das ist eine Steigerung der Dramatik. Die Vollbeschäftigung, die
es bis Mitte der 70er Jahre in der Bundesrepublik gegeben hat, war eine Ausnahme.
Die Reaktion auf die Freisetzungsdynamik im Nachkriegsdeutschland war die
Politik der Arbeitszeitverkürzung. Die Arbeitszeitverkürzungspolitik wird von
vielen, auch von vielen Linken heute abschätzig beurteilt. Ich möchte vor
dieser Haltung warnen. Es wird nicht anders gehen, als über
Arbeitszeitverkürzung wieder Beschäftigung zu erzeugen und es ist eine
europäische Politik, die sich hier herausbildet durch die Initiative der Linken
in Frankreich und Italien. Über dieses Ziel ist ein europäischer Konsens da,
und das ist nicht selbstverständlich.
Aber
diese Politik darf nicht isoliert betrieben werden. Sie muß einher gehen mit einer
Politik, die sich kümmert um das Verhältnis von Freizeit und Arbeitszeit. Arbeitszeitverkürzung
in einem Umfeld, indem freie Zeit eine Zeit der Hohlheit und der Leere ist, in
der nichts passiert, weil die gesamte Freizeit als Konsumsphäre verkommerzialisiert
ist, übt keinen Reiz aus. In dieser Situation ist es schwer das eigentliche
Ziel, die Gewinnung von Zeitsouveränität, gegenüber der Werbung und der
Kommerzialisierung durchzuhalten.
Zu
einer Politik der Vollbeschäftigung gehört auch, ich benenne es hier nur,
soviel ist darüber gesagt worden, die Notwendigkeit einer Reorganisation der
Geschlechterverhältnisse.
Der
Club of Rome und die Zukunftskommission der Freistaaten Sachsen und Bayern
schlagen vor, daß Gemeinwesenarbeit - auch Bürgerarbeit genannt - neben der Erwerbsarbeit
geleistet werden sollte. Sofern damit kein Zwangscharakter einher geht – und
die Gefahr ist groß, wie man z.B. an Leipzig sieht – ist das verfolgenswert.
Aber die Grenze zur Bürgerarbeit als Zwangsarbeit muß immer scharf gezogen
sein. Aus der kapitalistischen Realität, aus den Erfahrungen mit ihm, folgen in
dieser Hinsicht harte Restriktionen für eine Neuerung.
Eine
Lösung der Beschäftigungskrise ist schließlich nicht möglich, wenn man den öffentlichen
Sektor weiter abbaut. Es muß, wenn der private Sektor nicht in der Lage ist,
die Menschen zu vernünftigen Bedingungen zu beschäftigen, der öffentliche
Sektor in die Pflicht genommen werden. Es steckt darin auch die Option, den
öffentlichen Sektor auszubauen. Längerfristig muß das negative Image, das der
Ausbau des öffentlichen Sektors hat, wieder verschwinden.
Gleichheit
Mehr
Gleichheit schließt ein, daß man neue Regulierungsinstrumente einsetzt. Ich nenne
zwei: das eine ist sehr bekannt und absolut enttabuisiert, die Energiesteuer.
Über die Frage, wie sie ausgestaltet wird, kann man sich lange streiten, aber
daß die Energiesteuer als marktkonformes Instrument kommen muß, ist keine
Frage. Damit könnte auch der Energiehunger abgesenkt werden und dies hätte dann
auch positive Effekte für den Frieden in der Welt. Arbeit wird billiger im
Verhältnis zu fossiler Energie. Und selbstverständlich könnte die Schadstoffemission
gesenkt, damit die Nachhaltigkeit
verbessert werden.
Ein
zweites Regulationsinstrument müßte an den Finanzmärkten ansetzen. 95% der Umsätze
sind Spekulationen, sehr kurzfristige Anlagen, manchmal nur für wenige Stunden.
Bisweilen macht das Kapital mehrfach am Tag ‘Rundreisen‘ und diese müßten verteuert
werden, um der Spekulation den ‚Stachel‘ zu nehmen. Man wird die Spekulation
nicht verhindern können und vielleicht sollte man das auch gar nicht, aber man
sollte ihr den Stachel nehmen, um die Destabilisierung, das Krisenhafte zu
reduzieren. Dazu dient die Tobinsteuer, benannt nach dem amerikanischen
Nobelpreisträger James Tobin, der sie schon Anfang der 70er Jahre vorgeschlagen
hat. Eine Steuer auf Kapitaltransaktionen. Dies würde die Spekulation, die
Zirkulation des Finanzkapitals, entschleunigen. Damit könnten Krisen, wie in
Mexiko 94 oder in Asien im letzten und diesem Jahr, wie in Brasilien spätestens
nach den Wahlen, nicht unmöglich, aber doch unwahrscheinlicher gemacht werden.
Zusammen mit einer Energiesteuer, die ja auch entschleunigt, wäre das ein
geschlossenes Konzept, das auch in der Kombination Sinn machen würde.
...
Nachhaltigkeit
Das Ziel, das in grüner Programmatik immer an erster
Stelle steht, setze ich an den Schluß, einfach deshalb, weil Nachhaltigkeit
eine Querschnittsaufgabe von allem ist und überall mit drin sein muß. Wenn von
Gleichheit in Bezug auf den Energieverbrauch geredet wird, dann ist das selbstverständlich
auch immer eine Forderung nach Nachhaltigkeit. Wenn von Frieden die Rede ist,
dann muß als Voraussetzung die Umwelt geschützt sein. Das Ziel Nachhaltigkeit
ist nicht isoliert zu diskutieren und erst recht nicht isoliert zu erreichen.
Vor 13 Jahren tagten hier in Hannover die Grünen. Anlaß war der Kongreß zum
Umbau der Industriegesellschaft. Diese Aufgabe besteht immer noch, sie ist noch
nicht eingelöst. Schon damals war klar: Nachhaltigkeit ist nicht etwas nur die
isolierten Politikfeldern betreffendes, sondern setzt gesamtgesellschaftlichen
Umbau voraus. n
Vollbeschäftigung
neu bestimmen
-Wege aus der Jobkrise-
Tagung des
europäischen Aufrufs für Vollbeschäftigung
Berlin, 9. und 10. Mai 1998
Tagungszentrum Haus am Köllnischen Park
12.00 –13.00 Uhr: Eröffnung
13.30 – 15 Uhr: Impulsreferate:
Ein neues Leitbild der Vollbeschäftigung (Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach, Kath. Hochschule St. Georgen, angefragt)
Beschäftigungspolitik in europäischer Perspektive – Aufgaben und Instrumente (Ken Coates, MdEP, Brüssel)
Arbeitszeitverkürzung und doppelte Umverteilung (Dr. Ingrid Kurz-Scherf, Universität Marburg)
15.30 – 19.00 Uhr Foren
1.: Der Euro kommt – gehen die Arbeitsplätze?
2: Weniger arbeiten, gerecht teilen, besser leben
3: Nachhaltigkeit schafft neue Arbeit
4: Solidarität statt Ausgrenzung
19.30 – 21.00 Uhr Diskussion:
Wir können auch anders! – Unsere Wege aus der Jobkrise – Harald Schumann (Der Spiegel) befragt VertreterInnen aus Kirchen, Gewerkschaften, Erwerbslosenverbäden, Wissenschaft und Parteien zu den Anforderungen an eine neue europäische und deutsche Beschäftigungspolitik
10.00 – 12.00 Uhr Beratung
über Berliner Thesen zu den Anforderungen an eine deutsche Beschäftigungspolitik mit europäischer Dimension; mit Frieder Otto Wolf, MdEP, Berlin
Ausführliches Tagesprogramm
und Anmeldung bei:
Frank Schmidt, Gewerkschaft
Holz und Kunststoff
Sonnenstr. 10; 40227
Düsseldorf
Fax: 0211 7703210
Auch das Gejammer der Handelskammer über das prognostizierte Chaos einer rot-grünen Regierung hat eher motiviert — hieß es doch im Wahlprogramm, unsere Politikkonzepte würden Streit mit der Handelskammer und anderen uns fernstehenden Verbänden provozieren.
Um
so größer war die Ernüchterung nach Abschluß der Verhandlungen — vielen Grünen
fiel es schwer, die typisch grünen Projekte im Vertrag aufzufinden. Bis zur
Unkenntlichkeit verwässert, verkleidet als Prüfaufträge, versteckt im
Kleingedruckten oder verbannt in das nichtöffentliche Protokoll: das war der
erste Eindruck vom 90-seitigen Koalitionsvertrag.
Wie war das noch mit der „Freiheit, anders zu handeln“?
Wo ist sie geblieben, die Provokation der
Handelskammer? Welches sind die Schritte in grüne Richtung, die im Wahlprogramm
als Voraussetzung für eine Regierungsbeteiligung gefordert wurden? Und vor
allem: wo war das grüne Selbstbewußtsein geblieben?
Verschwunden
im Haushaltsloch, versteckt unter dem Tisch der Handelskammer, aufgelaufen im
von der SPD kontrollierten Verwaltungsapparat, abgeschmettert von der
befürchteten öffentlichen Meinung, zerschellt an der „Mauer SPD“ — so könnten
überspitzt die spontanen Antworten lauten.
Wären
die Fragen ausschließlich so zu beantworten, dann allerdings hätte es keine
Koalition mit der SPD geben dürfen. Es gibt sie aber, und es gibt auch gute
Gründe dafür. Wie steht es also wirklich um die Durchsetzbarkeit von grünen
Inhalten in rot-grünen Koalitionen?
Zunächst einmal müssen die Rahmenbedingungen betrachtet werden, unter denen diese Verhandlungen stattfanden:
Die
Eingangsvoraussetzung für die Aufnahme der Verhandlungen war die Bereitschaft
der Grünen, die geplante Haushaltskonsolidierung mitzutragen. Hätten wir dieses
abgelehnt, wären die Gespräche mit der SPD sofort beendet gewesen. Damit mußten
alle grünen Projekte zuerst durch das „Nadelöhr Haushalt“ gequetscht werden.
Dann
setzte sich die SPD unter den enormen Druck der CDU und derer nahestehenden
Verbände — der „Wirtschaftsstandort Hamburg“ durfte auf gar keinen Fall
gefährdet werden. Für grüne Inhalte bedeutete dieses das Aus, sofern sie sich
auf die Verhinderung der geplanten Großprojekte wie z.B. Elbvertiefung oder
Flughafenerweiterung bezogen. Dem Vorwurf der Wirtschaftsfeindlichkeit wollte
sich die SPD unter keinen Umständen aussetzen.
Die
nächste Grenze, an der einige grüne Projekte aufgehalten wurden, war die von
der SPD unterstellte und immer wieder hochgehaltene „Öffentliche Meinung“.
Nicht nur einmal mußte sich die grüne Verhandlungskommission den Satz anhören:
“Im Grunde sind wir uns ja einig, aber das wäre in der Öffentlichkeit das
falsche Signal.“ Da, wo es uns um die Stärkung der Schwächsten in unserer
Gesellschaft ging (speziell in der Asylpolitik), erwies sich der
Verhandlungspartner SPD als wenig bewegungs- und veränderungswillig — aus Rücksicht
auf die öffentliche Meinung.
Ein
besonderes Handikap lag im mächtigen Verwaltungsapparat, der geschlossen hinter
der SPD stand und teils in für uns unerträglicher Weise die Verhandlungen
beeinflußte. Dieses machte besonders deutlich, wie schlecht es um die
Durchsetzbarkeit grüner Projekte bestellt ist, wenn der Verhandlungspartner
bereits seit Jahrzehnten gewohnt ist, die Stadt überwiegend allein zu regieren
und sich mit Händen und Füßen dagegen sträubt, Macht abzugeben.
Verhandlungstaktisch gesehen war uns die SPD überlegen.
Der
jetzige Bürgermeister Ortwin Runde war der zentrale Punkt, bei dem alle Fäden
zusammenliefen, der sich souverän in allen Politikfeldern auskannte und immer
darauf achtete, daß die SPD-Positionen nicht oder nur nach zähem Ringen
aufgeweicht wurden. Diese Stärke der SPD war zugleich unsere Schwäche: nach
grüner Manier haben wir dezentral verhandelt, die Kompetenzen zwischen
Verhandlungsführerin und dem großen Rest waren nicht eindeutig geklärt,
strategische Fehler zu Beginn der Verhandlungen sind nicht auszuschließen.
Der
enorme Zeitdruck, unter dem die Verhandlungen in Hamburg standen (und dem sich
die Grünen unterworfen haben), hat zudem dazu geführt, daß sich die Verhandlungskommission
fast hermetisch abgeriegelt hat von Außenkontakten (abgesehen von zwei
Informationsrunden für die Basis). So blieb die Kommission weitgehend unter
sich — der kritisch-distanzierte Blick, der uns „auf den Teppich geholt hätte“,
fehlte. Statt dessen trat so etwas wie „Betriebsblindheit“ ein — sie führte
dazu, daß selbst noch so kleine Verbesserungen an den Forderungen der SPD durch
die rosarote Brille und damit als Erfolg gesehen wurden. Beispiel: Die
Formulierung der SPD „der Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen kommt
höchste Bedeutung zu“ wurde verändert in „... kommt hohe Bedeutung zu“. Der
Effekt war, daß die „grüne Meßlatte“ immer tiefer gehängt wurde.
Taktisch
gesehen halte ich es im Nachhinein auch für falsch, daß wir den grünen Empfehlungen
aus anderen rot-grünen Ländern gefolgt sind und die besonders brisanten
Projekte nicht „auf die lange Bank geschoben“, sondern gleich zu Beginn
(weg)verhandelt haben. Dieses hatte eine strategisch ungünstige psychologische
Wirkung zur Folge: Wenn im Laufe der Verhandlungen von Einzelnen eingefordert
wurde, doch bitte an diesem Punkt endlich einmal der SPD „die Pistole auf die
Brust zu setzen“, kam prompt der Einwand: „Wir können doch nicht jetzt
ernsthaft die Verhandlungen gefährden, wenn wir schon bei den Großprojekten
klein beigegeben haben.“
Und
last but not least war aus meiner Sicht die Durchsetzung grüner Projekte auch
deshalb so schwierig, weil die grüne Basis in ihrem Wahlprogramm ausdrücklich
auf die Nennung von „Essentials“ verzichtet hat — verhandelt werden durfte
alles, das Gesamtergebnis sollte ausschlaggebend für die Bildung einer
Koalition sein. Dieses Vorgehen hat möglicherweise zu wenig Druck auf die
eigene Verhandlungskommission ausgeübt — und am Ende der Verhandlungen konnte
es kein Zurück mehr geben, schon aus bundespolitischer Sicht nicht.
Nun hätte keine grüne Basis der Welt den Koalitionsvertrag mehrheitlich gebilligt, wenn nicht doch erkennbare grüne Inhalte durchgesetzt worden wären. Das Ringen um kleinteilige Projekte war daher die einzige Chance, die grüne Handschrift im Vertrag sichtbar werden zu lassen. In den kleineren Fachgruppen-Verhandlungen, die die SPD als hilfreiche Arbeitsform akzeptiert hatte, gelang es uns besser, Punkte zu machen und die teilweise zermürbenden Sitzungen in der Gesamtkommission zu entlasten.
Trotz der engen Spielräume ist es uns gelungen, viele grüne Projekte im Koalitionsvertrag zu verankern.
In
der Schulpolitik werden künftig grüne Ansätze und Projekte berücksichtigt (was
aber insbesondere aus Sicht der GEW nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß die
Grünen der Konsolidierung auch im LehrerInnenstellenhaushalt zugestimmt haben),
für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge wurde ein menschenwürdigeres Aufnahmeverfahren
vereinbart, zur Kontrolle der Polizei wird eine unabhängige Kommission eingerichtet,
in allen Politikfeldern wurden frauenpolitische Zielsetzungen vereinbart, für
gleichgeschlechtliche Paare konnten deutliche Verbesserungen hinsichtlich ihrer
Gleichstellung werden, in der Beschäftigungspolitik wurde eine
Teilzeitoffensive vereinbart, der Wille zum Ausstieg aus der Atomenergie
festgeschrieben, in der Umweltpolitik viele aus grüner Sicht sinnvolle
Maßnahmen ausgehandelt. Die Aufzählung könnte fortgesetzt werden.
