Forum für politische
Ökologie und soziale Emanzipation
Ehem.:
LiFo-Info. Neue Folge. Januar /
Februar 1998 DM
10,-
Editorial
Werden die Bündnisgrünen unter
der Regie von Mitte-links-VertreterInnen nun glattgebügelt, um
rot-grün-regierungskompatibel zu werden?
Mehrere Indizien deuten darauf hin,
daß die Garzweiler II-Erfahrung der NRW-Grünen dadurch vermieden werden soll,
daß die großen Niederlagen schon von vornherein in den Regierungsverhandlungen
vereinbart werden sollen.
Über die geplante
Verkleinerung und bezahlte Professionalisierung des Bundesvorstandes und die
Einrichtung eines 15köpfigen Parteirates und die Mittelumverteilung zugunsten
der Bundesgeschäftsstelle, alles Maßnahmen, die explizit eine
"handlungsfähige, starke Bundespartei" im Falle von rot-grün
anstreben, muß diskutiert werden. Entscheidender scheinen aber die
strategischen Vorbereitungen der Bündnisgrünen auf Regierungsverhandlungen zu
sein.
|
Inhaltsverzeichnis Crossover 2 W.Kreissl-Dörfler
/ M. Quandt MAI 3 C.
Roth Draußen vor der Tür 7 D.
Kreutz Auf dem Weg nach Godesberg 10 P.
Boursier Kritik der reinen Symbolik 14 R.
Brandt Tom Koenigs Wirtschaftspolitik 16 F.
O. Wolf An der nächsten Biegung links ..... 19 K.
Betz Eine wirtschaftspolitische Alternative 29 W.
Roth Leben ohne Arbeitslosigkeit 37 M.
Herzberg / S. Schunk Zukunft gestalten ... 40 J.
Geppert / S. Schunk Studierendenproteste 45 |
Das neueste
"Konzept für Koalitionsgespräche" des Bundesvorstandes gibt keinerlei
Anlaß, große Hoffnungen in rot-grün auf Bundesebene zu setzen. Wird die linksreformistische
grüne Programmatik noch fortgeschrieben, so soll gleichzeitig auf dem Programmparteitag
in Magdeburg festgelegt werden, daß "Konfliktthemen zwischen beiden Seiten
(...) entschieden sein (müßten), bevor die neue Regierung gewählt werde",
so die indirekte Wiedergabe des Papiers in der taz vom 17.2.98. Was heißt das
anderes, als daß die Grünen gleich einknicken sollen? Das wird auch prompt bestätigt:
"Lieber eine reale Niederlage offen kassieren, als sie über Prüfaufträge
vertagen", steht in der Vorlage
laut taz. Vorsorglich werden jedoch nicht die Themen genannt, bei denen diese
Niederlagen eintreten werden. Das wird der Basis aus 520 grünen Kreisverbänden
dann spätestens auf der Bundesversammlung vom 23. bis 25.10. in Bonn klar,
wobei schon vorgesorgt ist: "Nachverhandlungen auf Wunsch der Basis schloß
Trittin gegenüber der taz aus."
Daß die Vermeidung von
"Prüfaufträgen" und "symbolische(r) Aktionen wie die Einrichtung
neuer Beauftragter, Kommissionen und Beiräte" durchaus richtiger Bestandteil
einer Strategie des gemeinsamen Regierens bei übereinstimmenden Fragen sein
könnte, wird unterminiert durch einen "Verzicht auf das Regieren mit
wechselnden Mehrheiten". Aus Angst vor einem gemeinsamen Abstimmen von CDU
und SPD werden, so ist zu befürchten, die Inhalte großkoaltionärer Politik - in
vielleicht etwas abgeschwächter Form - gleich in rot-grüner Regie vollzogen.
Bleibt man beim "Prinzip Genauigkeit vor Vollständigkeit" werden
wichtige grüne Essentials "ausgeklammert". Statt grundsätzlich den
Ausschluß wechselnder Mehrheiten festzulegen, sollten doch klar diese
Essentials genannt werden, die - wenn sie schon nicht Bestandteil gemeinsamer
Politik zwischen SPD und Grünen werden können - als Tabuthemen
parlamentarischer Beschlußfassung gewertet werden müssen
Im Konzeptpapier werden dagegen
umgekehrt schon die SPD-Essentials angedeutet, indem die "Beachtung der
juristischen und finanziellen Rahmenbedingungen" eingefordert wird.
Die großen Differenzen zwischen
der realexistierenden SPD und grüner Programmatik können und dürfen nicht
verschleiert werden durch die Sprachregelung, ein "Maximum an Umsetzung
grüner Programmatik" anzuzielen, oder dadurch, daß die
Selbstverständlichkeit ausgesprochen wird, eine mögliche Koalition mit der SPD
sei "keine Liebesbezeiehung, sondern eine Vereinbarung auf Zeit zwischen
politischen Gegnern".
Das hier vor längerer Zeit
vorgestellte Konzept einer "Opposition in der Regierung" ist wohl
nicht realitätsnah. Warum sollte aber rot-grün das Geschäft der Großen
Koalition übernehmen, um diese zu vermeiden?
Rüdiger
Brandt
Nachdem es auf einer zweitägigen Konferenz, die im Dezember 1997 mit rund 200 Teilnehmern in Bochum stattfand, vor allem um die inhaltliche Weiterentwicklung des Crossover-Prozesses gegangen war, trafen sich Anfang Februar 30 Aktivisten aus den verschiedenen Zeitschriftenprojekten ( Andere Zeiten, spw, Utopie kreativ) in Berlin, um Bilanz zu ziehen und um über die Rolle von Crossover im kommenden Wahljahr nachzudenken.
Dabei
stellte sich heraus, daß es bei der bisherigen Zusammenarbeit relativ gut
gelungen war, in einzelnen Politikfeldern interessante und vorwärtsweisende
Debatten zu organisieren und gemeinsame Konzepte zu formulieren. Das betrifft
insbesondere die Bereiche der Arbeitszeitsverkürzungs- und
Vollbeschäftigungspolitik, des Ökoumbaus und der Ökosteuerdebatte und des 3.
Sektors bzw. der „linken Mittelstandspolitik“. Leider fanden diese Aktivitäten
noch allzu sehr im Verborgenen statt. Vor allem die öffentliche Medienresonanz
der letzten Bochumer Konferenz wurde als enttäuschend empfunden. Das mag damit
zusammenhängen, daß die für das 97er Jahr eigentlich anvisierte direktere
Intervention in die tagespolitischen Reform- und Bündnisdebatten so nicht gelungen
war. In Berlin waren sich die meisten Diskussionsteilnehmer einig, daß die
Debatte um Rot/Rot/Grüne Bündnisse im Augenblick durch die bestehende
„politische Großwetterlage“ blockiert ist.
Entsprechend
sahen die meisten Diskussionsteilnehmer für Crossover wenig Chancen, sich in
die kommenden Wahlkampfauseinandersetzungen mit eigenen Bündnisoptionen
einzumischen. Sie plädierten dafür, sich bis September 1998 vor allem auf die
inhaltlichen Auseinandersetzungen zu konzentrieren. Deshalb werde man sich im
kommenden Jahr vor allem auf diskursiv-publizistische Interventionen beschränken
müssen. Hier bestehe die wichtigste Funktion von Crossover darin, der
wahlpolitischen Verflachung der gesellschaftlichen Reformdebatte entgegen zu
treten und die in allen drei politischen Spektren vorhandenen weitergehenden
Politikansätze zu einem gemeinsamen Projekt zuzuspitzen. Gleichzeitig müsse
versucht werden, die wachsende Spaltung zwischen den wahlpolitisch verkürzten
Parteidebatten und den wirklichen gesellschaftlichen Nöten und Stimmungslagen
aufzugreifen – wenngleich sich auch daran bis zum Wahlabend wenig ändern werde.
So
konzentrierte sich die Berliner Auswertungsdebatte auf die Fragen der
inhaltlichen, konzeptionellen und publizistischen Weiterarbeit. Dabei bestand
Einigkeit, daß ein integrierender Gesamtentwurf, der die erarbeiteten
Reformprojekte in einem griffigen Gegenprojekt bündelt, noch fehle. Vor allem
wurde betont, daß es jetzt darauf ankomme, konkurrenzfähige Gegenmodelle zu den
von Schröder und Hombach oder von Biedenkopf, Miegel und Beck entwickelten
Leitlinien eines neuen postfordistischen Gesellschaftsentwurfes zu entwickeln.
Außerdem müsse versucht werden, unsere Diskussionen über die beschränkten Zirkel
und Strömungszusammenhänge der eigenen Zeitschriften hinaus zu tragen.
Dazu
wurden verschiedene Kooperationsprojekte mit politisch nahestehenden Zeitungen
besprochen. Gleichzeitig soll die Zusammenarbeit zwischen den drei bisher
beteiligten Zeitschriften intensiviert werden. Außerdem wurde verabredet, bis
Mai 1998 ein Eckpunktepapier zu erarbeiten, das sich vor allem auf die
generelle Stoßrichtung unserer Reformalternativen konzentriert. Es soll
gemeinsam mit den noch mal zu überarbeitenden Ergebnissen der Bochumer
Konferenz veröffentlicht und zur Debatte gestellt werden. Nach der Sommerpause
soll es außerdem eine Fachtagung zum Thema „Dritter-Sektor, linke
Mittelstandpolitik“ geben, auf der wir unsere Konzepte mit „externen
Fachleuten“ besprechen wollen. n
Die Bundestagskandidatenliste
Rheinland-Pfalz
1.
Ulrike Höfken
2.
Christian Sterzing
3. Birgit Bachmann
4. Michael Henke
5. Heike Schröder
6. Werner Rehn
7. Brigitte Linke Lotz
8. Sven Metzger
Die Ströme
ausländischer Direktinvestitionen (ADI) sind in der letzten Dekade mehr als
doppelt so schnell gewachsen wie der Welthandel mit Gütern und durchschnittlich
viermal so schnell wie die jeweilige nationale Produktion. Rund vier Fünftel
der ADI - werden von im Norden ansässigen Transnationalen Konzernen (TNK) in
OECD-Ländern getätigt[1].
Schon seit längerer Zeit haben zahlreiche Industriestaaten daher Interesse an
einer einheitlichen Regelung bekundet, von der sie sich angesichts der mehr als
1800 bislang existierenden bilateralen Abkommen mehr Rechtssicherheit für Investoren
versprechen. 1995 nahmen die OECD-Staaten vor allem auf Betreiben der USA und
der EU Verhandlungen über ein Multilaterales Investitionsabkommen (MAI) auf.
Das
geplante Abkommen soll jedoch nicht nur Investitionsschutz bieten, sondern kann
- im Einklang mit dem marktradikalen neoliberalen Zeitgeist - als Quantensprung
in der Globalisierungsdynamik bezeichnet werden. Renato Ruggiero, Präsident der
Welthandelsorganisation WTO, apostrophierte das geplante MAI, das im April 1998
zum Abschluß gebracht werden soll, gar als "Verfassung für die Weltwirtschaft"[2].
Denn hinter verschlossenen Türen verhandeln Beamte der Finanz- und
Wirtschaftsministerien der OECD-Staaten in Paris über ein Abkommen, das den
Anspruch staatlicher Regulierungsfähigkeit der Weltwirtschaft zugunsten der
Transnationalen Konzerne (TNK) zur Makulatur werden läßt.
Wolfgang
Kreissl-Dörfler ist Mitglied des Europäischen Parlaments. Melanie Quandt ist
parlamentarische Assistentin von W.K-D und Politologin.
Da sie eine möglichst
umfassende Liberalisierung im Investitionsbereich anstreben, entschieden sich
die OECD-Staaten gegen Verhandlungen im Rahmen der Welthandelsorganisation
(WTO), an denen auch die Entwicklungsländer beteiligt gewesen wären. Es ist
jedoch ein offenes Geheimnis, daß das MAI für Nicht-OECD-Mitglieder geöffnet
werden soll, wenn es nicht ohnehin als Vorlage für ein späteres WTO-Abkommen
verwendet werden soll. So wird den Industriestaaten die Möglichkeit eingeräumt,
für sich selbst Ausnahmen für bestimmte Sektoren oder Gesetzgebungen
auszuhandeln, während die Entwicklungsländer voraussichtlich einem massiven
Druck ausgesetzt sein werden, dem Abkommen beizutreten, obwohl sie keinen
Einfluß auf dessen inhaltliche Ausgestaltung haben[3].
Wolfgang
Kreissl-Dörfler hat als Mitglied des Ausschusses für Außenwirtschaft im
Europäischen Parlament einen Initiativbericht zum MAI vorgelegt, um noch vor
Abschluß der Verhandlungen eine parlamentarische Debatte zu diesem Thema zu
ermöglichen. Im März 1998 wird das Europäische Parlament sein Votum abgeben,
wobei weder die Kommission noch die Mitgliedsstaaten die Position des EP bei
den Verhandlungen berücksichtigen müssen. Dennoch ist die Debatte im
Europäischen Parlament wichtig, da sich hier erstmals gewählte Volksvertreter
mit diesem Thema auseinandersetzen und die Diskussion in ihren Herkunftsländern
stimulieren können. Darüber hinaus ist allerdings eine kritische Debatte in den
nationalen Parlamenten unabdingbar, da diese das Abkommen ratifizieren müssen -
und ihr Votum die Wirtschafts- und Sozialpolitik der nächsten zwanzig Jahre
entscheidend prägen wird. Sollte nämlich einer der Unterzeichnerstaaten sich
aus dem Abkommen zurückziehen wollen, gelten dessen Bestimmungen zunächst für
weitere fünf Jahre. Darüber hinaus bleiben Investitionen, die im
Geltungszeitraum des MAI getätigt wurden, noch innerhalb der darauf folgenden
fünfzehn Jahre geschützt. Bei gründlicher Analyse des ultraliberalen Abkommens
werden die weitreichenden Konsequenzen einer solchen Festlegung deutlich.
Auf dem Weg zum totalen Markt
Der
vorliegende Entwurf des Abkommens[4]
läßt sich in die drei Kernbereiche -Investitionsschutz,
Investitionsliberalisierung und Streitschlichtung - aufgliedern. In allen
diesen Bereichen sollen der politische Handlungsspielraum der Staaten und ihre
Regulierungsmöglichkeiten zugunsten der Investoren radikal eingeschränkt
werden. Grundsätzlich werden durch das Abkommen nicht nur Direktinvestitionen erfaßt,
sondern auch Portfolioinvestitionen, Konzessionen, Aktien und Darlehen.
Das
Prinzip der Inländerbehandlung und die ebenfalls in das MAI integrierte
Meistbegünstigungsklausel sollen zukünftig den freien und gleichberechtigten Marktzugang
für ausländische Unternehmen gewährleisten. Auf diese Weise soll eine
Diskriminierung der ausländischen Investoren verhindert werden, wobei
allerdings nicht ausgeschlossen werden kann, daß ausländische Investoren
bessergestellt werden als einheimische Mitbewerber. Gezielte Struktur- oder
Regionalförderung für nationale Industrien in Form von direkten Subventionen,
Steuererleichterungen oder staatlicher Auftragsvergabe - um damit
beispielsweise Produktionsdiversifizierung oder umweltfreundliche Produktion zu
fördern - werden damit praktisch unmöglich. Auch bei der Privatisierung
staatlicher Unternehmen dürfen ausländische Firmen nicht mehr benachteiligt
werden. Zukünftig werden daher "special share arrangements" zugunsten
der Beschäftigten oder betroffenen Gemeinden von den Regierungen schwierig
durchzusetzen sein.
“Race to the bottom” bei Umwelt- und Sozialstandards.
Die
sogenannten “performance requirements”[5],
mittels derer ausländischen Investoren bislang Auflagen in verschiedenen
Bereichen der Produktion gemacht werden konnten, sollen künftig verboten
werden. Die Unternehmen könnten dann nicht mehr dazu verpflichtet werden, etwa
einen Teil ihrer Gewinne im Land zu reinvestieren, eine Mindestzahl
einheimischer Beschäftigter einzustellen oder einen Teil ihrer Produktion zu
exportieren, um den Binnenmarkt des Gastlands zu entlasten. Weiterhin
ausgeschlossen ist die Förderung von Unternehmen, die Frauen bei der
Einstellung bevorzugen oder Arbeitsplätze für Behinderte oder Angehörige von
Minderheiten bereitstellen. Die nationalen Regierungen können die
Investitionstätigkeit auch dann nicht verhindern, wenn diese mit den
Entwicklungszielen des Landes nicht vereinbar oder sozial und ökologisch
unverträglich ist.
Auf
der anderen Seite wird der uneingeschränkte Kapitaltransfer garantiert, auch
wenn dies die Zahlungsbilanz hochverschuldeter Entwicklungsländer aus dem
Gleichgewicht bringt. Produktive und nicht produktive Investitionen in Ländern,
die eine aus Unternehmenssicht günstigere Tarifstruktur und niedrigere Umwelt-
und Sozialauflagen aufweisen, könnten durch das MAI in seiner jetzigen Form
gefördert werden. Es muß daher unbedingt sichergestellt sein, daß die
bestehenden Umwelt- und Sozialstandards bewahrt und in Zukunft auch weiterentwickelt
werden können. Den Nationalstaaten muß auch in Zukunft das Recht zugestanden
werden, ihre eigene Industriepolitik zu betreiben und ihre kulturelle Identität
und Autonomie zu bewahren. Daher ist das im MAI-Entwurf vorgesehene
grundsätzliche Verbot der “performance requirements” nicht hinnehmbar.
Die
im MAI verankerten “Standstill”- und “Roll-back”-Klauseln implizieren, daß die
bestehenden Schutzgesetzgebungen nicht weiterentwickelt werden dürfen und
allmählich reduziert werden müssen. Besonders im Bereich der Umweltschutz- und
Sozialgesetzgebung werden diese Regelungen einschneidende Konsequenzen haben.
Diese Klauseln sind Teil der absoluten Liberalisierungsideologie im Dienste der
transnationalen Konzerne.
Es
müßten daher verbindliche Bestimmungen zum Schutz bestimmter
Wirtschaftssektoren, zur Vereinbarkeit des MAI mit den internationalen
Umweltschutzabkommen (MEA), den internationalen Menschenrechtspakten sowie den
Umwelt-, Sozial- und Strukturpolitiken der EU direkt im Text des Abkommens
verankert werden. Die vorgesehene Annexierung der OECD-Richtlinien für
Multinationale Unternehmen von 1976 und die Einrichtung von National Contact
Points ist in diesem Zusammenhang zwar als grundsätzlich positiv, aber nicht
als ausreichend zu bewerten, da die Richtlinien nicht verbindlich sind. Dennoch
hätte ihre Aufnahme in das MAI ein gewisses moralisches Gewicht, da sie die
kollektiven Erwartungen von Regierungen ausdrücken. Wichtig wäre auch ihre
Funktion als “Belohnung” für Qualitätseinhaltung und Ächtung von ruinösem Wettbewerbsverhalten.
Zudem würden sie die unübersichtlich werdende und daher verunsichernde Vervielfachung
von Codes of Conduct auf Konzernebene vereinheitlichen.
EU vs. USA: Konfliktpunkte bei den Verhandlungen
Zwischen
der EU und den USA wird zur Zeit noch um eine sogenannte REIO-Klausel für
“Regionale wirtschafliche Integrationszonen” gerungen, zu denen auch die EU
zählt. Die von der EU-Kommission angestrebte breite Schutzklausel würde eine
weitere Harmonisierung und Fortentwicklung der Gemeinschaftsgesetzgebung
ermöglichen, ohne Investoren aus Drittstaaten dieselben Privilegien einräumen
zu müssen. Ohne eine solche Klausel wären die geplante Osterweiterung und eine
Vertiefung der europäischen Integration nicht denkbar - letzlich würde die
Europäische Union ihren eigenen Fortbestand gefährden. Doch die USA setzen die
Europäer mit ihrer Forderung unter Druck, im Austausch für eine - enggefaßte -
REIO-Klausel den Inhalt der Helms-/Burton- und D’Amato-gesetze zu akzeptieren,
durch die ausländische Unternehmen in den USA mit Sanktionen belegt werden, die
in Cuba, Libyen oder dem Iran investieren. Diese Forderung ist für die EU inakzeptabel
und so befinden sich die Verhandlungen zur Zeit in einer Sackgasse.
Schadensersatzregelungen und Streitschlichtung zugunsten der Multinationalen Konzerne
Dennoch
ist es sinnvoll, das Abkommen jetzt gründlich zu analysieren und öffentlich
Kritik zu formulieren, bevor ein Kompromiß zwischen den Verhandlungspartnern
zustande kommt. Das Abkommen enthält nämlich noch weitere höchst bedenkliche
und sogar gefährliche Punkte. So sollen ausländische Investoren zum Beispiel
vor jeglicher “Enteignung” geschützt werden. Dazu zählen unter anderem auch
“entgangene Profite” durch neue Umwelt- und Sozialauflagen oder ähnliche
Gesetzesinitiativen, Streiks oder Krieg. In all diesen Fällen können die Unternehmen
die Regierung des Gastlands auf Schadensersatz verklagen. Durch die äußerst
dehnbare Definition von “Enteignung” droht eine inflationäre Inanspruchnahme
des neuzuschaffenden Streitschlichtungsverfahrens jenseits des bestehenden
nationalen und internationalen Rechts zu Lasten der SteuerzahlerInnen.
Grundsätzlich
ist der Passus über den neuzuschaffenden Streitschlichtungsmechanismus als
skandalös zu bewerten, da hier die Unternehmen zu gleichberechtigten Partnern
der Nationalstaaten aufgewertet und so quasi mit politischen Rechten
ausgestattet werden sollen, da als Kläger neben den Unterzeichnerstaaten auch
Investoren zugelassen sind Die privatwirtschaftlichen Kläger werden faktisch sogar
über den Staaten angesiedelt, da diese zwar gegen andere Staaten klagen dürfen,
nicht aber gegen Investoren.
Eine
gewählte - und damit letztlich demokratisch verantwortliche Regierung könnte von
einem Unternehmen in dessen Privatinteresse zu Gesetzesänderungen gezwungen
werden. Der Bananenmulti Chiquita mußte, um bei der WTO ein Panel gegen die
EU-Bananenmarktordnung anzustrengen, immerhin noch die US-Regierung zur
Wahrnehmung seiner Interessen einschalten - dies wäre nach dem Inkrafttreten
des MAI nicht mehr notwendig. Umgekehrt könnte ein Staat ein Unternehmen nicht
vor der gleichen Instanz etwa wegen Lohndiskriminierung oder Umweltzerstörung
verklagen. Das Abkommen müßte dringend um eine Bestimmung ergänzt werden, die
eine Klage der Unterzeichnerstaaten gegen die ausländischen Investoren im
Interesse ihrer Bevölkerungen und der Umwelt auf derselben juristischen Ebene
zuläßt. Zu befürchten wäre aber auch dann noch, daß Umwelt- und Sozialstandards
sukzessive abgesenkt werden, um ausländische Direktinvestitionen anzuziehen,
auch wenn die Europäische Kommission dies bestreitet. Bislang herrscht noch
keine Einigkeit zwischen EU und USA über die Einführung einer sogenannten “Not
lowering standards”-Klausel. Die EU plädiert für die rechtliche Verbindlichkeit
einer solchen Schutzbestimmung, die USA möchten diese eher unverbindlich
halten. Übrigens sitzen interessanterweise nur Abgesandte der Finanz- und
Wirtschafts-, nicht aber die der Umwelt- oder Sozialministerien mit am
Verhandlungstisch. Dies unterstreicht die Prioritäten der an den Verhandlungen
beteiligten Industriestaaten.
“Greening the MAI”
Wir
erleben zur Zeit umwälzende Veränderungen in der Weltwirtschaft, durch deren
zunehmend transnationale, marktradikale, deregulierte und virtuelle
Charakteristik der politische Handlungsspielraum und die Souveränität der
Nationalstaaten sukzessive zugunsten der multinationalen Konzerne, der
internationalen Banken und der mächtigen internationalen Organisationen wie
IWF, Weltbank und OECD eingeschränkt wird. Der gegenwärtige Entwurf des MAI
reflektiert die dominante neoliberale Ideologie. Es soll hierbei nicht
grundsätzlich bezweifelt werden, daß flexibel regulierte Märkte unter
bestimmten Rahmenbedingungen Produktivität und Wohlstand fördern können. Dies
gilt allerdings nicht für gänzlich deregulierte Märkte, denn Marktmechanismen
sind nicht dazu in der Lage, Bereiche zu regeln, die sich den Gesetzen der
Ökonomie entziehen, wie etwa soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz oder
Menschenrechte.
Die Unausgewogenheit zwischen den Rechten, die das MAI den ausländischen Investoren großzügig gewähren soll und den ihnen auferlegten Pflichten gegenüber den Bevölkerungen und der Umwelt der Gastländer, die bislang nicht verbindlich und daher nicht einklagbar sind, ist eklatant. Es stellt sich die Frage, in wessen Auftrag und Namen dieses Abkommen eigentlich verhandelt wird. Die mangelnde Transparenz des gesamten Verhandlungsprozesses - in den meisten OECD-Staaten fand keine öffentliche Debatte statt und auch die nationalen Parlamente wurden nicht ausreichend informiert - und die sich daraus ergebende Vernachlässigung der Anliegen der Zivilgesellschaft geben Anlaß zu einer radikalen Kritik an der vorliegenden Fassung des MAI.
Für die Demokratie hat das durch dieses Abkommen weiter gefestigte Primat der Ökonomie über die Politik verheerende Folgen. Es ist wichtig, daß das Primat der Politik in der Rahmensetzung gewahrt bleibt und keine Kompetenzübertragung an demokratisch nicht legitimierte Wirtschaftsakteure erfolgt. Vielmehr muß eine effektive demokratische Kontrolle über die für die BürgerInnen unüberschaubaren vernetzten wirtschaftlichen und finanziellen Transaktionen gewährleistet sein. Angesichts der enormen Eingriffe des MAI in zentrale Wirtschafts-, Politik- und soziale Bereiche der Nationalstaaten ist Transparenz und eine eingehende öffentliche Debatte in den Unterzeichnerstaaten unerläßlich.
Ein
aus grüner Sicht annehmbares Investitionsabkommen müßte über eine verengte
ökonomische Sichtweise hinausgehen und einen Ausgleich zwischen sozialen,
ökologischen und wirtschaftlichen Entwicklungszielen ermöglichen. Es müßte
verbindliche Regelungen gegen einen kontinuierlichen Abwärtstrend bei
nationalen Umwelt-, Arbeits-, Gesundheits- und Verbraucherschutzsstandards
enthalten. Die politische und wirtschaftliche Souveränität der
Unterzeichnerstaaten darf nicht in dem Maß beeinträchtigt werden, daß sie nicht
mehr ihre eigenen Entwicklungsziele bestimmen dürfen. Auch die heutigen 29
OECD-Mitgliedsstaaten haben sich nicht unter den Bedingungen einer ultraliberalisierten
Wirtschaft entwickelt - genau das soll aber den heutigen Entwicklungsländern
zugemutet werden.
