Meinhard Creydt
Überraschende
Folgerungen[1][1]
Fragen zu Michael Jäger, Probleme und Perspektiven
der Berliner Republik. Münster 1999
Bei der Manier, wie oft im akademischen
und politisch-theoretischen Raum Kritik geübt wird, drängt sich der Eindruck
auf, hier würden manche gerne den Professor, ranghöheren Funktionär oder
Prominenten spielen, dessen Status sie (noch) nicht erreicht haben. Positionen
sollen verteidigt werden und Nachwuchskräfte wollen sich profilieren, und nicht
nur deshalb gilt nur eine schlechte Kritik als gut. Bevor also über Michael
Jägers neues Buch die Rede sein soll, möchte ich festhalten, daß seine Arbeiten
zum Parteiensystem in den 80er Jahren, aber auch schon sein Artikel
‘Kommunismus kommt von kommunal’ 1983[2], seine Überlegungen
zu ‘Marktwahlen’ und nicht zuletzt seine Interventionen im ‘Freitag’ zum
Kosovokrieg Arbeitsresultate an Erkenntnis und Urteilskraft darstellen, die in
der Linken nicht gerade häufig sind. Man hat hier von ihm lernen können. Dies
gilt auch für Teile des neuen Buches. Die Darstellung der Logik der
Gleichsetzung im ersten Kapitel war für mich neu und ein Erkenntnisgewinn.
Diese Passagen übersteigen das in vielen Publikationen vorfindliche Spiel der
gängigen Interpretamente und haben Grundlegenderes zu sagen. Lehrreich ebenso
die Kritik am Energiesparen (52f.), die Kritik an der falsch bzw. suggestiv
gestellten Frage (131f.) und natürlich die von M. Jäger ja schon länger
bearbeitete Konstitution der Nachfrage (151). Ebenso auch die Kritik am Ziel
der Vollbeschäftigung (153). Allerdings fordern andere Passagen von M. Jägers
neuem Buch eher kritische Fragen heraus.
M. Jäger möchte die Gegenwart als
Zusammenspiel verschiedener Diskurse verstehen, die geschichtlich ganz
verschiedener Herkunft sind. Er ordnet den metaphorischen Diskurs der
Familie/Verwandtschaft zu, den subsumtiven Diskurs dem Staat (römischen Typs)
und den Gleichungsdiskurs dem Kapitalismus. Es fragt sich, ob damit nicht die
Einheit der kapitalistischen Gesellschaftsformation desaggregiert wird zum
Mixtum Compositum verschiedener Sphären, wie dies im Mainstream soziologischer
Theorie unter dem Stichwort ‘funktionale Differenzierung’ geschieht (vgl. meine
Kritik: Creydt 1996). Es fragt sich, wie M.
Jäger hier Distanz wahrt zu jener Unbesorgtheit, unmittelbar zum jeweiligen
Gebiet sich mit Spezialtheorien zu versorgen und sich in theoretischen
Universen zu bewegen, die auf ihre Vermitteltheit zum leider immerhin nicht nur
formell subsumierenden oder von oben kontrollierenden, sondern die Gesellschaft
immanenter affizierenden abstrakten Reichtum kapitalistischen Typus nicht mehr
befragt werden müssen.