Und
dem Koalitionsvertrag zugestimmt hat die Basis sicher auch in der Hoffnung, in
den kommenden vier Jahren könne es uns gelingen, durch Ausschöpfen aller Handlungsspielräume
noch möglichst viel grüne Politik in Hamburg sichtbar und spürbar werden zu
lassen.
Nun besteht die rot-grüne Koalition seit ca. fünf Monaten.
Die
Zeit ist zu kurz, um Bilanz ziehen zu können, aber doch lang genug, um eine erste
Einschätzung zu wagen, wie es denn nun um die tatsächliche Durchsetzbarkeit der
ausgehandelten grünen Inhalte bestellt ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht
lautet die Beurteilung: „Mühsam nährt sich das Eichhörnchen!“
Da
ist zunächst einmal die nach wie vor höchst unbewegliche SPD, die das Koalitionsgeschäft
häufig zu einem Problem macht. Sie ist es kaum gewohnt, daß sich ein Koalitionspartner
energisch einmischt — gerade auch in die Ressorts, die nicht in grüner Hand
sind. Vereinbarungen aus dem Vertrag werden durch Verwaltungshandeln praktisch
in’s Gegenteil verkehrt, und nur durch zähes Ringen auf allen beteiligten
Ebenen gelingt es, das Schlimmste zu verhüten. Beispiel: das Aufnahmeverfahren
für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge wurde mit Beginn der rot-grünen
Koalition sogar noch verschlimmert.
Positiv
wirkt sich aus, daß die grüne Fraktion nicht zu einem „Unterausschuß der
SPD-Fraktion“ mutiert ist (so, wie es die SPD gerne hätte), sondern
selbstbewußt auch weiterhin das Rückgrat besitzt, die Politik der SPD-geführten
Ressorts kritisch zu hinterfragen und zu beeinflussen versucht. Jüngstes
Beispiel: die „Filzaffäre“ in der Sozialbehörde, die im Rücktritt der Senatorin
ihren Anfang nahm.
Auch
die Zusammenarbeit zwischen Fraktion, grünen Senatsmitgliedern, Landesvorstand
und Landesarbeitsgemeinschaften hat eine neue Qualität erhalten — eine sinnvolle
Rollenverteilung der einzelnen Ebenen macht die Grünen insgesamt stärker (unter
der Voraussetzung, daß alle Beteiligten diese Rollenverteilung auch
anerkennen). Dem Landesvorstand (insbesondere der Sprecherin und dem Sprecher)
kommt dabei eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu — häufig da, wo den an
der Regierung direkt Beteiligten die Hände gebunden sind, kann der
Landesvorstand durch Positionsbestimmung sanften Druck oder auch Unterstützung
ausüben, um die Umsetzung grüner Inhalte zu forcieren.
Diese
eher positive Entwicklung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die unterschiedlichen
Ebenen nicht immer ein „Herz und eine Seele“ sind und dadurch manchmal auch die
Durchsetzungsfähigkeit grüner Positionen erschwert wird. Kommunikationsstörungen
zwischen Senatsmitgliedern und Partei verhindern bisweilen den notwendigen
Austausch und ein gemeinsam getragenes Vorgehen — damit erschweren sie aber
auch die Durchsetzungsfähigkeit gegenüber der SPD. Es ist schon erstaunlich,
wie schnell die Wandlung der grünen Senatsmitglieder zum assimilierten Bestandteil
des Gesamtsenats vollzogen wurde: Plötzlich muß sich die Fraktion von „ihrer“
Senatorin den Vorwurf gefallen lassen, sie habe noch nicht begriffen, was Regierung
wirklich bedeute und daß Regierungsbeteiligung etwas anderes sei als das
Schreiben kleiner und großer Anfragen. Und die Basis erfährt erstaunt aus der
Presse, daß es in einer Koalition nicht mehr vorrangig auf die
Parteizugehörigkeit ankomme.
Durch
solche Äußerungen wird das grüne Selbstbewußtsein, das ohnehin in einer Koalition
schweren Belastungsproben ausgesetzt ist, nicht gerade gefestigt. In Hamburg
ist es bisher gelungen, (fast) alle grünen Mitglieder unabhängig von ihrem
Abstimmungsverhalten zum Koalitionsvertrag weiterhin zu integrieren — das ist
eine unserer Stärken, auch gegenüber der SPD. Daß das aber so bleibt, liegt
nicht zuletzt in der Verantwortung unserer Senatsmitglieder.
Angekratzt
wird das grüne Selbstbewußtsein auch durch den Umstand, daß sich plötzlich
unsere ehemaligen Verbündeten gegen die Grünen formieren und uns heftig wegen
der rot-grünen Politik angreifen, z.B. die GEW oder auch eine neu gegründete
außerparlamentarische „Sozialpolitische Opposition“, ein Zusammenschluß von ca.
80(!) Initiativen und Verbänden aus dem sozialpolitischen Spektrum. Diese Erfahrung
ist für viele an der Regierung unmittelbar beteiligten Grünen bitter — aus
„Freundinnen“ sind „Gegner“ geworden. Diese Entwicklung aber läßt sich auch positiv
nutzen — wenn es gelingt, die außerparlamentarische Opposition als gesellschaftliches
Druckmittel und damit als Unterstützung zur Durchsetzung grüner Inhalte zu
begreifen.
Direktere
Unterstützung bei der Durchsetzung unserer Positionen erhalten wir dagegen von
Gewerkschaften und Verbänden, die zwar der SPD nahe stehen, sich aber von uns
wenigstens die Durchsetzung ureigener SPD-Positionen erhoffen (von denen sich
die SPD in ihrer Tagespolitik nicht nur in Hamburg meilenweit entfernt hat).
Besonders
erschwert wird die Durchsetzung grüner Inhalte durch mehr oder weniger offene
„Sabotage“ des Koalitionsvertrages durch schwarz-rot geführte Bezirke oder von
öffentlichen Unternehmen. Beispiel: Um den Atomausstieg auf Landesebene zu
forcieren, wurde mit der SPD vereinbart, ein Gutachten durch die Umweltbehörde
in Auftrag zu geben — mit dem Ziel, die Wirtschaftlichkeit der Atomkraftwerke
im Vergleich zu GuD-Kraftwerken infrage zu stellen und darüber einen Hebel zum
Ausstieg zu erhalten. Die Betreiber HEW aber verweigern den Zugang zu wichtigen
Daten und Bilanzen und machen damit ein fundiertes Gutachten mit entsprechender
Aussagekraft unmöglich. Um dem Ganzen noch eines obenauf zu setzen, hat nun die
HEW angekündigt, mit der Preussen Elektra eine gemeinsame Gesellschaft zum Betrieb
der vier Atomkraftwerke in Norddeutschland zu gründen — und sie damit
wirtschaftlicher zu machen. Dieses ist ein schwerer Schlag in’s Gesicht des
grünen Koalitionspartners und provoziert den Konflikt mit der SPD.
Mein Fazit: Eine rot-grüne Koalition kann nur so gut sein wie der Koalitionsvertrag — deshalb ist eine gute Verhandlungsstrategie und eine starke Verhandlungskommission das A und O für ein erfolgreiches Ergebnis. Fehler, die meiner Meinung nach auf Hamburger Ebene gemacht wurden, müssen auf Bundesebene von vornherein vermieden werden (für den Fall, daß wir in die Situation kommen, mit der SPD zu verhandeln).
Für die Durchsetzbarkeit grüner
Inhalte nach dem Schließen eines Vertrages ist unabdingbare Voraussetzung ein
starker Parteivorstand, der in der Lage und willens ist, die notwendige
Kooperation und Kommunikation aller an der Regierung beteiligten Ebenen zu
organisieren. Nur ein starker Koalitionspartner ist in der Lage, grüne Inhalte
durchzusetzen — und die Stärke macht sich daran fest, daß die gesamte Partei
die Koalition nachvollziehen und mittragen kann, auch wenn nicht alle dem Vertrag
zustimmen können. Wenn die Regierungsmitglieder ihre Basis im Regen stehen lassen
nach dem Motto „Ihr habt ja keine Ahnung, wie es ist, wenn mensch
Regierungsverantwortung tragen muß“, dann braucht sich niemand zu wundern, wenn
die Durchsetzungsfähigkeit zu wünschen übrig läßt und die Basis irgendwann ihre
Regierungsmitglieder im Regen stehen läßt. n
Die
Lust am Regieren und die Last des Regierens kam am Muttertag 95 über die NRW-
Grünen, als Landesvater Johannes Rau seine traditionelle absolute Mehrheit
verlor. Nach, in jeder Hinsicht, zähen Verhandlungen wurde dem Parteitag in
Kevelaer ein Koalitionsvertrag vorgelegt, der mit überwältigender Mehrheit
angenommen wurde. Die Empfehlung der Verhandlungskommission für den Parteitag
war einstimmig.
Blicke durch Zeitfenster:
Mit
dem heutigen Wissen um den Reformgehalt der rot- grünen Landesregierung und die
Entwicklung der NRW- Grünen war die Einstimmigkeit der Empfehlung und die
überwältigende Mehrheit für die Koalition ein politischer Fehler, denn viele
Niederlagen waren bereits angelegt. Insbesondere der Verkehrsbereich war an
verschiedenen Stellen “schlampig” verhandelt worden und bot daher eine Vielzahl
von “industriepolitischen” Interpretationsmöglichkeiten für den zuständigen
Fachminister Clement, der zu diesem Zeitpunkt freilich noch von führenden Grünen
als “Architekt” von Rot- Grün medial gefeiert wurde. Bei Garzweiler II hatte
man sich auf ein “Zeitfenster” eingelassen, anstatt eine Niederlage zu
kassieren oder einen schmerzlichen Kompromiß auszuverhandeln. Die später vom
Regierungslager beklagte “Wenn - Dann”- Formulierung war mitnichten von Linken,
sondern von Realos beim Thema Garzweiler über Jahre aufgebaut worden. Ansonsten
dominierten Prüfaufträge, Modellprojekte, Bundesratsinitiativen... den
Koalitionsvertrag. Greifbare, fiskalisch abgesicherte und juristisch verankerte
grüne bzw. rot- grüne Projekte waren im sehr umfangreichen Koalitionspapier
dagegen dünn gesät.
Dabei
darf man die derzeitige NRW- Landesregierung aber auch nicht schlechter reden
oder schreiben als sie tatsächlich ist. Im Bildungs- und Hochschulbereich war
NRW schon immer fortschrittlicher und “spendabler” als der Bundesdurchschnitt.
Bei der Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, bei der
Frauenförderung und in der Innenpolitik hat sich der Regierungseintritt der
Grünen positiv im Sinne einer Vertiefung und Beschleunigung sozialdemokratischer
und liberaler Projekte und Symbole ausgewirkt. Und in den Grünen Ministerien
(Bauen und Umwelt, Landwirtschaft und Raumordnung) werden in viel Kleinarbeit
viele ökologische Projekte verwirklicht. Den vielen kleinen grünen Erfolgen
stehen aber die vielen großen grünen Niederlagen entgegen, die das öffentliche
Bild prägen. Es ist dem Grunde nach, wie beim Tennis: Wer die Big Points macht,
der bestimmt die öffentliche Wahrnehmung und gewinnt das Spiel. Und die Big
Points hat immer der industriepolitische Superminister für Wirtschaft und
Verkehr Wolfgang Clement gemacht! Insbesondere der Ausbau sämtlicher Flughäfen,
der Autobahnbau und die Gewinnung und Verstromung der “heimischen” Kohle sind
Kernstücke der modernen Industriepolitik Clementscher Prägung. Aber auch als
“Automann”, als Förderer der “Bio”- Technik und als neoliberaler Prellbock der
heimischen Wirtschaft gegen die Ausbildungspaltzabgabe und Ökoabgaben gefällt
sich Clement.
Auf Filz und Beton
Dabei
ist Clement kein solitäres Ereignis, er verkörpert die Geisteshaltung der
Genossen an Rhein und insbesondere an der Ruhr, denen sich zumindest im
Ruhrgebiet eine umfassende Vermachtung aller Lebensbereiche, ein Hang zu Filz
und Beton und eine Vorliebe für industrielle Großstrukturen und Großprojekte
wie mentaler Kohlenstaub auf´s kleinbürgerliche Gemüt gelegt hat. Institutionell
wird diese Macht abgesichert durch die Verflechtungen von Politik und
Wirtschaft in Dreieck zwischen SPD, West- LB und RWE, mit ihren bestimmenden Einflüssen
auf die Tourismus-, Montan-, Energie-, Bau- und Rohstoff- Industrie.
Ausgerechnet
diese SPD, in vielem der CSU verwandt, wollten die linksreformistischen NRW-
Grünen auf rot- grünen Reformkurs bringen. Als Ergebnis läßt sich festhalten,
daß sich heute die Grünen unter dem Eindruck der Regierungsbeteiligung stärker
verändert haben, als die Politik der Landesregierung, der ab Sommer 98
ausgerechnet Wolfgang Clement als Ministerpräsident vorstehen wird, nachdem er
den Versöhner Johannes Rau erfolgreich aus der Staatskanzlei gemobbt hat.
NRW- Regierung: Weder begrünt noch beendet
Es
ist den NRW- Grünen und insbesondere den bündnisgrünen Linken nicht gelungen
ein tragfähige Strategie zu entwickeln mit der sich die Politik der
Landesregierung erfolgreich begrünen ließe. Es wurde aber auch keine tragfähige
Strategie entwickelt, mit der sich die Koalition mit der koalitionsunfähigen
SPD anständig beenden ließe, indem man deren sozialökologische Reformunwilligkeit
und die faktische Rückwärtsgewandheit des gesamten neoliberale Modernisierungsgerede
öffentlich kenntlich macht.
Für
diesen Zustand der NRW- Grünen sind parteiinterne Dynamiken verantwortlich, die
sich heute zu einer Spaltung der Partei und der Linken in ein Regierungslager
und ein Kritikerlager ausgewachsen haben.
Ausgangspunkt
der innerparteilichen Dynamik war stets die links dominierte Landtagsfraktion,
die rasch in drei Lager zerfiel: Realos, regierungsfreundliche Linke und regierungskritische
Linke. Der schlimmste Fehler der Landtagslinken war es, sich nicht auf einen
von allen Linken akzeptierte Repräsentanz im Fraktionsvorstand einigen zu
können. Hierdurch entstand die Situation, daß die linken Führungsfiguren im
Fraktionsvorstand immer nur einen Teil der Linken hinter sich wußten. Der linke,
aber regierungsfreundliche Sprecher der Landtagsfraktion befand sich hierdurch
in der prekären Situation einer doppelten Minderheit. Innerhalb des
Regierungslagers waren die regierungsfreundlichen Linken gegenüber den Realos
in der Minderheit, innerhalb der Linken kamen sie zunehmend gegenüber den
Koalitionskritikern in die Minderheit. Gleichzeitig war die regierungskritische
Linke immer nur halb beteiligt. Sie war zwar im Fraktionsvorstand vertreten,
mußte aber niemals aus einer Sprecherrolle heraus das gesamte Projekt
vertreten. Die regierungskritische Linke war daher geneigt und gezwungen sich
medial in der Rolle des regierungsamtlichen Kritikers zu profilieren, woran
einige MdL´s sicherlich auch ein gewisses Vergnügen fanden.