In
den nächsten Wochen und Monaten wird mit der Unterzeichnung des MAI eine
wichtige Weichenstellung für die zukünftige Entwicklung der Weltwirtschaft
vorgenommen. Parlamente und Zivilgesellschaften dürfen nicht tatenlos dabei
zusehen, wie sich die Politik selbst zugunsten der Ökonomie entmachtet. n
Allen diesen
Äußerungen war eins gemeinsam: Mehr als Walhlkampfgetöse war nicht dran. So
mußte auch die haltlose Behauptung der "drohenden" 10.000 Flüchtlinge
kaum, daß sie vom bayerischen Grenzschutz medienwirksam plaziert worden war, wieder
zurückgenommen werden. Wie so üblich, wurde aber das Dementi der Zahlen, die
ein reines Hirngespinst waren, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt. Was im Gedächtnis
bleibt von dieser Kampagne beispielloser Schäbigkeit und Unverfrorenheit ist
nicht, daß rund 2.500 Menschen auf der Flucht Schutz an Italiens Küsten suchten
und ein verschwindender Bruchteil von ihnen nach Deutschland einreiste. Was
haften bleibt, sind die Schreckenszenarien einer "Welle" von
"illegalen Zuwanderern", die sich mit Hilfe "krimineller
Schlepperbanden" ein schönes Leben in der goldenen Bundesrepublik machen
wollen - und damit hat diese Kampagne ihren Zweck erfüllt.
Was
schon seit Jahren gängige Praxis in der Bundesrepublik ist, wird hier zu
perfider Perfektion gebracht: Menschen auf der Flucht werden kriminalisiert und
illegalisiert. Wer diese Menschen sind, wo sie herkommen und was sie zu ihrer
Flucht getrieben hat, spielt keine Rolle. Zynisch fordert Innenminister
Kanther, den "illegalen Zuzug von Einwanderern (...) mit allen Mitteln zu
unterbinden". Statt Schutz für Flüchtlinge, ist der Schutz vor
Flüchtlingen erklärtes Ziel.
Fluchtland Türkei
Claudia Roth ist
Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament.
Die
"Boatpeople" an Italiens Küsten waren hauptsächlich irakische und
türkische Kurden. Daß diese einleuchtende Gründe zur Flucht haben, ist
eigentlich nach Maßstäben des gesunden Menschenverstands mehr als einleuchtend.
Mittlerweile geben europäische Politiker aller Schattierungen, einschließlich
der Bundesregierung, die von ihnen jahrzehntelang ignorierte Tatsache zu, daß
in der Türkei Menschenrechte offensiv und systematisch verletzt werden. Sogar
der türkische Staatspräsident Demirel stellt öffentlich fest, daß 3.500 Dörfer
in Kurdistan zerstört wurden und mehr als 36.000 Menschen in dem Krieg zwischen
dem türkischen Militär und der PKK getötet wurden. Rund 3 Millionen Menschen
wurden zur Flucht gezwungen. Viele von ihnen leben ohne jegliche Perspektive in
den Slums der großen Städte, weiterhin der Repression der türkischen
Sicherheitskräfte ausgeliefert. Etwa ein Drittel hat den Sprung nach Europa
geschafft und ist somit der alltäglichen Angst vor dem ‚Verschwinden‘ und der
Folter wenigstens für eine Galgenfrist entronnen.
Was
aber hat der europäischen Politik so plötzlich die Augen gegenüber der
Menschenrechtslage beim "Partner Türkei" geöffnet? Wenn Herr Juncker
beim Luxemburger Gipfel sagt, er setze sich nicht mit Folterern an einen Tisch,
dann hört sich das zunächst wie eine lobenswert konsequente Haltung für einen
EU- Ratspräsidenten an. Jahrzehntelang aber spielten die Menschenrechte, die
kurdische Frage und das Zypernproblem keine ernstzunehmende Rolle in den
europäisch-türkischen Beziehungen. Weder bei Unterzeichnung des
Assoziationsabkommens noch bei Umsetzung der Zollunion waren die Defizite des
türkischen Staates ein wirkliches Hindernis. Waffen wurden nach wie vor ins
Land der Folterer exportiert, Polizeihilfe geleistet, Menschen abgeschoben.
Menschenrechte und Demokratisierungsprozess galten als "innere
Angelegenheiten" des Handelspartners, dem man mit seinen Forderungen trotz
Mitregierens der Militärs nicht verärgerte.
EU-Mitgliedschaft - nein danke!
Die
EU muß sich vorwerfen lassen, politische Grundsätze aus ökonomischen und
geostrategischen Interessen gegenüber der türkischen Regierung hintenangestellt
zu haben. Kritische Stimmen, die demokratische Reformen als Bedingung für die
Zollunion einforderten, wurden als "politisch naiv" und
"unrealistisch" abgeschmettert. Kaum war aber die Zollunion
umgesetzt, entdeckte man in Europa ‚kulturelle Unterschiede‘ und Mängel in der
türkischen Demokratie. Die Argumente der KritikerInnen wurden nun plötzlich mit
Vehemenz von denen vertreten, die sie vorher ignoriert hatten, so daß sich der
Verdacht geradezu aufdrängt, daß unter dem Deckmantel der Menschenrechte die
gleichberechtigte Partnerschaft der Türkei in der EU und damit vor allem auch
die Freizügigkeit für deren "islamische" BürgerInnen im "Hort
des christlichen Abendlandes" abgewehrt werden soll. Um eine
Vollmitgliedschaft der Türkei zu verhindern, ist jedes Argument politisch opportun.
Was
Kritiker der Zollunion vorausgesagt haben, hat sich auf ganzer Linie
bewahrheitet: Die Menschenrechtslage hat sich durch die Zollunion nicht
verbessert, im Gegenteil: Die Fälle des "Verschwindenlassens", der
Haftstrafen für JournalistInnen und Menschenrechtler nehmen eher zu als ab, wie
nicht zuletzt die Fälle Esber Yagmuderelis und Haluk Gergers zeigen, gegen die
in dieser Woche erneut Haftbefehle ergingen. Die Stabilität des politischen
Systems wurde nicht gefestigt, im Gegenteil: Die Koalition Ciller/Erbakan kam
über die Susurluk-Affäre endgültig zu Fall, und der Ciller-Nachfolger als
"Hoffnungsträger des Westens" , Yilmaz, setzt deren harten
innenpolitischen Kurs weiter fort. Auch das Parteienverbot gegenüber der Refah
und die unveränderte Linie in der Terrorismusbekämpfung tragen zu allem anderen
als zur Stabilisierung oder Reformierung des Landes bei.
Auch wirtschaftlich hat die Zollunion der Türkei nicht genutzt, im Gegenteil: Wie bereits vorauszusehen war, hat die Türkei große ökonomische Probleme durch die Zollunion. Die ökonomischen Bereiche, in denen die türkische Wirtschaft konkurrenzfähig mit den Europäern ist, wurden im Abkommen ausgeklammert (ebenso die Freizügigkeit für TürkInnen). Damit wurde wissentlich ein Ungleichgewicht zu Lasten der Türkei geschaffen. Exporte aus Europa in die Türkei sind denn auch erwartungsgemäß in die Höhe geschnellt, ohne daß die türkische Exportwirtschaft auch nur im Ansatz mithalten konnte. Folge ist eine annähernde Verdoppelung des Handelsbilanzdefizits der Türkei, von 1995 auf 1996 - eine Entwicklung, die zu Recht Sorge bereitet.
Diese einseitige Belastung durch die Zollunion hatte die Türkei allein in der Hoffnung auf die vertraglich zugesicherte Vollmitgliedschaft in der EU auf sich genommen. Sie übersah dabei leider, daß allen Beteuerungen europäischer "Freunde" zum Trotz, diese mit der Zollunion als Status Quo vollauf zufrieden sind: sie ernten die Früchte der Assoziation, die Nachteile hat alleine die Türkei, ohne jeglichen politischen Einfluß damit gewonnen zu haben. Folgerichtig lautet ihre Botschaft von Luxemburg: keine Beitrittsperspektive für die Türkei. Nach 34 Jahren des Wartens und der leeren Versprechungen ist die Türkei damit endgültig auf dem Abstellgleis.
Helfershelfer - ja bitte!
Daß
ihre Forderungen nach Menschenrechten und Demokratie nicht mehr als ein blosses
Lippenbekenntnis waren, machen die Europäer kaum 3 Wochen später angesichts der
kurdischen "Boatpeople" in der Adria deutlich. Ihre
"Problemlösungsansätze" zielen ausschliesslich darauf ab, die Flucht
nach Europa unmöglich zu machen. Über Sofortprogramme und Aktionspläne hinaus,
denken die Europäer bereits laut über die Möglichkeiten eines
Rückführungsabkommens mit der Türkei nach - eben jener Türkei, die noch vor
wenigen Wochen als Folterstaat angeprangert wurde. Menschenverachtend und
zynisch wird die Türkei aufgefordert, ihre Grenzen besser zu überwachen, was
diese scheinbar auch mit medienwirksamen Razzien gerne übernimmt.
Menschenverachtend, da man damit wissentlich Menschen zwingt, unter genau den
Bedingungen zu leben, die man vorher öffentlich gebrandmarkt hat. Zynisch, da
man genau diejenigen auffordert, die Flüchtlinge im Land festzuhalten, die
durch ihre Politik deren Flucht verursachen und über ihre Mafia-Verbindungen am
Menschenhandel gut verdienen.
Fluchtland Irak
Ein immer größerer Teil der Flüchtlinge
kommen aus Irakisch-Kurdistan. Sie bildeten die Mehrzahl der Bootsflüchtlinge
und sind auch mittlerweile die drittgrößte Gruppe von AsylbewerberInnen in der
Bundesrepublik. Ihre Zahl stieg in den letzten Jahren stark an und wird für
1997 auf über 10.000 beziffert. Da ihre Anträge in den meisten Fällen positiv
beschieden werden - ca. 80% erhalten politisches Asyl oder aber zumindest
Abschiebungsschutz - ist dies Grund genug für die Bundesregierung, um nach
"Abhilfe" zu suchen. Wie üblich setzt sie auch hier darauf,
Flüchtlinge gar nicht erst ins Land zu lassen oder aber schleunigst wieder
loszuwerden. Daß dies politisch nicht leicht zu legitimieren ist, liegt klar
auf der Hand. Menschen in den Einflußbereich Saddam Husseins zurückzuschicken,
ist selbst für das Innenministerium nicht einfach zu rechtfertigen. Zu
offensichtlich hat sich der "safe haven", der nach dem Ende des
Golfkrieges 1991 für die KurdInnen eingerichtet worden war als alles andere als
"safe" erwiesen: Frisch sind die Erinnerungen an Saddams
Truppeneinmarsch im Bündnis mit der KDP im August 1996. Ebenso gegenwärtig, da
immer wieder neu aufflammend, sind die Kämpfe der rivalisierenden Parteien PUK
und KDP. Zahlreiche Militäroperationen der Türkei im Nordirak, von denen die
letzte erst Anfang 1998 beendet wurde, und deren partielle Dauerpräsenz dort
komplettieren das Bild einer unsicheren, instabilen und jederzeit zu
bewaffneten Konflikten eskalierbaren Lage.
Dennoch läßt sich die Bundesregierung davon nicht abschrecken und beginnt Mitte 1997 damit, Vorbereitungen zu treffen, um Abschiebungen irakischer KurdInnen doch realisierbar zu machen. Das Auswärtige Amt stellt seither in seinen internen Lageberichten fest, die Situation im Nordirak habe sich entschieden verbessert. Das Bundesamt für Asyl geht von "sicheren Rückkehrmöglichkeiten" für Angehörige beider großer Parteien aus und leitet immer mehr Widerrufsverfahren gegen anerkannte Asylanträge ein. Interne und bis heute geleugnete Gespräche mit der KDP über Rückführungsmöglichkeiten werden im Herbst 1997 geführt und schließlich bei der EU auf ein Sofortprogramm gedrängt, daß das Problem des "Zustroms von Einwanderern aus dem Irak" lösen soll.
Welch wunderbare Fügung des Schicksals, daß just zu diesem Zeitpunkt die "Einwandererwelle" auf dem Mittelmeer anrollt. In künstlich erzeugten Klima von Angst und Bedrohung kann von Außenminister Kinkel endlich das heikle Thema angegangen werden, ohne einen Aufschrei der Empörung befürchten zu müssen: Die Gelegenheit ist wie geschaffen, um politische Schritte gegen die nordirakischen Flüchtlinge europaweit in die Wege leiten zu können.
Und so geschieht es denn auch: Auf einen gemeinsamen Aktionsplan haben sich am 25.1.98 die europäischen Außenminister schnell geeinigt. Neben verstärkter polizeilicher Zusammenarbeit und verschärften Kontrollen sieht dieser die Förderung regionaler Lösungen" vor. - Was das bedeutet, ist klar: Abschiebung von KurdInnen in die Türkei und in den Irak. Die Türkei wird sich sicher gerne daran beteiligen, wenn man damit erneut die vage Hoffnung auf einen "Doch-noch-Beitritt" verschafft - und damit kann das Problem dann endlich "mit allen Mitteln gelöst werden". n

Daniel Kreutz ist bündnisgrüner
Landtagsabgeordneter in NRW.
Für die NRW-SPD
ist Garzweiler II von existenzieller Bedeutung. Würde eine von ihr geführte
Landesregierung dazu ‚Nein‘ sagen, droht ihr die Zerlegung - in einem internen
Großkonflikt mit der vereinigten Bergbau- und Chemiegewerkschaft sowie mit der
IG Metall, die über den Anlagenbau ‘dranhängt‘. Als 1995 der rot-grüne
Koalitionsvertrag dazu kein Ja, sondern den festgeschriebenen Dissens brachte,
ließen RWE und IGBE die Kumpel vor dem SPD-Parteitag gegen den
"Judas" Johannes Rau demonstrieren. Seither war klar, was der SPD
blüht, wenn sie Garzweiler II ernsthaft infragestellen läßt. Sie steht hier als
Ganze im Wort. Auch der schwache "rot-grüne" Parteiflügel kann keinen
Kurs vorschlagen, der eine Zerlegung des eigenen Ladens in Kauf nimmt.
Schon
an der Wiege der Koalition "zweier Welten" (Farthmann) galt die
Genehmigung des Rahmenbetriebsplans für Garzweiler II als "Sollbruchstelle".
Denn mit diesem ersten konkreten Genehmigungsschritt für das Vorhaben bindet
sich das Land gegenüber dem Investor. Die Borkener LDK im April 1997 beschloß
daher in breitestem Konsens, daß eine "politisch motivierte"
Genehmigung des Rahmenbetriebsplans von uns als "Kündigung der Koalition
durch die SPD" verstanden wird - eine Formulierung die deutlich machen
sollte, wo dann die Verantwortung für das Ende der Koalition liegt. Diese
Botschaft wurde seither von allen grünen Spitzenleuten immer wieder öffentlich
verkündet - bis zum 22. Dezember 97, als der Ernstfall eintrat.
Grünes
Verhandlungsziel mit dem zuständigen Wirtschaftsminister, designierten Rau-Nachfolger
und 110-prozentigen Schröder-Mann Wolfgang Clement war, die
Rahmenbetriebsplanzulassung im Einvernehmen mit der für die nachfolgenden
wasserrechtlichen Erlaubnisse zuständigen Umweltministerin so zu gestalten, daß
die Kompetenzen der beiden Ministerien entsprechend der Rechtslage sauber
getrennt werden. Präjudizierende Aussagen über Wasserrechtsfragen sollten
ausgeschlossen bleiben, um diese in "ergebnisoffenen" Verfahren nach
geltendem Recht prüfen zu können. Zudem sollte eine möglichst frühzeitige
Überprüfung der Grundannahmen des Braunkohlenplans erreicht werden
(Koalitionsvertrag: nach 2000). Ließe sich dabei die energiewirtschaftliche
Notwendigkeit von Garzweiler II und/oder die Sozialverträglichkeit widerlegen,
wofür vieles spricht, könnte so das Projekt theoretisch zurückgeholt werden,
bevor der Aufschluß beginnt.
Ein zunächst positiv erscheinender Gesprächsprozeß zwischen den beteiligten Ministerien wurde vor Weihnachten vom Wirtschaftsminister abgebrochen.
Er
pfiff auf verfahrensrechtliches Einvernehmen mit der Umweltministerin, schickte
den für sie "nicht akzeptablen" Entwurf der Rahmenbetriebsplanzulassung
an das Unternehmen, ließ einige von dort erwünschte Änderungen vornehmen und
setzte das Ding am 22. 12. in Kraft. Zum Überfluß verlangte er von der
Umweltministerin eine verbindliche Zusage über den von RWE erwünschten Termin
der wasserrechtlichen Erlaubnis und wollte die Überprüfung der Grundannahmen
erst nach Aufschluß des neuen Tagesbaus vornehmen lassen. Obwohl alle Beteiligten
wußten, was auf dem Spiel steht, fand sich nicht einer aus der
SPD-Führungsetage, der dem Minister der Wirtschaft in den Arm gefallen wäre.
Dies
Verhalten Clements war keineswegs neu, sondern stand in Kontinuität seiner
lange erprobten Strategie der Demütigung der Grünen: Die SPD schafft einseitig
die von ihr gewünschten Fakten, die Grünen maulen eine Weile herum, fügen sich
aber stets artig, bevor der Gang der Geschäfte ernsthaft gefährdet wäre. Das
hatte immer funktioniert - etwa bei der mehrschrittigen Durchsetzung einer
radikal expansionsorientierten Luftverkehrspolitik (auch gegen den Wortlaut des
Koalitionsvertrags) oder beim "Ausbildungskonsens NRW", wo Clement
seine Arbeitgeberpolitik gegen den Willen seiner eigenen Landes- und
Bundespartei durchzieht, die wie die Grünen und der Koalitionsvertrag eine
Ausbildungsumlage fordern. Die Liste derart erzielter SPD-Erfolge ist lang. Das
grüne Regierungslager versüßte bisher die eigenen Rückzüge stets auch mit dem
vielsagen Hinweis: "Aber bei Garzweiler II..."
Das "Modellhafte" an der NRW-Koalition besteht darin, daß hier unter rot-grüner Lackierung schwarz-gelb-rote Politik stattfindet.
Es
gilt das Primat von "Standortsicherung" und Wirtschaftsinteressen.
Zunehmend geraten die Grünen in die Rolle, frühere sozialdemokratische Reformen
gegen ihre Urheber zu verteidigen. Spielräume zur Politikgestaltung bleiben
ihnen außerhalb der beiden grünen Ministerien nur in dem Rahmen, den ihnen die
SPD zuweist. Schröders Bild von "Koch und Kellner" für eine rot-grüne
Arbeitsteilung im Bund könnte der Beobachtung von NRW entstammen.
Auch
nach Auffassung von Bärbel Höhn war mit Clements Rahmenbetriebsplanzulassung
der Erstfall von Borken eingetreten. Sie ist nicht nur "politisch
motiviert", sondern auch noch "rechtswidrig". Sie greift tief in
die fachaufsichtliche Kompetenz der Umweltministerin ein. Damit sind nach
übereinstimmender Auffassung zwei Tatsachen eingetreten:
1. Die NRW-SPD hat die Interessen von
RWE über Recht und Gesetz und über die Koalition gestellt.
2. Die "Einheitlichkeit des
Regierungshandelns" - Grundlage der Funktionsfähigkeit einer jeden
Regierung - ist zerstört, weil Umwelt- und Wirtschaftsministerium beim gleichen
Objekt mit gegensätzlichen Rechtsauffassungen gegeneinander arbeiten.
Entsprechend
dem Beschluß von Borken berief der Landesvorstand für den 17.01.98 eine
Sonder-LDK ein, um über die Koalitionskündigung zu befinden.
Noch
am 22. 12. nachmittags hielt niemand für möglich, was dann passierte: Das grüne
Regierungslager leitete unter Führung der "linken" Umweltministerin
eine 180-Grad-Wende der bisherigen Argumentation ein. Abweichend von der
Verabredung, derzufolge dem Landesvorstand das Recht auf ein erstes
Richtungssignal für die Sonder-LDK vorbehalten bleiben sollte, verkündete die
Umweltministerin am Tag vorher ihr "Fünf-Punkte-Programm" und
erklärte vor der Presse die Fortsetzung der Koalition für "möglich und
sinnvoll". Die Botschaft für die Partei war klar: Wer zu anderen
Schlußfolgerungen kommt, stellt sich gegen die eigene Ministerin...
Der
bewährte Mechanismus des Blocks von Realos und "Regierungslinken"
(beschrieben im damaligen 'Strategiepapier' der NRW-Realos Achim Schmillen und
Wolfgang Schmitt MdB) funktionierte: Das Echo der Ministerinnen-Worte wurde von
(fast) allen "führenden Grünen" quer durch die Landespresse hin- und
hergeworfen, während sich die Apparate um die Orientierung der Kreisverbände
bemühten. Hier führte dann schon mal das Übergewicht der vom "Atem der
Geschichte" mobilisierten passiven Mitgliedschaft zur Umkehrung der
politischen Kräfteverhältnisse unter den AktivistInnen.
Die
"Fünf Punkte" für "ergebnisoffene" Verfahren waren
keineswegs neu. Sie waren intern eingeführt als grüne
"Maximalposition", von der aus die Verhandlungen vor Weihnachten
geführt wurden. Das werde die grüne Umweltministerin Kraft eigener Kompetenzen
jetzt im Alleingang durchziehen. Doch was vorher ausdrücklich als "kein
Hebel" gegen Garzweiler galt, wurde nun vom Regierungslager zum quasi entscheidenden
Hebel überhaupt erklärt, obwohl bereits RWE/SPD-nahe Rechtsauffassungen gegen
die Umweltministerin in Stellung gebracht wurden. Wer sich per Koalitionsende
den 5 Punkten im Wege stelle, gebe "den Kampf gegen Garzweiler auf".
Wer mag, kann assoziieren: Feigheit vor dem Feind, Desertion, Dolchstoß.
Zwischen Kämpfen und Regieren wurde ein Gleichheitszeichen gesetzt. Vor allem
Regierungsrealos mühten sich um die Suggestion, daß die für Neuwahlen
Optierenden quasi als 5. Kolonne der politischen Rechten agierten - schließlich
würden ja auch die CDU-Opposition, die außerparlamentarische FDP sowie der
rechte Rand der SPD Neuwahlen befürworten.
Das
Neuwahl-Lager ging dagegen zuallererst von den Tatsachen aus, die am 22.12.97
die entsprechenden Spekulationen und Befürchtungen ablösten: Aus dieser
Landesregierung heraus kann Garzweiler II nicht verhindert werden. Die SPD
trennt sich stets eher von den Grünen als von Garzweiler. Die Landesregierung
ist kaputt. Neuwahlen sind nicht Wunsch-Option, sondern zwingende Folge der
realen Umstände. Jetzt gegen alle vorherigen Ankündigungen weiterzumachen,
würde uns von rechts wie links dem Vorwurf der "Umfaller-Partei"
aussetzen.
Zweitens
wurde auf die reale Beschränktheit schon der rechtstheoretischen Möglichkeiten
der "5 Punkte" sowie die prekäre Durchsetzungsfähigkeit der
Rechtsauffassung der Umweltministerin gegenüber der von RWE und SPD
hingewiesen. Den herbeigehofften "Chancen gegen Garzweiler" steht
rechtlich auch die "Chance" gegenüber, daß Bärbel Höhn am Ende die
wasserrechtlichen Erlaubnisse für Garzweiler II verantworten muß, ohne dem
Tagebau tatsächlich gefährlich werden zu können. Die Federführung dafür liegt
nämlich beim Landesoberbergamt, einer Institution der Bergbaulobby unter
Dienstaufsicht von Clement. Wir sollten schon in unserer politischen Vorschule
gelernt haben, daß im harten Interessenkonflikt Rechtsfragen allemal
Machtfragen sind.
Doch
über die Tatsachen stritt das Regierungslager nicht - es ignorierte sie
einfach. Ebenso die begründete Sorge, daß ein Kompletterfolg der SPD beim wichtigsten
grünen Thema (sie zocken durch und die Koalition hält trotzdem) als Einladung
wirkt, auch anderswo und mehr als bisher mit uns Schlitten zu fahren.
Hinsichtlich der bundespolitischen Auswirkungen wiesen wir darauf hin, daß eine
Partei mit einer Glaubwürdigkeits- und Identitätskrise ihr Wählerpotential am
27. September nicht voll mobilisieren kann, und daß wir eine ernstzunehmende Ökosteuer
im Bund abschreiben können, wenn wir in NRW vormachen, daß Grüne auch bei
entgegengesetzter Weichenstellung mitspielen.
Die
Weitermach-Entscheidung von Jüchen - mit 135 bis 140 Stimmen gegen 95 bis 109
Stimmen (ein definiertes amtliches Ergebnis wurde nicht festgestellt) -
bestätigt das ungeschriebene Gesetz, daß gegen die große Mehrheit des
"Führungspersonals" nichts durchsetzbar ist. Viele Mitglieder und
Delegierte trafen ihre Entscheidung weder aufgrund der Lage der Koalition noch
aufgrund der Lage bei Garzweiler II, sondern aus vielfältigen Sekundärmotiven:
In rot-grün regierten Kommunen fürchtete man den Verlust des 'Schutzschildes'
auf Landesebene, man erhoffte sich aus Düsseldorf Rückenstärkung im Kampf
"zuhause" gegen das Einkaufszentrum auf der grünen Wiese oder die Umgehungsstraße,
man wollte dies oder jenes noch erhofftes Reformvorhaben nicht gefährden, man
erlag der medialen Suggestion, daß der Bruch in NRW das Aus für Rot-Grün im
Bund sei, oder man mochte sich schlicht nicht gegen die eigene Ministerin
stellen. Insbesondere die Bindung partikularer Interessen an's Mitregieren hat
zu einer deutlichen Entpolitisierung im Landesverband geführt.
Die
Minderheit - mit 40-45% immerhin beachtlich - wäre etwas kleiner gewesen,
hätten sich nicht neben der linken Vorstandssprecherin Barbara Steffens auch
Christa Nickels MdB, Landtagsvizepräsidentin Katrin Grüber und
"Gründungsvater" Wilhelm Knabe auf ihre Seite gestellt. Für letzteren
steht "Weitermachen" ausdrücklich gegen den Gründungskonsens der
Partei. Allerdings lief die Front der Koalitionskritik in NRW schon immer quer
zu den traditionellen Strömungsgrenzen. "Ur-Realos", die sich über
die letzten 10 Jahre treu blieben statt den VorturnerInnen auf dem weiteren Weg
nach rechts zu folgen, finden sich landespolitisch manchmal beängstigend nah
bei der regierungskritischen Linken wieder.
Jüchen kann der Auftakt zum Godesberg der NRW-Grünen gewesen sein.
Zwar
bleibt das "politische Nein" zu Garzweiler II unberührt. Doch selbst
beim wichtigsten Thema ist eine Kluft zwischen Reden und Handeln entstanden,
die unsere Glaubwürdigkeit beschädigt. Grüne Worte scheinen nur so weit zu
reichen, wie sie das Mitregieren nicht gefährden. Bärbel Höhn vertritt für das
Regierungslager offensiv die Entkoppelung des Parteiwillens von der
Regierungspraxis: "Wenn dann Beschlüsse" wie in Borken dürfe es nicht
mehr geben.