Ein zweites Problem besteht in einer
Geschichtskonstruktion, in der durch die verschiedenen Gesellschaftsformationen
hindurch Invarianten angenommen werden, eben, um per Vergleich nicht nur
ähnliche, sondern überdauernde Diskurse gewinnen zu können. Wie wird so der
Gefahr begegnet, die Weltgeschichte recht eigentlich nicht als Geschichte
aufzufassen, in der manches wirklich vergeht? Wie kann so vermieden werden,
nachdem sich viele von der Geschichte vieles erhofft hatten, nun mit dem
einfachen Gegenteil aufzuwarten und Geschichte zur Wiederkehr des Immergleichen
geraten zu lassen? Wie wird der im Geschichtsbewußtsein ja einschlägigen
formellen Abstraktion (vgl. zur Kritik auch: Marx, Grundrisse S. 7[2][3]) entgangen, die quer zur jeweils
gesellschaftsformationsspezifischen Integration der verschiedenen Momente[3][4] sie entkontextualisiert, entspezifiziert,
formalisiert[4][5] und vergleicht, um dann Fortdauern,
Transformationen und Varianten des gleichen Modells festzustellen? Wie
unterscheidet sich ein solches Vorgehen von einer ‘egozentrischen Identifizierung’,
die von ihrem Gesichtspunkt aus immer allzu leicht Identitäten (oder
Kontinuitäten, Variationen usw.) festzustellen vermag, indem sie Teile der
verschiedenen Objekte, zwischen denen s i e Beziehungen herstellen möchte, s i
c h und i h r e m Augenmerk zuordnet, von der objektiven Emergenz,
Konstitution, Selbstreferenz usw. ihrer Objekte absieht[5][6], teilweise Identitäten in den Rang einer
völligen Identität erhebt usw.? Musil hat in seiner Spenglerrezension ein
schönes Beispiel für das Ähnlichkeitsdenken und die Manier des formellen
Vergleichs gegeben: Sie kommt ihm vor, “als ob ein Zoologe zu Vierfüßlern die
Hunde, Tische, Stühle und Gleichungen vierten Grades zusammenfassen würde!”
Hat es Sinn, quer durch die
Gesellschaftsformationen einen familialen oder staatlichen Diskurs zu
thematisieren, wenn sich die Familie und der Staat im wesentlichen so
verändern, daß im Verhältnis von Kontinuität (bspw.: Inzesttabu) und Bruch bzw.
Unvergleichbarkeit letztere überwiegen? Gerade weil Jäger den ‘Ursprung’ seiner
Variante des deutschen Sonderwegs sehr früh verortet (‘Ostkolonisation’), wäre
es umso notwendiger gewesen, seine Kontinuität, sein kräftiges Fortbestehen,
sein allen geschichtlichen Veränderungen trotzendes Wesen zu begründen. Jägers
Antwort auf folgende, für seine Konstruktion relevante Frage ist mir nicht
deutlich geworden: Wie sind Erfahrungen von vor Hunderten von Jahren in einer
ganz anderen Gesellschaftsformation, in der sich alle Real- und Bewußtseins-
und Mentalitätsstrukturen verändert haben, einfach als ‘präsent’ anzunehmen,
wenn nicht ein übergeschichtliches Substrat unterstellt sein soll, das sich von
der Geschichte nicht wirklich tangieren läßt? Sicher gibt es unter labilen,
ungewissen Gegenwartsbedingungen wie z.B. in Jugoslawien den massiven Rückgriff
auf Traditionen und auch ‘erfundene Traditionen’ werden dann relevant. Wäre es
aber nicht notwendig, das vermeintlich Wiederauflebende und Ursprüngliche als
Phänomen der Gegenwart zu dechiffrieren, anstatt diese als Verlängerung der Vergangenheit
zu präsentieren? Würde man damit nicht das erscheinende Bewußtsein nur
verdoppeln, statt es zu begreifen, also wäre es nicht notwendig, bspw. den
Rückgriff des neugegründeten Kroatiens auf die Ustaschafahne gerade nicht als
Wiederaufleben des alten Adam aufzufassen?
Emanatistisch erleben im Text
unwandelbare, vor der Geschichte hausende Pseudosubjekte in ihr nurmehr i h r e
An- und Abwesenheit. “Im Dritten Reich war das Endzeitdenken wiedergekehrt und
etablierte sich als Staatsmacht” (126). “Das Ende des Heiligen Römischen Reichs
war keine Katastrophe, wurde aber so empfunden, Ersatz in Gestalt des Zweiten
und Dritten Reichs folgte auf dem Fuß” (104f.). Muß, um so die Geschichte nicht
nur für den Betrachter, sondern auch für sie selbst in eine Einheit zu bringen,
nicht sozusagen eine traumlogische Relationierungen eines sich seiner selbst
erinnernden und nichts vergessenden, also so locker und streng wie im Traum mit
sich identischen Kollektivsubjekts unterstellt werden?