Diese
oben beschriebene Dynamik des Auseinanderdriftens der Linken im Landesverband
verschärfte sich bei jedem Konflikt innerhalb der Koalition, der Fraktion und
der Partei. Stationen waren die Entscheidung zum Verbleib innerhalb der
Koalition auf dem Parteitag in Hamm, obwohl Wolfgang Clement den
Koalitionsvertrag gebrochen hatte. Zur Erinnerung: Flughafen Dortmund,
Teilstück Opel Bochum als Teil der Autobahn von Düsseldorf über Bochum nach
Dortmund (DüBoDo),... Danach die Erstellung einer Teilbilanz der rot- grünen
Koalition durch vier Abgeordnete, die der Partei exklusiv auf der
Dokumentationsseite der Frankfurter Rundschau präsentiert wurde, Kontroversen
um die Privatisierung der Flughäfen Düsseldorf und Köln, die Erstellung
diverser anderer Leistungsbilanzen der rot- grünen Koalition und immer wieder
Garzweiler II.
Dafür oder dagegen?
Mit
jedem Konflikt wuchs der Spalt zwischen den Lagern und weitete sich zusehends
zu einem Graben aus. Die Definitionsmacht über den Graben hinweg hatte bald
ausschließlich die Frage, ob man denn nun dafür oder dagegen sei - für oder
gegen die Regierungsbeteiligung. Vertieft wurde der Graben zusätzlich noch
durch diverse Eitelkeiten, innerverbandliche Konkurrenz um Ressourcen und
Listenplätze, sowie durch geschickt inszenierte Regionalismen. So wurde von
Seiten des Regierungslagers eine strömungsübergreifende Initiative der Koalitionsgewinner
in den rot- grünen Städten inszeniert, allesamt Mittelstädte die außerhalb des
Ruhrgebiets liegen und kommunal mit vergleichsweise moderaten Sozialdemokraten
gesegnet sind. Dem gegenüber stellten die Koalitionskritiker die sogenannte
Rhein- Ruhr- Schiene, die ein Bündnis der geschädigten Verliererregionen darstellten.
Wesentlich an dieser Bündnispolitik war, daß die häufig zufällige Betroffenheit
und Sekundär- Motive (Schädigung durch Clement´s Flughafenpolitik versus
Hoffnung auf Hilfe aus Düsseldorf für rot- grüne Kommunalpolitik) die
tatsächlichen Konfliktlinien überlagerten.
Wie
tief und breit der Graben mittlerweile geworden ist, zeigt das Schicksal der Menschen,
die sich dem Lagerdenken verweigerten indem sie sich erlaubten in Hamm für und
in Jüchen gegen die Koalition zu votieren. Sie zogen sich nämlich unvermittelt
das, euphemistisch formuliert, Mißtrauen beider Lager zu und verloren auch noch
die Gewißheit wenigstens auf der richtigen Seite zu stehen.
Für
die Linke haben sich beide Strategien, sowohl die des Regierungslagers, als
auch des Kritikerlagers als nicht tragfähig herausgestellt.
Links abbiegen ins Regierungslager
Zunächst
wirkt das Konzept der Regierungslinken überaus sympathisch: Links sein und
mitregieren, inhaltlich auf gesellschaftlichem Reformkurs bleiben und
gleichzeitig Verantwortung als Regierungspartei übernehmen, das ist schon was.
In der Realität gelingt diese Quadratur des Kreises nicht. Das liegt an den
tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen und an der real existierenden
SPD. Gleichzeitig scheitern die Regierungslinken an der fehlenden Massenbasis
innerhalb der Partei. Sie sind in höchstem Maße attraktiv für den Apparat, der
sich links fühlt, aber durch das Regierungsgeschäft gezwungen ist entgegen der
tatsächlichen oder vermeintlichen Überzeugung zu handeln. Dieses manchmal notwendige
Verhalten ist der linken Basis ohnehin schwer zu vermitteln. Hinzu kommt aber
die Tatsache, daß Regierungslinks auch eine gute Ausrede für Trittbrettfahrer
und Opportunisten ist, die ihre Chancen auf Ämter und Mandate durch ein Maximum
an Beliebigkeit optimieren wollen.
Das
Konzept vom “links sein und mitregieren” wird spätestens dann nachhaltig beschädigt,
wenn offensichtlich wird welche sozialdemokratischen Gemeinheiten den grünen
Unbedeklichkeitsstempel bekommen. Unter dem Label der “Durchforstens des
Verordnungsdschungels”, des “Sparens für Reformen” wurden unter Rot- grün die
kommunalen Leistungsgesetze per Artikelgesetz “reformiert”. Als Ergebnis wurde
ein Fall vom (neo-) klassischen Sozialabbau (Blindengeld, Personal- und
Qualitätsabbau in Kindergärten, Arbeitszeit für Feuerwehr,...) sichtbar, der
nur mühsam und nur in Teilen zurückverhandelt werden konnte. Insbesondere beim
Sozialabbau im Kindergartenbereich haben es Regierungslinke verpaßt, zusammen
mit den Eltern und dem pädagogischen Personal der Kitas, die von der SPD
scheinbar weniger als Bergleute und Stahlkocher geschätzt werden, ein konkretes
Reformbündnis zu formieren, das unmittelbar auf die Unterstützung der Kirchen
und größerer Teile der Gewerkschaften zurückgreifen konnte.
Regierungslinks
hat aber auch innerparteilich einen grundsätzlichen Webfehler: Die Regierungslinken
werden genau so lange gebraucht, wie sie die Mehrheit für das Regierungslager
sichern. Läßt sich die Mehrheit für das Regieren über eine Mitte- Rechts-
Strategie, oder über den Regionalismus anders organisieren, werden die Regierungslinken
nicht mehr gebraucht, da sie weder die Linke noch das gesamte Regierungslager
authentisch repräsentieren und in beiden Gruppen deutlich minoritär sind.
Folglich müßten die Regierungslinken entweder innerhalb des Regierungslagers
oder innerhalb der Linken mehrheitsfähig werden, was aber nicht gelungen ist
und nicht gelingen wird.
Hauptsache: Kritik
Die
Strategie des Kritikerlagers ist aber ebenfalls nicht tragfähig, da die
Strategie bereits vom Ansatz her auf eine strategische Minderheitenposition
angelegt ist. Zwar hält sich der Anteil der Koalitionskritiker konstant bei
einem Drittel bis nahe der Mehrheit. Dies ist aber eher der Tatsache geschuldet,
daß die SPD ständig Konflikte schafft, welche die grüne Basis zwangsläufig
renitent werden lassen. Besonders durchsichtig ist diese Strategie im
Ruhrgebiet, wo sozialdemokratische Hochburgen dadurch gehalten werden sollen,
daß die Wirkungslosigkeit der Grünen in der Landesregierung und die
Verläßlichkeit der SPD für ihre kleinbürgerliche und großindustrielle Klientel
permanent vorgeführt wird, indem man durch umweltzerstörende Großprojekte
(Autobahnuntertunnelung, U- Bahn- Bau, Golfplätze, Flughäfen,...) die grünen
Komunalpolitiker demütigt.
Das
Kritikerlager hat aber zunehmend ein Imageproblem. Wurde anfänglich noch akzeptiert,
daß die Kritik an der Sache gerechtfertigt sei, so wird heute unterstellt, daß
es den Kritikern gar nicht um die grüne Glaubwürdigkeit in einzelnen Sachfragen
geht, sondern um eine meßtechnisches Aufsummieren der Fehler der
Landesregierung und des grünen Führungspersonals. Weiter wird unterstellt, daß
die Kritik nicht kontextabhängig sondern grundsätzlich gegen eine grüne
Regierungsbeteiligung sei. Letztere Behauptung ist sicherlich falsch, aber
führende Kritiker haben es zunehmend unterlassen die Detailkritik mit der
Aussage zu verbinden, daß man die rot- grüne Reformperspektive trotz aller
Mängel für unterstützenswert hält.
Das
Fehlen einer vermittelbaren und mehrheitsfähigen Strategie der Regierungskritik
ist aber auch das Ergebnis des Einsammelns und Verstärkens aller denkbaren
kritischen Potentiale und der hieraus folgenden Entwicklung von der
“regierungskritischen Linken” über die “linken Regierungskritiker” zum Kreis
von “Kritikern” aller denkbaren grünen Schattierungen, von denen sich einige
selbst nicht unbedingt links verorten wollen. Wobei von einzelnen Kritikern vorgetragene
Thesen auch nicht unbedingt auf den ökosozialistischen Wunschzettel gehören.
Beispiele: Öko- Calvinistischer Konsumverzicht, Finanzökologie mit dem Ziel
einer Schuldenquote von Nullkommanull, Kohlepolitik gegen die Menschen der Region,
Flugtickets im Kontigent,...
Mittlerweile
hat die Kontroverse zwischen den verschiedenen linken Lagern, neben der
Spaltung in verschiedene Kreise und Zirkel, schon fast institutionelle Züge
angenommen. Die Reaktionen der Lager funktionieren wie paradoxe Interventionen,
die Vorwürfe sind spiegelbildlich austauschbar und Schuld haben immer die
anderen. Dabei tragen die Regierungslinken aber stets die größere
Verantwortung, da sie im Bündnis mit den Realos und anderen Regierungsfreunden
über die Mehrheit verfügen und in der Lage sind ihre Kritiker auszugrenzen, was
erstmals bei den Fraktionsvorstandswahlen im März 98 auch geschehen ist.
Ohne Lagerkoller?
Die
Spaltung der NRW- Grünen hat aber auch dazu geführt, daß größere Teile der
Linken sich dem Regierungs- Lagerdenken verweigern und die Frage der Regierungsbeteiligung
nicht als die alles überschattende Masterfrage akzeptieren. Das ist auch der
einzige erfolgversprechende Weg wieder zu einem gemeinsamen linksgrünen Projekt
zu kommen.
Dabei
kommt es darauf an, die Detailkritik an der Regierung, durch die Frage nach der
gesellschaftlichen Durchsetzbarkeit linker Politik auf alllen Ebenen des
gesellschatlichen Kampfes um soziale Emanzipation und Zukunftsfähigkeit zu
stellen. Denn unter dem Druck der neoliberalen Modernisierung, unter den
vermeintlichen und tatsächlichen Zwängen des Weltmarkts, unter den Bedingungen
von Massenerwerbslosigkeit und leer geräumter öffentlicher Kassen sind auch die
Gewerkschaften, die sozialen Bewegung und die streikenden Schüler und Studenten
nicht wesentlich erfolgreicher gewesen, als die Grünen in der Landesregierung
in NRW. Bezogen auf den “Industriestandort” NRW sollte endlich die Frage aufgeworfen
werden, ob der Übergang vom Fordismus zur “Dienstleistungsgesellschaft”
zwangsläufig in der Dienstbotengesellschaft enden muß, oder ob Politik im Zuge
des Strukturwandels insbesondere im Ruhrgebiet immer noch gestalten und
vielleicht sogar reregulieren kann.
Der
Anspruch an jede Regierungsbeteiligung in der Kommune, im Land und im Bund muß
dann aber auch sein, daß die Kampfvoraussetzungen für bessere Lebens- und
Arbeitsbedingungen nicht durch Grüne in Regierungsverantwortung desavouiert
werden. Wenn der Grüne Parteiladen seine Glaubwürdigkeit und seine
Bündnisfähigkeit gegenüber den Bewegungen, Gewerkschaften und Bürgerinitiativen
verliert, sollte man das Regieren lieber lassen. Ob im jeweiligen Kontext eine
Regierungsbeteiligung gerade noch sinnvoll ist, oder aber gerade nicht mehr,
muß kontextabhängig an den gesellschaftlichen Interessenlagen geprüft werden.
In
der derzeitigen Etappe wäre aber innerhalb der NRW- Grünen schon eine Menge
gewonnen, wenn alle Linken gemeinsam daran arbeiten würden die Voraussetzungen
für eine solche Kultur der solidarischen Kritik, des Streits um die grüne
Glaubwürdigkeit an der Sache und um die gemeinsame Mehrheit im Landesverband zu
erhalten.
Glückauf! n
Nach
dem Bosnien-Beschluß des Magdeburger Parteitages meinte Joschka Fischer
gegenüber den Medien: „Nun sind wir Abgeordnete wieder auf unser Gewissen zurückgeworfen.
Hätte der Parteitag anders entschieden, hätten wir die Grundlage für eine
positive Entscheidung für SFOR gehabt.“ Soll heißen: auf sein Gewissen darf
sich nur berufen, wer treu zur Bundeswehr und deren Auslandseinsätzen steht.
Bei
einem anderen Ausgang wäre natürlich klar gewesen, daß es keine akzeptablen Gewissensgründe
gegeben hätte, die linke Abgeordneten hätten geltend machen können, um gegen
den Parteitagsbeschluß und damit gegen die Verlängerung des SFOR-Mandats zu
stimmen.
Hier
wird deutlich, was auf die Parteilinke nach der Bundestagswahl zukommt. Denn
egal, welches Ergebnis es für Bündnis 90/Die Grünen gibt und welche Regierungskoalition
gebildet wird, den Schwarzen Peter wird immer die Linke haben.
Gibt
es kein Rot-Grün wegen fehlender Prozente von grüner Seite, wird es daran gelegen
haben, daß die Linke mit „ihrem Verbalradikalismus und ihrer Irrationalität“
der Partei den Stempel der „Regierungsunsfähigkeit“ aufgedrückt hat und damit
den schon sicher geglaubten Sieg verspielt hat. Damit gilt es dann natürlich
bis 2002 Schluß zu machen, denn diese Wahl wird dann wieder so entscheidend
sein, wie keine andere zuvor und die historische Chance eines „Rot-Grünen
Reformprojektes“ darf nicht leichtsinnig durch ein paar linke Querköpfe vergeben
werden. Dem könnte man sich aber entgegen stellen und konzeptionell und
strategisch dagegen arbeiten.
Auf
welche Probe aber die Parteilinke erst bei Rot-Grün gestellt wird, zeigt ein
anderes Fischer-Zitat nach der Magdeburger Bosnien-Abstimmung: „Wenn wir mit
der SPD im Herbst eine Koalitionsvereinbarung aushandeln, muß die Frage von
Bundeswehreinsätzen zweifelsfrei geregelt werden. Das muß von einem Parteitag
gebilligt und dann auch von allen getragen werden.“ (zum Thema
Gewissensfreiheit, siehe oben)
Daß diese Frage dann auf einem Parteitag geklärt werden wird, ist vollkommen klar und daß sie dann auch nicht so geklärt werden wird, wie sich die Linke das vorstellt, ist jetzt auch schon klar.
Die Erfahrungen Rot-Grüner Koalitionen in den Ländern haben deutlich gezeigt, daß die Kritik an den vorgetragenen Ergebnissen sehr groß war, daß aber dann letztendlich meist mit Ergebnissen jenseits der 90% den Koalitionsverträgen zugestimmt wurde. Natürlich wurden mit diesen Zustimmungen dann auch programmatische Pflöcke eingeschlagen, in welche Richtung sich die Partei entwickelt. Dies wird auf Bundesebene nicht anders sein.
Was
in diesem Koalitionsvertrag stehen wird, läßt sich an den bereits häufig vorgetragenen
drei grünen Knackpunkten für ein Rot-Grünes Bündnis - Einstieg in die
Öko-Steuer, Ausstieg aus der Atomkraft und Neuauflage des Bündnis für Arbeit -
festmachen: eigentlich gar nichts.
Auch
für die linke Struktur wird es bei einer Regierungsbeteiligung große
Einschnitte geben. Als Beispiel dient NRW, wo es gelungen ist, die Linke zu
spalten. Wir werden es auch auf Bundesebene erleben, daß es Personen geben
wird, die lieber in einer rot-grünen Regierung sitzen, als linke Politik zu
machen. Die ersten Kostproben hiervon hatten wir bei der Arbeitsmarktdebatte
auf dem Kasseler Parteitag und in Magdeburg.
Aber
warum eigentlich unbedingt mit einer Partei koalieren, die in den meisten Bereichen
mit anderen Parteien größere Schnittmengen hat als mit uns?
Bereits
jetzt rückt die SPD teilweise von ihrem Ziel ab, die gekürzte Lohnfortzahlung
im Krankheitsfall wieder rückgängig zu machen.