Opposition ist manchen per se eine unerträgliche Vorstellung.

Nur
wer regiere, habe Gestaltungschancen. Die NRW-Grünen definierten sich in Jüchen
als Regierungspartei, die sich aus dem Ministerbüro um die Verhinderung des
jeweils "Schlimmeren" bemüht - ein bekanntes und universell
verwendbares Muster. Nach der Logik der Mehrheit gibt es derzeit nichts mehr,
das zur Beendigung der Koalition veranlassen könnte. Gravierende Auswirkungen
auf das nächste Landtagswahlprogramm sind zu befürchten. Vielleicht aber ist auch
dies richtig: In Jüchen fanden die "radikalen" NRW-Grünen endlich den
Anschluß an ihre "erwachsene" Bundespartei, die mit dem
Bundestagswahlprogramm gerade ihren Weg nach Godesberg sucht.
Trotz
der vielgelobten Sachlichkeit der Auseinandersetzung geht seit Jüchen ein
tiefer Riß durch die NRW-Grünen. Die Aussicht, auf absehbare Zeit in der
strukturellen Minderheitenposition der Jusos nebst der entsprechenden
Schizophrenie (Wir unterstützen unsere Regierungspartei, sind aber dagegen, was
sie macht) zu landen, reicht nicht aus, um die AktivistInnen der Minderheit bei
der Stange zu halten. Da es außerhalb der Grünen keinen Ort für eine
realitätstüchtige Politik der ökologischen, sozialen und emanzipatorischen
Gesellschaftsveränderung gibt, gilt es, ein alternatives Politikangebot
innerhalb der Partei zu entwickeln.
Die
Bundestagskandidatenliste:
Baden Württemberg
1. Uschi Eid
2. Rezzo Schlauch
3. Rita Griesshaber
4. Winne Hermann
5. Monika Knoche
6. Cem Oezdemir
7. Angelika Koester-Lossak
8. Oswald Metzger
9. Sylvia Kotting-Uhl
10. Wolfgang Reimer
11. Baerbl Mielich
12. Juergen Graesslin
13. Sabine Zeiner
14. Manne Lucha
15. Sabine Seeliger

Phillipe Boursier ist
Vorstandssprecher der französischen Grünen Übersetzung:
Robert Nitsche
Sicher, diese Regierung hat
Flagge gezeigt, sie hat Zeichen gesetzt - von der 35-Stunden-Woche, die im Jahr
2000 verwirklicht sein soll, bis zur Infragestellung der Ämterhäufung. Aber
Zeichen sind es nun einmal nicht allein, die eine alternative Politik konstituieren.
Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, um die derzeitige Regierungspolitik an
ihren Ergebnissen zu messen.
Das Gesetz zur 35-Stundenwoche:
Nach dem Willen der Regierung soll das Gesetz nur etwa
ein Drittel der Beschäftigten betreffen - und zwar im Jahr 2000. Verhandlungen
über die Umsetzung sollen betrieblich geführt werden. Das bedeutet, daß
jährlich neu verhandelt wird. Und was soll mensch von den finanziellen Anreizen
halten, die aus öffentlichen Mitteln an die Unternehmen gezahlt werden? Solange
das Steuersystem nicht reformiert wird, werden solche Subventionen letzlich vor
allem aus dem Mehrwertsteueraufkommen finanziert. Die Unternehmen werden mit
solchen Anreizen aufkosten der KonsumentInnen von ihrer Mitverantwortung entlastet.
Die wenigen Umverteilungsmaßnahmen, die der
Haushalt 98 vorsieht - Deckelung des Familiengeldes, Begrenzung des AGED -
bewirken im Endeffekt eine Umschichtung von wenigen Milliarden. Währenddessen
sind die ungerechten Umverteilungsaktionen von Balladur und Juppé - z.B. die
Erhöhung der Mehrwertsteuer - nicht zurückgenommen worden, sondern bleiben in
Kraft. Den Vielverdienenden wird ein ganz kleines bißchen abgezwackt - aber das
wird noch nicht einmal bei den unteren Einkommensniveaus draufgelegt. Wie
sollen wir damit umgehen, daß sechs Monate nach dem Sieg der ”Majorité
plurielle” die meisten staatlichen Einkommensuntergrenzen - Mindestlohn, Mindestrente,
Alleinerziehendenhilfe, Behindertenhilfe - nicht angehoben worden sind? Daß die
Regierung Jospin in der Öffentlichkeit gut ankommt, hilft denjenigen wenig, die
weder die Zeit zum Warten haben noch die Mittel, sich Gehör zu verschaffen.
Ein ”Maastrichter” Haushalt also, auf einer Linie mit
den Euro-freundlichen Prioritäten der Vorregierung und mit den fortgesetzten
Privatisierungsmaßnahmen. Jospin hat in Amsterdam schon dem Stabilitätspakt
zugestimmt. In Münster dann, am 24. Oktober besiegelte eine
deutsch-französische Absprache den Schwenk von der Politik nach dem Motto ”Euro
- ja, bedingt” hin zu ”Euro - ja, unbedingt”. Unser Feigenblatt, nicht mehr.
Unser Premierminister ging sogar soweit, die Kandidatur
des monetaristischen Hardliners Claude Trichet für den Präsidentenposten der zukünftigen
europäischen Zentralbank zu unterstützen. Ein grenzenlos liberales Europa?
Jospin hat diesen Kurs nicht verlassen. Die Beschäftigungsbeschlüsse von
Luxembourg sind für dieses Europa ein Feigenblatt, nicht mehr.
Und
was soll mensch von der Weigerung der Regierung halten, die Pasqua-Gesetze
abzuschaffen [die die Einwanderungs- und AusländerInnenpolitik unter der
letzten Regierung wesentlich verschärft haben, d.Ü), oder von der Vertagung des
Themas ”Sozial-Union”, dem schleppenden Tempo der Justizreform, der
poujadistischen Provokationen des Erziehungsministeriums gegenüber den Lehrern,
der wahrscheinlichen Vertagung des Gesetzes gegen Ämterhäufung, das, wenn es
nicht vor den Regionalwahlen verabschiedet wird, erst bei den Kommunalwahlen im
Jahr ...... 2001 (?!) wirksam wird. Wieso sind wir eigentlich so sicher, daß
die Ära Mitterand vorbei ist? Wenn man sich die unbewegliche Afrika-Politik der
Regierung anschaut, oder das erdrückende Schweigen zu den massiven
Wahlfälschungen in Algerien, machen sich Zweifel breit.
Es ist völlig klar, daß für uns Grüne sehr viel auf dem
Spiel steht, wenn wir den Schongang, den wir Jospin derzeit gewähren, auch in
der Umweltpolitik und in der Raumplanung anwenden. Bleiben wir ehrlich - die
Aufgabe des Superphönix-Reaktors und des Rhein-Rhône-Kanals können uns nicht
darüber hinwegtäuschen, daß unser Handlungsspielraum sehr eng ist. Die Grünen
dürfen aber die schädlichen Entscheidungen der Regierung in den
verschiedentsten Politikbereich nicht einfach hinnehmen: kein Moratorium beim
Autobahnbau, keine wesentliche Änderung der Mineralölsteuer, keine wesentlichen
Änderungen bei den Agrarsubventionen, insbesondere bei den Subventionen für
Bewässerung, keine Infragestellung des Wiederaufarbeitungsprinzips für
abgebrannte Kernbrennstäbe, Genehmigung von genmanipuliertem Mais, etc.
Während die verschiedenen Teile
der Majorité plurielle, zugleich
gebannt und zusammengeschmiedet durch die Aussicht auf die nächsten Wahlen,
einen Gutteil ihrer politischen Positionen zur Disposition stellen, ist es von
vitaler Bedeutung, daß die Grünen sich ihre Rede- und Handlungsfreiheit
bewahren, insbesondere durch die Aufstellung möglichst vieler unabhängiger
Listen bei den Regionalwahlen. Es geht schlicht um die Glaubwürdigkeit der
alternativen ökologischen Botschaft. Dabei dürfen wir allerdings nicht
zulassen, daß die französische Politik in die Falle läuft, die ein Zweikampf
einer neutralisierten Linken mi einer nach italienischem Muster erneuerten
Rechten bedeuten würde, während gleichzeitig der Front national unter Le Pen
einen Großteil der ProtestwählerInnen einsammelt.
Es ist Zeit für eine neue Kultur der Kritik und der
Mobilisierung, denn auch in der Politik gilt, daß der ”Schlaf der Vernunft die
schlimmsten Monster aufweckt”.
n
Rüdiger Brandt ist
Redakteur der Anderen Zeiten
Ausgangspunkt seiner Vorstellungen ist eine
„globalisierte Informationsgesellschaft“, in der „kleine und mittlere Innovationsfirmen
mit Schwerpunkt im Dienstleistungsbereich“ an die Stelle alter industrieller
„Großstrukturen“ treten.
Abgesehen
davon, daß Prozesse, die man als „Globalisierung“ umschreiben kann hier
unzulässig vereinfacht und insbesondere in ihrer Krisendynamik weit unterschätzt
werden, mag das Wunschbild kleiner aktiver und innovativer Wirtschaftsbetriebe
ja nicht so falsch sein. Auffällig ist jedoch die Verwechslung eines
Wunschbildes mit der Wirklichkeit, die zur Ideologisierung der eigenen Politik
anscheinend erforderlich ist.
Prekäre Finanzen
Wie
von dem ehemaligen Frankfurter Stadtkämmerer nicht anders zu erwarten, betont
Koenigs, daß die „Finanzierung staatlicher Aufgaben (...) prekär“ sei, und -
man lese und staune - die „Steuereinnahmen sich von der Wirtschaftsentwicklung
abgekoppelt haben“. Lieber Herr Finanzverwalter, ist es nicht gerade umgekehrt,
daß die „Wirtschaft“, dabei allerdings ganz vorne Großbetriebe und -banken sich
- unter Beihilfe diverser Steuerabschreibungsmodelle der Politik - von ihrer
Steuerverantwortlichkeit abgekoppelt haben? Wahrscheinlich ist diese Verdrehung
erforderlich, damit die Grünen „einen marktwirtschaftlichen Aufbruch“ wollen.
Marktwirtschaftlicher Aufbruch
Koenigs
setzt auf die „produktive und innovative Leistungsfähigkeit der
Marktwirtschaft“ die allerdings eines gewissen „staatlich gesetzten Rahmens“
der „Politik als Anwältin des Gemeinwohls“ bedarf. Die Grünen sind auch für
Koenigs dialektisch, wenn sie „klare Grenzen für staatliche Einflußnahme und
zugleich einen eindeutigen sozialen und ökologischen Rahmen für
wirtschaftliches Handeln“ wünschen.
Der
kommunitaristische Denkansatz Koenigs offenbart sich zunehmend, wenn er „mehr
Gemeinwohlverantwortung (...), Öffentlichkeit, demokratische Mitentscheidung
und das Bemühen um Verständigung“ als „grüne Wertbausteine“ nennt, aber
Schritte zu ihrer Verwirklichung verschweigt. Er bleibt unklar, wenn er den
„Rückzug des Staates aus direkter Wirtschaftstätigkeit“ erwartet und meint. daß
damit der Staat „weniger tut, aber mehr entscheidet“.
Ob
die „traditionelle Kooperation zwischen Staat und Großfirmen bei der
Technikentwicklung“ wirklich nicht zukunftsfähig ist, obwohl sie gerade das
Erfolgsmodell nicht nur des deutschen Wiederaufstiegs als wirtschaftliche
Macht, sondern auch Japans und anderer Länder Südostasiens war, scheint mir
nicht generell beantwortbar. Wer soll denn Solarzellen in großer Stückzahl
herstellen und neue ökologische Produktionsbereiche über Forschungsaktivitäten
erschließen können?
Großfirmen
kommt auch eine wichtige Rolle zumindest bei der Erhaltung von Arbeitsplätzen
zu, das kann in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit nicht völlig ignoriert
werden. Es sei denn, man folgt Koenigs These, die schon von einer VWL-Studentin
des ersten Semesters widerlegt werden dürfte: „Wo mehr Wettbewerb ist, ist mehr
Arbeit.“ Die Frage ist ja, ob es sich um einen Qualitätssteigerungswettbewerb
oder um einen Kostensenkungswettbewerb handelt. Falls jedoch Erwerbsarbeit
entsteht, wird weder nach der Qualität noch nach der existenzsichernden
Entlohnung gefragt.
Merke:
Staat hat immer als ineffizient zu gelten, Markt immer als effizient; damit hat
man ein ausreichendes ideologisches Erklärungssystem für alle Übel und auch
schon die „eierlegende Wollmilchsau“ als Allerweltslösung: die Steigerung der
Effizienzkräfte des Marktes.
Rahmensetzung konkret
Weshalb
- so Koenigs - die „Eigenkapitalförderung“ auch zentrales Element grüner
Wirtschaftspolitik sein soll, anscheinend ohne Bindung dieses Eigenkapitals an
eine sinnvolle Produktion. In seinen konkreten Forderungen staatlicher
„Rahmensetzung“ fährt Koenigs fort:
“Ein
wichtiges Potential für neue und innovative Beschäftigung“ sei „heute im
Bereich der Selbständigkeit zu suchen“, weshalb Existenzgründung steuerlich
entlastet werden müsse. Koenigs offenbart hier keinerlei Reflexion über die
„neuen Formen der Selbständigkeit“, die häufig durch Auslagerung
(„outsourcing“) bestimmter Tätigkeiten letztlich neue Formen von Ausbeutung
darstellen.
Die
Entbürokratisierung von Genehmigungspraxen ist richtig, muß aber mögliche
Gefährdung von Umwelt-, Gesundheits- und Arbeitsschutzvorschriften in Betracht
ziehen. Bei der wohlfeilen Rede von der Notwendigkeit der Entbürokratisierung
wird häufig so getan, als hätte öffentliche Verwaltung keinerlei sinnvolle
Aufgaben zu bewältigen und gehöre eigentlich in Gänze abgeschafft. So leicht
können es sich Grüne nicht machen, gerade weil sie bestimmte
Schutzvorscvhriften verschärfen wollen (es sei denn, der Markt regelt alles wie
von selbst...).
Bei
dem geforderten Verzicht auf „Befähigungsnachweise“ stellt sich die Frage, wie
dann die berufliche Ausbildung von statten gehen soll, wenn jede/r alles machen
darf? Und wie sieht es mit der Qualität der Dienstleistung aus, wenn eine
Beurteilung nur noch über den Markt, sprich: im Regelfall das billigste Angebot
stattfindet?
Die
„Modernisierung der Finanzmärkte“ erfordert die Zerschlagung der spezifischen
Bankenmacht in Deutschland, was leider nicht konsequenterweise gefordert
wird. Interessanterweise wird die
Gesellschaftsform AG selbstverwalteten, genossenschaftlichen, gemeinwirtschaftlichen
Formen vorgezogen, indem diese überhaupt nicht erwähnt werden. Das
„Subventionssystem“ soll „radikal“, also ohne Prüfung von Sinn und Zweck,
abgebaut und das „Gewirr von Vorschriften“ entrümpelt werden.
Als
soziales Sicherungssystem bleibt dann nur noch übrig, „unkonventionelle Formen
wirtschaftlicher Selbsthilfe“ zu unterstützen.
Abgeschaffte Dauerarbeitslosigkeit
Die
„Dauerarbeitslosigkeit“ will Tom Koenigs „abschaffen“. Er hat erkannt, daß
Arbeitslosigkeit nicht nur ein „Armutsproblem im Sinne materiellen Mangels“
sei, sondern „auch ein soziales und kulturelles Problem“.
Es
stellt sich langsam die Frage, ob in unserem Milieu Arbeitslosigkeit nur als „soziales“ und
kulturelles Problem wahrgenommen wird. Dann müßte man den Arbeitslosen nur klar
machen, daß es doch ganz schön sei, arbeitslos zu sein und so vielen schönen
kreativen Tätigkeiten ohne Broterwerb nachzugehen. Woher dann das Geld zum
Überleben kommt ist ja egal, Hauptsache, das „kulturelle“ Problem der Arbeitslosigkeit
ist abgeschafft.
Natürlich
betont Koenigs - wie auch Marieluise Beck - „innovative Formen der
Arbeitszeitgestaltung“ und „neue, bewegliche Arbeitskultur, die vielfältige
Ein-, Um- und Ausstiegsmöglichkeiten bietet“. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn
er nicht „traditionelle Denk- und Rollenmuster und überkommene Regelungen“
letztlich verantwortlich machte für die hohe Massenarbeitslosigkeit, und wenn
er nicht ein spezifisches Konzept der Reintegration Dauerarbeitsloser
vorschlüge: „Jeder/jedem muß eine Möglichkeit zur Reintegration in das
Erwerbsleben und zumindest stundenweiser Beschäftigung gegeben werden.“ Um
Existenzsicherung der Menschen geht es Koenigs nicht mehr, in seinem Wirtschaftsmodell
wäre also auch Laubkehren für Zwofuffzich eine „Reintegration in das
Erwerbsleben“.
Konsequenterweise
ist ihm die „Qualität der Ausbildung“ wichtiger für „die Chancen auf dem
Arbeitsmarkt“ als „quantitative Fragen wie z.B. die Lohnhöhe“. Ob das Azubis
ähnlich sehen darf bezweifelt werden. Integration der Umweltkosten in die
Preise. Die Grünen wollen - so auch Tom Koenigs - natürlich, daß die „Kosten
der Umweltnutzung (...) jetzt bezahlt“ werden müssen und nicht „auf die nächste
Generation abgewälzt“ werden dürfen. Deshalb - da kann man wohl von einem
innergrünen Konsens ausgehen - „ ist die Integration von Umweltkosten in die
Preise der Produkte das entscheidende Steuerungsinstrument zur Schaffung von
dauerhaftem Wohlstand“.
Dann
kommt er aber zu dem Satz, daß „Zugewinne an gesellschaftlichem Wohlstand nicht
durch Verluste an Umweltqualität überkompensiert werden“ dürften. Welche
„Zugewinne an gesellschaftlichem Wohlstand“ meint Koenigs? Was für eine
Floskel. Ich dachte, Tom Koenigs hielte sich für kompetent, die aktuelle
Wirtschaftssituation einzuschätzen, in der jedoch der „gesellschaftliche
Wohlstand“ nur in den Händen von Kapitaleignern wächst. Der lohnabhängige Teil
der Bevölkerung hat hingegen eine laufende Verknappung der zur Verfügung stehenden
Geldes in Kauf zu nehmen. Wer diesen, den ökologischen Umbau komplizierenden
Zusammenhang ignoriert, landet bei einer elitären Wirtschaftspolitik, die am
Ende nicht einmal eine ökologische Reform auf Kosten der Armen (was Tom Koenigs
Leitbild zu sein scheint) erreichen wird.
Volkskapitalismus und Abbau des Staates
Weiter
fordert er „moderne gesellschaftliche Verfahren“ und den „modernen Staat“, ohne
klar zu definieren, was denn damit gemeint sei.
Ihm
fallen allerdings noch „neue Formen der Mitarbeiterbeteiligung“ ein wie
„Investivlohn“ oder „Anteilskauf“ wodurch Mitarbeiter am „Erfolg beteiligt
werden“ können. Und am Verlust? Schließlich setzt Koenigs auf „effektive und
kostengünstige staatliche Leistungen, einen ausgeglichenen Staatshaushalt“ und
eine „grundlegende Reform der staatlichen Verwaltung“
Die ideologischen Formeln Koenigs deuten darauf hin, daß die einleitende normative Prosa des Textes keineswegs zu realen Konsequenzen in der Wirtschaftspolitik führen soll, da ja gleichzeitig eine Senkung der Staatsquote anvisiert wird. Tom Koenigs macht deutlich, daß der Kommunitarismus, spätestens wenn er in die Sphäre der realen Politik integriert wird, eine ideologische Variante des Neoliberalismus bleibt. Kommunitaristische Positionen erkennen die Bösartigkeit des kalten Neoliberalismus und schlußfolgern daraus, daß diesem ein normatives Mäntelchen umgehängt werden muß, damit sich die Menschen, soweit sie nicht verhungern, unter den angeblich nicht zu verändernden neoliberalen Bedingungen der „Globalisierung“ wenigstens mental und „kulturell“ wohl fühlen.
Es
war ja schon immer das Programm des Kapitalismus und der „Moderne“, den
Ausgebeuteten die Ausbeutung schmackhaft zu machen. n

Kommt es
dagegen, wofür sich wieder einmal die Anzeichen mehren, in Bonn zu einer großen
Koalition, ist eine soziokulturell besser designte Fortsetzung der alten
Standortpolitik á la Blair die wahrscheinliche Variante. Daraus ergäben sich
dann ganz unterschiedliche strategische Aufgaben für die dezidiert linken
Kräfte: Im ersten Fall ginge es um eine Strategie der Unterstützung, Verteidigung
und des Weitervorantreibens gegenüber einer vermutlich zunächst eher allzu
zögerlichen Reformpolitik, die in EU-Europa und darüber hinaus möglich wäre, im
zweiten Fall um die Konstruktion einer neuen politischen Alternative aus einer
Politik der strategischen Opposition heraus. Um nicht jetzt schon in die Fallen
zu gehen, die mit dieser bevorstehenden strategischen Entscheidung verknüpft
sind - die fundamentalistische Falle der Opposition gegen eine strategisch zu unterstützende
Entwicklung, die aber noch viele Schwächen und Ungereimtheiten aufweist, oder
die opportunistische Falle, daß sich Kräfte der politischen Alternative dazu
erpressen lassen, für eine antizipierte großkoalitionäre Option den Ausputzer
oder gar den Minenhund zu machen, müssen wir dringend unser strategisches
Denken aktualisieren - um dann, sobald die Situation da ist, rasch und
treffsicher genug entscheiden zu können.
Ziele, Strategie und Taktik
Die
traditionelle Linke hat allzu lange die Strategiefragen für im Grunde geklärt
gehalten und daher faktisch verdrängt: Einheit der Arbeiterklasse, Bündnisblock
und Revolution waren die Grundpfeiler einer Antwort die nur den einen Nachteil
hatte, daß ihr in der Wirklichkeit immer weniger entsprach.
Frieder Otto Wolf ist bündnisgrüner Europaabgeordneter Dieser Artikel erschien in gekürzter und leicht
veränderter Form im Widerspruch 34.
Wir Linken haben inzwischen lernen
müssen, daß viel mehr ungewiß ist, als wir uns haben vorstellen können, auch
vieles, was wir für gesicherte Erkenntnisse hielten. Unsere Vorräte an
Gewißheiten - als linke Intellektuelle - haben sich in den letzten 20 Jahren
dramatisch reduziert. Zumindest eines ist aber immer noch unbestreitbar: Es
gibt im vielfältig in die Irre führenden Netzwerk der historischen Pfade (vgl.
Wolf 1997) nur eine Richtung, die zu gehen ausgeschlossen ist. Dies ist die
Richtung nach rückwärts, in die Vergangenheit. Ob wir dies wollen oder nicht,
werden wir immer wieder von den Verhältnissen, in denen und unter denen wir
unsere eigene Praxis entfalten, dazu gezwungen, >radikal zeitgenössisch<
zu sein. Das beginnt unausweichlich damit, daß wir zu bestimmen versuchen, vor
welchen Entscheidungen, welchen "Scheidewegen" wir heute stehen. Um
dies herauszufinden, ist ein gezielter, begrenzter und nüchterner Blick zurück
durchaus nützlich.
Die Nachtseite des "Fordismus" und die heute anstehenden Entscheidungen
In
der Epoche des historischen >Fordismus< wurde der charakteristische
Klassenkompromiß, der in unterschiedlichen Ausprägungen seinen zentralen
Mechanismus konstituierte, von unterschiedlichen Sekundärmechanismen gleichsam
"gespeist" und damit erleichtert. Der Produktivitätskompromiß
zwischen Lohnarbeit und Kapital, der dem Kapital eine ungestörte Entfaltung
seiner Strategien der relativen Mehrwertproduktion zugestand[6],
um im Gegenzug der abhängigen Arbeit jedenfalls in ihren Kernsegmenten - die
inzwischen schon, die historischen Innovationen des Fordismus ins Zeitlose
erhebend, als >klassische Lohnarbeit< apostrophiert werden - den
substanziell realen Status eines rechtlich und materiell abgesicherten
(Staats-) BürgerInnenschaft im Sinne einer tatsächlichen Teilhabe an der
Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums einzuräumen. Diese
Sekundärmechanismen waren selbstverständlich nicht der Sache nach sekundär, sie
wurden aber im fordistischen Klassenkompromiß als sekundäre, unterstützende
Bedingungen behandelt: Hierher gehört der Beitrag der kolonialen und neokolonialen
Ausbeutung zum Reichtum der Metropolen - wie auch immer wir ihn genauer
begrifflich fassen müssen[7],
wird mensch ihn jedoch nicht schlichtweg leugnen können; hierher gehört der
Beitrag der Frauen, die 40-60% der insgesamt gesellschaftlich notwendigen
Arbeiten als unbezahlte >Eigenarbeit< leisten und im historischen
Vollbeschäftigungsmodell des Fordismus allein als Zuverdienerinnen im patriarchalischen
Haushalt des "Familienernährers" vorgesehen waren[8];
hierher gehört der gesamte Bereich der Externalisierung von Produktions- und
Reproduktionskosten auf die Umwelt, auf andere ökologische Systeme und Spezies
bzw. auf künftige Generationen[9].
An
die Stelle der Umverteilung von Wachstums- und Produktivitätsgewinnen, die das
fordistische Modell noch durch Bedienung der angesprochenen >sekundären<
Mechanismen auffüllen konnte, wird die Linke der 90er Jahre eine direkte
Umverteilung von Erträgen setzen müssen. Statt auf eine sehr indirekte
Beeinflussung der Richtung der Produktionsentwicklung durch die Haupttendenzen
des Massenkonsums zu zielen, wird es ihr darum gehen müssen, jedenfalls die
grundlegende Richtung der Produktionsentwicklung direkt zu beeinflussen: Die
Entwicklung in Richtung von stark ansteigender Ressourceneffizienz anstelle
eines weiter vorrangig betriebenen Ansteigens der Arbeitsproduktivität. Das
wird nicht mit den Methoden der >sozialdemokratischen< Politik der
fordistischen Phase, mit ihrer insgesamt ausgeprägten Subalternität gegenüber
Kapital und Staat, machbar sein. Aber eine schlichte Politik der Konfrontation,
sei es von unten, gleichsam aus den in Bewegung geratenden Massen heraus, sei
es auch aus erneut übernommener Regierungsmacht, wird dazu noch weniger in der
Lage sein. Gesucht sind Politikkonzepte, die eine realitätstüchtige,
verlässliche Aktions- und Bündnisfähigkeit mit einem strategisch angelegten
langen Atem kombinieren, die auf durchaus inkrementalistischen Wegen sich
selbst verstärkende politische Aktivierungsprozesse einleiten, die sich
schließlich zu qualitativen Veränderungen kumulieren. Dies wird nur gemeinsam
zwischen den unterschiedlichen Komponenten der "alten" und der
"neuen" Linken der 70er und 80er Jahre gehen - allerdings nur in
einer Gemeinsamkeit, die erst noch als Resultat hart und offen zu führenden
Kritik- und Auseinandersetzungsprozesse zu gewinnen sein wird. Dabei wird jede
Seite mit gutem Recht auf ihren eigenen Erfahrungen und Einsichten beharren,
ohne sich der Notwendigkeit ihrer Konfrontation und ggf. Relativierung durch
die Perspektiven anderer und damit auch einer erneuerten theoretischen Fassung
und politischen Artikulation zu einem allgemeineren politischen Projekt zu verschließen.