In
anderen Bereichen hat sie ihre Kritik an der Bundesregierung noch nicht einmal
geäußert. So ist eine liberale AusländerInnenpolitik mit einem „kriminelle
Ausländer schnell raus“- Kanzler Schröder schwer vorstellbar. Sein
Innenminister ist in der Frage des Abschiebe-Stopps für Kosovo-AlbanerInnen
auch sehr schnell wieder eingeknickt. Diese fast unüberbrückbaren Differenzen
gelten aber nicht nur auf dem Sektor der AusländerInnenpolitik sondern für den
gesamten Bereich Inneres.[5]
Nicht
umsonst hat die DVU auf eine Kandidatur bei der niedersächsischen Landtagswahl
verzichtet und sogar zur Wahl Gerhard Schröders aufgerufen. Auch wenn dies
vielleicht nur der Öffentlichkeitswirksamkeit dienen sollte, gilt es zu
konstatieren, daß niemand lauthals diese Konstellation wegen Unglaubwürdigkeit
ausgelacht hat.
Wer
außerdem weiß, wie schwer es bereits in der Kommunalpolitik ist, grüne Migrationspolitik
gegen den roten Koalitionspartner durchzusetzen, der kann erahnen, was mit
unserem Programm in diesem Bereich gegen eine starke SPD geschehen wird.
Denn
gerade in der Kommunalpolitik zeigt sich am deutlichsten die Differenz zwischen
dem grünen Wunsch nach einer SPD, die uns Grünen nahe steht und der Realität,
die immer wieder drastisch vor Augen führt, wie eng SPD und CDU programmatisch
verbunden sind.
Wenn
man die Abschiebepraxis in einer Stadt erlebt, in der die SPD 45 Jahre allein
regiert hat, ist schon lange kein Unterschied zur anderen Volkspartei mehr festzustellen.
Auch
in der Verkehrspolitik sind die Differenzen zwischen den beiden großen Parteien
verschwindend gering und in der Ablehnung von grünen Konzepten gab es schon
immer eine große Koalition.
Dies
gilt übrigens nicht nur für die Kommunalpolitik.
In
Rheinland-Pfalz ging nach dem Wechsel von Schwarz-Gelb zu Rot-Gelb der Straßenbau
unvermindert weiter. Von einer Verkehrswende sind wir im siebten Jahr eines
SPD-Ministerpräsidenten weit entfernt.
1991 war die SPD auch in Rheinland-Pfalz mit der Forderung nach einer Regierungsablösung und einem Politikwechsel angetreten. Eine komplett neue Regierung aufzustellen, war Rudolf Scharping aber aufgrund der Pflegeleichtigkeit der FDP doch zu mühsam.
Auffällig
ist hierbei die Parallele zur momentanen Situation. Kaum hatten Bündnis 90/Die
Grünen die 5.-DM in Magdeburg verabschiedet, hörte man bei der SPD sofort die
Rufe Richtung Liberale, sie sollen sich doch aus den Fesseln der CDU lösen. Im
Gegensatz hierzu kam statt der früheren Aussage „Rot-Grün auch bei einer Stimme
Mehrheit zu machen“ nun der Satz, daß „sich die Grünen aus dem Kreis der ernst
zu nehmenden Parteien verabschiedet hätten“.
Alles
nur Wahlkampfgeplänkel oder doch ein Zeichen für ein Rot-Gelbes Bündnis in
Bonn? (welches in Mainz aus Sicht der Regierungsparteien hervorragend funktioniert)
Für
uns als Parteilinke muß es darum gehen, klare Ziele und Perspektiven zu
formulieren, die deutlich über das hinausgehen, was bisher als Mindestmaß für
eine grüne Regierungsbeteiligung formuliert wurde.
Ohne
eine Perspektive für junge Menschen innerhalb dieser Gesellschaft, ohne eine liberale
Innenpolitik, ohne eine Verkehrswende (die mehr ist als der berühmte Einstieg),
ohne eine Abschaffung der Wehrpflicht brauchen wir über Rot-Grün erst gar nicht
zu reden.
An
das viel gepriesene „Reformprojekt Rot-Grün“ glaubt nach den Erfahrungen in den
Ländern ernsthaft sowieso niemand mehr und daß sich unsere Erfolge in der Opposition
sehen lassen können, bezweifeln noch weniger Menschen.
Also: Rot-Grün, wofür eigentlich?
Ein Schlüssel zur Analyse der
derzeitigen Situation sind die Koalitionsverhandlungen nach der für uns so
erfolgreichen Landtagswahl (11,2%) im Frühjahr 1995. Diese Koalitionsverhandlungen
verdienen auch deshalb Beachtung, weil sie die erste Bewährungsprobe für die
neue/alte Führungsgruppe nach dem Weggang Joschka Fischers nach Bonn im Oktober
1994 war.
Unsere
zentrale Aussage im Wahlkampf war: Jetzt geht es darum, daß Geschaffene
abzusichern. Sofort nach der Wahl war davon nicht mehr die Rede. Völlig unvorbereitet
kamen die 20%ige Haushaltssperre und eine finanzpolitische Hiobsbotschaft nach
der anderen. Damit einher ging ein großer Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust
gegenüber Partei und Öffentlichkeit.
Das "Superministerium" Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit war Ergebnis einer in sich widersprüchlichen Verhandlungsstrategie und einer gravierenden Fehleinschätzung der Partei.
Auf
der einen Seite stand der Anspruch, daß Kabinett zu verkleinern. Damit war der
Weg für ein drittes Ministerium verbaut. Auf der anderen Seite hatte die -
unter anderem von Joschka Fischer über die Medien lancierte - Forderung nach
einem sogenannten klassischen Ministerium die Geduld der Partei
überstrapaziert. Sie ließ sich von Interviews und Verlautbarungen nicht
beeindrucken. Ein Parteirat direkt nach der Wahl legte fest, daß die bisherigen
Ressorts unter den Stichworten Umwelt und Soziales nicht zur Disposition
stünden.
Um
aber dem selbstgesteckten Ziel doch noch gerecht zu werden, bekam die Partei
das Superministerium und das “klassische” Justizministerium. Damit waren
vermeintlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die lästige Partei bekam
ihr Umwelt und Soziales und unsere ”Vordenker” (Hinz, Müller, Weist, von
Plottnitz und aus der Ferne Fischer) ihre bundesweiten Schlagzeilen ”Erster
grüner Justizminister”. Daß sich die meisten in der Partei die Lösung so nicht
vorgestellt hatten, wurde als ungerecht und undankbar empfunden; ein Kritiker
sah sich auf der LMV vom ehemaligen Parlamentarischen Geschäftsführer Reinhold
Weist gar als ”Heckenschütze” tituliert.
Notgedrungen übernahm Iris Blaul das Superministerium, ohne jede Unterstützung durch die Macher in der Fraktion. Das politische Problem - Lebensgefährte Wenzel Mayer als ein Abteilungsleiter des Umweltministeriums - ist angeblich bereits in den Koalitionsverhandlungen als mögliches zukünftiges politisches Problem erkannt worden. Trotzdem gab es keinerlei Anstalten, seine Versetzung in ein anderes Ministerium als gemeinsame Aufgabe anzugehen, weder bei den grünen MinisterInnen, noch etwa bei der Fraktion. So wurde das Thema auch nicht auf die Tagesordnung der Koalition gesetzt.
Iris Blaul hat auf der Parteiratssitzung, die ihrem Rücktritt folgte, davon gesprochen, daß sie ”gegen das Machtkartell” verstoßen habe.
Ihr
wurde angelastet, daß die Partei sich unbotmäßig verhalten hätte, weil sie sich
weigerte, umstandslos vom Familien- ins Umweltministerium zu wechseln. Auch
hier ist die Geringschätzung, die der Partei gegenüber vorherrscht,
augenfällig. Iris Blaul wurde als diejenige wahrgenommen, die die „Revolte“ der
Delegierten des Parteirates gegen Alexander Müller, Reinhold Weist, Priska
Hinz, Rupert von Plottnitz u.a. und ihre Ministeriumspläne angeführt hat.
Das
Management des Rücktritts entwickelte sich zu einem Fiasko. Als Iris Blaul in
der Fraktion offenbarte, daß es ihr unmöglich sei, weiter mit ihrem
Staatssekretär Schädler zusammenzuarbeiten, wurde dieses Ansinnen wegen der
anfallenden hohen Pensionskosten zu Lasten der Steuerzahler abgelehnt. Trotzdem
hat danach niemand aus der neuen/alten Führungsgruppe das Gespräch weder mit
dem Betroffenen noch mit dem Ministerpräsidenten gesucht, um über Lösungsmöglichkeiten
zu beraten. Der Chef der Landesregierung wurde nicht einmal informiert, so als
ob die Entlassung des Staatssekretärs mit seinen Folgen nicht die gesamte
Landesregierung beträfe Insofern war der damalige Landesvorstand der Grünen dem
Ministerpräsidenten Eichel beinahe gleichgestellt. Der erfuhr es auch erst, als
der Rücktritt unumstößlich war.
Der Untersuchungsausschuß, der dem Rücktritt Blauls zwangsläufig folgen mußte - welche Opposition sollte solch eine günstige Gelegenheit schon verstreichen lassen - servierte dann als Sahnehäubchen schließlich die ”Umzugsaffäre” mit den 17.000 DM, die dem neuen Büroleiter anstandslos nach erfolgter Routineüberprüfung durch den damaligen Staatssekretär Alexander Müller, heute Fraktionsvorsitzender, genehmigt wurden, statt sich den Herrn zur Brust zu nehmen, auf den Rücktritt der Ministerin Pfarr zu verweisen und die Gewährung von Umzugskostenerstattung mit einem politischen Veto zu belegen. Politische Sensibilität gehört nicht zur Grundausstattung der hessischen “Spitzenleute”. Seither macht endgültig das böse Wort vom “grünen Filz” die Runde und sind die Grünen eine “stinknormale” Partei, eine Feststellung, die nach dem Rücktritt von Frau Nimsch erneut genüßlich aufgetischt wird.
Auch Margarethe Nimsch verstieß gegen das „Machtkartell“.
Als
Reinhold Weist bei der Wiederwahl zum parlamentarischen Geschäftsführer
scheiterte, berichtete die Frankfurter Rundschau über das Abstimmungsverhalten
aller Beteiligten ausführlich, obwohl es sich um eine geheime Wahl handelte.
Wie erhielt die Rundschau die Informationen? Reinhold Weist lastete sein
Scheitern der Ministerin an. Er erklärte öffentlich, daß er eine Rechnung mit
ihr offen habe. Kaum vier Wochen später wird M. Nimsch über einen anonymen
Brief aus den eigenen Reihen gestürzt. Wer sich dem Machtkartell widersetzt,
hat bei den Grünen in Hessen keine Perspektiven, der wird mit allen Mitteln zur
Strecke gebracht. Daß dies besonders für Frauen gilt, ist eine pikante
Ergänzung zum Image der Grünen, die sich als die Wahrer der Interessen von
Frauen verstehen. Als strahlender Held und Macher geht der Staatssekretär
Rainer Baake hervor. Er hat durch sein „entschlossenes“ Eingreifen Schaden vom
Land Hessen abgewendet. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Im
übrigen: Daß Reinhold Weist bereits vor über einem Jahr von der Fraktion das Vertrauen
entzogen wurde, weil ihm schwere handwerkliche Fehler zur Last gelegt wurden,
ist heute fast vergessen. Eine Partei, die das Banner der innerparteilichen
Demokratie wie eine Monstranz vor sich herträgt, leistet sich eine
Fraktionsspitze, die das bekundete Mißtrauen gegen den Parlamentarischen
Geschäftsführer einfach aussitzt, und so weiter macht, als sei nichts gewesen.
Im Prinzip ist die gesamte Struktur des "professionellen hessischen Landesverbandes" auf die Person Joschka Fischers zugeschnitten. Die meisten, die im hessischen Landesverband wichtigen Positionen bekleiden, sind von einer kleinen Gruppe um Joschka Fischer ausgesucht worden. Bei der Auswahl der Personen entschied einzig und allein das Treue-Prinzip, alles andere war nachgeordnet. Eigenständige Persönlickeiten duldete auch Fischer nicht. Demzufolge fand die Partei praktisch nicht statt, obwohl auf kommunaler Ebene hervorragende Arbeit geleistet wurde und wird.
Diese
“strukturlosen“ Strukturen mußten mit dem Weggang von Fischer nach Bonn notwendigerweise
über kurz oder lang zusammenbrechen, denn ohne seine inhaltlichen und taktischen
Vorgaben traten die Defizite der neuen/alten Führungsgruppe offen zutage. Sie
waren aber schon zu seiner Zeit nicht tragbar, denn die Partei reduzierte ihre
Identität mehr und mehr auf seine Persönlichkeit; Inhalte und Profil traten
immer mehr zurück. Bei der Besetzung von Positionen entfaltete Reinhold Weist
ungehindert seine destruktive Wirkung.
Seit Jahren schon spielen Partei und Landesvorstand eine untergeordnete Rolle.
Der
Vorstandsposten gilt bestenfalls als Sprungbrett zur Karriere in Bundes- und
Landtag oder zu einem anderen lukrativen Job. Ein besonders gutes Beispiel
dafür ist Tom Koenigs. Auch er ein Mann Fischers, übernahm die Aufgabe, den
mittlerweile kritisch gewordenen Landesvorstand wieder auf Linie zu bringen und
sich selbst für bundespolitische Aufgaben zu empfehlen. Jetzt will er die Krise
so schnell wie möglich vergessen machen, um seine Kandidatur für den Bundestag
nicht zu gefährden. Mit viel Energie versucht er allerdings, der Partei ein
neoliberales Profil zu verpassen.
Heute
muß man festhalten: Die Kritik der Partei ist leider bestätigt worden. Die Bildung
des Superministeriums war ein kapitaler Fehler, der zwei Ministerinnen verschlissen
hat. Das Justizministerium hat den Grünen in Hessen eher geschadet denn genutzt.
Zu Beginn zwei, drei bundespolitisch beachtete Inszenierungen und seitdem
„grauer Alltag“; ein Justizminister, den die Opposition vor sich hertreibt, wie
sie will. Immerhin, welche „Affären“ die Opposition auch immer aufdeckt, der
Justizminister kann sich - im Gegensatz zu den Frauen - der bedingungslosen
Unterstützung der eigenen Leute sicher sein.
Bilanzierend
läßt sich sagen: Es ist gelungen, den Grünen mit minimalstem Aufwand
größtmöglichen Schaden zuzufügen. Die Macher in der Fraktion, die Menschen im Vorstand
um Tom Koenigs, haben sich als inhaltlich belanglos und als strategische und
taktische Nullnummern erwiesen.
Die Partei muß sich ihre Entscheidungsmacht
zurückerobern. Sie muß endlich die Rolle des Zaungastes ablegen. n
Nicht nur wir behaupten: Sinnvoll sind Koalitionen
allemal, da ausgehend von der Pluralität der Meinungsbildung in einer demokratischen
Gesellschaft, also auch ausgehend von der Pluralität in der politischen
Willensbekundung eine absolut vorherrschende alleinige Meinung weder zu erwarten
- noch wünschenswert ist. Demzufolge ist es also nur logisch, daß zum handlungsfähigen
Agieren Interessenverbindungen in Form von Koalitionen gefunden werden. Das
Handicap dabei ist, daß die Erwartungen an Koalitionen - bzw. die Erwartungen
an das was man in Koalitionen an
eigenem Gedankenpotential durchsetzen kann, in aller Regel zu hoch gehängt werden.
Es scheint uns daher immer wieder notwendig, darauf
hinzuweisen, daß es kein Mangel an demokratischer Zusammenarbeit ist, wenn die
Einflußnahme von Koalitionspartnern auf das politische Geschehen entsprechend ihrem
„Stimmengewicht“ unterschiedlich groß ist. Um so beachtenswerter empfinde ich
es, daß es die Bündnisgrünen in Sachsen-Anhalt mit 5,1 % Stimmenanteil
geschafft haben, in einer Koalitionsregierung mit der SPD deutliche
„Duftmarken“ zu hinterlassen. Und das nicht nur in marginalen Bereichen, sondern
in zentralen Politikfeldern.
Nun darf man bei dieser Betrachtung auch nicht
vergessen, daß der politische Umgang und die politische Erfahrung im Osten eine
andere ist als im Westen. Wollen sagen, daß das Verhältnis von Bündnisgrün und
SPD zueinander im Osten eine anderes ist als im Westen. Man ist eben nicht
aneinander und gegeneinander „groß“ geworden, sondern beide Parteien kommen
eher aus der gleichen politischen Sandkastenecke der Wendezeit. Allerdings
verblassen diese Hintergründe in dem Maße, in dem die politischen Protagonisten
der jeweiligen „Mutterparteien“ an Einfluß gewinnen und Machtfragen anfangen,
eine deutliche Rolle zu spielen.
Will man rückblickend auch nur einigermaßen
beurteilen, was diese Koalitionsverbindung ausgezeichnet hat, muß man sich an
die Ausgangssituation 1994 erinnern:
Das Land Sachsen-Anhalt war vor dem Regierungswechsel
berühmt berüchtigt durch politische Skandale. Die Affäre Ministerpräsident
Gies, die Staatsminister um Gies, die „Raffkeaffäre“ um den damaligen Ministerpräsidenten
Münch, die Abhöraffäre um den Verfassungsschutz und Umweltminister Rauls oder
die diversen vagabundierenden Fraktionen, die vor allem aus ehemaligen
CDU-Abgeordneten hervorgegangen waren. Das alles bildete den Hintergrund, vor
dem die neu antretende Rot-Grüne Regierung agieren mußte.
Dieser neuen Regierung ist anfangs wenig Vertrauen
entgegen gebracht worden. Weil sie eine PDS-tolerierte Minderheitsregierung
ist, hat man ihr nur geringe Überlebenschancen eingeräumt. Von politisch besonders
geschulten Schwarzsehern wurde ihr versichert, daß sie bereits den ersten Haushalt
nicht zustande bringen würde. Nach dem dies alles als Wahlkampfmunition ab
Herbst 1994 nicht mehr gefruchtet hat, ist „Normalität“ in die Arbeit des
Landes eingezogen.
Und eben diese „Normalität“ scheint in der Bewertung
durch einige Beobachter nun schon wieder zum Nachteil zu werden. Normalität ist
offensichtlich nicht spektakulär genug, nicht interessant genug, um
medienwirksam kommentiert zu werden bzw. sich medienwirksam darstellen zu lassen.
2
Gern wird
dabei auch übersehen, daß das Minderheitsmodell insgesamt die Stellung des
Parlaments und der Parlamentarier im politischen Geschehen stärkt. Das Suchen
und Finden wechselnder Mehrheiten ist dabei politisch ebenso interessant wie
die Tatsache, daß ausgerechnet ein ostdeutsches Bundesland demonstriert hat,
daß es außerhalb der inzwischen als manifest angesehenen Farbkombination in der
politischen Landschaft der Bundesrepublik auch neue Zusammenstellungen geben
kann.
In diesem Zusammenhang ist der Fraktionsvorsitzende
der bündnisgrünen Fraktion im Landtag, Hans-Jochen Tschiche, oft mit dem Satz zitiert
worden: „Der Osten hat sich in Sachsen-Anhalt zurückgemeldet.“. Den Inhalt dieses Satzes kann man gar nicht
oft genug unterstreichen, da in der teilweise erbsenzählerisch betriebenen
Bilanz von Koalitionsarbeit gerade dieser „allgemeine“ politische Aspekt allzu
leicht vergessen wird. Die Bildung dieser in ihrer Zusammensetzung für
bundesrepublikanische Verhältnisse bis dato untypischen Zusammensetzung hat
nämlich darauf reagiert, daß es eine deutliche Mehrheit für eine politische
Willensbildung „links von der Mitte“ gab.
Letztlich ist das auch durch das Agieren der
Landesregierung auf Bundesebene deutlich geworden. Sachsen-Anhalt hat sich in besonderem
Maße - nicht nur durch wortgewaltige Mahnungen, die dann im Ernstfall der
Kanzlerdisziplin geopfert wurden, sondern durch Handeln für die Interessen des
Ostens stark gemacht. Der wirkliche Kampf um den Erhalt des Solibeitrages, das
Erreichen des Schuldenausgleiches, das Verhalten in Asyl- und
Menschenrechtsfragen und die eindeutige Ablehnung der Verfassungsänderung im Zusammenhang
mit den Lauschangriffsattacken stehen dafür.
Übrigens auch dafür, daß in solchen Fällen sich
rot-grün regierte Länder deutlich anders zu verhalten pflegen, als rot
regierte. Eine Tatsache, die es lohnt, manchem - und mancher - in´s Gedächtnis gerufen
zu werden, die nach wie vor an den Reformwillen der SPD und an deren
ungebrochenen sozialdemokratischen Traditionen glauben und daher glauben, daß
die grünen Beteiligungen so wichtig gar nicht seien..
Selbstverständlich kommt man beim Nachdenken über vier
Jahre rot-grüne Koalition in Sachsen-Anhalt auch an den Punkt „Bilanz des Erreichten“.
Und das ist auch das Zusammenzählen von Ergebnissen, von Erfolgen ebenso wie
von Niederlagen. Und da haben die Bündnisgrünen wohl ihr größtes Problem mit
sich selbst. Denn auch wenn man nicht in politische Schönfärberei verfallen
will und auch wenn man es vernünftigerweise ablehnt, Selbstbeweihräucherung
nach den „glorreichen“ Beispielen X.Parteitage zu zelebrieren, ist es nicht die
logische Konsequenz daraus, sich selbst kaputt zu reden. Noch immer neigen wir
dazu, jeden Mißerfolg, jedes nicht vollständig erreichte Ziel mit Hingabe zu
benennen und darüber das Erreichte selbst zu vergessen und damit auch für
andere vergessen zu machen. Wenn wir diesen Absolutismus und Sofortismus nicht
ablegen lernen, dann werden wir uns den Vorwurf der politischen Naivität noch
lange gefallen lassen müssen. Es ist doch nur ‘logisch‘ daß man in politischen
Prozessen- bei denen schließlich ganze Bevölkerungen „mitgenommen“ werden müssen
- nur schrittweise vorankommt. Das heißt nicht, Ziele aus den Augen zu verlieren
oder mehrheitsmeinungskompatibel um jeden Preis zu gestalten - das heißt aber
zu akzeptieren, daß es auch richtig und ein Erfolg seien kann, auf dieses Ziel
mit mehreren Schritten zuzugehen, wenn man es denn mit einem Satz nicht schaffen
kann.
3
Sehen wir uns für Sachsen-Anhalt Bereiche wie die
Schulpolitik mit der Einführung der Förderstufe, die Verabschiedung des
ÖPNV-Gesetzes und des Frauenfördergesetzes, die Novellierung des Naturschutz-
und des Wassergesetzes, das Kinderbetreuungsgesetz, die Förderung alternativer
Energien bis hin zur Einrichtung einer Energieagentur an, dann sind das
gewaltige Schritte. Auch wenn wir uns im Detail manches anders gedacht hatten
und uns manch andere Lösung lieber gewesen wäre, ist es doch eine für das Land
gute Entscheidung, die Entwicklung in diese Richtung vorangebracht zu haben zu
haben.
Nun gibt es aber auch nicht nur Erfolge oder
Teilerfolge - es gibt auch Nichterreichtes (Stichwort Colbitz-Letzlinger Heide)
oder Kontroverses (Stichwort Flughafen Altmark). Bei der Bewertung der Ergebnisse
muß man sich fragen, was wäre denn ohne bündnisgrüne Beteiligung von dem, was
in Sachsen-Anhalt in den letzten vier Jahren verändert worden ist, erreicht
worden. Dabei gilt es eben zu entscheiden, ob z.B. das nicht erreichte Ziel,
einen Verzicht auf die militärische
Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide auch gegen die Entscheidung des Bundestages
durchzusetzen, mehr in´s Gewicht fällt, als die nur teilweise Freigabe dieser
Flächen verbunden mit den oben genannten wirklichen Erfolgen, die ohne uns so
nicht durchgesetzt worden wären.
Aus unserer Sicht ist die rot-grüne
Koalition in Sachsen-Anhalt durchaus ein nennenswerter Erfolg, der grüne
Regierungsarbeit deutlich widerspiegelt. n
Aber
was ist eigentlich das DAS? Da die Berichterstattung über die Magdeburger BDK
in der Regel erst bei den Reaktionen auf das DAS einsetzte, das jedoch nicht
weiter erläutert wurde, erscheint es mir notwendig, die Vorgeschichte der BDK
sowie die Entwicklung in Magdeburg selbst nachzuzeichnen, um auch jenen, die in
Magdeburg nicht dabei sein und auch nicht die ganze Zeit Phönix gucken konnten
(weil sie kein Kabelanschluß haben oder Besseres zu tun hatten), Hintergrundinformationen
zu geben, um sich ein differenziertes Bild von der Lage zu machen.
1. Die Vorgeschichte
Auf
dem Länderrat in Erfurt Anfang Januar kündigte Reinhard Bütikofer vom Landesvorstand
Baden-Württemberg einen Bosnien-Antrag zum Wahlprogramm an. Er wollte in das
Wahlprogramm einen „Kompromiß“ hineinstimmen, der „mit Blick auf die bisherigen
Erfahrungen mit den Sfor-Truppen in Bosnien, eine Bundeswehrbeteiligung nicht
grundsätzlich“ ausschließen sollte. „Vielmehr werde ein solcher Einsatz für die
Grünen ‚ein immer wieder neu zu entscheidender schwieriger Grenzfall bleiben‘“[6].
Der Satz „Militärische Friedenserzwingung und Kampfeinsätze lehnen wir ab.“
sollte gestrichen werden. In Erfurt las Bütikofer den Antrag lediglich vor. Er
hatte nur ein paar handschrifliche Notizen dabei, eine schriftliche Version
wurde – zumindest an die TeilnehmerInnen des Länderrats - nicht verteilt.
Insofern konnte man in den darauffolgenden Wochen darüber spekulieren, ob der
Antrag für die BDK nun gestellt würde oder nicht. Das wurde auf der BAG-Sitzung
im Februar kräftig getan.
Ich
selbst ging seit dem Länderrat davon aus, daß das Bosnien-Faß aufgemacht wäre.
Deswegen bereitete ich zwei Anträge für die BDK vor: Erstens sollte im Programm
die Beendigung aller friedenserzwingenden Einsätze der Bundeswehr verlangt
werden (was übersetzt den Abzug der Bundeswehr aus Bosnien bedeutete) und
zweitens sollte in einem eigenständigen Antrag die GRÜNE Position zu Bosnien im
Detail festgelegt werden (was einen eigenständigen Tagesordnungspunkt erfordert
hätte). Bezüglich der Durchsetzbarkeit beider Anträge machte ich mir keine
Illusionen. Der Sinn lag darin, dem Bundesvorstand Manövrierspielraum zu
verschaffen, um den Baden-Württemberger Vorstoß auszubremsen. Das konnte
natürlich nur gelingen, wenn meine Anträge rechtzeitig für die letzte Verschickung
vor der BDK eingereicht wären, denn mit Tischvorlagen können bei BDKs in der
Regel nur diejenigen agieren, deren Positionen täglich in den Medien
dargestellt werden. Die pazifistische Position braucht dagegen Vorlauf, um die
Leute mit der eher unbekannten Argumentation vertraut zu machen.
Da
die skizzierte Strategie auf der Februar-BAG auf große Skepsis traf und die
Auffassung vorherrschte, die Baden-Württemberger würden sich mit so einem
„Krawallantrag“ quasi selbst ins „Unrecht“ setzen, reichte ich die bereits mit
20 Unterschriften versehenen Anträge nicht ein.
Eine
Woche vor der BDK hatte sich die Situation so entwickelt, daß zum Thema
Kampfeinsätze / Bosnien der Baden-Württemberger Antrag sowie einige Kreisverbandsanträge
eingereicht worden waren. Nach Gesprächen in Bonn am Montag, den 2.März, ging
ich davon aus, daß die Bundesvorstandsstrategie, Änderungen des Programmentwurfs
an dieser Stelle zu vermeiden, weiter Bestand hätte.
2. Der Kompromiß 3 Tage vor der BDK
Am
Mittwoch, den 4.März traf sich in Bonn jedoch eine Elefantenrunde aus
Fraktions- und Parteispitze. Die FAZ titelte anschließend: „Grüne über
Bosnien-Einsatz einig – Linke und Realpolitiker erzielen einen Kompromiß“ (FAZ
6.3.98). Im Artikel hieß es: „Bütikofer ... nannte den Kompromiß einen ‚ganz
wesentlichen Erfolg‘. Bundestagsabgeordnete könnten nun einem Sfor-Einsatz ohne
‚verlogene Ausflüchte‘ zustimmen. Er äußerte die Überzeugung, daß die
Realpolitiker sich auch mit dem ursprünglichen Antrag auf dem Parteitag hätten
durchsetzen können.“ Dieser Einschätzung hatten sich offensichtlich auch die linken
TeilnehmerInnen der Runde angeschlossen.
Der
„Kompromiß“ bestand aus folgenden Elementen:
1. Keine Eskalation durch NATO-Einsatz
Eingeleitet
wurde mit dem Satz, „die Stationierung von NATO- und anderen Truppen“ habe
„nicht wie von vielen befürchtet zu einer Eskalation geführt.“ Damit wurden all
jene, die in der Vergangenheit den Einsatz abgelehnt hatten, mehr oder weniger
als Trottel hingestellt. Denn es wurde kein Wort über die Faktoren verloren,
die die Eskalation verhindert haben. Dabei wären z.B. die pazifierende Wirkung
der massiven Wiederaufbauhilfe (Wirtschaftswachstum von 50% im Jahre 1996)
sowie der Verzicht der NATO-Truppen auf die aktive Verfolgung mutmaßlicher
Kriegsverbrecher zu nennen.
Vor
diesem Hintergrund ist die Forderung nach sofortigem Abzug der Bundeswehr aus
Bosnien durchaus verantwortbar. Sie ist auch mit der Frage verknüpft, wer denn
nach dem Abzug den Krieg wieder beginnen würde. Bekanntlich ist das
militärische Kräfteverhältnis seit Dayton massiv zugunsten der
bosnisch-kroatischen Konföderation verändert worden – dank der militärischen
Aufrüstung durch USA und NATO, auch mit Hilfe Deutschlands. 1996 wurde der bosnische
Verteidigungsminister auf Weisung Washingtons wegen seiner Iran-Kontakte abgelöst.
Der Einfluß der US-Regierung auf das politische Geschehen ist also nicht gerade
gering. Warum sollte vor diesem Hintergrund nicht ein Anruf Bill Clintons in
Sarajewo die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen verhindern können?
Abgesehen
davon wird die Vorgeschichte des Friedensschlusses von Dayton natürlich
unterschiedlich beurteilt. Bei einigen ist schließlich vor lauter Freude über
die NATO-Luftangriffe die wie von unsichtbarer Hand gesteuerte adäquate
Territorialaufteilung in Kroatien und Bosnien im Vorfeld übersehen worden: Im
Mai 1995 konnte Kroatien nahezu kampflos Westslawonien erobern, die serbischen
Kämpfer wurden unter UN-Aufsicht in den serbischen Teil Bosniens unter Mitnahme
ihrer Waffen expeditiert. Anschließend durften die Serben mit Wissen der
westlichen Geheimdienste und Regierungen muslimische Enklaven kassieren. Selbst
das Massaker von Srebrenica war in westlichen Hauptstädten im Vorfeld bekannt
und hätte durch einen Telefonanruf in Belgrad vermieden werden können. Aber es
war eben Teil des Gesamtdeals. Anschließend waren im August die Kroaten in der
Krajina am Zuge und schließlich wurden bis September durch Vorrücken den muslimischen
Truppen die letzten Frontbegradigungen in Bosnien selbst vorgenommen.