Die praktische Entwicklung neuer Formen von Massenbündnissen und
Regierungskonstellationen hat bekanntlich schon längst begonnen - und wird der
notwendigen theoretischen und historischen Arbeit erst die immer wieder
notwendige Dringlichkeit geben, ohne die eine Schöpfung wirklich neuer Modelle
des Handelns bekanntlich unmöglich ist.
Einige strategische Schwächen der Linken
Eine vertiefte Fundierung linker Politik muß sich in der gegenwärtigen Situation zunächst Klarheit darüber verschaffen, wo die Schwächen der traditionellen Linken liegen, die es heute zu vermeiden gilt. Erst dann ist eine Kritik des neoliberalen Mainstreams formulierbar, die die Chance hat, auch von denen zur Kenntnis genommen zu werden, die aufgrund dieser Schwächen die traditionelle Linke abgeschrieben haben.
In
einer defensiven Situation wie der gegenwärtigen, in der das Scheitern
bisheriger historischer Großprojekte der Linken zur Hauptaufgabe zu machen
scheint, so viel wie möglich noch aus der Konkursmasse zu retten, kann die
Linke insgesamt nur ihre Kraft erneuern, indem sie nüchtern und vorurteilslos
Bilanz zieht: Wenn auch in durchaus unterschiedlicher Weise, so sind doch nicht
nur sowohl das bolschewistische Konzept des revolutionären Sprunges im Ausgang
von der Peripherie des kapitalistischen Weltzusammenhanges als auch das sozialdemokratische
Projekt einer wohlfahrtstaatlich dirigierten schrittweisen Transformation des
Kapitalismus gescheitert, sondern auch das reformkapitalistische Konzept eines
krisenfreien >organisierten Kapitalismus<. Sozialistische Revolution,
sozialdemokratische Reform und technokratisches Krisenmanagement bieten keine
überzeugenden Handlungsperspektiven mehr. Die einzigen die in der Politik noch
die "Systemfrage" zu stellen scheinen, sind Protagonisten einer "Revolution
von oben" wie Henkel und Westerwelle, oder aber die Neue Rechte.
Die
grüne Linke hat es immer als ihr Spezifikum begriffen, die notwendigen neuen
Konsequenzen aus der ökologischen Krise und aus der Krise des patriarchalen
Alltagslebens zu ziehen und konsequent aus alternativen Praxisansätzen zu
lernen. Das enthebt sie jedoch nicht von der Aufgabe, auch die spezifischen
Schwächen der traditionellen Linken zu überwinden, die sich sonst eben auch in
ökologisch oder feministisch modifizierten Formen wieder einstellen.
Die
traditionellen Linken aller Art kranken zusammengefasst an ihrer immer noch
nicht aufgegebenen Verknüpfung mit der großen Zeit des weltweiten
>Fordismus< im Kalten-Kriegs-System:
-
sie sind noch in der
politischen Ökonomie einer vergangenen Phase der Geschichte befangen
(Wachstumsumverteilungsökonomie des zentralistischen und technokratischen
Fordismus);
-
sie haben die
Innovationen des 20. Jahrhunderts hinsichtlich politischer Techniken und
Strategien noch nicht umfassend und gründlich zur Kenntnis genommen (Medien,
Marketing, Campaigning, Mobilisierung);
-
ihre politischen
Programme sind nicht nur aufklärerisch und universalistisch angelegt, sondern
"vernunftidentitär" zugespitzt, d.h. antiemotional und
antipartikular, sowie unterschwellig euro- und androzentrisch, so daß sie in
der Praxis auf Bürokratisierung und kulturelle Homogenisierung, auf
Unterwerfung und Kolonisierung, hinauslaufen.
Die
kulturrevolutionäre Nach-68er Linke und die neuen sozialen Bewegungen,
einschließlich der frühen Grünen, hatten dem eine Haltung entgegengesetzt, die
auf der unmittelbaren Negation beruhte:
-
gegen die Ökonomie des
Wachstums setzten sie die notwendige Schrumpfung des menschlichen Verbrauchs an
Energie, Rohstoffen und "Senken",
-
an die Stelle alter
Organisationsformen setzten sie durchgängig die mediengestützten Formen einer
an partikulare "Identitäten" appellierenden oder sie konstituierenden
"Ereignispolitik",
-
mithilfe des
ökologischen Paradigmas thematisierten sie die Grenzen von Wissenschaft und
Machbarkeit,
-
in ihrem Engagement für
das Partikulare und die Diversität, auch in Kultur und Gesellschaft, stellten
sie sich der sich bildenden "McWorld" entgegen (z.B. in ihrem
Engagement für minoritäre Kulturen und Sprachen oder für indogene Völker).
Das
war so lange von relativ durchschlagendem Erfolg, als es keine relevanten
Gegenstrategien gab: Den Betonkonsens des Fordismus, in dem Kapital und Arbeit
sich die Wachstumsgewinne teilten, die mehr und mehr auf Kosten der
Friedensfähigkeit, der natürlichen Lebensgrundlagen, der Frauen und der Völker
des Südens erzielt wurden, ließ sich mit diesem Ansatz trefflich in Frage
stellen. Auch der zynische "Elitismus" einer >repräsentativen
Demokratie<, welche sich nur noch als spezifisch effektive Veranstaltungsform
eines durch die Parteinkonkurrenz organisierten "Kreislaufs der
Eliten" begriff, konnte mit partikularen, sowohl lokalistisch, als auch
direkt-demokratisch geprägten, Ansätzen von "Basisdemokratie" wirksam
in Frage gestellt werden.
Das
wurde in dem Moment sehr viel komplizierter, als es zwei - z.T. konkurrierende,
z.T. sich ergänzende politische Gegenstrategien gab: die des neoliberalen
Projektes einer mikroökonomischen Durchrationalisierung der Gesellschaft und
die der Neuen Rechten, einer neonationalistischen und neorassistischen
Unterfütterung einer explizit "identitären", anti-aufklärerischen und
anti-universalistischen Politik. Dem ersten gelang es, zentrale
"Werte" der >neuen sozialen Bewegungen< zu
"kidnappen", von "small is beautiful" über die Skepsis
gegenüber "Repräsentation", Recht und Staat, bis hin zur ökologisch
argumentierenden Kritik an der "modernen Industriegesellschaft".
"Nur Stämme werden überleben" war zunächst eine Parole der autonomen
Jugendrebellion, bevor es dann von neuen neoliberalen und rechten Projekten
einer zunächst faktischen ("Ausflaggung" von Belegschaftsteilen) und
zunehmend auch programmatischen (Konzepte des "Neorassismus) ethnischen
Resegmentierung der Gesellschaft aufgegriffen und weit wirksamer umgesetzt
werden konnte.
Erinnerung an die >Umfunktionierung< zentraler Motive der neuen sozialen Bewegungen
Im
>ewigen Frühling der Amnesie< gedeihen keine vorwärtsweisenden Gedanken.
Umfassende Erinnerungsarbeit ist notwendig, ohne Ausgrenzungen und >blinde
Flecken<. Aber auch diese Arbeit muß inzwischen vor allem bei uns selbst
anfangen, d.h. bei der Generation, die erleben musste, wie der Aufbruch der
Neuen Linken der 60er Jahre in Ost und West in seinen zentralen Anliegen
gescheitert ist - und zwar unter dem theoretisch-politischen >Gegenfeuer<
der neoliberalen Gegenreform, in den postsowjetischen Übergangsstaaten
vielleicht erheblich spektakulärer als wir es im Westen erlebt haben.
Das
Grundmuster dieses neoliberalen >Gegenfeuers< lässt sich nach dem Muster einer
paradoxalen Wunscherfüllung rekonstruieren. Die neuen sozialen Bewegungen im
Westen, die Befreiungsbewegungen im Süden und die Erneuerer oder schließlich
Dissidenten im Osten hatten sich eine Befreiung von den hauptsächlichen
Unterdrückungsaspekten der fordistischen Epoche gewünscht, um dadurch dem alten
Ziel der "gleichen Freiheit" näher zu kommen.
Das
politische Projekt des Neoliberalismus konnte eben deswegen hegemonial werden,
weil es alle diese Wünsche zu erfüllen versprach, wenn auch als insofern
paradoxe >Stützpfeiler< einer Reaktivierung und Effektivierung der
anonymen Herrschaft des Kapitals, das sich allen historischen Verpflichtungen
zu entziehen anschickte, die es im "historischen Kompromiß" des
>Fordismus< eingegangen war.
Die
neuen sozialen Bewegungen im Westen hatten sich gegen die Vorherrschaft der
Großorganisationen in Staat und Gesellschaft und den von ihnen durchgesetzten
Konformismus gewandt, individuelle Freiheit der Lebensentwürfe gegen den
fordistischen Konformitätszwang eingeklagt. Sie "bekamen" die
Atomisierung und Kommerzialisierung fast aller gesellschaftlichen Beziehungen,
in der die "Individualisierung" zum Hebel der Unterordnung der
einzelnen Frauen und Männer unter die "Sachzwänge" eines
globalisierten Wettbewerbs wurden, die formell gleich als
>marktsouveräne< Wirtschaftssubjekte miteinander interagierten.
Zerschlagung der Gewerkschaften, Fragmentierung des Staates[10],
Ausdünnung der Familienbande[11]
und generell eine Aushöhlung der Politik[12]
durch eine Entpolitisierung der Ökonomie - alles das war zwar nicht der
ursprüngliche Wunsch der neuen sozialen Bewegungen gewesen; es kam ihren
Wünschen jedoch nahe genug, um Opposition und Widerstand bei ihnen kaum
aufkommen zu lassen - und auch um ihre Solidarisierung mit den "alten sozialen
Bewegungen" zu verhindern, denen der Neoliberalismus dann in breiter Front
Niederlagen zufügen konnte.
Ich kann hier nicht näher auf die grimmigen Paradoxien eingehen, mit denen die neoliberale Gegenreform die Wünsche der postsowjetischen Gesellschaften nach einer zivilgesellschaftlichen Selbststeuerung erfüllt hat, indem sie neue Formen von mafiotischen Netzwerken und korrupten Kollusionen von Politik und Wirtschaft durch "Marktreformen" durchgesetzt hat, deren soziale und ökonomische Kosten abgewälzt wurden auf die breiten Massen einer auf dem ausgeweiteten Weltmarkt als überflüssig >freigesetzten< Industriearbeiterschaft, z.T. auch einschließlich der Landbevölkerung. Ebenso wenig auf die Erfahrungen der Länder des Südens, die anstelle einer von ihnen selbst einmal erstrebten >autozentrierten Entwicklung< mit einer aufgezwungenen Weltmarktabkoppelung haben fertig werden müssen.
Global
betrachtet, hat die neoliberale Gegenreform insbesondere auch auf die
Wachstumskritik der ökologischen Kritiker des "Produktivismus" durch
eine paradoxe Art der Wunscherfüllung reagiert. An die Stelle der - mehr oder
minder offenen[13] -
>Tonnenideologie< der Produktion um der Produktion willen tritt die
selektive Konzentration auf die besonders profitablen Stränge der Produktion
und das Fallenlassen weniger profitabler oder gar verlustbringender Teile der
Unternehmenstätigkeit. Der Gesichtspunkt der >shareholder-value<, der
kurzfristigen Verwertbarkeit der Unternehmensanteile, macht darauf aufmerksam,
daß stoffliche Akkumulation und Wertakkumulation keineswegs systematisch
zusammengehen: Entmaterialisierung der Produktion, Tertiarisierung,
>Outsourcing< und neue Managementphilosophien verändern das Gesicht und
die internen Prozesse der maßgeblichen transnationalen Unternehmen und eröffnen
damit neue Felder für Auseinandersetzungen und Weichenstellungen - keineswegs
nur im Sinne sozialökologischer Nachhaltigkeit.
Auf
diese Situation haben inzwischen eine Reihe von Kräften, die aus der Generation
der 1968er Revolte hervorgegangen sind, mit resignativen Konzepten reagiert,
die auf so weitreichende Ansprüche wie die der Aufklärung und der Emanzipation
zu verzichten vorschlagen und dafür eine Ankoppelung an einen sozialliberal
umgedeuteten Mainstream oder an unterschiedliche neokonservative bzw. neurechte
Politikansätze verschreiben.
Zu
diesen Tendenzen zur Kapitulation oder gar zum Überlaufen zur Gegenseite trägt
sicherlich die Tatsache wesentlich bei, daß es der Linken immer noch schwer
fällt, eine Alternative anzubieten, die nicht nur konkret machbar und
unmittelbar für die heutigen Menschen ansprechend ist, sondern strategisch
darauf angelegt ist, schrittweise neue Freiheitsgrade für eine aufklärerische
"Selbst-Bildung" der Völker (wie sie die Elitetheoretiker des 20.
Jh.s immer wieder als bloße "Massen" diffamiert haben) und eine
emanzipatorische demokratische Politik in Gesellschaft und Staat aufzubauen.
Auf der Höhe des heutigen, durch das ökologische ebenso wie durch das
feministische Paradigma reflektierten Verständnisses von Demokratie heißt dies,
daß die ökologische Rückbindung und die Sexuierung menschlicher Praxis nicht
als eine äußerliche Schranke zu begreifen sind, die es abzustreifen gilt,
sondern als eine innere Bestimmtheit, die zur eigenen, zu entfaltenden "Substanz",
zum eigenen "Reichtum" gehört.
Gesucht
wird also, um überhaupt eine wirksame Gegenkraft zum >Globalismus<
aufbauen zu können, die nicht in die Falle eines strukturell >rechten<,
d.h. antiaufklärerischen und antiemanzipatorischen >Lokalismus< geht,
eine konkret machbare und aktuell ansprechende Alternativstrategie. Dabei wird
es um eine makroökonomische Reregulierung gehen, die wieder zu einer
ausgeglicheneren Verteilung von ökonomischer Macht, aber auch zwischen
ökonomischen Sachzwängen und demokratischer Politik, führt, aber ebenso auch um
die Öffnung der institutionalisierten Politik für bisher in den
>subpolitischen< Raum abgedrängte Anliegen, um die Produktion tragfähiger
Bezugsnormen gesellschaftlicher Praxis auf allen Ebenen, aber ebenso auch um
deren Öffnung für vielfältige individualisierte, sexuierte und kulturspezifisch
ausgelegte Lebensentwürfe. Das schließt die Entwicklung von tragfähigen
Vorstellung zu einer raumzeitlichen Rückverankerung der in den globalen Raum
mit seinen durch Zeitraffer- und Zeitpuffereffekte hergestellten ortlosen
Gleichzeitigkeit ebenso mit ein wie die einer reproduktionsfähigen politischen
Ökonomie der Umverteilung (zwischen den Beteiligten des Produktionsprozesses,
aber auch zwischen "Standorten" und "Makroregionen") durch
entsprechende Formen der Arbeits- und Ertragsteilung bzw. der sekundären
Verteilung von Einkommen. Eine solche Konzeption könnte sowohl den zeit- und
ortlosen "Modellplatonismus" von neoliberalen und neoklassischen
Konzepten in der Ökonomie überwinden, wie die Qualitäts- und Ökologieblindheit
fast aller traditionellen Formen ökonomischer Theoriebildung. Hier hilft u.U.
die im Rückgriff auf Aristoteles (vgl. schon Marx (KI), vgl. a. Negt) mögliche
Unterscheidung zwischen einer allgemeinen "Ökonomie" als Wissenschaft
von den Bedingungen der materiellen Reproduktionsfähigkeit historischer
menschlicher Lebensverhältnisse (der dann als spezifisch reduktionistischer
Denkansatz der "Ökonomismus" zuzuordnen wäre, der die historische
Bedeutung jedes gesellschaftlichen Mechanismus auf dessen Funktion innerhalb
einer so verstandenen "Ökonomie" beschränkt) und einer spezifischer
argumentierenden "Ökonomik", als Wissenschaft von der Reproduktion
von Wert- und Warenverhältnissen, d.h. der Kapitalakkumulation, ihrer
Vorläuferformen und ihrer Voraussetzungen (der dann als spezifischer
"Reduktionismus" der "Ökonomizismus" entsprechen würde, der
die historische Bedeutung aller gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse auf
deren Beitrag zur Wertbildung und damit letztlich auf deren Beitrag zur
Kapitalakkumulation reduziert).
So
wie die neoliberale Strategie in der unmittelbaren Ökonomie erfolgreich
ansetzte, um durch deren politische "Entfesselung" einen Hebel zur
Zerstörung der komplexen Regulierungsmodalitäten des >Fordismus< zu
gewinnen, wird im Zentrum einer solchen Strategie die politisch-ökonomische
"Wiedereinbettung" (Polanyi) der ökonomischen Prozesse stehen müssen,
ohne dadurch zu den alten, mehr oder minder bürokratisch-zentralistischen,
technokratisch-produktivistischen, sowie patriarchalisch-eurozentrischen
Politikformen des vergangenen Regulierungsregimes zurückzukehren.
Ohne
Zweifel kommt in einer solchen alternativen Konzeption bestimmten Formen der
lokalen und regionalen Koordination wirtschaftlichen Handelns eine zentrale
Rolle zu, ebenso auch den spezifischen Funktionen, die insbesondere innovative
Klein- und Mittelbetriebe in diesem Zusammenhang spielen können. Aber für eine
linke Alternativstrategie kann es nicht hinreichen, auf Regionalisierung der
Ökonomie und auf eine neue Mittelstandspolitik zu setzen. Vielmehr muß es in
ihr eben darum gehen, eine alternative Gesamtkonfiguration des ökonomischen
Reproduktionsprozesses zu konzipieren, zu identifizieren und zu entwickeln, die
den von der Dominanz der transnationalen Konzerngruppen geprägten gegenwärtigen
Strukturen des >Globalismus< wirksam entgegentreten kann, ohne eine
falsche >Totalisierung< vorzunehmen. So sinnvoll es dafür sein mag, sich
auf die spezifischen ökonomischen Leistungsmöglichkeiten einer Region möglichst
konkret beziehen zu können und Initiative und "Unternehmensgeist"
möglichst breit in der Arbeitsbevölkerung entfesseln zu können, werden
derartige neoricardianische und neoschumpeterianische Überlegungen noch nicht
dafür hinreichend sein. Nicht einmal die allgemeine Einsicht der Ordoliberalen,
daß eine funktionierende Marktwirtschaft der politischen Garantie
entsprechender institutioneller Rahmenbedingungen bedarf, die die Marktprozesse
keineswegs spontan hervorbringen und reproduzieren, kann hierfür ausreichen. Es
gilt vielmehr auf der Höhe des gegenwärtigen Entwicklungsstandes der
soziopolitischen Regulationstechniken ( der "Governance" oder der
"Gouvernementalität" für angelsächsisch oder französisch geprägte
Theoriefreaks) eine realitätstüchtige Konzeption der strategisch gezielten
Weiterentwicklung der makroökonomischen Prozesse der Produktion, der
Distribution, des Konsums und deren Koordination zu formulieren.
Eine
hierfür geeignete Theorie kann nicht durch die Betrachtung bloß lokaler oder
regionaler ökonomischer "Kreisläufe" oder einzelner Unternehmenstypen
gewonnen werden. Insbesondere kann es nicht angehen, bei ihrer Konzipierung
weiterhin das zu verdrängen, was bereits der fordistische >Mainstream<
aus seiner theoretischen Bearbeitung der Ökonomik der globalen
Nachkriegsgesellschaft verdrängt hat - das enge Verhältnis zwischen
Wirtschaftsentwicklung und permanenter Aufrüstung, zwischen Wohlfahrtstaat,
Hegemonialstellung und Kriegsbereitschaft, sowie der unlösbare Zusammenhang
zwischen exponentiellem Wirtschaftswachstum, kapitalistischer Akkumulation und
globaler ökologischer Krise. Schließlich kann es nicht darum gehen, einen
schlauen Trick zu ersinnen, durch den eine tiefgreifende Veränderung gleichsam
versteckt in Gang gesetzt wird, so daß die davon Betroffenen, die ökonomisch
Mächtigen ebenso wie die bloß abhängig betroffenen ArbeitnehmerInnen dies erst
merken, wenn sie nichts mehr dagegen machen können. Selbst wenn dies denkbar
wäre, so würde es doch das gerade Gegenteil einer demokratischen Strategie
darstellen. Das schließt dann auch die Notwendigkeit mit ein, zu reflektieren,
mit welchen indirekten Wirkungen des eigenen Handlns eine solche alternative
Wirtschaftsstrategie zu rechnen hätte und wie sie ihnen begegnen könnte - also
etwa eine Krise der Profitabilität, zusätzliche Massenerwerbslosigkeit oder
auch Kapitalflucht, die jedes ernsthafte Angehen des aus der vergangenen
Wirtschaftsepoche ererbten "militärisch-industriellen Komplexes".
-
Eine derartige
strategische Konzeption würde es sich selbst sicherlich nicht leicht machen.
Sie wäre jedoch zumindest dazu in der Lage, die bisherigen Schwächen der Linken
hinter sich zu lassen:
-
Sie würde nicht mehr auf
der Grundlage des >fordistischen< Entwicklungsmodells der Umverteilung
der Wachstumsgewinne argumentieren;
-
sie würde sich auf der
Ebene der neuesten Regulierungstechniken und -strategien bewegen
(Netzwerkbildung, Globalisierung, >fuzzy logic<, Akteursaktivierung,
Selbststeuerung);
-
in einem auf Aufklärung
und Emanzipation zielenden Rahmenkonzept würde sie vielfältigen, sexuierten
oder kulturspezifischen Identitäten Raum geben, ohne universelle Normen und
Erkenntnisse als Bezugsgröße aufzugeben.
Wo liegt der heutige >Scheideweg<?
Wir
sollten gewiß auch die Metapher vom "Scheideweg", von der
>strategischen Weichenstellung< nicht überstrapazieren. Vieles spricht
dafür, daß es auf absehbare Zeit keine spektakulären, dramatischen
Entscheidungssituationen geben wird. Vielmehr wird es voraussichtlich eine
lange Phase des Sich-Durchwurstelns und der >Kleinkatastrophen< geben, in
wichtigen Punkten vergleichbar mit der konzeptionslosen Politik der
Zwischenkriegszeit. Immer noch einmal wird es zu so komplexen Kompromissen
kommmen, daß selbst die daran Beteiligten nicht wirklichen deren Implikationen
für die Zukunft überschauen können. Dennoch bleibt in einer Situation, in der
sich noch kein zukunftsfähiges Erfolgsmodell der kapitalistischen Akkumulation
gefunden hat, doch zumindest die Frage akut, in welche allgemeine Richtung die gesamte
Entwicklung mittelfristig läuft. Denn auch durch viele kleine, unklar
definierte und zögerliche Schritte kann sich letztlich eine strategische historische
Weichenstellung durchsetzen.
In
der gegenwärtigen Situation einer sich erschöpfenden Dynamik des gleichsam auf
volkswirtschaftlicher >Autophagie< beruhenden neoliberalen Politikmodells[14]
muß zunehmend mit einem >neofordistischen< Rückschwung des Pendels
gerechnet werden, in dem dann neue Industriezweige wie die interplanetare
Raumfahrt, der Tiefseebergbau (bzw. die Energiegewinnung aus den auf den
Meeresböden vermuteten Methanvorräten) und/oder die Ausbeutung von Asteroiden
die Führung bei der Durchsetzung eines neuen planetaren Industrialisierungsschubes
übernehmen - in dessen Verlauf dann tatsächlich das "Verlassen der
Erde" (vgl. Jäger 1995) zur aktuellen Forderung des Tages werden könnte,
wenn auch nur für einige "select few" und nicht für die ganz
überwiegende Mehrheit der menschlichen Gattung. "Global governance"
könnte damit zum Wegbereiter eines >neofordistischen< Weltkorporatismus
werden, in dem die Science Fiction der 50er Jahre auf höchst beunruhigende
Weise mit Leben erfüllt werden könnte. Damit steht jede gegen die neoliberale
Hegemonie gerichtete Politik zumindest perspektivisch in der Gefahr, zu einer
unfreiwilligen Komplizin eines solchen >neofordistischen< Rückschlags zu
werden.
Diese
mittelfristige Perspektive hebt aber die gegenwärtige Problematik nicht auf,
die immer noch eher umgekehrt liegt: Denn auch jede Art von alternativer, feministischer
und ökologischer oder auch antikapitalistischer Politik wird sich daraufhin
überprüfen müssen, wie weit sie sich nicht längst in ihren eigenen politischen
Forderungen zu Komplizen jedenfalls der raffinierteren Varianten des
neoliberalen Projektes machen lassen. Das unterläuft in der gegenwärtigen
grünen Debatte z.T. in Form der Verwechslung zwischen der notwendigen Konsolidierung
der Staatsfinanzen und einer schlichten prä-keynesianischen Austeritätspolitik,
z.T. auch in Form einer ebenso schlichten Orientierung auf den Mittelstand bzw.
in der Ausrichtung der eigenen Vorschläge im Namen des im Dienste der
Nachhaltigkeit erforderlichen Verzichtes auf eine Reduzierung oder zumindest
ein Einfrieren der Massenkaufkraft und damit der >Binnennachfrage< -
anstatt die eigenen Thesen über die Notwendigkeit von weniger, qualitativ
besseren, aber auch teureren Produkten als Grundmuster eines massenfähigen
Konsumtionsmodells jenseits der fordistischen >Wegwerfgesellschaft<
wirklich Ernst zu nehmen[15].
Dabei geht es gesellschaftspolitisch um drei Kernpunkte:
Erstens
wird es darum gehen, genauer zu bestimmen, welche Potentiale von
Marktmechanismen realistischerweise zur Erreichung welcher Zwecke eingesetzt
werden können und inwieweit sie tatsächlich modernen Methoden des politischen
Managements überlegen sind. In dieser Hinsicht sind immer noch Illusionen weit
verbreitet. So kann etwa ein klug konzipiertes Ökosteuersystem tatsächlich
einen einmal eingeleiteten Pfad des ökologischen Umbaus, etwa in Richtung auf
Energie- und Ressourceneffizienz sowie Abfallvermeidung, stabilisieren. Ohne
eine Flankierung durch andere politische Instrumente - v.a. das Ordnungsrecht,
das die Zulässigkeit von Anlagen, Verfahren und Produkten regelt, und gezielte
Förderprogramme, die eine beschleunigte Umstellung unterstützen - wird es
jedoch das notwendige Umsteuern nicht einleiten können - es sei denn durch den
Rückgriff auf prohibitiv hohe Steuersätze.
Für
diese Aufgabe reicht es keineswegs, sich auf die allgemeine These zu berufen,
"funktionierende Märkte" seien per se "hoch produktive und
innovative Mechanismen" (Königs 1997). Das Verhältnis von demokratischen
Institutionen, gesellschaftlicher Selbstorganisation und anonymen, rein
sachlich vermittelten Marktmechanismen bedarf selbst immer wieder expliziter
politischer Entscheidungen und konstitutiver Regulierungen, die nicht durch
einen eindimensionalen Optimierungsgedanken ersetzt werden können.
Zweitens
geht es darum, sich ein realistisches Verständnis für eine mögliche Regulierung
des Verhältnisses von Kapital und abhängiger Arbeit jenseits der vergangenen
Modelle des >fordistischen Rationalisierungskompromisses< oder des
institutionalisierten Konkordanzkorporatismus des "Rheinischen
Kapitalismus" zu erarbeiten. Dabei hilft es nicht viel weiter, auf beiden
Seiten des Verhältnisses den >Mittelstand< in Gestalt der >neuen
Selbständigen< oder der "innovativen Klein-und Mittelbetriebe" ins
Spiel zu bringen. Da beide im wesentlichen auf historischen Neugestaltungen auf
beiden Seiten beruhen - weder verschwindet durch die formelle Selbständigkeit
der vielen "free-lancer" der abhängige Charakter ihrer Arbeit, der
allerdings ganz real neue Formen annimmt, noch verschwindet mit der Verwandlung
einstiger Großunternehmungen in Komplexe von "out-gesourceten"
Kleinunternehmen, die gleichsam als Satelliten einen Unternehmenskern - oder
auch mehrere - in einer beherrschten Position begleiten, die wirtschaftliche
Machtkonzentration in den weltweit operierenden Großunternehmen - ganz im
Gegenteil.
Jedenfalls
gibt es für die Annahme, ausgerechnet die von Unternehmensgiganten wie
Microsoft, Intel und IBM geprägte >Informationsgesellschaft< werde die
säkulare Tendenz zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals rückgängig
machen und die Industrie insgesamt in Dienstleistungen auflösen (vgl. Königs
1997), keine ernsthafte Grundlage. Die Aufgabe, die eine realitätstüchtige
grüne Politik wird lösen müssen, wird eher darin bestehen, einerseits einen
umfassenden politischen, sozialen und ökonomischen BürgerInnenstatus für alle
Formen der abhängigen Arbeit, einschließlich der >neuen Selbstständigen<,
zu entwicklen und zu institutionalisieren - und andererseits innerhalb und
zwischen den Unternehmen den Prinzipien der demokratischen Gleichheit und des fairen
Wettbewerbs so weit Geltung zu verschaffen, daß in der Tat jeder Mensch zum
aktiven Mitträger und Mitgestalter sich dynamisch erneuernder Verhältnisse
werden kann. Das schließt Formen der ArbeitnehmerInnenbeteiligung ebenso ein
(vgl. den schwedischen Meitner-Plan) wie etwa einen auf die neuen
"diffusen" Unternehmensstrukturen ausgeweiteten Betriebsbegriff oder
die umfassende Garantie sozialer und kultureller Grundrechte auch für
ArbeitnehmerInnen und AuftragnehmerInnen.
Drittens wird es darum gehen, primär ein realistisches Verständnis für mögliche Funktionen des Staates und der öffentlichen Hände und sekundär eine tragfähige Strategie der Finanzierung dieser Funktionen zu entwickeln, in deren Zentrum die Überwindung der Krise des Steuerstaates stehen wird. Alle Kurzschlüsse aus der gegenwärtigen Situation der durch die Kosten und Folgekosten der Massenerwerbslosigkeit, eine ruinöse Politik des Steuerdumpings am europäischen Binnenmarkt - in Deutschland auch noch durch eine völlig unvertretbare Finanzierung der deutschen Einheit aus den Sozialkassen und durch Anleihen -, sowie durch Aufrüstungsprogramme oder verpuffte Konjunkturprogramme in eine unbestreitbar problematische Höhe getriebenen Staatsverschuldung müssen durch eine solche Betrachtung korrigiert werden: Die notwendige Konsolidierung der Staatsfinanzen ist nicht durch "Sparen" zu erreichen, sondern durch Wiederherstellung eines Gleichgewichts zwischen den staatlichen Einnahmen und Ausgaben.
Ebenso
ist vor dem doktrinären Kurzschluß zu warnen, eine umfassende Privatisierung
aller mit wirtschaftlichen Tätigkeiten verbundenen Staatsfunktionen (vgl.
Königs 1997) werde automatisch zu einem volkswirtschaftlichen oder gar
gesellschaftlichen Effizienzgewinn führen. Das gilt sowohl für langfristige Aufgaben
wie die Sicherung der Wasserversorgung, als auch für die Bereithaltung
grundlegenden öffentlicher Netzwerke wie im Öffentlichen Personennahverkehr.
Die
Frage der Wiedergewinnung des Primats der Politik über die Ökonomie, die
inzwischen in anderer Form durchaus auch schon von der liberalkonservativen
Seite gestellt wird - etwa im Rückgriff auf ordo-liberale Vorstellungen oder
einen neuen Markt-Institutionalismus - wird also spezifischer gestellt werden
müssen - als Frage nach einer Richtungsänderung des historischen Prozesses in
Richtung auf eine erhöhte Aneignung der unverkürzten Gesamtheit
gesellschaftlichen Arbeitsprozesse - also nicht nur der als Erwerbsarbeit oder
arbeitsrechtlich regulierte Lohnarbeit verfassten Teile davon - durch ihre
unmittelbaren gesellschaftlichen Träger, ohne diese dabei auf relativ
privilegierte Untergruppen (wie die weißen männlichen Facharbeiter) zu
beschränken.
Auch
wenn eine "rot-grüne" Regierung in Bonn ab Herbst 1998
voraussichtlich zunächst nur ein äußerst beschränktes Reformkonzept wird
verwirklichen können und wollen, wird es im Kern für sie genau darum gehen, in
diesem Punkt einen Kurswechsel einzuleiten - und sei es auch nur gleichsam um
wenige Bogenminuten. Politisch bewußte linke Kräfte werden die Aufgabe lösen
müssen, wie sie diese zunächst als zu klein erscheinenden Schritte in eine
richtige Richtung verteidigen und zugleich über sie hinausdrängen können, ohne
in falsche, weil auf ältere Konstellationen geeichte Erwartungen zu verfallen.
Sollte es dagegen, wofür ggw. vieles spricht, eine große Koalition geben, ist
zwar die Aufgabe der Linken leichter, einem nur oberflächlich sozial
überzuckerten Standortdiskurs gegenüber klare Alternativen zu formulieren, ihre
Möglichkeiten, Perspektiven der gesellschaftlichen Mehrheitsbildung
aufzuweisen, schwinden zugleich aber ein weiteres Mal. Auch wenn dem kommenden
Herbst in Deutschland sicherlich die üblichen Begleitumstände historischer
"Scheidewege" fehlen werden, ist doch in ihm eine historische
"Bifurkation" versteckt, die wir immer noch eher unterschätzen:
Entweder ergibt sich ein allererster Ansatz zu einem sozialökologischen
Kurswechsel oder Deutschland - und mit ihm Europa - biegt, vielleicht ebenso
unscheinbar, für längere Zeit in eine Bahn der qualitativen Vertiefung der
neoliberalen Gegenreformation ein, vielleicht durch eine
"workfare"-Strategie sozial akzeptabler gestaltet und durch eine
staatlich initiierte "High-Tech"-Förderungsstrategie
>zukunftsfähiger< gemacht.

Das Verhältnis von demokratischer Politik,
sachgesetzlichen Marktprozessen und menschheitlichem Wissensfortschritt sowie
individueller bzw. kollektiver Selbstorganisation bedarf der neuen Entwicklung.
Gerade weil der alte Staatssozialismus sich offenbar als historisches Projekt
erschöpft hat, gewinnt angesichts der Herausforderungen der Linken durch
Ökologie und Feminismus die alte "sozialistische" Fragestellung nach
den der privaten Aneignung politisch zu setzenden Grenzen eine ganz neue
Aktualität - allerdings in einer neuen Einbettung in die Problematiken des
Verhältnisses der Menschheit zu ihren ökologischen Lebensbedingungen - und
damit immer auch zu denen anderer Gattungen von Lebewesen - und die
menschlich-historischer Geschlechterverhältnisse. Aber eben nicht als Frage des
historischen Übergangs in etwas ganz anderes, sondern als gegenwärtige
Zieldimension der Veränderungen im Hier und Jetzt. n
Literatur
Kleinert, Hubert: Produktivkapital breit
streuen, DER SPIEGEL, 40/1997
Königs, Tom: Die Entdeckung des Marktes, in: Frankfurter
Rundschau, 5.11.97
Schröder, Gerd u.a.: Innovationen für Deutschland,
SPD-Leitantrag, Oktober 1997
Wolf, Margareta
u.a., Thesenpapier zu Schröders "Innovationen für Deutschland",
Oktober 1997
Wolf, F.O.: Letzte Ausfahrt Brooklyn? Vorüberlegungen zu
einer Bestandsaufnahme der Lage der Linken nach dem Ende des kurzen 20.
Jahrhunderts, Andere
Zeiten 4/97
Das
ändert aber nichts daran, daß diese Position sich auf eine konsistente ökonomische
Fundierung berufen kann. Und gerade die - angesichts hoher Arbeitslosenzahlen
und einer entsprechenden Belastung des Transfersystems - hohe Bedeutung, die
ökonomischen Fragen in der gesellschaftlichen Diskussion zugemessen wird, würde
den Versuch aussichtslos machen, der neoliberalen Argumentation eine nur politische
Argumentation entgegensetzen zu wollen. Dieser Essay konzentriert sich deshalb
- und weil der Verfasser Ökonom ist - auf die ökonomische Kontroverse.
Teil I
versucht die prinzipielle Fundierbarkeit der aktuellen wirtschaftspolitischen
Programmatik aus der herrschenden ökonomischen Lehrmeinung zu skizzieren. Dies
erscheint schon deshalb wichtig, weil man einerseits verstehen sollte, daß die
andere Seite Argumente für ihre Position anführen kann und andererseits ansonsten
Gefahr läuft, scheinbar plausible Politikempfehlungen zu übernehmen, die aber
ihre Begründung genau der Denkweise verdanken, deren sich der politische Gegner
bedient, so daß man mit der Konsequenz, der Politikempfehlung, implizit
zugleich die Prämisse, die neoliberale Ökonomie, schluckt.
Wie
jeder Marx-Leser weiß, ist die herrschende Meinung jedoch eben nur dies, die
Meinung der Herrschenden. Systematisch fundierbar vielleicht, aber deshalb
nicht weniger interessengeleitet und ideologisch geladen. Zwar läßt sich die
ökonomische Erfahrung mit dem Weltbild des herrschenden ökonomischen “main
stream“ erklären, aber eben nicht nur mit diesem. Teil II argumentiert, daß man
ebenso schlüssig postulieren kann, daß die Veranstaltung Kapitalismus nach ganz
anderen Regeln abläuft.
Karl Betz ist Ökonom.
Die Entscheidung zwischen diesen
beiden Weltbildern - Paradigmen im Sinne Kuhns und Feyerabends - kann nicht von
der Theoriebildung (oder gar schlimmer: der Empirie) getroffen werden, sie
fällt vielmehr vortheoretisch, nach außertheoretischen Kriterien. Nichts desto
weniger ist diese Gegenüberstellung das genaue Gegenteil eines
Glasperlenspiels, denn, wie Teil III herausarbeitet, die wirtschaftspolitischen
Implikationen der beiden Ansätze unterscheiden sich radikal. Mithin - und dies
zu demonstrieren ist Sinn der Übung - implizieren unterschiedliche ökonomische
Weltbilder differierende Wirtschaftspolitiken. Alternativen zur herrschenden
Wirtschaftspolitik sind also formulierbar, denn nicht irgendwelche ökonomischen
Sachzwänge oder ein objektiver ökonomischer Sachverstand begründen neoliberale
Politik, sondern die ideologische Vorentscheidung für ein bestimmtes Bild des
Kapitalismus.
Strenggenommen
ist ein Problem der Vorschläge des dritten Teils, daß er eine nationale
Wirtschaftspolitik konzipiert, obwohl mit der Einführung des Euro ein
europäischer Binnenmarkt entsteht, innerhalb dessen die BRD nur eine Regionalökonomie
ist. Einerseits unterstreicht dies, daß eine Koordination der Wirtschaftspolitiken
innerhalb es Euroraumes wünschenswert ist. Jedoch ist der Anteil des deutschen
Marktes im Währungsgebiet des Euro so hoch, daß es vertretbar erscheint, die
Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik als Makropolitik (die das Niveau der
Beschäftigung in einer Ökonomie bestimmt) und nicht als Regionalpolitik (die
die Beschäftigung zwischen Regionen umverteilt) zu diskutieren.
I Die angebotsorientierte Sichtweise
Ausgangspunkt
für das Verständnis angebotsorientierter Wirtschaftspolitik sind das
ökonomische Credo, daß Märkte über den Preis geräumt werden sowie die Annahme,
daß die Produktion durch Arbeits- und Kapitalangebot bestimmt wird. Eine zu
geringe Beschäftigung kann ihre Ursache daher letztlich nur in falschen Preisen
haben. Mehrere Faktoren können hier, isoliert oder in Kombination miteinander,
wirken.
Erstens
kann es sein, daß der Preismechanismus am Markt gestört ist: Tarifverträge und
Sozialstandards etwa mögen verhindern, daß der Lohn auf ein Niveau fallen kann,
bei dem Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage sich entsprechen. Dies verlangt
eine Deregulierung des Arbeitsmarktes, die die Löhne wieder flexibler macht und
so das Funktionieren des Preismechanismus reetabliert.
Eng
verbunden damit ist zweitens die Diagnose von Mitnahmeeffekten: Wenn
Sozialleistungen zu hoch sind, dann kann es sein, daß Menschen, die nicht
bereit wären, zu einem Wettbewerbspreis Arbeit anzubieten, sich arbeitslos
melden, nicht weil sie eine Arbeit, sondern weil sie Arbeitslosengeld oder
Sozialhilfe nachfragen wollen.
Aus
diesen beiden Argumenten ist Sozialabbau induziert, weil soziale Absicherung
das Problem sowohl verschärft (erstes Argument) als überzeichnet (zweites
Argument).
Drittens
ist das entscheidende Kriterium für das Angebot von Arbeit der Nettolohn. Das
entscheidende Kriterium für die Nachfrage nach Arbeit sind die Lohnkosten, also
Bruttolohn inkl. Lohnnebenkosten und sonstigen Verpflichtungen aus dem Arbeitsvertrag.
Eine hohe Besteuerung bedingt, daß der Nettolohn, den der Arbeiter in seiner
Lohntüte vorfindet, sich immer weiter von den Lohnkosten entfernt, die der
Unternehmer zahlen muß. Arbeit wird so zu gleicher Zeit (aus Sicht des
Unternehmers) zu teuer und (aus Sicht des Arbeiters) zu billig. Die
Beschäftigung sinkt, weil sowohl die Nachfrage nach als das Angebot an Arbeit
zurückgeht. Umgekehrt steigt das Arbeitsangebot dann, wenn die Steuerlast - die
Staatsquote - sinkt, so daß steigende Beschäftigung mit sinkenden Lohnkosten
einhergehen kann.
Viertens
könnte die Beschäftigung höher sein, wenn Investitionen attraktiver wären -
schließlich ist ein Angebot von Kapital zugleich eine Nachfrage nach Arbeit.
Neben der Durchsetzung niedrigerer Lohnkosten (durch flexiblere Arbeitsmärkte
und Abbau der Lohnnebenkosten) kann dies dadurch unterstützt werden, daß die
Gewinnbesteuerung gesenkt und Beschränkungen der Nutzung von
Investitionsgütern - wie etwa Arbeitszeitregelungen, Arbeitsschutzbestimmungen
und Umweltauflagen - abgebaut werden. In die gleiche Richtung geht der Effekt
des Abbaus von Arbeiterrechten, da diese, wie etwa Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall oder Kündigungsschutzbestimmungen, als Kosten in die Kalkulation
der Profitabilität eines zusätzlichen Arbeitsplatzes eingehen.
Man
sieht, daß die Argumente drei und vier einen Abbau der Staatsquote, eine Entlastung
hoher Einkommen und eine Rücknahme staatlicher Regulierung, u.a. im Bereich von
Umwelt- und Arbeitsgesetzgebung, angezeigt erscheinen lassen.
Zweifellos
wird nicht jeder Ökonom, der der herrschenden Sichtweise nahe steht, alle diese
Forderungen unterschreiben wollen. Aber dies sind Schlußfolgerungen, die
naheliegen, wenn man von den einfachen Grundannahmen neoklassischer Theorie
ausgeht. Um sie abzuwehren, muß man mehr oder weniger plausible Zusatzannahmen
treffen - etwa eine Rigidität der Arbeitsmärkte unterstellen, die die oben skizzierte
Position gerade als marktwidrig abbauen will - und ist damit von vornherein in
der Defensive, weil man einerseits die Grundvoraussetzungen der Theorie
annimmt, andererseits aber deren empirische Brauchbarkeit - zumindest in
Teilbereichen - bestreiten muß.
Ein
Einfallstor für Kritik gibt es jedoch: Es kann daran erinnert werden, daß am
Arbeitsmarkt Geldlöhne ausgehandelt werden. Alle Kosten, von denen oben gesprochen
wurde, waren in Geld gemessene Kosten. Darüber, ob sie hoch, zu hoch oder
angemessen sind, entscheiden die Preise, die die Unternehmen für ihre Produkte
erzielen können. Anstatt zu sagen, direkte wie indirekte Lohnkosten seien zu
hoch für Vollbeschäftigung, kann man ebensogut sagen, die Unternehmen erlösten
zu niedrige Geldpreise, um bei gegebenen (Geld-) Lohnkosten alle angebotene
Arbeit beschäftigen zu können. Es liegt nahe zu schließen, daß die Unfähigkeit,
kostendeckende Preise am Markt durchzusetzen, eine unzureichende Nachfrage
anzeige.
Aber
auch hierauf hält die herrschende Lehre eine Antwort bereit und wiederum ist
das Arbeitsangebot verantwortlich: Weil die Arbeiter auf steigende Preise mit
einer Verteidigung ihrer Reallöhne reagierten, würden steigende Preise eben
nicht sinkende Reallöhne und steigende Beschäftigung ermöglichen, sondern nur
zu Inflation führen (Stichwort: Lohn-Preis-Spirale) - und daher verhindert die
Geldpolitik der Bundesbank eine solche Dynamik. Einerseits wahrt so die
herrschende Lehre ihre Konsistenz, andererseits aber decouvriert sie - mit dem
Postulat, daß der Arbeitsmarkt den Abbau von Reallöhnen abwehren könne -, daß
sie Arbeitslosigkeit schon immer als Vollbeschäftigung betrachtet hat - als
natürliche Rate der Unterbeschäftigung (NAIRU) eben, die von Land zu Land und
von Betrachtungszeitraum zu Betrachtungszeitraum variiert.
II Die geldkeynesianische Sichtweise
Für
Keynes stellte sich der Zusammenhang anders dar: Kapitalistische Ökonomien sind
durch die Verwendung von Geld gekennzeichnet. Dies eröffnet eine Möglichkeit,
die Tauschwirtschaften nicht zu eigen ist. In einer Realtauschwirtschaft muß
jedes Angebot zugleich eine Nachfrage sein. Mithin kann so etwas wie eine “zu
geringe Gesamtnachfrage“ nicht auftreten. Allenfalls kann einer (im Vergleich
zum Angebot) zu geringen Nachfrage nach einigen Produkten eine zu hohe nach
anderen gegenüberstehen - und ein solches Mißverhältnis wird über die
Veränderung der relativen Preise beseitigt.
In
einer Geldwirtschaft wie der BRD jedoch kann Geld nachgefragt werden, und das
heißt, daß ein Teil des Einkommens so verwendet werden kann, daß die
Einkommensverwendung weder direkt noch indirekt Nachfrage am Gütermarkt
entstehen läßt.[16] Damit
können bei den Unternehmen Kosten anfallen (denn Einkommen sind aus Sicht der
Unternehmen Faktorkosten) denen keine Erlöse (keine Nachfrage) gegenüberstehen.
Es kann also sein, daß der Unternehmenssektor insgesamt bei Vollbeschäftigung
Verluste machen würde, so daß die Unternehmen mit ihrer Produktion unter dem
Vollbeschäftigungsniveau bleiben müssen, um ihre Gewinne zu verteidigen.
Jedoch
weist die Disposition über Geld zwei Aspekte auf: Einerseits führt der Wunsch
zur Geldvermögensbildung zu einer Einschränkung der effektiven Nachfrage und
daher zu einer Beschränkung der Produktion. Andererseits aber lassen kreditfinanzierte
Investitionen Geldvermögen entstehen und dieses muß gehalten werden.
Eine
hohe Bereitschaft zur Bildung von Geldvermögen behindert also die Produktion,
weil die Produkte nicht abgesetzt werden können und daher die Investitionsbereitschaft
zusammenbricht. Eine geringe Bereitschaft, Geldvermögen in der Währung des jeweiligen
Landes zu halten, entwertet jedoch das Kreditvolumen - über Abwertung und
Inflation - und entwertet so die Kredite, die die Unternehmen aufnehmen
können. In entwickelten Geldwirtschaften zwingt diese Gefahr die Notenbank, das
Kreditvolumen durch hohe Zinsen niedrig zu halten. Wo versucht wird, dies zu
vermeiden, trocknet der Kapitalmarkt völlig aus, weil niemand mehr das so
entstehende Geldvermögen halten will. Die Unternehmen wollen dann zwar
möglicherweise investieren, können aber mit den Finanzmitteln, die sie
anwerben können, keine Produktion in Gang setzen - eine Erfahrung die viele
Entwicklungsländer machen mußten.
Die
Disposition über Geld beschränkt daher Produktion und Beschäftigung sowohl von
der Nachfrageseite als von der Angebotsseite. Sie beschränkt sie von der
Angebotsseite, weil das Halten von Geldvermögen eine Verzinsung verlangt, die
notwendige Verzinsung aber Kapitalkosten begründet. Und sie beschränkt sie von
der Nachfrageseite, weil die Absicht, aus Einkommen Geldvermögen aufzubauen,
eben einen Verzicht auf die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen
einschließt.
Deshalb
bestimmen Vermögens- und Gütermärkte alleine über die Höhe von Produktion und
Beschäftigung, Zinsen, Profite und das Lohnniveau. Reallohn und Beschäftigung
stehen daher fest, ehe der Arbeitsmarkt ins Spiel kommt. Diesem bleibt dann
nurmehr, über die Höhe der Geldlöhne das Preisniveau zu bestimmen.
Der
Keynesianismus der Lehrbücher krankt daran, daß er sich als “neoklassische
Synthese“, als Synthese von Neoklassik und keynesianischem Denken, versteht.
Entsprechend dieser Programmatik liefert der Keynesianismus die Erklärung der
Krise und die Neoklassik die Theorie des Gleichgewichts. Unterbeschäftigung
(also im neoklassischen Wortsinne: ein Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt) wird
daher als Krise, als temporäre Abweichung vom Gleichgewicht diagnostiziert. Die
Wirtschaftspolitik hat in diesem Verständnis nur die Aufgabe, dem Marktprozeß
einen Tritt in den Hintern zu versetzen, damit er das Vollbeschäftigungsgleichgewicht
erreicht. Entsprechend kann sie kurzfristig orientiert sein: Sie kann wieder
abgesetzt werden, wenn ihr Ziel, die Etablierung des Gleichgewichts, erreicht
ist. Daher muß das Augenmerk nur auf die kurzfristigen Effekte der Politik
gerichtet sein: Auf die expansiven Wirkungen der zusätzlichen
Staatsverschuldung und/ oder der Zinssenkung der Notenbank.
Das
sieht aber anders aus, wenn man Unterbeschäftigung als mögliches Gleichgewicht
einer keynesianisch funktionierenden Wirtschaft sieht. Macht man in solch einer
Geldwirtschaft kurzfristig expansive Wirtschaftspolitik, so stellt sich, sobald
diese Politik abgesetzt wird, das alte Niveau der Arbeitslosigkeit wieder her.[17]
Was dann bleibt, sind die Wirkungen des höheren Bestandes an Staatsverschuldung
und die Wirkungen der Politik des leichten Geldes auf das Vertrauen in die
Währung und daher das Zinsniveau. Und diese Wirkungen sind kontraktiv.
III Wirtschaftspolitische Konsequenzen
Zusammengefaßt
läßt sich also sagen, daß eine neoklassisch orientierte Wirtschaftspolitik über
eine Senkung der Kosten eine Ausweitung des Angebots zu erreichen sucht. In
einer Geldwirtschaft aber werden sich hierüber keine expansiven Impulse
ergeben, weil nicht das (verglichen mit dem gewünschten Beschäftigungsstand) zu
geringe Angebot, sondern die (verglichen mit dem Vollbeschäftigungsangebot) zu
geringe Nachfrage das Problem ist.
Durch
niedrigere Geldlöhne kann keine zusätzliche Nachfrage geschaffen werden, weil niedrigeren
(nominalen) Faktorkosten ein niedrigeres (nominales) Einkommen und daher eine
geringere nominale Nachfrage entspricht. Diese zwingt dazu, die geringeren
Kosten über niedrigere Preise weiterzugeben und daher werden die alten
Reallöhne wiederhergestellt. Es ist denn auch die Weltwirtschaftskrise und
nicht etwa die Wirtschafts“wunder“phase, die durch einen Prozeß sinkender Löhne
und Preise gekennzeichnet ist.
Gefragt
ist mithin eine Wirtschaftspolitik, die geeignet ist, ein Gleichgewicht bei
höherer Beschäftigung herzustellen. Das heißt, daß sie einerseits die effektive
Nachfrage zu erhöhen geeignet sein muß und daß sie andererseits permanenten
Charakter aufweisen können muß - ihre langfristigen Wirkungen dürfen nicht
kontraproduktiv sein. Den Ansatzpunkt für eine solche Politik liefert das
Postulat der Zinsabhängigkeit der effektiven Nachfrage: Ist die Nachfrage aus
Lohneinkommen höher als die Nachfrage aus Gewinneinkommen, so führt eine
Umverteilung von Gewinn- zu Lohneinkommen zu einer Ausweitung von Nachfrage,
Produktion und Beschäftigung.
Entscheidend
ist aber, daß eine solche Einkommensumverteilung nicht gegen den Markt erfolgen
darf, denn ein solcher Versuch liefe Gefahr, Marktprozesse zu initiieren, die
das Gegenteil des gewünschten Ergebnisses zur Folge hätten. Sie muß sich
vielmehr als Marktresultat einstellen. Gegeben, daß Gewinneinkommen deshalb entstehen,
weil der erforderliche Zins auf Geldvorschüsse Produktion knapphält, ist der
Ansatzpunkt hierfür eine Politik, die darauf abzielt, das gleichgewichtige
Zinsniveau zu senken.