„Zufällig“ war damit etwa die Territorialaufteilung erreicht, die Grundlage
aller Friedensvorschläge war. All diese Fakten waren im Herbst 1995 bereits
bekannt. Z.B. hatte Andreas Zumach in der taz enthüllt, daß der
US-amerikanische, der französische und der deutsche Geheimdienst den innerserbischen
Funkverkehrs vor Srebrenica en details abgehört hatte (vergl. taz 12.10.95,
20.10.95 und 30.10.95).[7]
Vor diesem Hintergrund gingen die Forderungen nach militärischem Schutz den
Enklaven im Jahre 1995 von falschen Voraussetzungen aus bzw. beruhten auf
Unkenntnis.
1. NATO-Einsatz
= friedenserhaltend?
Der zweite Absatz attestiert dem NATO-Einsatz in
Bosnien „den Charakter einer friedenserhaltenden Maßnahme“. Damit wird Winni
Nachtweis Vorschlag vom Länderrat in Erfurt aufgegriffen, wie man Programm und
Agieren der Fraktion in Einklang bekommen könnte: Zwar basiere der NATO-Einsatz
auf einem Kapitel VII-Mandat (Kampfeinsatz), aber von der Erscheinung her sei
er „im Kern friedenserhaltend“[8].
Und friedenserhaltende Einsätze seien im Bundestagswahlprogramm schließlich
vorgesehen.
In der Politik ist jedoch nicht von Erscheinungen,
sondern von der juristischen Grundlage auszugehen. Danach handelt es sich in
Bosnien um einen Kampfeinsatz nach Kapitel VII und nicht um einen
friedenserhaltenden Einsatz nach Kapitel VI.
2. „Es darf kein
Sicherheitsvakuum entstehen“
Weiter wird die 1996er Position der Bundestagsfraktion
zu Bosnien übernommen oder genauer gesagt die der Mehrheit, denn 10 MdBs
stimmten damals gegen diesen „Kompromiß“. Erinnern wir uns zurück: Im Dezember
1996 stand die 2. Bosnien-Abstimmung im Bundestag an. Damals einigte sich die
Mehrheit auf den Wunsch, daß aus dem SFOR-Einsatz ein langfristiger
friedenserhaltender UN-Einsatz werden möge. Solange das nicht der Fall sei,
dürfe kein Sicherheitsvakuum entstehen. Das hieß recht verklausuliert:
Bleiberecht für die Bundeswehr in Bosnien. Diese Position war 1996 auch in der
GRÜNEN Partei umstritten. Nach wie vor traten viele für den sofortigen Abzug
der Bundeswehr aus Bosnien ein. Allerdings wurde die Kontroverse auf der Suhler
BDK, der damals mehrere Anträge zum
Thema vorlagen, nicht ausgetragen.
Diese umstrittene 1996er Position wurde nunmehr der
BDK 1998 als „Kompromiß“ vorgesetzt.
3. Die
Öffnungsklausel
Auch
wenn der Satz bezüglich der grundsätzlichen Ablehnung von Kampfeinsätzen
erhalten bleiben sollte, wurde die „deutsche Beteiligung an einem weiteren
Einsatz in Bosnien“ als „ein schwieriger und immer wieder neu zu entscheidender
Ausnahme- und Konfliktfall“ charakterisiert. Wer grundsätzlich gegen irgend
etwas ist, im konkreten Fall aber dafür, kann natürlich keine besondere
Glaubwürdigkeit mehr für seine Grundsatzposition in Anspruch nehmen. Politik
entwickelt sich nun einmal genau wie die US-amerikanische Rechtsprechung durch
Einzelfälle. Vor diesem Hintergrund stellen die Formulierungen nichts anderes
als eine Öffnungsklausel für die Zustimmung zur deutschen Beteiligung an
weiteren Kampfeinsätzen nach Kapitel VII der UN-Charta dar und haben darum
Dammbruchcharakter.
4. Freie Fahrt
für die GRÜNEN MdBs
Der
letzte Satz lautet: „Die mögliche Beteiligung an einem solchen Einsatz muß im
Lichte dieser Position konkret durch den Bundestag entschieden werden.“ Da
dieser sich in seiner Gänze natürlich wenig für die GRÜNE Position
interessiert, ging es hierbei um die Delegation der politischen Entscheidung
von der Partei an die GRÜNE Bundestagsfraktion. Wie die FAZ Bütikofer zitierend
eben berichtet hatte: „Bundestagsabgeordnete könnten nun einem Sfor-Einsatz
ohne ‚verlogene Ausflüchte‘ zustimmen.“ (FAZ 6.3.98)
5. Der Kuhhandel
Bei
dem „Kompromiß“ ging es allerdings nicht nur um die Bosnien-Frage, sondern um
folgenden Kuhhandel: Die Realos stimmen im Bundestag dem Amsterdamer Vertrag
und der NATO-Osterweiterung nicht zu, sondern enthalten sich der Stimme. Zum
Ausgleich wird im Wahlprogramm die skizzierte Bosnien-Position verankert. Für
die Linken war dies ein schlechter Handel, schließlich sind die NEINs zu
Amsterdam und NATO-Osterweiterung Parteiposition. Warum also noch einen Preis
dafür zahlen, daß Realo-MdBs diese Beschlüsse auch respektieren?
Generell
hatte die „Kompromißbildung“ natürlich den strukturellen Nachteil, daß hier nur
zwei Teile der Partei miteinander verhandelten. Der pazifistische Flügel saß
nicht mit am Tisch. Insofern ist der später erhobene Vorwurf an Jürgen Trittin,
er habe seine Leute nicht im Griff, natürlich völliger Unfug.
Show-down in Magdeburg
Am
Freitag abend (6.3.) in Magdeburg stellte sich die Antragslage folgendermaßen
dar: Der Bundesvorstand hatte auf seiner Sitzung um 17.00 Uhr auch formal den
„Kompromiß“ abgesegnet. Dadurch hatte der Bundesvorstand als Antragsteller
nicht mehr getan als einen Änderungsantrag zu übernehmen, womit sich jede
Abstimmung erübrigte. Außerdem war die Tagesordnung insofern geändert worden,
daß nunmehr die Außenpolitik statt am Sonntagvormittag bereits am Samstagabend
ab 21.00 Uhr diskutiert werden sollte.
Die
einzige Eingriffmöglichkeit bestand also nun noch in dem wenig verheißungsvollen
Ansatz, einen Änderungsantrag zum Änderungsantrag zu stellen. Nur dadurch ließ
sich überhaupt noch eine Abstimmung über den übernommenen Änderungsantrag
herbeiführen. Um die Delegierten am Samstagabend nicht vollends zu verwirren,
erschien es mir am sinnvollsten, erstens einfach den alten Text gegen den neuen
zu stellen, und zweitens eine Debatte zur Bosnienfrage zu beantragen. Damit
schlüpfte man im Grunde in die klassische Bundesvorstandsrolle („keine
Änderungen“), die dieser später auf der BDK in anderen Programmteilen
erfolgreich praktizieren sollte.
Andere
sahen die Sache anders und überlegten, wie man den neuen Text abschwächen und
verändern könnte. Dahinter stand z.T. die Einschätzung, das Anliegen, zu
Bosnien irgend etwas ins Programm zu schreiben, sei berechtigt und müsse aufgegriffen
werden. Man müsse etwas Positives anbieten.
Auf
dem Treffen der Parteilinken („Babelsberger Kreis“) am Freitagabend gab es entsprechend
drei Auffassungen: Die erste, die das Vorgehen des Bundesvorstands unterstützte,
die zweite, die zum alten Text des Programmentwurfes zurückkehren wollte und
die dritte, die die letzten 2 Sätze des BuVo-Änderungsantrags streichen wollte.
Diese lauteten: „Deshalb wird die Beteiligung an einem weiteren Einsatz in Bosnien
ein schwieriger und immer wieder neu zu entscheidender Ausnahme- und
Konfliktfall bleiben. Die mögliche deutsche Beteiligung an einem solchen
Einsatz muß im Lichte dieser Position konkret durch den Bundestag entschieden
werden.“ Die anderen Sätze sollten geschluckt werden. Aus meiner Sicht sei
angemerkt: Auch bei einer solchen Beschlußlage hätte die Partei die umstrittene
Position der Fraktionsmehrheit aus dem Jahre 1996 übernommen (s.o.). Deswegen
hielt ich das aus meiner Sicht für nicht akzeptabel. Andere hielten den
Vorschlag zumindest für eine sinnvolle Rückfallposition. Die mehrheitliche
Stimmung des Treffens war, daß die BuVo-Übernahme nicht einfach so durchgehen
könne und Änderungsanträge deswegen auf jeden Fall sinnvoll seien.
Am
Samstag sammelten dann Michael Rise Unterschriften unter den „Streichungsantrag“
(letzte 2 Sätze weg) und ich unter den weitergehenden Antrag „Rückkehr zur ursprünglichen
Textfassung“.
Auf
einem AntragstellerInnen-Treffen wurde dann ein faires Verfahren gefunden, wie
mit den Anträgen umzugehen sei. Entsprechend entwickelte sich am Abend nach
21.30 Uhr folgendes Szenario:
1.
Akt: GO-Antrag auf
Eröffnung einer Debatte zum Thema Bosnien
Ich stellte einen GO-Antrag auf Eröffnung einer Debatte zum Thema Bosnien. Angesichts des überschrittenen Zeitplans hatte das Präsidium bereits 3 Stunden früher die Latte für derartige Debatten hoch gelegt. Eine 2/3-Mehrheit war erforderlich. Diese wurde in der Abstimmung natürlich nicht erreicht. Andererseits konnte ich in der Begründung des GO-Antrag noch einmal die formalen Argumente zusammenfassen und war auf diese Weise nicht gezwungen, sie im späteren Redebeitrag mit den inhaltlichen Punkten zu vermischen.
Ich
berichtete von meinen Absichten, eigene Anträge zu Bosnien einzubringen. Diese
hätten u.a. zum Inhalt gehabt, die Bundeswehr sofort aus Bosnien abzuziehen.
Ich hätte mich jedoch entschieden, die BDK nicht mit diesem jahrelangen Streit
zu belasten. Schließlich wüßten wir alle, daß es zum Thema sehr
unterschiedliche und kontroverse Einschätzungen in der Partei gäbe. Vor diesem
Hintergrund hätte ich mich dann auf eine eher harmonische BDK eingestellt. Kurz
vor Toresschluß hätte dann jedoch der Landesvorstand Baden-Württemberg einen
Krawallantrag auf Revision der friedenspolitischen Programmatik eingebracht.
Damit sei das Faß auf gemacht. Ich wolle dem Konflikt nicht ausweichen, sondern
trüge ihn gerne aus, wenn es denn so gewünscht sei.
In
dieser Situation nun hätte der Bundesvorstand einen großen Teil des
Baden-Württemberger Antrages übernommen. Auf diese Weise solle mal so eben
nebenbei die friedenspolitische Programmatik geändert werden. Das sei ein
schlechter politischer Stil. Dieser Kompromiß sei einer auf Kosten des
pazifistischen Flügels. Dieser solle das Opferlamm spielen.
Mehrere
Jahre und auf mehreren BDKs hätten wir uns über das Thema auseinandergesetzt.
Deswegen brauche man auch diesmal zumindest ein wenig Zeit für eine inhaltliche
Debatte. Auch die Delegierten sollten die Chance erhalten einzugreifen. Das
erfordere die Demokratie und die politische Kultur.
Diese
GO-Abstimmung war für die Versammlung ein erster Weckruf.
2.
Akt: Der Bosnienantrag
inhaltlich
Nach
Ablehnung des GO-Antrages erfolgten nunmehr je 2 Reden für den Kompromiß
(Frithjof Schmidt und Rainer Bütikofer) und 2 Reden dagegen (Heidi
Meinzolt-Depner und ich). Dann wurde erst einmal offen abgestimmt. Da nicht
entscheidbar war, wer nun die Mehrheit hatte, wurde die Abstimmung schriftlich
wiederholt. Das Ergebnis ist bekannt: 274 stimmten für den Bundesvorstandsantrag,
aber 275 dagegen (bei 13 Enthaltungen).
3.
Akt: Revisionsversuche
Während
die weiteren außenpolitischen Änderungsanträge behandelt wurden, fand sich in
einem Hinterzimmer eine Runde aus Baden-Württembergern, BuVo und
BT-Fraktionsspitze zusammen, zu der ich nach einiger Zeit hinzugebeten wurde.
Aus dem Realo-Lager wurde das Anliegen vorgetragen, die demokratische
Entscheidung über eine Interpretationshilfe oder was auch immer abzumildern, um
Schaden von der Partei abzuwenden. Es ginge darum, die Kluft zwischen Partei
und Fraktion zu reduzieren. Nachdem das bei der Abstimmung nicht gelungen sei,
läge es nun in der Hand der „Sieger“, durch eine entgegenkommende Erklärung das
Schlimmste zu verhindern. Die Alternative, die Kluft durch ein Zubewegen der
Fraktion auf die Partei zu verringern, spielte in der Diskussion keine Rolle.
Auch die Frage, ob man denn bei einem Abstimmungsergebnis in der anderen
Richtung auch in solch einer Runde zusammensitzen würde, blieb unbeantwortet.
Da ich keinen Handlungsbedarf sah, löste sich die Runde schließlich auf. Anschließend diktierten einige prominente GRÜNE den wartenden JournalistInnen die Schlagzeilen für den nächsten Tag in den Block, so daß es dann zu einer „self-fullfilling prophecy“ kam. Da auch gerade die Fußballbundesliga gespielt hatte, wurden den JournalistInnen Fachbegriffe wie „Eigentor“ oder „Steilvorlage für den politischen Gegner“ mit auf den Weg gegeben. n
Der Fraktionsvorsitzende im Hessischen Landtag, Alexander Müller, meint, daß Utopien
für das übernächste Jahrhundert in einem Wahlprogramm nichts zu suchen haben
(FR. 21.10.97). Joschka Fischer, Fraktionsvorsitzender im Bundestag, sagt, es
gelte, "ein pragmatisches Wahlprogramm für die nächsten vier Jahre und
nicht für die nächsten drei Jahrhunderte zu verabschieden" (FR. vom
24.10.97). Rezzo Schlauch sprach von "grünem Bekennertum", auf das
die GRÜNEN verzichten müßten, wenn sie regieren wollten (FR. vom 29.10.97). Was
mit "grünem Bekennertum" gemeint ist, verdeutlicht die Aussage
Joschka Fischers auf der BDK in Kassel: "In der Außenpolitik können wir
nichts gewinnen, aber viel verlieren".
Die
Kritiker des Programmentwurfs haben offenbar Angst, daß die Diskussion über unser
ohnehin bekanntes Fernziel "Entmilitarisierung der Außenpolitik" und
die diesem Ziel eindeutig entgegen wirkende "NATO-Ost-Erweiterung"
unserer "Regierungsfähigkeit" schadet.
Die Vorstellungen bündnisgrüner Politiker über das, was in ein Wahlprogramm hineingehört, ist für die Wähler wenig schmeichelhaft.
Offenbar
fürchtet man, sie geistig zu überfordern, wenn man ihnen Überlegungen, die in
die fernere Zukunft weisen, nicht zutraut. Die Wähler empfinden das - wohl zu
Recht - als Arroganz, besonders in einer Zeit, in der sie gerade das vorausschauende Handeln der Politiker vermissen.
Im
übrigen kennt man unsere Ablehnung des Militärs als Instrument der Politik und
wird deshalb kaum annehmen, daß wir uns plötzlich mit der nuklearen
Abschreckungsstrategie der NATO und deren Bereitschaft, Atomwaffen als Erste
einzusetzen, abgefunden haben, zumal wir in unserem Grundkonsens Massenvernichtungswaffen ausdrücklich
ablehnen.