III.1 Geldpolitik
Daß
die auf den ersten Blick naheliegende Variante, eine Politik des leichten
Geldes zu verfolgen, scheitert, wurde schon angedeutet. Eine Notenbank, die
versucht, die Zinssätze dauerhaft zur Stützung der Beschäftigung einzusetzen,
wird vom Vermögensmarkt durch Kapitalflucht und Inflation bestraft. Nicht nur
muß sie dem Zwang zur Stabilisierung schließlich nachgeben; der
Vertrauensverlust, den ihre lockere Geldpolitik verursacht hat, erlaubt eine
solche Stabilisierung nur noch auf einem höheren Zinsniveau als zuvor.
So
weisen denn im internationalen Vergleich Währungen mit einer zuverlässigen
Tradition stabilitätsorientierter Geldpolitik - Hartwährungen eben - ein
niedrigeres Zinsniveau auf als Weichwährungen. Die Kapitalkosten sind in
Italien höher als in der Schweiz und nicht etwa umgekehrt.
Strategisch
entscheidend ist nicht der Gegensatz expansiver und restriktiver Geldpolitik -
dieses Begriffspaar bezeichnet nur die Bereitschaft der Notenbank, den Zinssatz
zu erhöhen, wenn ein Inflationsimpuls vom Gütermarkt ausgeht - sondern die
langfristige Wahl zwischen Hart- und Weichwährungsposition, wobei das Erreichen
einer Hartwährungsposition eben voraussetzt, daß die Notenbank eine Politik verfolgt,
die ihre Bereitschaft, ihre Zinspolitik einzusetzen, um den Wert ihrer Währung
zu verteidigen, für die Vermögensmärkte glaubhaft macht. Auf mittlere bis lange
Sicht ist daher eine stabilitätsorientierte Geldpolitik die expansive, eine
laxe Geldpolitik die kontraktive Politikvariante.
III.2 Fiskalpolitik
Wie
bereits angedeutet, sind Budgetdefizite lediglich in einer kurzfristigen
Betrachtungsweise expansiv - was sie denn auch zum legitimen Mittel der
Konjunkturpolitik macht. Mittelfristig muß das Budget wieder konsolidiert
werden - und mit der Konsolidierung verschwindet die zusätzliche
Staatsnachfrage. Was bleibt, ist die gestiegene Staatsverschuldung - und diese
senkt die Beschäftigung. Sie senkt sie erstens, weil jetzt ein höherer Anteil
des Steueraufkommens für Zinszahlungen verwandt werden muß - was die
Staatsnachfrage einschränkt - und sie senkt sie zweitens, weil eine höherer
staatlicher Schuldenbestand ein höheres Zinsniveau erzwingt. Dies einmal
direkt, weil das mit der Staatsverschuldung entstandene Geldvermögen auch in
der heimischen Währung gehalten werden muß. Damit zusätzliches Geldvermögen in
einer bestimmten Währung gehalten wird, sind höhere Zinsen erforderlich.
Darüber hinaus besteht die Gefahr, daß die Vermögensmärkte eine höhere
Staatsverschuldung als Warnsignal interpretieren, weil die höhere Verschuldung
den Anreiz für die Regierung erhöhen könnte, ihre Schuldenlast durch eine
lockerere Geldpolitik zu erleichtern.[18]
Daher
sollte der Budgetsaldo im Trend darauf ausgerichtet werden, die Geldpolitik zu
unterstützen und auf ein - im Durchschnitt des Konjunkturzyklus -
ausgeglichenes oder idealerweise leicht überschüssiges Budget abzielen - wobei
es leichter fallen mag, einen solchen Budgetüberschuß politisch durchzusetzen,
wenn man ihn als “Kapitalisierung der staatlichen Rentenversicherung“ verkauft.[19]
Das
Problem an diesem Vorschlag ist natürlich die zunächst kontraktive Wirkung der
Budgetkonsolidierung. Sie fällt jedoch hier weniger restriktiv aus als bei der
zur Zeit verfolgten Variante und es gibt - zumindest von den prinzipiellen
ökonomischen Zusammenhängen her - eine Möglichkeit der Abfederung. Um das in
Teil I skizzierte Argument wieder aufzugreifen: Wenn das Angebot den
Wirtschaftsprozeß steuert, so bestimmt die Nettoentlohnung der Faktoren die
Höhe von Produktion und Beschäftigung. Eine hohe Staatsquote muß dann, weil sie
eine niedrige Nettoentlohnung impliziert, restriktiv wirken und eine
Ausweitung der Beschäftigung verlangt einen Abbau der Steuern und
Staatsausgaben.
Ist
der Ausgangspunkt jedoch ein Gleichgewicht mit Arbeitslosigkeit, so ist nicht
zu unterstellen, daß eine höhere Besteuerung zu einer Einschränkung der
Produktion führt. Das heißt, daß es keinen Grund gibt, ein Budgetdefizit über
die Ausgabenseite zu schließen, sondern daß Spielraum besteht, die
Steuereinnahmen zu erhöhen.[20]
Erstens führt eine Budgetkonsolidierung über höhere Steuereinnahmen zu einem
geringeren Nachfrageausfall als eine Konsolidierung über Ausgabenkürzungen und
zweitens gibt es zumindest keinen ökonomischen Grund, der daran hindern würde,
die Besteuerung stärker als für den Budgetausgleich erforderlich anzuheben und
so das Haavelmo-Theorem auszunutzen, gemäß dem eine Ausweitung
steuerfinanzierter Staatsausgaben eine Ausweitung des Sozialprodukts in
gleicher Höhe nach sich zieht.
III.3 Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik
Auch
die hier gemachten Politikvorschläge können nur versuchen, die gleichgewichtige
Beschäftigung nur erhöhen. Da es keinen Marktmechanismus in Richtung auf ein
Vollbeschäftigungsgleichgewicht gibt, gibt es auch keine Garantie dafür, daß
die Wirtschaftspolitik das Marktgleichgewicht wirklich bis zu einem
Vollbeschäftigungsgleichgewicht verschieben kann. Eine höhere Beschäftigung
sollte mit den hier gemachten Vorschlägen realisierbar sein, ob dies aber
ausreicht, wirklich eine Vollbeschäftigungssituation zu erreichen ist
zumindest fraglich.[21]
Der
Arbeitsmarkt ist - abgesehen von außenwirtschaftlichen Argumenten - Opfer,
nicht Täter. Folglich ist Arbeitsmarktpolitik auch keine Beschäftigungspolitik:
Weder in dem Sinne, daß ein sinkendes Lohnniveau eine höhere Arbeitsnachfrage
erlaubte, noch in dem Sinne, daß die Motivation zur Arbeitsaufnahme durch
Sozialabbau gestärkt werden müßte.[22]
Im Kapitalismus fällt dem Arbeitsmarkt die Aufgabe zu, Arbeitslosigkeit zu
verarbeiten; nicht, sie zu beseitigen.
Gewerkschaften
sind daher funktional für eine Geldwirtschaft: Wenn die Ökonomie ein
Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung aufweisen kann, so heißt das eben, daß
der Arbeitsmarkt nicht wie ein normaler Markt funktionieren kann. Es muß
vielmehr Institutionen geben, die verhindern, daß die Existenz von
Unterbeschäftigung in eine Abwärtsspirale bei Geldlöhnen und Preisen führt,
also in eine Deflation mündet. Gewerkschaften - und in Sonderheit
Flächentarifverträge - erscheinen somit als eine stabilisierende Instanz.[23]
Den
Forderungen nach Deregulierung des Arbeitsmarktes und Flexibilisierung des
Arbeitsangebotes ist entgegen zu halten, daß gesetzliche und
kollektivvertragliche Regelungen von Arbeitsbedingungen gerechtfertigt sind.
Die Regelung von Arbeitsbedingungen über den Markt würde eben voraussetzen,
daß der Arbeitsmarkt im Durchschnitt geräumt ist - so daß die Unternehmen mit
Arbeitsbedingungen und Lohnangeboten in Konkurrenz um die knappe Ware
Arbeitskraft stünden - und daß an diesem Markt Reallöhne ausgehandelt werden können.
In einer Geldwirtschaft ist beides nicht der Fall. Daher würde ein vollständig
deregulierter Arbeitsmarkt die Tendenz aufweisen, im ersten Schritt zu
schlechteren Arbeitsbedingungen zu führen. Im zweiten Schritt würde die
Konkurrenz die Unternehmen zwingen, die hierdurch erzielten Kosteneinsparungen
in ihren Preisen weiter zu geben, so daß sich - unabhängig von den Präferenzen
der Akteure - eine Lösung mit höheren Reallöhnen und schlechteren
Arbeitsbedingungen ergäbe. Der Tausch von besseren Arbeitsbedingungen gegen
geringere Reallöhne ist mithin nur kollektivvertraglich möglich - eben weil
Reallöhne nicht am Arbeitsmarkt ausgehandelt werden können, sondern sich erst
ex post mit der Bestimmung der Güterpreise ergeben.
Arbeitszeitverkürzung
schließlich ist selbstredend auch keine Beschäftigungspolitik. Sie beseitigt
nicht Arbeitslosigkeit, sondern sie verteilt sie nur um. Geht man davon aus,
daß Angebotsfaktoren die Produktion bestimmen, ist dies Teufelswerk, weil so
institutionell das Angebot und daher Produktion und Beschäftigung reduziert
werden. Beschränkt die Nachfrage die Beschäftigung, so ist es
selbstverständlich im höchsten Grade wünschenswert, diese Lasten des
Wirtschaftssystems gleichmäßiger zu verteilen.
Aber
diese Forderung darf nicht den Blick darauf verstellen, daß die Kehrseite der
Arbeitszeitverkürzung natürlich der geringere Monatslohn ist. Schließlich setzt
beispielsweise die Umverteilung von Arbeitslosigkeit über Teilzeitarbeit
voraus, daß man von rund der Hälfte eines Vollzeitlohnes auch noch akzeptabel
leben kann. Für die Besoldungsgruppen der gehobenen Beamtenlaufbahn mag diese
Annahme ja noch einiges an Plausibilität aufweisen, aber ein Einkommen, das
noch unterhalb des Arbeitslosengeldes der jeweiligen Berufsgruppe liegt, kann
für einen Gutteil der Beschäftigten eine annehmbare Lebensperspektive nicht
eröffnen.
III.4 Außenwirtschaft
Die
einzige Wirkung, die die nominalen Lohnkosten auf die Beschäftigung ausüben
können, betrifft die Außenwirtschaft. Sofern die Lohnkosten - und daher die
Preise - bei gegebenem Wechselkurs im Inland langsamer ansteigen als im
Ausland, verbilligen sich die Exporte und verteuern sich die Importe. Als Folge
einer solchen Politik der realen Unterbewertung richtet sich ein Teil der
bisherigen Nachfrage nach ausländischen Produkten jetzt auf im Inland
hergestellte Produkte. Dadurch wird Produktion aus dem Ausland ins Inland
verlagert und daher Arbeitslosigkeit aus dem Inland ins Ausland exportiert.
Fast
die ganze Wirtschaftsgeschichte der BRD ist durch einen solchen Export von
Arbeitslosigkeit gekennzeichnet und ein Teil der Probleme, die die BRD heute
kennzeichnen, ist dadurch entstanden, daß die Wiedervereinigung auf eine Art
abgewickelt wurde, die diese Konstellation zerstörte.
Aus
einem Leistungsbilanzüberschuß von 130 Milliarden DM 1989 wurde ein Defizit,
und erst jetzt gelingt der Geldpolitik langsam wieder ein tendenzieller Ausgleich
der Leistungsbilanz. Teilweise wurde dieser Nachfrageausfall durch das explodierende
Budgetdefizit kompensiert, so daß die vollen Konsequenzen des Endes der Ära der
Unterbewertungspolitik erst mit der später einsetzenden Budgetkonsolidierung
zum Tragen kamen und kommen. Daher brach die Beschäftigung nicht schlagartig
ein, sondern es setzte ein chronischer und bis heute nicht abgeschlossener
Prozeß steigender Arbeitslosigkeit ein.
Ein
Großteil des Gejammers über die Gefahren der Globalisierung hat so seinen
rationalen Kern darin, daß die Wirtschaft der Bundesrepublik seit Anfang der
neunziger Jahre ihren Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Ausland eingebüßt hat.
Das irrationale Element besteht darin, daß die Leistungsbilanzüberschüsse eines
Landes die Defizite eines anderen sein müssen, so daß alle Forderungen nach
einer Rückkehr zur alten Wettbewerbsfähigkeit - sprich: Leistungsbilanzposition
- der BRD nur ebenso viele Forderungen sind, die Bundesrepublik möge eine
Wirtschaftspolitik verfolgen, die wieder so wie früher zur Destabilisierung der
Weltwirtschaft beiträgt.[24]
Legitim,
d.h. mit einem internationalen Gleichgewicht kompatibel, ist lediglich die
Forderung an die Wirtschaftspolitik, einen tendenziellen Ausgleich der
Leistungsbilanz anzustreben, eine Aufgabe, die die Geldpolitik mittlerweile
wieder weitgehend abgeschlossen hat - wenn auch argumentiert werden kann, daß
noch etwas Handlungsbedarf besteht, weil der Leistungsbilanzausgleich sich zum
Teil der schwächeren Inlandskonjunktur verdankt.
Die
eigentlichen Hausaufgaben der Wirtschaftspolitik bestehen darin, die nationalen
Ursachen der (im Vergleich zum Arbeitsangebot) zu geringen Beschäftigung auch
im Inland anzugehen - also die Arbeitslosigkeit zu senken statt sie zu
exportieren - bzw., soweit dies nicht gelingt, mit deren Konsequenzen
umzugehen.
IV
Es
mag vielleicht ungewohnt sein, daß in diesem Rahmen eine Wirtschaftspolitik
vertreten wird, deren Kernelemente Hartwährungspolitik und Budgetkonsolidierung
sind. Aber auch eine linke Wirtschaftspolitik muß, wenn sie sich auf den
Kapitalismus einläßt, das Spiel nach dessen Regeln spielen. Viel befremdlicher
wäre doch eine Position, die einerseits, wenn es um die Systemkritik geht,
Kapitalismuskritik ist und die andererseits, wenn es um wirtschaftspolitische
Forderungen geht, so tut, als könne man, so man nur die richtige Politik
verfolge, all der Übel des Kapitalismus Herr werden, die die Systemkritik noch
als notwendige Charakteristika hergeleitet hatte. Man sollte strikt trennen
zwischen der Entwicklung einer Alternative zur kapitalistischen Wirtschaftsform
und der Entwicklung einer Wirtschaftspolitik für den Kapitalismus. Wiewohl ich
die Notwendigkeit der ersten Fragestellung nur unterstreichen kann, so kann ich
doch zur Zeit nur zur zweiten Fragestellung einen Beitrag leisten.
Der
einzige traditionell linke Topos der oben skizzierten Position ist wohl die Betonung
der Rolle des Staates und kollektivvertraglicher Regelungen im
Wirtschaftsprozeß. Dieser verdankt sich der fundamentalen Differenz zwischen
bürgerlichem Liberalismus und linker Kapitalismuskritik. Während ersterer den
Kapitalismus theoretisch so erfaßt, daß der Marktmechanismus bereits wie ein
freier Diskurs funktioniert, so daß jede politische Entscheidung eine
Einschränkung des Selbstbestimmungsrechtes der Akteure darstellt, verstand Marx
die ökonomischen Zusammenhänge immer als Verdinglichung gesellschaftlicher
Herrschaftsbeziehungen. Wie also der bürgerliche Liberalismus eine emanzipative
Intention zu verfolgen glaubt, wenn er die politische Einschränkung
ökonomischer Freiheit bekämpft, so verfolgt die Linke eine emanzipative
Intention, wenn sie die Notwendigkeit politischer und sozialer Intervention
anerkennt, um ökonomische Unfreiheit zu reduzieren. Die Frage ist nicht, daß
eine “veraltete“ linke Staatsgläubigkeit einer geringeren Gewichtung persönlicher
Freiheit entspränge. Die Betonung der Notwendigkeit politischer und sozialer
Regulierung des ökonomischen Prozesses fußt vielmehr auf einer anderen
theoretischen Erfassung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. n


Dutzende Millionen Menschen werden Jahr für Jahr auf dem Arbeitsmarkt
der reichen Industrieländer für überflüssig erklärt, sieben oder acht Millionen
Stellen fehlen in Deutschland - die Summe aus der "registrierten"
Erwerbslosigkeit, den in "Arbeits-beschaffungsmaßnahmen" oder
"Vorruhestand" versteckten Arbeitslosen und der beachtlichen
Dunkelziffer.
Dabei sind die Konzepte zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit immer
eindimensionaler, seitdem das Match zwischen "interventionistischer"
und "marktradikaler" Wirtschaftspolitik mit dem Triumph des
"Neoliberalismus" endete. Auch in Deutschland hat sich die
"angebotsorientierte" Strategie durchgesetzt: Kostensenkung durch
Lohnverzicht, Steuerentlastung für Gewinneinkommen, Abbau von
"investitionshemmenden" sozialstaatlichen Regulierungen.
Gemessen an ihren Versprechungen fällt die "globale" Bilanz von fast zwei Jahrzehnten angebots-orientierter Politik ernüchternd aus.
Die Neoliberalen erreichten weder eine Rückkehr zur
Vollbeschäftigung noch zu den eindrucksvollen Wachstumsraten noch zur zurückhaltenden
Staatsverschuldung der Ära Kennedy/ Brandt. "Besiegt" wurde die
Inflation - in einem Umfeld "tendenzieller Depression" keine aufsehenerregende
Leistung.
Dennoch werden in der Bundesrepublik Gegenpositionen nur noch
vereinzelt, oft resignativ, formuliert - etwa von der IG Medien, in den
"Memoranden" der "Arbeitsgruppe Alternative
Wirtschaftspolitik", von Politikern und Politikerinnen des linken
Spektrums in SPD und Grünen, gelegentlich auch von etablierten
Wirtschaftsforschungsinstituten wie dem DIW Berlin oder dem Ifo-Institut
München. In den Medien gehen diese Argumente im vielstimmigen Staccato des
Marktradikalismus unter.
Winfried Roth
ist Ökonom und freier Journalist
Hier sollen zwei
Veröffentlichungen vorgestellt werden, die solche abweichenden Meinungen
vertreten.
Ulrich Briefs in "High Tech und sozialer Verfall" und
Herbert Ehrenberg in "Die große Standortlüge" versuchen, die Probleme
für ein Publikum ohne wirtschaftstheoretisches Vorwissen darzustellen.
Herbert Ehrenberg wurde in den siebziger Jahren als
sozialdemokratischer Vorgänger von Norbert Blüm bekannt. Längst im Ruhestand, arbeitet
er als politischer Publizist. Kontroversen löste vor allem sein 1991
erschienenes Buch über die Bundesbank aus.
Gibt es Alternativen zum neoliberalen Kurs der "Kostensenkung" und der "Weltmarktoffensiven" ?
Die hier vorgestellten Autoren propagieren eine "Rückkehr zu
Keynes", zu einer "nachfrageorientierten" Wirtschaftspolitik, zu
einem neuen "sozialstaatlichen Kompromiß".
Briefs unterstreicht die "unsichtbaren Kosten" der
Arbeitslosigkeit : eine "Erwerblosenquote" von zehn Prozent bedeutet
für die Bundesrepublik pro Jahr eine "entgangene" Wertschöpfung von
mindestens dreihundert Milliarden Mark. Aber in der Bilanz erscheint nicht nur
diese "materielle" Vergeudung . Konsequenzen der Krise sind
millionenfach Resignation, Stress, zerstörte Lebensperspektiven, ein Kult der
Härte und Rücksichtslosigkeit.
Herbert Ehrenberg fragt, warum Massenarbeitslosigkeit heute
weniger Protest auslöst als in der "Jahrhundertkrise" um 1930 oder in
der beiläufigen Rezession von 1967 in der Bundesrepublik. Das mag mit dem viel
höheren "absoluten" Lebensstandard zusammenhängen, aber auch mit
"fundamentalen" Mentalitätsveränderungen: gesellschaftliche Probleme
werden durch individuelles Versagen erklärt, Arbeitslosigkeit wird als
"Schicksal" akzeptiert, Interessengegensätze sind hinter
"Sachzwängen" verschwunden. Hinzu kommt das Fehlen einer "Systemalternative"
nach dem Bankrott des "sozialistischen Projekts". Mit der
diktatorischen Planwirtschaft sowjetischen Typs ist auch das Modell einer
demokratischen, partizipativen Planwirtschaft untergegangen.
Heißen die Lösungen "High-Tech" oder "Informationsgesellschaft" ?
Ehrenberg verweist auf eine "Innovationslücke" am
"Standort D" bei "revolutionären" Technologien. Briefs ist
- mit Blick auf ihre bislang enttäuschende "Beschäftigungsbilanz" -
skeptisch: unter EDV-Fachleuten herrscht "durchschnittliche"
Arbeitslosigkeit. In Mikroelektronik und Biotechnologie geht es weniger um
"schockierende" Produktlinien als um die billigere Herstellung des
etablierten Sortiments. In der High-Tech-Zukunft könnten mehr Arbeitsplätze
verschwinden als auftauchen.
Auch die nahende "Dienstleistungsgesellschaft" hält er
für einen Mythos. Allzu viele im "tertiären" Sektor verbuchte
Arbeitsplätze - etwa in Projektierung, Software-Entwicklung, Marketing - seien
von der Industrie abhängig. Bei Post oder Banken gebe es noch
"provozierende" Rationalisierungsmöglichkeiten.
Die marktradikale Hoffnung - "korrekte Profite" gleich
"Arbeitsplätze für alle" - erweist sich im Rückblick auf fast zwei
Jahrzehnte als Illusion. Oder womöglich als Demagogie ?
Herbert Ehrenberg bringt - noch einmal Statistik - aufregende
Zahlen zum Versprechen "Mehr Arbeitsplätze durch mehr Gewinne". Seit
1980 haben sich die - "nominalen" - Nettoeinkommen aus
"abhängiger Beschäftigung" ungefähr verdoppelt, die entsprechenden
Einkommen aus "Unternehmertätigkeit und Vermögen" dagegen mehr als
verdreifacht - eine radikale Umverteilung der "Produktivitätsgewinne"
zugunsten des "Kapitals". Dennoch sank die Arbeitslosigkeit nicht,
sondern stieg radikal an. Und: 1960, auf der Klimax des
"Wirtschaftswunders", lag in der Bundesrepublik die Gewinnquote - der
Anteil der "Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen" am
Volkseinkommen - nicht etwa höher, sondern tiefer als heute. Entscheidend ist
nicht die "Summe" der Gewinne, sondern ihre Verwendung. So werden am
"Standort D" Profite seit langem eher "ausgeschüttet" als
"reinvestiert". Und wenn sie reinvestiert werden, dann eher für
Rationalisierungs- als für Erweiterungsinvestitionen.
Dennoch hat die Bereitschaft der Gewerkschaften und erst recht der
Beschäftigten "vor Ort" zu Zugeständnissen zugenommen. Wie kurz ist
der Weg von der Defensive zur Kapitulation ? "Rein sachliche"
Maßstäbe für die Verteilung des Produktionsergebnisses zwischen Arbeit und
Kapital existieren bekanntlich nicht - stets spielen Verteilungsfragen,
Machtfragen eine bestimmende Rolle. Werden durch die "Strategie des
Nachgebens" vielleicht sogar aggressivere Forderungen ausgelöst , nach der
Devise "Die bisherigen Konzessionen waren nicht genug" ?
Briefs wie Ehrenberg unterstützen Vorschläge zur
Arbeitszeitverkürzung, auch den Abbau von Überstunden, die Schaffung von
Teilzeitarbeitsplätzen. Unkonventionelle Ideen zur Beschäftigungskrise wie das
von einigen Grünen vorgelegte "1100-Stunden-Programm" - Arbeitszeitverkürzung
auf etwa 25 Stunden pro Woche - tut Briefs pauschal als irreal ab.
Wenn es keine Garantie dafür gibt, daß mehr Gewinne zu mehr Arbeitsplätzen führen, was dann ?
Ein Ausweg ist nach Auffassung von Briefs nur dann in Sicht, wenn
eine bessere "Auslastung der Sachkapitalanlagen" erreicht wird. Er
plädiert daher für eine auf Expansion der Konsumnachfrage, der
"Masseneinkommen" - Löhne, Gehälter, Renten, Sozialhilfe - gerichtete
Politik. Durch die Eigendynamik dieses Wachstums würden eine
"rentablere" Auslastung der Kapazitäten und zugleich Neueinstellungen
möglich. Auch Ehrenberg zufolge ist - mit Blick auf den Kapitalismus der
fünfziger und sechziger Jahre - ein Ausweg aus der "Stagnationsfalle"
nicht von "Lohnzurückhaltung", sondern genau im Gegenteil von einer
Steigerung der Reallöhne zu erwarten. Steigende Gewinne ohne "impulsive"
Nachfrage würden dagegen "verpuffen".
Der Sozialdemokrat listet außerdem eine ganze Reihe
"überfälliger" staatlicher Infrastrukturinvestitionen auf - vom
Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs bis zur Sanierung der Abwassersysteme, von
der Beseitigung der DDR-Altlasten bis zum Wohnungsbau. Er verlangt eine deutliche
Ausweitung der staatlichen Ausgaben für Bildung und Forschung . Der Staat müsse
für eine solche Initialzündung zunächst ein Extra-Defizit in Kauf nehmen - mit
"anziehender" Konjunktur und folglich mehr Steuereinnahmen könne aber
bald zu einer "Konsolidierung" übergegangen werden.
Ehrenberg rechnet bei Vollbeschäftigung mit zusätzlichen
Staatseinnahmen von über hundert Milliarden Mark pro Jahr. Die "expansive
Konjunkturpolitik" würde sich also zu einem guten Teil selbst finanzieren.
Ferner sollten Firmen, die Arbeitsplätze abbauen, zur Finanzierung der Krise
herangezogen werden, also etwa "Arbeitgeberanteile" in die
Arbeitslosenversicherung einzahlen. Er schlägt eine differenzierte Besteuerung
von Gewinnen vor, etwa einen halbierten Steuersatz für wieder investierte
Profite. Dadurch werde "spekulatives Engagement" auf den Finanzmärkten
weniger interessant.
Beide diskutieren kaum die Frage eines "ökologisch
verträglichen" Wachstums. Und sie gehen - erstaunlich - auch nicht auf das
Scheitern der "keynesianischen" Wirtschafts-politik von Schmidt und
Palme, von Carter und Callaghan ein - auf Probleme wie die unzulängliche internationale
Koordinierung der "Konjunktursteuerung", den "Leerlauf" der
Zins- und Wechselkurspolitik, die Entstehung einer "Inflationsmentalität",
die Neigung, die Staatsausgaben auch im Boom auszuweiten usw. Wurde die
"nachfrageorientierte" Strategie damals wirklich nur inkonsequent
umgesetzt ?
Zweifellos ist nach zwei Jahrzehnten Massenarbeitslosigkeit die
Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung verblaßt, die Bereitschaft zu
"Opfern" gewachsen. Eine Lösung der "Arbeitslosenfrage" um
den Preis massenhafter Armut - nach dem Vorbild der USA und Großbritanniens -
ist inzwischen auch in Deutschland vorstellbar. Rückkehr zum "Manchester-Kapitalismus"
?
Ehrenberg erwähnt, daß drei Viertel der Bezieherinnen und Bezieher
von Arbeitslosengeld weniger als 1800 Mark im Monat zur Verfügung haben. Daß
"die da unten" zum Vorteil der "Vermögenseliten" immer
weiter "teilen" sollen, ruft bei den Betroffenen nicht annähernd so
heftige Emotionen hervor wie die täglichen Reportagen über
"Sozialbetrug" und "Asylmißbrauch".
Wer "schmerzhaften Verzicht" für Sozialhilfeempfänger
oder Nachtarbeiter fordert, handelt verantwortungsbewußt, wer eine Belastung
der großen Vermögen vorschlägt - bekanntlich besitzen in der Bundesrepublik
fünf Prozent der Haushalte mehr Produktiv- UND Geldvermögen als die restlichen
fünfundneunzig Prozent zusammen - schürt infame Neidgefühle.
"Arbeit um jeden Preis" ?
Real-lohnsenkungen, Einkommensumverteilung zu Lasten der abhängig
Beschäftigten, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, "tiefe
Einschnitte" in die "sozialen Netze", Vollzeitarbeit am Rand des
Existenzminimums - all das erscheint nicht mehr als "Klassenkampf von oben",
sondern als entschlossenes Reagieren auf unerbittliche "Sachzwänge".
Verstärkt die Arbeitslosigkeit einen Trend zur gesellschaftlichen Desintegration ? Wir leben inzwischen in einem Klima "verallgemeinerter Konkurrenz", das selbst Kinder im Vorschulalter spüren. Eine Haltung des Egoismus, vielleicht auch der Brutalität scheint nur konsequent. Wird davon auch in unserem Land die soziale Demagogie einer "modernisierten" radikalen Rechten - wie schon in Frankreich, Italien oder Österreich - profitieren ? n
Ulrich Briefs
"High-Tech und sozialer
Verfall ?
Das moderne Deutschland nach
dem Ende der 'sozialen Marktwirtschaft'"
Pahl-Rugenstein Verlag,
Bonn 1997
DM 26,90
Herbert Ehrenberg
"Die große Standortlüge.
Plädoyer für einen radikalen Kurswechsel in der Wirtschafts-, Finanz- und
Sozialpolitik"
Verlag J.H.W. Dietz
Nachfolger,
Bonn 1997
DM 24,80
Grüne
Bildungs- und Wissenschaftspolitik war und ist durch das Ziel der sozialen
Chancengleicheit und des ökologischen Umbaus der Industriegesellschaft
gekennzeichnet. Dieses gibt der vom Bundesvorstand für die
Bundesdelegiertenkonferenz in Magdeburg vorgelegte Programmentwurf in vielen
Bereichen auch wieder, was auch ein Verdienst der Arbeit von Regine Barth ist.
Hingegen wird Matthias Berninger und sein Beraterstab mit diesen
Positionierungen keine Rechtfertigung mehr für ihre Leitmaxime der
“ökoliberalem Modernisierung” und des “Gesellschaftsmanagement”[1]
haben. Es unterbleibt jedoch in einigen zentralen Punkten eine scharfe
Abgrenzungen gegenüber Neoliberalen, der rechten Sozialdemokratie oder den
Konservativen.
Mag
aber Grüne Bildungspolitik die hinreichenden und notwendigen Bedingungen für
eine nachhaltige Entwicklung schaffen, muß sie in der Lage sein, diese
Grenzziehung durchzuführen.
Während
aus linker Sicht Bildung als individuelles Recht angesehen und die bisherige
Struktur des Bildungssysytem den gesellschaftlichen Entwicklungen als nicht
angepaßt betrachtet wird, erhoffen sich die konservativen, insbesondere die
Vertreter der Hochschulrektorenkonferenz in Form ihres Präsidenten Landfried
und vor allem Bildungsminister Rüttgers durch Studierfähigkeitsfestellungen
eine Elite zu produzieren, die Standortgerecht in die neoliberale
Weltwirtschaftsordnung paßt.
Dem
Bundesvorstand ist es hier jedoch gelungen eine genauso klare und deutliche
Position zu beziehen wie gegenüber der neoliberalen Forderung nach
Studiengebühren, was im 2. Entwurf noch nicht der Fall gewesen ist.
Sozial-ökologische Schwerpunktsetzung bei der Bildungsfinanzierung
Angepaßt
an die seit einiger Zeit kursierenden Versprechungen ist der Programmabschnitt
bei der Finanzierung der Hochschulen. Ohne klare Vorgaben zu bennenen, wird die
bestehende Aussage lediglich eine Willensbekundung bleiben und nicht in der
Lage sein, die substantiellen Reformen einzuleiten, die beschwört werden. Die
an anderen Stellen aufgestellten Forderungen, wie z.B. “Geld gegen Reformen”[2],
werden vielleicht ansatzweise das ‚Dezember Fieber’ an den Hochschulen
beseitigen können, aber nicht die eigentlich notwendigen mehreren Milliarden DM
für Bibliotheks- und Lehrmittelausstattung, für die Frauenförderung, für den
Hochschulbau und für die Studienfinanzierung beschaffen. Es ist auch nicht
besonders verantwortungsbewußt, wenn lediglich auf Reformen gehofft wird, aber
der politsche Gestaltungswille nicht vorhanden ist. Damit sich linke Politik
als Politikwechsel darstellt, muß sie die Krisensymptome der Hochschulen
bekämpfen und nicht auf diese neoliberale Selbsregulierungskraft hoffen.
Eine
verantwortungsvolle Finanzpolitik muß zunächst eine belastungsorientierte
Grundausstattung der Hochschulen sicherstellen. Die belastungsorientierte
Grundausstattung der Hochschulen muß den tatsächlichen Anforderungen an die
Hochschulen in Forschung, Lehre und Dienstleistung gerecht werden. Eine
finanzpolitische Untertunnelung des Studierendenberges ist unmöglich, die
„Massenhochschule wird auf Dauer die Hochschullandschaft bestimmen. Dabei ist
die hohe Studierneigung durchaus positiv zu bewerten, da sie individuelle und gesellschaftliche
Chancen bietet. Ein künstliches Verknappen des Angebotes durch
Eingangsprüfungen und Studiengebühren wird durch die Grünen abgelehnt.
Im
neoliberalen Diskurs ist es Mode geworden nicht mehr nach den zu fördernden
Qualitäten, den Anforderungen an eine Hochschule zu fragen, sondern die Debatte
durch sogenannte leistungsorientierte Kriterien für die finanzielle
Mittelvergabe aufzurollen. Dahinter steckt die Idee einer marktförmigen
Gestaltung des Bildungsangebotes. Diese ideologische Figur scheitert aber
daran, daß wissenschaftliche Qualität sich nicht in Quantität (Menge pro Zeit)
verkürzen läßt. Zudem müssen die Hochschulen zunächst in die Lage versetzt
werden konkurrieren zu können. Dann ist eine Konkurrenz um Qualität auf Feldern
wie Frauenförderung, regionaler Strukturwandel, Nachhaltigkeit, Evaluation und
Mitbestimmung nichts einzuwenden.
Neben
der bereits unzulänglichen Grundausstattung wird man auf Jahre hinaus
„Sonderprogramme benötigen, um Verbesserungen bei der Bibliotheks- und
Lehrmittelausstattung, bei der Frauenförderung, beim Hochschulbau (besser:
Reparatur und Instandsetzung maroder Substanzen) und beim BAföG zu erzielen.
Diese Schwerpunkte müssen gleichberechtigt gefördert werden und sollten
dezentral an den Hochschulen zielgenau eingesetzt werden. Hierzu müssen
demokratische Gremien oder Kuratorien geschaffen werden, die jenseits der
Standesinteressen der ProfessorInnen und jenseits der Kultusbürokratie eigene
(regionale) Hochschulentwicklungsziele verfolgen.
Sonderproblem BAFF
Aus
linksgrüner Sicht bleibt das BAFF ein ziemlich ärgerliches Sonderproblem.
Gerade weil der vorliegende Entwurf sich klar zum Ziel der sozialen
Chancengleichheit durch Bildung bekennt, gerade weil der Entwurf der
Notwendigkeit einer sozialsaatlichen Regulation und einer inneren
Demokratisiserung der entbürokratisierten, autonomen Hochschule betreibt,
gerade deshalb paßt der Abschnitt “Für eine bedarfsgerechte und
elternunabhängige Studienfinanzierung” nicht in das grüne Konzept. Über
Änderungsanträge ist es gelungen, bzw. Wird es gelingen den Stand des Bremer
BAFF-Kompromisses wieder zu erreichen: Eine starke Betonung des sozialen
herkunftbedingten Aspektes bei der Minderung der Rückzahlung, die Wiedereinfühurng
des BAföGs für SchülerInnen, sowie die Förderung von MigrantInnen und des Auslandsstudiums.
Ein wichtiger Aspekt ist zudem der Verzicht auf die Einbeziehung
studienbegleitender Prüfungen.
Auf
der Bremer BDK 1995 wurde mit breiter Mehrheit der Kompromiß BAFF
(Bundesausbildungsförderungsfonds) zur Ausbildungsförderung für Studierende und
SchülerInnen verabschiedet, der das Vorläufermodell “Ausbildungskasse” ablöste.
Entscheidend für das Zustandekommen des Kompromisses war damals, daß eine starke
soziale Komponente in das BAFF (Rückzahlungsmodus für sozial benachteiligte
Studierende, BAföG für SchülerInnen) eingegangen war. Zudem wurde das Konzept
unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt.
Heute
müssen wir feststellen, daß das BAFF allenfalls noch halblebendig ist. Die
Finanzierung ist weiterhin ungeklärt und bei den streikenden Studierenden und
ihren Vertretungen ist das BAFF keinenfalls besonders populär. Ärgerlich ist
zudem, daß die sozialen Komponenten des BAFF ziemlich konsequent bei der
öffentlichen Darstellung vernachlässigt wurde. Last but not least wurde das
BAFF nie anschlußfähig an die sozialdemokratische und die linksliberalen
Fachdebatte. Dort dominieren Sockel- bzw. Drei-Körbe-Modelle mit einer
kostenneutralen, elternunabhängigen Komponente (Sockel, Korb) und einer
elternabhängigen sozialen Komponenten.
Innerhalb
der Grünen haben sich die Landesdeligiertenkonferenzen in NRW und Bayern
eindeutig gegen das BAFF ausgesprochen und ein Sockelmodell gefordert.
Damit
die bündnisgrünen anschlußfähig an die studentische Debatte und an die
Positionen der Gewerkschaften werden, die mit emanzipatorischen und sozialen
Ideen angereichert werden können und müssen, sollten sie sich auf lange Sicht
vom BAFF verabschieden. Dies könnte am elegantesten durch die Beförderung des
BAFF in den Papierkorb im Zuge von Koalitionsverhandlungen geschehen. Der Weg
über ein modulares Modell (Sockel, Körbe) ist zielführender als der grüne
Sonderweg einer isolierten grünen Modelldiskussion.
Ein
modulares Konzept konnte ohne Modellfestlegung mit folgenden Komponenten
beschrieben werden:
• BAföG
für SchülerInnen
• Einen
elternunabhängige Komponente für alle Studierenden
• Eine
soziale Komponente für StudentInnen aus sozial benachteiligten und
bildungsfernen Schichten
• Eine
zurückzuzahlende Komponente für StudentInnen, die ihre vorhandenen
Unterhaltsansprüche nicht ausschöpfen wollen.
Wir
unterbreiten gerade auch deswegen den Vorschlag, weil die chronische
Unterfinanzierung der öffentlichen Haushalte und insbesondere der Hochschulen
eine strikte finanzpolitische Prioritätensetzung (Bibliotheken, Hochschulbau,
Frauenförderung) erfordert. Allein der euphemistisch als “Anschubfinanzierung”
bezeichnete Finanzbedarf des BAFF übersteigt bei weitem die mit viel Phanatsie
mobilsierbaren zusätzlichen Finanzen für den gesamten Bildungsbreich! Weiter
ist die “Refinanzierung” des BAFF durch die Geförderten zu hinterfragen, zumindest
sollte ehrlich benannt werden, daß es sich um eine weitere (inverse)
“Sozialversicherung” nur für diejenigen Studierenden handelt, die über keine
anderen Finanzierungsquellen verfügen, deren - de fakto unkalkulierbare -
Rückzahlungsquote in Höhe der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung liegt und
bei zu erwartenden nicht-linearen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt (unstetige
Erwerbsbiographien, Ausfallzeiten, große Schwankungen des Einkommens,
individuell und innerhalb der akademischen ArbeitnehmerInnenschaft) weiter
steigen könnte.
Auch
wenn die Analogie zur Rente und zur Grundsicherung sicherlich falsch ist, da
Studierende nicht Teil der Armutsbevölkerung sind, muß der Hinweis erlaubt
sein, daß genau diejenigen Grünen, die bei der Grundsicherung für eine
durchgehende Pauschalierung eingetreten sind und die bei der Rente für Elemente
einer Grundrente eintreten, zwangsläufig für eine Sockel-Komponente der
Ausbildungsförderung eintreten müssten.
Mit Innovationen auf einem falschen, alten Dampfer
Im
Abschnitt “Forschung und Innovation für eine nachhaltige Entwicklung” wird zum rhetorischen
Paukenschlag ausgeholt. Mit einer blumig luftigen Sprache werden nicht nur
“technische, sondern auch soziale Innovationen” der/dem verdutzten LeserIn
angepriesen. Ohne überhaupt zu benennen, was Innovation ist, werden grüne
Standpunkte umgedreht und mit denen der Rechten Sozialdemokratie (Innovationen
für Deutschland) und der CDU (Innovationen für das 21. Jahrhundert) faktisch
gleichgesetzt. Es verwundert daher auch nicht, daß im 3. Entwurf die
Risikoforschungen und Großtechnologien, wie Rüstungsforschung und
Gentechnologie, im Gegenzug zur “Innovation” ausgetauscht wurden. In ihren
jüngsten Kongressen haben die beiden Großparteien, die Gentechnik im
Innovationsbegriff substituiert und fordern die bedingungslose Anwendung in
allen Bereichen. Nicht zuletzt wissen wir, wo die Reise hingehen wird, wenn
Schröder nicht die Risiko- sondern die ökonomische Chancendebatte haben will[3].
Innovation und Moderniserung sind Kennzeichen eines irrationalen Technikverständis,
mit der Hoffnung alle Probleme lösen zu können. Aber schon aus der heute
gängigen Praxis, die durch neuste wissenschaftliche Untersuchungen
eindrucksvoll bestätigt wird, ergibt sich der Beweis, daß der Schaden, der
damit hervorgerufen wird, weitaus größer ist, als alle optimistischen Erwartungen
zu beschreiben wagten.
In
einem Beitrag für grün&bündig versucht Manuel Kiper der Regierung und der
SPD eine erweitertetèn Innovationsbegriff entgegenzusetzen. Er kommt aber
letzendlich zur liberalen Festellung, daß “wir [grüne] dabei der Gesellschaft
allerdings nicht vorschreiben können und wollen, welche Techniken und
Lebensstile im einzelnen wünschenswert sind.” [4]
Schließlich entpuppt sich Manuel Kiper selber als Sicherheitsrisiko, wenn er
konstatiert, daß “jedes innovatives Denken Neuland betreten muß, alles
Experimentieren und jede neue Technik zunächst einen ungewissen Ausgang und
unvorhersehbare Auswirkungen hat.”[5]
Wenn Manuel Kiper insgesamt dieser Ansicht ist und dieses zur Leitmaxime grüner
Politik machen will, dann muß sicher jedeR Grüne immer die Frage gefallen
lassen, warum die Grünen gegen Atomkraft auf die Straße gegangen sind oder sich
gegen Tierversuche gewendet haben.
Aber
welchen Sinn macht es letztendlich auf die Innovationsdebatte einzusteigen,
wenn schon jetzt Hubert Markl als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft die
Innovationsebatte als ”edlen Sängerwettstreit”[6]
im Wahlkampf bezeichnet. Hier scheint es mehr Sinn zu machen, ähnlich wie
Hiltrud Breyer[7] fordert,
durch ein anderes Verständnis von Forschung (“Krankheit”) die Alternative
darzustellen. Es muß nämlich berücksichtigt werden, daß insbesondere die “life
sciences” von einem Leitbild der Mensch- und Naturbeherschung geprägt sind, und
die Hoffnung auf eine “sanfte” Biotechnologie immer noch Risiken beinhaltet,
weil sie die Gentechnik nicht auschließen will und wird. Und Marina Steindor
sieht in der “Modernisierungs- und Innovationseuphorie” und dem damit
verbundenen Wettlauf keinen Sinn, denn die Gentechnik “ist als derzeit
‚modernste‘ Technik beispielhaft für die humanegoistische Naturbherschung.”[8]
Den Grünen würde es schließlich gut stehen, eine gentechnikfreie Biotechnologie
zu fordern, weil die Biotechnologie durchaus Anwendungsfelder hat, die für eine
Nachhaltige Entwicklung von Vorteil sein können. Im übrigen braucht auch nicht
der Beweis angetreten werden, daß die Grünen keine Technikfeinde sind. Sie
haben nur ein anderes Technikverständnis. Sie wehren sich gegen das
mechanistische Reperaturdenken der konservativen Fortschrittsgläubigkeit. Und
das ist sehr wichtig.
Seinen
Höhepunkt findet dieser Programmabschnitt in der Behauptung, daß der
“Wirtschaftliche Wohlstand nur mit einer Forschungspolitik gefördert wird, in
der der Stellenwert der interdisziplinären Forschung zunimmt.”[9]
Allein das positive Verhalten und die neoliberale Hingabe zum Wirtschaftlichen
Wohlstand und nicht zur sozialen Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung
läßt die öffentlich geführte Auseinandersetzungen über den Programmabschnitt
zur Wirtschaft reine Makulatur werden. Abgesehen davon, daß der wirtschaftliche
Wohlstand derzeit über 4,8 Millionen Arbeitslose beschert hat, welche Strategie
mag aber dahinter stecken? Welche Hoffnungen werden mit einer „gleichzeitigen
und gleichrangigen Berücksichtigung von technologischen, sozialen, ökologischen
und ökonomischen Apsekten“[10]
verbunden? Manuel Kiper ist zwar nicht der Autor des Wahlprogrammentwurfs, aber
in Analogie zu seinem Beitrag in grün&bündig[11],
kommt der leise Verdacht auf, daß versucht wird, verlorene Auseinandersetzungen
auf einem anderen Feld auszutragen, in dem das Arbeitsplatzargument angeführt
wird. Aber auch hier bestehen keine erfüllbaren Hoffnungen. Denn erst kürzlich
mußte Rüttgers feststellen, daß sich zwar die Biotechnologiefirmen in den
letzten zwei Jahren vervierfacht haben, aber daß dies keine neuen Arbeitsplätze
geschaffen hat.[12] Abschließend
bleibt nur die Option offen, daß sich Forschungspolitik als primäre Aufgabe zum
Ziel setzen muß, Probleme zu erkennen und sie entsprechend der
gesellschaftlichen Bedürfnissen und der Betroffenen zu lösen. Und das bedeutet,
daß durch ein ständiges Abwägen von Chancen und Risiken sich das Zukunftsmodell
vielmehr werteorientiert ausrichten muß. Neben einer entsprechenden
Förderpolitik ist es daher auch nötig, daß die Akzeptanz nur durch Transparenz
von Forschung erreicht werden kann. Nur durch einen kritischen Dialog mit der
Wissenschaft wird es daher möglich sein, daß sich die WissenschaftlerInnen
trotz Forschungs- und Lehrfreiheit in den Elfenbeintrum zurückziehen bzw. dort
verbleiben. Grünes Ziel in der Forschungspolitik muß neben dem Leitbild einer
vorsorgende und nachhaltige Entwicklung statt der nachsorgende Reperatur auch
die Transparenz von Wissenschaftsprozessen werden.
Bündnis 90/DIE GRÜNEN werden nur dann den Politikwechsel schaffen, wenn sie die Bereitschaft zeigen, statt der Verwässerung konservativer Argumentationsmuster die Alternativen für eine nachhaltige Entwicklung klar bennenen und zur Auseinandersetzung bereit sind. n
Die
Bundestagskandidatenliste Sachsen-Anhalt-
1. Steffi Lemke
2. Erich Meyer
3. Verena Wicke-Scheil
Die
Bundestagskandidatenliste Berlin-
1. Andrea Fischer
2. Christian Ströbele
3. Franziska Eichstädt-Bohlig
4. Marianne Birthler
Es verwundert schon sehr, daß der Lucky Streik ausgerechnet im rot-grünen Hessen begann, vor allem weil sich die hessische Landesregierung überall vorn sieht und sich deswegen die hessischen Grünen als besonders regierungsfähig einstufen. Aber eigentlich war es nur Zufall, denn überall leiden die Hochschulen an der chronischen Unterfinanzierung. Motoren dieser Protestwelle waren ErstsemesterInnen, die von der Überlast im besonderen Maße betroffen waren. Aber sie hatten zu Beginn ihres Studiums auch keine andere Möglichkeit als den Streik zu provozieren. Sie standen vor der Wahl zwischen der Blockade von Veranstaltungen, um auf die schlechte Situation der Hochschulen aufmerksam zu machen und deswegen nicht zu studieren oder nicht studieren zu können, weil ihnen die Teilnahme an den Veranstaltungen wegen Überfüllung verweigert wurde. Der Streik wurde von einer Motivation getragen, wie wir sie ähnlich derzeit bei der französischen Arbeitslosenbewegung vorfinden. Wer nichts hat, kann nur gewinnen. Und das war gut so.
Unter
den älteren Semestern der Studierenden fanden sich zunächst in Gießen nur
Skeptiker. Aber keine wollte seine Gedanken laut äußern. Und deswegen wurden
Kommentare wie „das hält nicht lange“ oder „das verläuft nach einer Woche
wieder im Sande“, nie laut geäußert. Der scheidende Gießener
Universitätspräsident, Bauer, der die protestierenden Studierenden bei der
Besetzung des Hauptgebäude mit den Worten „Endlich melden Sie sich zu Wort“,
empfing, hatte sicherlich auch nicht damit gerechnet, daß Gießen eine Woche
später die größte Studierendendemonstration seit mehr als 20 Jahren hatte; er
hatte es lediglich gehofft, was er aber laut äußerte. Diese ermutigenden Worte
wurden von Gießens Bürgermeisterin, Karin Hagemann, als sie bei der
Abschlußkundgebung ihre Solidarität bekundete, mit den Worten unterstützt, daß
sie hoffe, daß von den Gießener Protesten wie 1977 eine landesweites Signal
ausgehe. Diese Unterstützungen brauchten auch die Studierenden, denn bis sich
die nächsten Hochschulen anschlossen, dauerte es noch eine Weile.
Nachdem es zu Beginn noch sehr stark danach ausgesehen hat, daß es an der Justus-Liebig-Universität zu keiner Auseinandersetzung über die Krise der Hochschulen kommen würde und es sich eigentlich nur um ein Happening handelte, fanden die Diskussionsplenen reges Interesse bei den Studierenden. Weit über hundert TeilnehmerInnen diskutierten bis spät in die Nacht an dem Forderungskatalog. Während die Forderung bzgl. einer Demokratisierung der Hochschulen, der freien Meinungsäußerung für die Studierendenschaft und die finanziellen Forderung sehr konkret wurden und eine linke Handschrift trugen, blieben die Formulierung über die Studienfinanzierung sehr unkonkret oder wurden wie beim Hochschulzugang und der Studienreform überhaupt nicht in den Forderungskatalog aufgenommen. Eine Positionsbestimmung zur Situation von Frauen oder ausländischen Studierenden wurden erst in den weiteren Wochen hinzugefügt. Nur dieses radikaldemokratische Vorgehen und die Einigung auf den Minimalkonsens vermochte jedeN Studierenden einzubinden. Dies ermöglichte überhaupt den langen Atmen, der letztendlich wichtig für die bundesweite Protestbewegung gewesen ist. Ein Vergleich zur Studierendenbewegung in Serbien Ende 1996 mag zwar sehr vage sein, aber auch nur dort war die Intensität des Protestes aufgrund eines Minimalkonsens möglich. Aber auch nur deswegen wurde den Gießener Studierenden vorgeworfen, daß ihr Streik unpolitisch sei. Aber: ist eine Absage an Rüstung und Militär nicht eindeutig politisch?
Die
Fortsetzung des Streiks war von Woche zu Woche aber auch immer wieder von der
Situation an den anderen Hochschulen abhängig. Nach zwei Wochen
Vorlesungsboykott und der landesweiten Demonstration in Wiesbaden wurde die
hessische Wissenschaftsministerin in Gießen aber auch ein Signal von der
Goethe- Universität in Frankfurt erwartet. Während der Beschluß der Frankfurter
Vollversammlung mit über 5000 Studierenden auf dem Campus der Uni, die
Motivation für die Fortsetzung des Streiks in Gießen gab, begann mit dem Besuch
der Ministerin sich die Politik selbst in Frage zu stellen. Eine Ministerin,
die die Kürzungen der Landesregierung verteidigte, aber gleichzeitig die
Proteste als notwendig bezeichnete, dürfte ebenso wenig die Glaubwürdigkeit der
Politik unter Beweis gestellt haben, wie alle anderen Solidaritätsbekundungen.
Das, was die Politik vor den Protesten nicht schaffte, vermochte sie später nur
verschlimmern. Rüttgers Notspende an die Hochschulen wurde dort eher als
Selbstaufgabe der Politik bezeichnet. Dennoch reichte es nicht dazu, die
Protesbewegungen über die Weihnachtsfeiertage hinaus zu retten.
Obwohl
die ErstsemesterInnen für Chancengleichheit auf die Straße gegangen sind,
obwohl gerade sie auch die Situation aller Studierenden verbessern wollten,
obwohl gerade sie immer noch nicht studieren konnten, wurden sie von ihren
älteren KommilitonInnen, weil diese noch ihre Scheine bekommen wollten, an
einer Fortsetzung gehindert. Eigentlich waren fast alle auch reichlich
erschöpft und der Streik wäre wohl auch zu Ende gegangen, wenn Rüttgers die 40
Millionen nicht zur Verfügung gestellt hätte.
So
überraschend der Streik begann, so grundlos war er beendet. Die Studierenden
mußten feststellen, daß der Staat auch nicht durch einen „Lucky Streik“
erpressbar ist. Zu mehr hatte ihnen der einheitliche Mut gefehlt.
Die studentische Protestbewegung in Berlin hatte zum Teil andere Ursachen und Ausdrucksformen als die in Hessen.