Es
war unsere Bundestagsfraktion, die durch eine Anfrage (Drucksache 13/5709)
darauf hinwies, daß die Bundesregierung durch ihre Mitgliedschaft in der NATO
das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag mißachtet, in dem
schon die Androhung des Einsatzes von Atomwaffen als völkerrechtswidrig
bezeichnet wird. Weshalb sollten ausgerechnet die GRÜNEN jetzt für eine
Aufwertung der NATO durch deren Ausdehnung nach Osten eintreten?
Einige
Bundestagsabgeordnete um Helmut Lippelt wissen hierauf eine Antwort: Sie weisen
auf das "legitime Interesse" beitrittswilliger Länder hin, sich vor
Rußland zu schützen. Man vermißt die Abwägung mit dem Interesse der Russen, sich
vor uns und vor allem vor der NATO zu schützen.
Weiter
gibt man nach einem Gespräch mit polnischen Politikern zu bedenken, daß eine
Ablehnung der NATO-Erweiterung durch unsere Partei eine Bevormundung der Polen
bedeute. Aber wieso bedeutet es eine Bevormundung der Polen, wenn wir eine bestimmte Vorstellung von
einer europäischen Friedensordnung haben, die nach unserer Meinung nicht nur
für uns, sondern für Europa, also auch für Polen Sicherheit bedeutet, und das ohne NATO-Ost-Erweiterung.
Da
stellt sich doch die Frage: Richtet sich unsere Außenpolitik nach unseren
Einsichten oder nach denen der Polen?
Der
Verlust an Glaubwürdigeit durch derartige
Argumente oder durch die ängstliche Vermeidung der Begriffe "NATO"
und "nukleare Abschreckung" ist sicher gravierender als die Gefahr,
für nicht regierungsfähig zu gelten. (Übrigens lehnen auch die Jusos und Teile
der SPD-Basis die NATO-Ost-Erweiterung ab. )
Nicht
umsonst haben wir immer wieder betont, daß der Einsatz von Atomwaffen definitionsgemäß Massenmord bedeutet, und nicht nur das, man
könnte es auch als Massenfolter bezeichnen, denn für viele Betroffene ist es,
wie man den Berichten über die Auswirkungen zweier Atombombenabwürfe entnimmt,
ein Sterben auf Raten, unter großen Qualen, das sich über Monate und Jahre
hinziehen kann.
Und
wie steht es mit der Glaubwürdigkeit der NATO selbst, die ja dem Frieden dienen
will, wenn es innerhalb dieses Militärbündnisses möglich ist, daß sich die
NATO-Partner Griechenland und Türkei militärisch bedrohen, gegeneinander
aufrüsten und die restlichen NATO-Staaten - mit Gewinn - ihnen die hierzu
nötigen Waffen liefern?
Schon
diese Fakten zeigen, wie gerechtfertigt das im Programmentwurf formulierte
Fernziel "Entmilitarisierung der
Politik - bis hin zur Abschaffung der Armeen und zur Auflösung der
NATO" ist.
Die
Kritiker des Programmentwurfs meinen, daß Fernziele, daß Visionen in einem Wahlprogramm
nichts zu suchen hätten. Aber gerade diese Visionen unterscheiden uns doch von
allen übrigen Parteien.
"Publik-Forum"
meinte in einer Stellungnahme zu unseren Programmstreitigkeiten, daß gerade der
Weitblick und die Visionen den Charme der GRÜNEN ausmachen. Pragmatismus pur paßt nicht zu uns.
Fernziele gehören in ein Wahlprogramm, weil die Wähler nur aus diesen die Nahziele ableiten und deren Übereinstimmung mit unserem Grundkonsens prüfen können.
Wir
nehmen die Wähler nicht ernst, wenn wir ihnen diese Möglichkeit der Prüfung
vorenthalten. Aber das ist offenbar der Grund, weshalb die Kritiker des Programmentwurfs
das Thema "NATO-Ost-Erweiterung" vermeiden wollen, denn wie sollen
die Wähler begreifen, daß wir einerseits für die Entmilitarisierung der Politik und konsequente Abrüstung eintreten, andererseits nicht entschieden die Aufwertung der NATO
durch die Osterweiterung ablehnen? Denn die Osterweiterung bedeutet
milliardenschwere Nachrüstung und Militarisierung der Außenpolitik, -
nicht zuletzt auch im Interesse der Rüstungsindustrie der NATO-Mitgliedstaaten.
Sicher
wäre eine bei uns begonnene Entmilitarisierung der Außenpolitik kein Patentrezept
für die Herstellung des Weltfriedens. Eine Entmilitarisierung als Vorleistung
ist immer ein Wagnis, ein Risiko, das wir stets bereit waren einzugehen, weil
wir es für deutlich geringer erachten als das Risiko, das eine mit immer
wirkungsvolleren, grausameren Waffen ausgerüstete, konfliktträchtige
Staatengemeinschaft darstellt.
Andererseits
stelle man sich die Signalwirkung
einer solchen Zivilisierung der Außenpolitik auf die Menschen in der Staatengemeinschaft
vor, wenn unsere Regierung jährlich 60 Milliarden Mark, die bisher für
Verteidigung, Rüstungsforschung und -produktion verschwendet wurden, jetzt für
sinnvolle Dinge und zukunftssichere Arbeitsplätze ausgäbe!
Dieses
langfristig zu erstrebende außenpolitische Konzept ohne militärische Rückendeckung
steht notwendigen Kompromissen in künftigen Koalitionsverhandlungen nicht im
Wege, sofern diese deutliche erste Schritte zur Einschränkung der Rüstung, vor
allem des Rüstungsexports, zur Rüstungskonversion und zum schrittweisen Abbau
des Verteidigungsetats ermöglichen.
Nein,
regierungs- und koalitionsfähig, vor allem aber wählbar, wird man durch ein eigenständiges
Programm mit deutlich formulierten Alternativen und Visionen für die Zukunft,
nicht aber durch vorgezogene Anpassungsversuche.
November 1997 n
Ein
buntes, eher trostloses Spektrum: von der Heimarbeit von Näherinnen im idyllischen
Hinterland Venedigs bis zur High-Tech-Produktion in den postmodernen
"sweatshops" von San Francisco, vom Handel mit Schmuggelzigaretten in
den zugigen Bahnhöfen Berlins bis zur millionenschweren Immobilientransaktion
"unter der Hand" in Tokio, von der Prostitution bis zum Überleben im
Off-Theater, vom "gastronomischen Kleinunternehmer" mit Zwölfstundentag
bis zur Autowerkstatt ohne Firmenschild.
Jobs
ohne soziale Sicherungen, ohne Vertrag oder kalkulierbares Einkommen, weit weg
von Mitbestimmungsrechten und Gesundheitsschutzbestimmungen - solche ungeschützten
Arbeitsplätze erschienen noch bis vor kurzem als irritierende, lästige Relikte vormoderner
Zeiten. Die zentrale These des Bandes "Ungeregelt und unterbezahlt" - herausgegeben von
Andrea Komlosy und anderen - lautet dagegen: informelle Arbeit ist ein
unverzichtbares Element der Erfolgsgeschichte des Kapitalismus.
Heute,
im "Zeitalter der Deregulierung", nehmen gerade in den
"fortgeschrittenen Industriegesellschaften" die "McJobs" -
erinnert sei an die Debatte um die "620-Mark-Arbeitsverhältnisse" -
auffallend zu. Die Dritte Welt lebt gewissermaßen "schon immer" unter
dem Zwang zur "existenziellen Flexibilität" - und das
bankrottgegangene "sozialistische Lager" hat sich ihr, von hinreißenden
Ausnahmen abgesehen, auch in diesem Punkt angeglichen.
Welche
Auswirkungen auf die "produktive Dynamik" einerseits, auf die
"Werte des Zusammenlebens" andererseits wird - zusammen mit der
chronisch gewordenen Arbeitslosigkeit - diese anscheinend unaufhaltsame
Entwicklung in den westlichen Demokratien haben ?
Im
Buch "Ungeregelt und unterbezahlt" geht es schwerpunktmäßig um die
"vertraute" - halblegale oder legale - informelle Produktion. Die
Aufsätze setzen sich teils mit allgemeinen Trends der
"Informalisierung" auseinander, teils mit dem Schicksal bestimmter
Branchen oder Regionen.
Wie
die Texte von Franz Delapina und Christof Parnreiter zeigen, sind „formeller“
und „informeller“ Sektor keinesfalls radikal getrennt, wahrscheinlich sind sie
sogar unauflösbar voneinander abhängig. Wie auf vielen deutschen Baustellen
arbeiten "Formelle" und "Informelle" nicht selten Schulter
an Schulter.
Typisch
für den "formellen Raum" ist ein hohes Maß an
"Verrechtlichung" und Regulierung - Arbeitsverträge, Tariflöhne, betriebliche
Mitbestimmungsrechte, Mindeststandards für die Arbeitsbedingungen, soziale
Garantien vom Urlaubsanspruch bis zum Kündigungsschutz, eine kollektive Absicherung
für die Risiken von Krankheit und Alter.
Auf
den informellen Märkten agieren abhängig Beschäftigte, Selbständige und - gewöhnlich
kleine und kleinste - Unternehmen. In dieser unüberschaubaren Szene geht der
Einfluß von Justiz, öffentlicher Verwaltung und Gewerkschaften oft gegen Null.
Die Dimensionen der "ungeregelten Ökonomie" ändern sich mit der
"globalen" - auch politischen - Konjunktur. Leiharbeit, Teilzeitjobs,
befristete Arbeitsverhältnisse waren in Westeuropa vor zwanzig Jahren relativ
strikt geregelt, heute zählen sie weithin zum befreiten Arbeitsmarkt. Selbst in
Großunternehmen werden inzwischen gesetzliche und tarifliche Regelungen ignoriert,
häufig unter Zustimmung der Betroffenen und stets mit dem Argument, es gehe um
die Erhaltung von Arbeitsplätzen.
Entscheidender
Vorteil informeller Unternehmen ist, daß sie billiger produzieren, bescheidenere
Löhne, kaum Sozialabgaben und Steuern zahlen, kostspielige Umweltschutznormen
ignorieren usw. . Für Unternehmen der "regulierten Wirtschaft" bedeutet
das einerseits eine gefährliche "Schmutzkonkurrenz", anderseits
bieten solche Kostenvorteile denselben auch "strategische Chancen":
Zulieferer
aus dem "ungeregelten Raum" ermöglichen eine drastische Kostenentlastung
etwa bei industriellen Vorerzeugnissen; billige "graue" oder
"schwarze" Waren und Dienstleistungen, die von Angestellten und
Arbeitern des "korrekten" Sektors konsumiert werden, machen dort
niedrigere Gehälter möglich; die Konkurrenz der "grau-schwarz"
Beschäftigten und zugleich der Arbeitslosen drückt die Standardlöhne.
Mehrere
Beiträge des Bandes gehen auf die zu Unrecht übersehene Bedeutung der Geschichte
der „informellen“ Arbeits- und Lebensform „in the long run“ für den Fortschritt
der Industriegesellschaften ein.
Brigitte
Holzer verweist auf DEN elementaren Faktor noch der dynamischsten Wirtschaftssysteme
- unbezahlte "weibliche Reproduktionsarbeit". Die jahrhundertelang
von Wissenschaft und Politik ignorierte
oder für ökonomisch wertlos erklärte
Arbeit in Haushalt und Familie macht, so hebt die Autorin hervor, auch
heute einen immensen - vielleicht sogar den überwiegenden - Teil des
"globalen Arbeitsvolumens" aus. Die "Subsistenzproduktion"
wurde in den letzten zwanzig Jahren von der feministischen Ökonomie ausführlich
analysiert.
Claus
Füllberg-Stolberg und Andrea Komlosy verdeutlichen, wie sehr die "nicht-
oder halbkapitalistischen" Zonen zum Aufschwung der freien Marktwirtschaft
beitrugen.
Sie
erinnern an Zwangsarbeit und Sklaverei in den US-Südstaaten oder in den europäischen
Kolonien - ein Extremfall von Deregulierung zu Gunsten der einen und Regulierung
zu Lasten der anderen Seite. Weitere Beispiele informeller Arbeit: die Heimindustrie
des 19. Jahrhunderts, deren Elend Gerhart Hauptmann exemplarisch in "Die Weber"
schilderte; die dankbaren Immigranten und Immigrantinnen, die zu Hungerlöhnen
den industriellen Triumph der USA ermöglichten; die - meist polnischen -
Wanderarbeiter, die etwa das Berlin der "Gründerzeit" erbauten; oder
die unzähligen "Großstadtproletarier", die noch zwischen den Weltkriegen
Hühner, Kohl und Äpfel im billig gepachteten Kleingarten produzierten - unverzichtbare
Voraussetzung für niedrigere Löhne.
In Aufsätzen von Alexander Schubert, Hans-Dieter Evers und Irene Stacher geht es um den "informellen" Existenzkampf heute in der Dritten Welt. Tagelöhner auf den Plantagen, Taxifahrer ohne Lizenz, Kinder an Fließbändern
Generell
gilt, wie der Band eindrucksvoll zeigt, daß das vermeintlich spontane Wuchern
und Verblühen des informellen Arbeitswelt bestimmt von Boom und Krise der
formellen Ökonomie. Heute wirkt das Vierteljahrhundert bis 1970/75, in dem
"Informalität" als "schmutzig" oder zumindest unzeitgemäß
galt und das scheinbar den Durchbruch zu definitiver Vollbeschäftigung, rapidem
Wachstum und sozialer Stabilität brachte, als historische Ausnahmeperiode.
Im
Rückblick könnte die "Formalisierung" des Arbeitens unbesehen als
Fortschritt erscheinen. Schuf diese gesellschaftliche Regulierung in West- und
Nordeuropa Spielräume für individuelle Lebensentwürfe, so hatte sie anderswo
durchaus eine häßliche Seite. Tatsächlich bedeutete sie oft ein hohes Maß an
sozialer Disziplinierung, am radikalsten wohl in Japan. Ferner trug sie fast
überall zur Expansion einer "bevormundenden", demokratisch kaum
kontrollierten Bürokratie bei.
Der
gegenwärtige Boom der Informalisierung ist - ähnlich wie die ununterbrochene
"Freisetzung" von Arbeitskräften - nicht einfach ein spontaner
Vorgang, sondern zugleich eine bewußte Strategie der Unternehmen. Ihre Ziele:
zum einen Kostensenkung durch Auslagerung von "Wertschöpfung" aus dem
regulierten Raum, zum anderen Druck auf Löhne, Arbeitsbedingungen,
Umweltschutznormen usw. .
Ausführlich
nachgezeichnet wird dieser gegenwärtige Trend in den Texten von Langthaler und
Parnreiter anhand der Beschreibung der "Flexibilisierung" der
Industrie Norditaliens. Die Fabrikvorstädte von Mailand, Turin Genua und
Venedig waren fast 100 Jahre lang „Festungen“ der Arbeiterbewegung. Die
Auflösung dieser Standorte seit den siebziger Jahren und das folgende
„Aufblühen“ zahlloser kleiner und kleinster – mehr oder weniger „deregulierter“
– Firmen in agrarischen Gebieten trug wesentlich zum Niedergang der
Gewerkschaftsbewegung und der Kommunistischen Partei in Italien bei.
Bei
den zuerst in japanischen Großfirmen durchgesetzten Konzepten der "lean production"
geht es nicht nur die flexiblere Herstellung gewissermaßen individualisierter
Produktserien, oder - Stichwort "just in time" - um die Reduzierung
der Lagerhaltung, sondern genauso um die Auslagerung möglichst vieler
Unternehmensfunktionen - vom Entwurf bis zur Fertigung, von der Buchhaltung bis
zum Marketing - zu abhängigen Zulieferfirmen. Dazu kommt die Entlassung von
"Mitarbeitern" in die Scheinselbständigkeit als
"Transportunternehmer", Handwerker oder beratende Ingenieure. Das
Buch erwähnt, daß der Autokonzern Toyota, der "historische Pionier"
der unternehmerischen Flexibilisierung, inzwischen neunzig Prozent seiner
Produktion - und vielleicht auch des Risikos
- auf "selbständige" Zulieferer verlagert hat.