Die
rein zahlenmäßige Überfüllung der Berliner Hochschulen hat sich in den
vergangen Jahren auf hohem Niveau stabilisiert. Zwar ist Berlin einsamer
Spitzenreiter bei der Streichung von Ausgaben für die Hochschulen und der
Vernichtung von Studienplätzen. Gleichzeitig ist aber auch die Zahl der
Studienanfänger durch eine flächendeckende, restriktive Zulassungspolitik und
den Abschreckungseffekt der schlechten Schlagzeilen aus den vergangenen Jahren
zurückgegangen. Durch die Einführung von 100 DM Studiengebühren und die
Zwangsberatung hat Berlin so in den letzten 5 Jahren 20.000 Studierende
verloren. Gegen diese Politik sind die Berliner Studierenden schon ´93 und ´96
auf die Straße gegangen, ohne etwas zu erreichen.
Für
den laueren Teil der Bewegung war die Motivation vor allem der Wunsch, sich wie
die hessischen Studierenden seiner eigenen Existenz und guten Absichten durch
mediale Präsenz zu vergewissern. Nur so ist die nie vorher dagewesene
Mobilisierung von einem Drittel der Berliner Studierenden (2 Großdemos mit je
40.000 TeilnehmerInnen) zu erklären, die genauso schnell wie sie entstand ins
Nichts verschwand. Besonders positiv war dennoch, daß die Thematisierung der
Hochschul- und Bildungspolitik im Rahmen des allgemeinen Sozialabbaus im
Gegensatz zu ´96 kaum noch umstritten war. Deshalb sind auch solche Demos immer
noch mehr als die Love Parade.
Die
sensibleren und entschlosseneren Teile der Bewegung haben den rapiden
quantitativen Abbruch von Bildungsmöglichkeiten und die qualitative
Einschränkung des Studienangebots, die sich im Herbst in den neuen
Entwicklungsplanungen der Berliner Hochschulen manifestierten, weniger als
Ausdruck unmittelbarer persönlicher Betroffenheit, sondern als politischen Akt
zum Ausgangspunkt für die Proteste genommen. Diese Entwicklungen ordnen sich in
ein allgemeines Lebensgefühl ein. Der Abbau von Grundrechten, die
rechtsradikalen Vorfälle bei der Bundeswehr, die zynische Haltung der
Bundesregierung zur Arbeitslosigkeit, die Beschaffung des Eurofighters und
vieles mehr verdichtet sich zu dem Eindruck, daß der seltene Zustand einer
relativen Zivilisiertheit der deutschen Gesellschaft auch wieder zu Ende gehen
könnte. Daß dieses Lebensgefühl nur unzureichend öffentlich geworden ist, liegt
an einer Form der medialen Repräsentation, die vor allem die professionelle
Bedienung der Medienmaschine zum Maßstab für die Darstellungswürdigkeit der
Proteste gemacht hat.
Daraus
habe viele gelernt, die Mechanismen der medialen Repräsentation selbst zu
thematisieren. Die Besetzungsaktionen bei "NTV" und "Talk im
Turm" oder die etwas entgleiste Podiumsdiskussion auf dem BuG-Kongress
sind so entstanden. Der Erfolg solcher Aktionen hat bei den Beteiligten zu
einer sehr eigenständigen Form von Selbstbewußtsein geführt.
Wie
die verschlungenen Wege der Identifikation, Beteiligung und Repräsentation in
der eigenen Bewegung funktionieren, scheint mir dagegen noch sehr wenig
reflektiert. Am ehesten läßt sich u.E. das Verhältnis der aktiv Gestaltenden zu
den anderen Beteiligten als eines von Anbietern und Konsumenten deuten, wobei
der/die Einzelne täglich die Rolle wechseln kann. Insofern ist das Einlassen
auf die basisdemokratische Aushandlung von Forderungen tatsächlich die beste
Absicherung für breite Akzeptanz. Nur leider kommt mensch damit meist nicht
weiter, wenn eine poentierte Auseinandersetzung mit zynischen und arroganten
politischen Strukturen notwendig ist, um die Forderungen auch durchzusetzen.
Aus
dieser Einsicht entstanden die Versuche, durch Masseneintritte der sichen
Berliner FDP den Rest zu geben, durch Runde Tische in den Hochschulen und mit
dem Wissenschaftsenator andere als die üblichen politischen Arenen zu schaffen
oder durch ein Volksbegehren für Neuwahlen sich gleich einen neuen
Verhandlungpartner zu basteln. Wie aussichtsreich diese Unternehmen nun sein
mögen, sei dahin gestellt.
In diesen Initiativen
sind aber diejenigen zu finden, die weitermachen und hoffentlich ein Vorbild
für öffentliche Selbstrealisierung durch politisches Eingreifen werden. (und
nicht nur mediale Präsenz). Der Spaß am Erfolg, aber auch der Frust beim
Mißerfolg ist dabei ungleich größer als bei rein medialen Aktionen. Wenn das
Schule macht, und die Studierenden beim nächsten Mal lernen auch ein Vorgehen
basisdemokratisch abzusichern, findet die Bewegung vielleicht auch den
einheitlichen Mut für mehr. n
Die
NRW-Bundestagskandidatenliste:
1. Kerstin Müller
2. Ludger Volmer
3. Christa Nickels
4. Reinhard Loske
5. Simone Probst
6. Volker Beck
7. Annelie Buntenbach
8. Winni Nachtwei
9. Michaele Hustedt
10. Christian Simmert
11. Irmingard Schewe-Gerigk
12. Manfred Such
13. Filiz Karsligil
14. Andreas Jürgens
15. Barbara Steffens
16. Frank
Havinghorst
17. Coletta Manemann
Die Bundestagskandidatenliste
Thüringen
1. Katrin Göring-Eckardt
2. Rudolf Keßner
3. Gisela Hartmann
4. Matias
Miet
5. Elke
Bouillon
Mit Beiträgen von:
André Brie, Willi Brüggen, Edelgard Bulmahn, Edgar Göll, Detlev von
Larcher, Uwe Kremer, Benny Mikfeld, Thomas Westphal, Frieder Otto Wolf
Paperback 264 Seiten 29,80 DM
An programmatischen Alternativen zur Kohl-Regierung fehlt es nicht. Aber: In den letzten Jahren profitierten die Konservativen maßgeblich davon, daß linke Kräfte sich in unnötigen Begrenzungsritualen verrannt und damit vielfältige politische Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte verschüttet haben. Genau hier setzt Crossover an – ein Forum der Zeitschriften Andere Zeiten, spw und Utopie kreativ, die sich jeweils dem linken bzw. radikalreformerischen Spektrum der Grünen, der SPD und der PDS verbunden fühlen -, indem es die verschiedenen linken Strömungen zu bündeln sucht, um so eine tragfähige Bewegung für ein radikales Reformprojekt zu schaffen. Mit der Herausbildung und Formierung möglicher Träger solch eines Projektes befaßt sich der vorliegende Sammelband.
Postvertriebsstück
A 94 56 - Gebühr bezahlt
Andere Zeiten,
PSP GMBH, Boppstr. 7, 10967 Berlin
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Im LiFo-Info
Neue Folge und in den Anderen Zeiten
haben wir
bisher folgende Debatten geführt:
Zur Neuorientierung in der Linken:
Felix Guattari: Ökologische Demokratie; Hans
Wagner: Transformationstheorien; Jean-Paul
Deléage: Politische Ökologie; Alain
Lipietz: Ökologie als Gewissensfrage (2‘93); Pierre Juquin: Französische Ökologiebewegung und Nationalpopulismus
(5‘93); Frieder Otto Wolf: Ökologie
und Utopie; Rolf Schwendter: Linke
Krise (6‘93); Thomas Klein:
Oppositioneller Reformidealismus; Rainer
Land: ”Sozialismus”-Transformation (1‘94); Wieland Elfferding: Subjekte alternativer Politik (AZ 2‘94); John B. Foster: Ökolog. Bilanz (AZ
1`95); Klaus Dräger: Grüne vor
ökoliberaler Wende? (AZ 3`95); Willi
Brüggen: äRadikalreformistischer“ Neuanfang; Stefan Schostok: Konferenz v. AZ, spw, Utopie kreativ (AZ 4`95); André Brie, Horst Dietzel, Jörn Schütrumpf:
Thesen zur Zeitschriftenkonferenz(AZ 5`95).
Strategiedebatte der Bündnisgrünen:
Willi Brüggen: SPD (3‘93); Kerstin Müller:
NRW-Grüne (1‘94); Roland Appel/Martin
Böttger: Rot-Grüne Reform (AZ 2‘94); Elke
Plöger und Beate Thomann: Rot-Grün
in Sachsen-Anhalt (AZ 3`94 und 2`95); Paul
Tiefenbach/Andreas Wawrzinek: Raschkes Konzeption der Grünen; Andreas Schulze: Bündnis 90-Krise; Rüdiger Brandt: Verortung der Grünen
(AZ 3‘94); Brüggen/Esser/Schulze:
Reformpolitik mit der PDS in Berlin (AZ 4 u.5`94); Klaus Dräger: PDS-Debatte; Christiane
Ziller: Junger Wählerinnen; Judith
Demba/ Sybill Klotz: Mehrheiten in Berlin; Friedrich Heilmann: Niederlage im Osten (AZ 5`94); Peter Bartelheimer: Rot-Grün in
Frankfurt; Reinhard Kaiser:
Schwarz-Grünes (AZ 1`95); Susanne Jahn:
Strukturwandel in der Stadtpolitik; Daniel
Kreutz: Rot-Grün NRW; Ida Schillen:
Rot-Grüne Inhalte; A. Schulze:
Letzte Chance? (AZ 3`95); I. Schillen:
Zwischenablage; Monika Rauer:
Sachsens Bündnisgrüne (AZ 4`95).
EU- und Gesamteuropa-Debatte:
Hans-Chr. Ströbele: Maastricht-Urteil (5‘93); Jürgen
Trittin: Asyl-Abschiebung nach Osteuropa (4‘93); K. Dräger: Europa-Programmatik (5‘93); Jochen Esser: Westbindung (AZ 3‘94); Anselm Lange: Maastricht II (AZ 1`95); Harald Bauer: Frankreichs Krise (AZ 3`95); Elisabeth Schroedter/Brigitte Luggin: Kerneuropa oder Reform (AZ
4`95); Klaus Dräger: Alternativen
zur Maastrichter Währungsunion (AZ 5`95).
Alternative Außenpolitik:
H.-P. Hubert: Euromilitarismus (5‘93); F.O.
Wolf: Menschenrechte u. Nationalismus; L.
Henken: Somalia-Einsatz; Volker
Böge/Albert Statz: NATO-Erweiterung (AZ 2‘94); Amke Dietert-Scheuer: Menschenrechtspolitik; Bernd Ladwig: Linker Nationalismus? (AZ 1`95); Ludger Volmer/Frithjof Schmidt: Thesen
zur grünen AP; Klaus Müller:
Bosnienpolitik (AZ 3`95); U.Cremer:
Deutschland als Internationaler ZDLer; Catherine
Samary: Bosnien: Der Zynismus der Großmächte (AZ 5`95).
Diskussion eines ökologischen New Deal:
Alain Lipietz: Ökolog. Reform der Wirtschaft; W.
Brüggen/F.O. Wolf: Kapitalist. Produktionsweise (4`93); Giorgio Nebbia: New Deal (6`93); Jorge Riechmann: Ökosteuern (1`94); Michael Jäger (AZ 6‘94) und Rudy Mondelaers (AZ 2`95): Ökokapital
und Systemtheorie; F.O.Wolf:
Arbeitsthesen zum Ökokapital (AZ 2`95); Rainer
Land: Irrwege u. Auswege der Ökokapital-Debatte (AZ 3`95); Peter Sellin: Wie flexibel ist der
Wirtschaftsstandort Deutschland?; Willi
Brüggen: Wege aus der Standortfalle (AZ 5`95).
Regulierungszwänge der Weltökonomie:
W. Brüggen: Globale sozialökolog. Regulierung (AZ 2‘94); Christoph Scherrer: Autoindustrie (AZ 3‘94); Rainer Falk: Weltmarktkonkurrenz (AZ 1`95); Christoph Scherrer: Regulierung des Weltmarkts: Sozialklauseln in
Handelsverträge? (AZ 5`95).
Feministische Debatte:
Bärbel Höhn u. Christa Karras:
Frauenstatut (6‘93 u. AZ 5`94); Ida
Schillen/Elisa Rodé: Frauenstreik (1‘94); I. Schillen: Antidiskriminierungsgesetz (AZ 4`94);. Schillen u. Ch. Karras: §218 (AZ 1`95); Hiltrud
Breyer: UN-Bevölkerungs- u. Weltfrauenkonferenz (AZ 4`94 u.3`95); Elke Plöger: Frauenpolitik (AZ 4`95); Ruth Becker: Vom Fleischverbrauch der
Vegetarierinnen (AZ 5`95).
Andere Zeiten ist die Nachfolgezeitschrift des LIFO-Info Neue Folge. Das LIFO-Info hat folgende ISSN :
ISSN 0947 - 7020
Es erscheint sechsmal im Jahr.
Herausgeberinnen:
Friedrich Heilmann, Claudia Roth, Elisabeth Schroedter, Frithjof Schmidt, Barbara Steffens, Frieder Otto Wolf.
Redaktion:
Rüdiger Brandt, Willi Brüggen,
Susanne Jahn, Matthias Oberg, Elmar Peine, Ida Schillen.
Verlag:
PSP GMBH,
Boppstr. 7, 10967 Berlin.
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[1] Das OECD-Abkommen bezieht sich zunächst ausschließlich auf die Investitionstätigkeit in den 29 Mitgliedsländern. Damit ist bereits das Gros der Investitionsströme erfaßt: OECD -Länder stellen 85 % der weltweiten Direktinvestitionen und sind zu 65 % auch deren Empfänger (vgl. Trade Union Advisory Council der OECD, Briefing 2/97).
[2] Renato Ruggiero in seiner Rede bei dem WTO-Ministertreffen in Singapur im Dezember 1996.
[3] Argentinien, Brasilien, im Prinzip Chile sowie Hongkong und die Slowakei haben allerdings bereits Beobachterstatus in der Verhandlungsgruppe und könnten zu den ersten beitrittswilligen Drittstaaten gehören.
[4] OECD - Directorate for Financial, Fiscal and Enterprise Affairs: Multilateral Agreement on Investment - Consolidated Text and Commentary, DAFFE/MAI/NM(97)2, 1. Oktober 1997.
[5] Performance requirements sind Gesetze, die Investoren zum Beispiel verpflichten, im Gastland zu investieren oder aber soziale und ökologische Auflagen zu beachten, um Marktzugang zu erhalten. Im einzelnen können sich performance requirements auf folgende Bereiche beziehen: Exportquoten, um sicherzustellen, daß ein Teil der Produktion des ausländischen Investors exportiert wird, um den Binnenmarkt zu entlasten, Technologietransferauflagen, von denen die nationale Wirtschaft profitiert, “local content quotas”, um die einheimischen Zulieferindustrien an der Produktion zu beteiligen und “labour content quotas”, um die Beteiligung einheimischer Arbeitskräfte zu sichern.
[6] D.h. der im einzelnen schwer durchschaubar miteinander verknüpften Elemente einer Verwohlfeilerung der Reproduktion des Arbeitsvermögens bei Steigerung des materiellen Konsumniveaus, also einer Effektivierung der Arbeit durch technologische und organisatorische Mittel, und einer schlichten Intensivierung der Arbeit.
[7] Der >ungleiche Tausch< findet auch hier - wie im Kern der Mehrwertproduktion, im Lohnarbeitsverhältnis - vor allem in der Form eines Austauschs von formellen Äquivalenten statt, indem etwa die "produktivere Arbeit" eines Industrielandes im internationalen Austausch mit einem Rohstoffe produzierenden Land als "intensivere Arbeit" wirkt.
[8] Es beruht jedoch m.E. auf einem folgenschweren Mißverständnis, sich deswegen aus feministischer Perspektive wie auch immer indirekt der neoliberalen Kampagne gegen Vollbeschäftigung und Gewerkschaftsmacht anzuschließen und der >Hausfrauisierung< von immer mehr Bereichen der abhängigen Arbeit eine "emanzipatorische" Seite abzugewinnen. Auch eine geschlechterdemokratisch erneuerte Erwerbsarbeit wird auf ein politisch herzustellendes ausgeglichenes Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt angewiesen sein, um der naturwüchsigen >Despotie des Kapitals< individuelle und kollektive Gestaltungsspielräume abzugewinnen. Eine >Kapitalseite<, der es dauerhaft gelingen würde, wieder eine relevante "industrielle Reservearmee" an >überschüssiger Arbeitsbevölkerung als gesellschaftliches Strukturmerkmal durchzusetzen, wird sich schwerlich politisch >zivilisieren< lassen, selbst wenn es gelingen sollte, diese dann wenigstens noch >armutspolitisch< aufzufangen. Und ohne die gesellschaftspolitische Gestaltungsmacht der Gewerkschaften, zumindest im Gesamtbereich der industriellen Beziehungen, beruht eine derartige Politik der demokratischen Zähmung des Kapitalverhältnisses auf einem derart unvermittelten und unvermittelbaren Dauerkonflikt zwischen demokratischer Politik und Marktökonomie, daß dieser kaum über längere Zeit durchhaltbar sein dürfte, ohne - möglicherweise auch in der Richtung einer antikapitalistischen, demokratischen Politik, vermutlich aber eher in Richtung einer gesellschaftlichen Katastrophe - zu explodieren..
[9] Die Kategorie der "Externalisierung" ist dabei in einem nicht-technischen, auch das quantitativ Unbestimmbare - der "Wert" eines "habitat", der Wert einer vom Aussterben bedrohten Spezies - mit umfassenden Sinne zu nehmen, der über die "Externalisierungsdebatten" der neueeren Umweltökonomie deutlich hinausgeht.
[10] Durchaus auch in Gestalt eines neuen Wohlstandschauvinismus der reicheren Regionen wie er etwa in dem Separatismusprojekt Bossis oder in den Vorschlägen zu einer "Regionalisierung" der Sozialversicherungssysteme, wie sie in Flandern oder neuerdings in Bayern propagiert werden.
[11] An deren Stelle überwiegend nicht befreite Geschlechter- und Generationenverhältnisse treten, sondern defizitäre Formen der patriarchalisch geprägten lohnabhängigen Kleinfamilie, wie im Extremfall der USA die auf Sozialhilfe reduzierte alleinerziehende Mutter mit >untergetauchtem< oder >verloren gegangenen< Mann.
[12] Auch dies kommt bestimmten Wünschen aus den neuen sozialen Bewegungen entgegen - nämlich ihrer Kritik der Repräsentation und Formalität als konstitutiven Merkmalen jeder institutionalisierten Politik. Allerdings ersetzt die neoliberale >Wunscherfüllung< die dieser Kritik zugrundeliegende Antizipationsfigur einer direkt und authentisch agierenden demokratischen BürgerInnenschaft durch die faßbarere, >realitätstüchtigere< Figur des >souveränen< Marktteilnehmers, als Käufer und Verkäufer, als Gläubiger und Schuldner - womit die radikaldemokratische Pointe dieser Wünsche vollkommen zerstört wird, da dieser Figurenwechsel an die Stelle der demokratischen Gleichheit aller Personen die ökonomische Gleichheit gleichmächtiger Geldmengen setzt, über die einzelne "Wirtschaftssubjekte" verfügen..
[13] Die Offenheit, mit der sich diese >Tonnenideologie< im stalinistischen Modell einer Entwicklungsdiktatur artikuliert hat, lässt erkennen, daß es sich dabei um eine eher schwache, defiziente Variante des >Fordismus< gehandelt hat.
[14] Für diese sekundäre Verwertung durch >Aktivierung< bereits geschaffener Werte kann die Figur des "Raiders" als symbolisches Exempel dienen, der Geld aufnimmt, um gutgehende Firmen durch eine >feindliche Übernahme< aufzukaufen und sich dann durch "asset stripping", den Verkauf der Vermögenswerte, einen Gewinn zu verschaffen.
[15] Die Gewerkschaft Holz Kunststoff weiß inzwischen bereits zu berichten, daß bereits der leichte Rückgang der Realeinkommen in den letzten Jahren dazu geführt hat, daß der sich vorher gut entwickelnde Markt für ökologisch akzeptable, langfristig verwendbare Möbel sich dramatisch zusammenzieht..
[16] Der ökonomisch vorgebildete Leser mag diese Behauptung auf Grund des Realkasseneffekts bestreiten. Hier ist jedoch von einer Geldwirtschaft die Rede: von einer Ökonomie, deren endogener Geldmenge Forderungen der Notenbank gegenüberstehen; daher funktioniert dieser Mechanismus, der Geld als Nettovermögen und/oder eine exogene Geldmenge voraussetzt, nicht.
[17] Im Extremfall, wenn die Akteure dies vollständig antizipieren, stellen sich die expansiven Wirkungen gar nicht erst ein und die zusätzliche Staatsverschuldung führt lediglich zu höheren Preisen und Gewinnmitnahmen der Unternehmen.
[18] Statt Annahmen die über Erwartungsbildung der Akteure zu treffen, könnte auch mit der Vorsichtskassenhaltung argumentiert werden. Das Ergebnis weist in die gleiche Richtung, daher genüge hier das intuitivere Argument.
[19] Dies ist nicht als Plädoyer
für eine Kapitalisierung der Rentenversicherung zu verstehen und am
allerwenigsten als Plädoyer für eine stärkere private Vorsorge. Letztere macht
nur im Kontext einer angebotsorientierten Ökonomie Sinn, weil in deren Logik
die höhere private Ersparnis zu einem höheren Kapitalstock führt und daher das
Volkseinkommen wächst. In einem keynesianischen Kontext ist unersichtlich,
wieso die sinkende Nachfrage zu zusätzlichen Investitionen führen sollte.
Wahrscheinlicher ist hier das Gegenteil: daß der Nachfrageausfall das
Volkseinkommen senkt.
Darüber hinaus würden private Anleger ein Portfolio mit unterschiedlichen
Währungen halten, eine öffentliche Rentenversicherung aber ein Portfolio in
Landeswährung aufbauen (weil es keinen Sinn macht, daß der Staat sich durch
Fremdwährungshaltung gegen seine eigene zukünftige Geldpolitik versichert). Bei
einer gleich hohen Kapitalisierung zukünftiger Renten wäre zur Wahrung der
Geldwertstabilität daher in der privaten Variante ein höheres Zinsniveau als
bei einer öffentlichen Lösung erforderlich.
[20] Es entspricht vielleicht dem sozialen Gerechtigkeitsempfinden, Gewinneinkommen als ersten Kandidaten für Besteuerung anzusehen. Jedoch wäre dies wirtschaftspolitisch ungeschickt. Da die Angebotsentscheidung der Unternehmen sich am Netto- und nicht Bruttogewinn orientieren muß, ist davon auszugehen, daß eine höhere Unternehmensbesteuerung letztlich - über höhere Preise - eben doch die Arbeitseinkommen trifft - nur mit dem Unterschied, daß sich die internationale Wettbewerbsposition der Unternehmen verschlechtert, weil sie jetzt höhere Preise als zuvor gegen ihre Konkurrenten durchsetzen müssen. Ein geeignetere Variante wäre hingegen die höhere Besteuerung von Grundvermögen, da sie sich auf - im ökonomischen Sinne - funktionsloses Einkommen richtet.
[21] Ein Gedankenexperiment möge diese These belegen: Die maximal denkbare private Nachfrage wäre dann erreicht, wenn die Kapitalkosten Null und daher alles Einkommen Lohneinkommen wäre. Damit bestimmt die Sparquote der Lohneinkommensbezieher die - selbstverständlich nie erreichbare - äußerste Grenze, bis zu der die Nachfrage der privaten Haushalte ansteigen könnte. Nichts stellt aber sicher, daß diese Nachfrage nicht unter der für Vollbeschäftigung erforderlichen liegen kann.
[22]Auch eine über die Mineralölsteuer finanzierte Senkung der Lohnnebenkosten kann keine binnenwirtschaftlichen Beschäftigungsimpulse auslösen. In Sonderheit verbilligt sie nicht Arbeit relativ zu Kapital, denn Kapital ist der Wert produzierter Produktionsmittel - und diese werden ebenfalls billiger, wenn ihre Herstellungskosten sinken. Das einzige, was relativ verbilligt wird, sind Produkte, deren Lohnnebenkosten gesenkt werden im Vergleich zu denen, bei denen dies nicht geschieht - mithin heimische Produkte relativ zu ausländischen. Der Abbau der Lohnnebenkosten wirkt also nichts anderes als eine Exportfördermaßnahme und daher im Lichte der Anmerkungen zur Außenwirtschaftspolitik zu beurteilen.
[23] Allerdings kann Lohnpolitik nicht nur Deflationen verhindern, sondern, durch Nominallohnabschlüsse die über dem Produktivitätszuwachs liegen, auch Inflationen in Form einer Lohn-Preis-Spirale lostreten bzw. die Notenbank zu einer restriktiven Geldpolitik zwecks Inflationsverhinderung zwingen.
[24] Wobei überdies, angesichts
der Handelskonflikte zwischen den USA und Japan, fraglich ist, ob eine solche
Politik heute international überhaupt hingenommen würde.
Dieses Argument weist auch die zweite Motivation der Forderung nach einem
weichen Euro zurück- die Exportförderung. Das Mittel ist allemal falsch, weil
gerade die Verbindung von Unterbewertung und Härte der Währung eine
erfolgreiche merkantilistische Wirtschaftspolitik kennzeichnet. Darüber
hinaus ist das Ziel illegitim, weil die aggregierten Leistungsbilanzen der
Beitrittskandidaten bereits bei den aktuellen Wechselkursen deutlich überschüssig
sind, Europa also jetzt schon Arbeitslosigkeit exportiert.
[1]Markus Herzberg und Sabine Kiel, Grünen Hochschulpolitik zwischen Staat und Markt, in
Anderen Zeiten 3/97, Seite 12
[2] Matthias Berninger,Sind die Hochschulen noch zu retten?, in
grün&bündig, November 1997
[3] Gerhard Schröder in mehreren Fernsehinterviews während seines
USA-Aufenthaltes 1997
[4] Manuel Kiper, Innovationen - Für eine zukunftsfähige Gesellschaft, in
grün&bündig, Januar 1998
[5] ebenda
[6] Hubert Markl im Interview mit der Franbkfurter Rundschau vom
03.01.1998, Seite 9
[7] Hiltrud Breyer, Realistische Gentechnik-Kritik statt Biologischem
Fundamentalismus, in Anderen Zeiten 3/97, Seite 17
[8]Marina Steindor im Schrägstrich 9-10.97, Seite 30
[9] Entwurf Bundestagswahlprogramm von Bündnis 90/DIE
GRÜNEN, Seite 58, Zeile 35
[10] Entwurf Bundestagswahlprogramm von Bündnis 90/DIE
GRÜNEN, Seite 58, Zeile 38
[11] Manuel Kiper, Innovationen - Für eine zukunftsfähige Gesellschaft, in
grün&bündig, Januar 1998. M.Kiper spricht hier von einem Abbau in der
Gentechnik von 10 000 Arbeitsplätzen im engeren Sinne durch ‚grüne
Innovationspolitik‘, aber wieviel Arbeitsplätze im weiten Sinne existieren läßt
er hier unter den Tisch fallen. Im Bereich der Gentechnologie waren 1996
schätzungsweise über 35 000 Menschen beschäftigt.
[12] taz vom 10.01.1998, Seite 4