Herbert
Langthaler schreibt über die verblüffende Rückkehr der Textilfabriken in die
Metropolen der "Ersten Welt". Im Garment District New Yorks oder im
Pariser Viertel Sentier blühen "sweatshops/ Schwitzbuden" - Betriebe
mit Löhnen und Arbeitsbedingungen, die vor zwanzig Jahren nur noch in Hongkong
oder Sao
Paulo akzeptiert wurden.
Langthaler
setzt sich ferner mit der Erfolgsgeschichte der Firma Benetton auseinander. Er
stellt den Kontrast zwischen edlem Image und medienwirksamem sozialem Engagement
des lifestyle-Lieferanten und der Ausnutzung unterbezahlter und
"ungeschützter" Arbeit dar.
Vor
allem in den Dienstleistungsbranchen Westeuropas und Nordamerikas boomt graue
und schwarze Arbeit: Hauspersonal,
Reinigungskolonnen, Wachdienste, Kiosk- und Imbißbetreiber,
Transportfirmen - aber auch freiberufliche Journalisten, Designerinnen oder
Schauspieler. In unzähligen Familienbetrieben, von der Flickschneiderei bis zum
Drei-Tische-Restaurant, arbeiten - was zuvor nur noch in der Landwirtschaft
üblich schien - Frauen, Kinder und Alte "kostenlos" mit.
Ein
Essay der US-Soziologin Saskia Sassen demonstriert, daß in etwa in New York ungeregelte
und unterbezahlte Dienstleistung den Bedarf von Ghettobewohnern ebenso wie den
des "Jet Set" befriedigt. Aus Ghettos wie der South Bronx oder Far
Rockaway hat sich die etablierte Wirtschaft - bis hin zu Taxifahrern - aus
Angst vor Kriminalität weitgehend zurückgezogen; der "einfache
Millionär" in Brooklyn Heights oder Greenwich Village kann sich neben
Butler und Kindermädchen einen "offiziellen" Koch oder Chauffeur kaum
leisten.
Zentrale
Ursache für die Expansion der informellen Szene, so betont die Publikation, ist
der Drive der Arbeitslosigkeit und das zeitgleiche Durchschmelzen der sozialen
Sicherungen - und nicht, wie oft behauptet, der Zuzug anspruchsloser
Ausländerinnen und Ausländer. Im Gegenteil werden sie durch staatliche
Arbeitsverbote, "stumme" Diskriminierung auf dem Jobmarkt oder
Nichtanerkennung von beruflichen Qualifikationen geradezu in die
"unkontrollierten" Zonen gedrängt.
Je
höher die Arbeitslosenzahlen steigen, je rascher Garantien wie
Altersversorgung, Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstützung demontiert
werden, desto flexibler werden auch die "einheimischen" Arbeitskräfte,
desto größer wird die Bereitschaft zur Aufnahme "befreiter" Arbeit .
Diese
Entwicklung trägt zur Zersplitterung der abhängig Beschäftigten bei und fängt
so einen Teil des Widerstands gegen die Katastrophe auf den Arbeitsmärkten auf.
Informalisierung fügt sich ausgezeichnet in den marktradikalen Trend, "das
Kapital" aus jeder sozialen Verantwortung zu entlassen und individuelle
Auswege aus gesellschaftlichen Schieflagen zu propagieren. Gleichzeitig wird
das so oft beschworene "unternehmerische Risiko" immer mehr von den
großen auf mittlere und kleine Unternehmen, auf die formellen und erst recht
die informellen "Mitarbeiter" abgewälzt.
Nicht zuletzt wird der "individualistische Lebensentwurf" - über weite Strecken eine Heroisierung von Unsicherheit und Armut - in der populären Kultur durch Werbung, Seifenopern, Krimis oder Illustriertenreportagen serienmäßig idealisiert. Der oft erbärmliche, trostlose Existenzkampf erscheint im unvergänglichen Mythos vom "self-made man" zur sportiven Selbstverwirklichung verklärt.
Das
Osteuropa der neunziger Jahre - ein Modell für "beschleunigte"
Informalisierung von Industriegesellschaften ? Bereits in der
"realsozialistischen Ära" existierte eine weitläufige
"Schattenwirtschaft". Der "reale" Bedarf an Reparaturen oder
Taxifahrten wurde von der planwirtschaftlichen Bürokratie systematisch
ignoriert, die geläufige Korruption spielte sich am Restauranteingang ebenso ab
wie auf dem Wohnungsamt.
Ein
polemischer Beitrag von Hannes Hofbauer zur
Deregulierung der "Reformländer" beschreibt die
wirtschaftlichen Verwerfungen in Rußland, der Ukraine und anderen
Nachfolgestaaten der Sowjetunion.
Hofbauer
schätzt, daß in Rußland über ein Drittel der Bevölkerung zumindest zeitweise in
der "inoffiziellen" Ökonomie arbeitet. Er berichtet von einer am Ende
des 20. Jahrhunderts befremdlichen "Stadtflucht" - Stahlarbeiter und
Lehrerinnen ziehen aufs Dorf, um Weizen, Kartoffeln und Milch für den Eigenbedarf zur produzieren.
Gerade in Rußland umfaßt die schwarze und graue Zone keineswegs nur die
"Armutsbevölkerung", sondern auch "postsozialistische"
Kombinate, die in einem faktisch rechtsfreien Raum agieren, weder Sozialabgaben
noch Steuern bezahlen und Gewinne nach London oder Singapur transferieren.
Hinzu kommen traditionelle Begleiterscheinungen einer "mafiosen
Ökonomie" - Korruption nicht mehr als Normüberschreitung, vielmehr als
Norm, serienweise Ermordung von Konkurrenten,
Privatarmeen, Abschottung weiter Territorien gegen eine nur mehr nominelle
Staatsmacht.
Gibt es Alternativen zur Informalisierung ? Nein ? Der Aufsatz von Langthaler kritisiert das fehlende Engagement der Gewerkschaften für die "Informellen". Die Schwäche der "Arbeitnehmerorganisationen" und der geräuschlose Einsturz auch des "demokratischen Sozialismus" haben die Akzeptanz für den "neuen Kurs" des Kapitalismus erhöht. Ob den überraschenden Akzenten, die die Regierung Jospin in Frankreich gesetzt hat, tatsächlich ein Kurswechsel folgen wird?
"Teile
und herrsche" ? Sicher gibt es Grenzen für die "Befreiung der Arbeitsmärkte"
in den Industriestaaten, allein schon, weil dieser Prozeß fühlbar zu Lasten von
beruflichen Qualifikationen und Arbeitsmotivation - und damit der Produktivität
- geht. Ziel des Marktradikalismus bleibt aber eine möglichst vielfältige
Spaltung der abhängig Beschäftigten - formell Arbeitende werden zu
"Arbeitsplatzbesitzern" deklariert und gegen Arbeitsuchende
ausgespielt, "Kernbelegschaften" gegen "Jobber" usw. Hinzu
kommen die Risse zwischen Inländern und Ausländern oder der Krieg
"Standort gegen Standort".
Der
Band "Ungeregelt und unterbezahlt" berichtet von einem Mega-Trend in
den westlichen Industriegesellschaften. Er ist wichtig, weil diese fatale
Entwicklung bisher von der Sozialwissenschaft, aber auch der Öffentlichkeit nur
bruchstückhaft wahrgenommen wurde.
Auf
jeden Fall verstärkt die "Synergie" von Massenarbeitslosigkeit und
Informalisierung die ohnehin rasante Tendenz zur gesellschaftlichen
Desintegration.
Für die Bundesrepublik zu befürchten ist besonders
eine schwer umkehrbare "Marginalisierung" der aus der Industrie immer
mehr auf die irregulären Märkte abgeschobenen Ausländerinnen und Ausländer.
Unser Bildungssystem ist nicht in der Lage, mehr als der Hälfte der
"nichtdeutschen" Jugendlichen eine abgeschlossene Berufsausbildung zu
vermitteln - offensichtlich handelt es sich um ein Problem nicht der Betroffenen,
sondern der Bildungspolitik. Fahrlässigkeit oder Kalkül ? Die Erfahrung von
alltäglicher "kultureller" Diskriminierung UND beruflicher
Chancenlosigkeit für Millionen Menschen könnte in Selbstisolierung oder in
politisch-religiösem Fundamentalismus enden. n
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Im LiFo-Info Neue
Folge und in den Anderen Zeiten haben wir bisher folgende Debatten geführt:
Zur Neuorientierung in der Linken:
Felix Guattari: Ökologische Demokratie; Hans
Wagner: Transformationstheorien; Jean-Paul
Deléage: Politische Ökologie; Alain
Lipietz: Ökologie als Gewissensfrage (2‘93); Pierre Juquin: Französische Ökologiebewegung und
Nationalpopulismus (5‘93); Frieder Otto
Wolf: Ökologie und Utopie; Rolf
Schwendter: Linke Krise (6‘93); Thomas
Klein: Oppositioneller Reformidealismus; Rainer Land: ”Sozialismus”-Transformation (1‘94); Wieland Elfferding: Subjekte alternativer
Politik (AZ 2‘94); John B. Foster:
Ökolog. Bilanz (AZ 1`95); Klaus Dräger:
Grüne vor ökoliberaler Wende? (AZ 3`95); Willi
Brüggen: „Radikalreformistischer“ Neuanfang; Stefan Schostok: Konferenz v. AZ, spw, Utopie kreativ (AZ 4`95); André Brie, Horst Dietzel, Jörn Schütrumpf:
Thesen zur Zeitschriftenkonferenz(AZ 5`95).
Strategiedebatte der Bündnisgrünen:
Willi Brüggen: SPD (3‘93); Kerstin Müller:
NRW-Grüne (1‘94); Roland Appel/Martin
Böttger: Rot-Grüne Reform (AZ 2‘94); Elke
Plöger und Beate Thomann: Rot-Grün
in Sachsen-Anhalt (AZ 3`94 und 2`95); Paul
Tiefenbach/Andreas Wawrzinek: Raschkes Konzeption der Grünen; Andreas Schulze: Bündnis 90-Krise; Rüdiger Brandt: Verortung der Grünen
(AZ 3‘94); Brüggen/Esser/Schulze: Reformpolitik
mit der PDS in Berlin (AZ 4 u.5`94); Klaus
Dräger: PDS-Debatte; Christiane
Ziller: Junger Wählerinnen; Judith
Demba/ Sybill Klotz: Mehrheiten in Berlin; Friedrich Heilmann: Niederlage im Osten (AZ 5`94); Peter Bartelheimer: Rot-Grün in
Frankfurt; Reinhard Kaiser:
Schwarz-Grünes (1`95); Susanne Jahn:
Strukturwandel in der Stadtpolitik; Ida
Schillen: Rot-Grüne Inhalte; A.
Schulze: Letzte Chance? (AZ 3`95); I.
Schillen: Zwischenablage; Monika
Rauer: Sachsens Bündnisgrüne (AZ 4`95); Daniel Kreutz: Auf dem Weg nach Godesberg (1‘98); Frieder O. Wolf: Letzte Ausfahrt Brooklyn
(4’97) ders. An der nächsten Biegung
links...(1‘98);
EU- und Gesamteuropa-Debatte:
Hans-Chr. Ströbele: Maastricht-Urteil (5‘93); Jürgen
Trittin: Asyl-Abschiebung nach Osteuropa (4‘93); K. Dräger: Europa-Programmatik (5‘93); Jochen Esser: Westbindung (AZ 3‘94); Anselm Lange: Maastricht II (AZ 1`95); Harald Bauer: Frankreichs Krise (AZ 3`95); Elisabeth Schroedter/Brigitte Luggin: Kerneuropa oder Reform (AZ
4`95); Klaus Dräger: Alternativen
zur Maastrichter Währungsunion (AZ 5`95).
Alternative Außenpolitik:
H.-P. Hubert: Euromilitarismus (5‘93); F.O.
Wolf: Menschenrechte u. Nationalismus; L.
Henken: Somalia-Einsatz; Volker
Böge/Albert Statz: NATO-Erweiterung (AZ 2‘94); Amke Dietert-Scheuer: Menschenrechtspolitik; Bernd Ladwig: Linker Nationalismus? (AZ 1`95); Ludger Volmer/Frithjof Schmidt: Thesen
zur grünen AP; Klaus Müller:
Bosnienpolitik (AZ 3`95); U.Cremer:
Deutschland als Internationaler ZDLer; Catherine
Samary: Bosnien: Der Zynismus der Großmächte (AZ 5`95); Claudia Roth Draußen vor der Tür (1;98)
Diskussion eines ökologischen New Deal:
Alain Lipietz: Ökolog. Reform der Wirtschaft; W.
Brüggen/F.O. Wolf: Kapitalist. Produktionsweise (4`93); Giorgio Nebbia: New Deal (6`93); Jorge Riechmann: Ökosteuern (1`94); Michael Jäger (AZ 6‘94) und Rudy Mondelaers (AZ 2`95): Ökokapital
und Systemtheorie; F.O.Wolf:
Arbeitsthesen zum Ökokapital (AZ 2`95); Rainer
Land: Irrwege u. Auswege der Ökokapital-Debatte (AZ 3`95); Peter Sellin: Wie flexibel ist der
Wirtschaftsstandort Deutschland?; Willi
Brüggen: Wege aus der Standortfalle (AZ 5`95); Karl Betz: Eine wirtschaftspolitische Alternative (1’98)
Regulierungszwänge der Weltökonomie:
W. Brüggen: Globale sozialökolog. Regulierung (AZ 2‘94); Christoph Scherrer: Autoindustrie (AZ 3‘94); Rainer Falk: Weltmarktkonkurrenz (AZ 1`95); Christoph Scherrer: Regulierung des Weltmarkts: Sozialklauseln in
Handelsverträge? (AZ 5`95).
Feministische Debatte:
Bärbel Höhn u. Christa Karras:
Frauenstatut (6‘93 u. AZ 5`94); Ida
Schillen/Elisa Rodé: Frauenstreik (1‘94); I. Schillen: Antidiskriminierungsgesetz (AZ 4`94);. Schillen u. Ch. Karras: §218 (AZ 1`95); Hiltrud
Breyer: UN-Bevölkerungs- u. Weltfrauenkonferenz (AZ 4`94 u.3`95); Elke Plöger: Frauenpolitik (AZ 4`95); Ruth Becker: Vom Fleischverbrauch der
Vegetarierinnen (AZ 5`95).
Die Anderen Zeiten haben folgende ISSN :
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Sie erscheinen sechsmal im Jahr.
HerausgeberInnen:
Friedrich Heilmann, Claudia Roth, Elisabeth Schroedter, Frithjof Schmidt, Barbara Steffens, Frieder Otto Wolf.
Redaktion:
Georg Bauer, Rüdiger Brandt, Willi Brüggen, Susanne Jahn, Matthias Oberg, Elmar Peine, Ida Schillen.
Verlag:
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[1] So Professor Werner Jann, Verwaltungswissenschaftler an der Universität Potsdam im Spiegel 22/1996.
[2] Vgl. Spiegel 20/1996.
[3] Vgl. Die Welt vom 29.8.1995.
[4] Ich benutze den Begriff bewußt im Unterschied zu dem der Planung.
[5] ich verweise hier auf Rolf Gössners hervorragenden Artikel in Ossietzky 2/1998
[6] FR 12.1.98
[7] Die gesamte Geschichte ist in meinem im Februar 1998 erschienenen Buch „Neue NATO – neue Kriege? Zivile Alternativen zur Bundeswehr“ S.35ff. genauer nachzulesen.
[8] taz 12.1.98