Die historischen Vergleiche, die die
Besonderheit der deutschen Pflichtorientierung zeigen sollen (z.B. 76), sind zu
schmal, zu sehr an punktuellen Gegenevidenzen orientiert, bspw. an der
“förderal-kommunalistischen Verwaltungsorganisation” (76), ja Selbstverwaltung
der Bürger in den USA. Inwieweit ist sie auch nur für das Selbstverständnis von
US-Bürgern so zentral wie angenommen, inwieweit ist sie eingelagert in ganz
andere Kontexte, die es schwer machen, sie vorscheinhaft als Anknüpfungspunkt
für eigene Hoffnungen zu vereinnahmen (141)? “In Frankreich, England oder den
USA wäre ein Ereignis wie dieses (Spiegelaffäre – MC) undenkbar gewesen” (80).
Auf dieser Beispielebene läßt sich immer auch umgekehrt argumentieren: Daß am
17.10.1961 Jahre “Hunderte von Demonstranten” gegen den Algerienkrieg in Paris
bei einem “Massaker der Polizei” getötet wurden (taz 13.2.99, S. 10) –
andernorts “undenkbar”... “Das Ausmaß des Gehorchens hierzulande deutet auf
eine spezifisch deutsche Erbschaft hin” (66). Abgesehen vom höchst
zweifelhaften Erkenntniswert der Stereotypen, die über die Nationen im Umlauf
sind: Was hat man denn von der vermeintlich antiautoritären Art der Franzosen
(De Gaulle läßt grüßen – “undenkbar” in Deutschland, dagegen war ja noch
Adenauer ein vergleichsweise milder Patriarch), wenn über das französische
politische System und die dazugehörige politische Kultur bekannt ist in der
einschlägigen vergleichenden Literatur, daß die Entladung von Protestenergie
alle paar Jahre dazugehört und Kräfte, die auf eine wirkliche Veränderung des
Gesellschaftssystems ausgehen, auch nicht entscheidend mehr Chancen haben als
“bei uns”?
Warum werden im Buch nicht die autoritäre
Unterordnung und die Pflicht von der Akzeptanz der Hierarchie unterschieden,
wie sie in der modernen Gesellschaft typisch ist? Die Soziologie hält hier
Gründe fest[6][7], die ernste Hindernisse der
gesellschaftlichen Gestaltung von Gesellschaft darstellen. Zum im Buch als
notwendig vorgeschlagenen “Schritt (weg) von der preußischen
Gefreiten-Ehrfurcht vor Unternehmern” (162): Werden nicht so die heutigen
Gründe dafür, Hierarchie zu akzeptieren, dethematisiert? Sätze wie:
“Deutsche... arbeiten (heute) einzig aus ‘Pflicht’” (161) fordern Kritik
heraus. Vgl. auch die Religion der Arbeit, die als einziger Grund zu arbeiten angenommen
wird (155).
Kritisch oder links zu sein, heißt in
Deutschland oft, eine besondere, aus der deutschen Geschichte herrührende
Charakterisierung der Gesellschaft anzunehmen.[7][8] Während die anderen führenden Länder als
kapitalistisch zu charakterisieren seien, trete bei Deutschland der Sonderweg
in den Vordergrund. Vom monströsen Ereignis Auschwitz wird auf ebenso monströse
Ursachen geschlossen. Die NS-Katastrophe verleitet dazu, vom Ergebnis her
retrospektiv allein die in diesem Traditionszusammenhang stehenden Momente zu
versammeln. Am Kaiserreich und der Weimarer Republik fokussiert dieses Denken
die Vorgeschichte des NS.[8][9] Die Suggestion lautet, daß tief und durch
lange Kontinuität in der deutschen Geschichte verwurzelte Potentiale allererst
den NS erklären können. Eine Verkettung von Ereignissen, in denen alles eben
auch nicht zum NS hätte sich entwickeln können, erscheint dieser Position der
Tiefe als gedanklich oberflächlich und moralisch verharmlosend. “Alles was
ersten Ranges ist, muß causa sui sein. Die Herkunft aus etwas Anderem gilt als
Einwand, als Wert-Anzweifelung” (Nietzsche KSA 6/76). Marginalisiert werden so
jene vergleichsweise unaufwendigeren, gewissermaßen weniger blendenden als
einleuchtenden Erklärungen des NS, die rekurrieren auf
- die Anomisierung der deutschen
Gesellschaft durch Weltkrieg, Revolutions- und Bürgerkriegswirren, Hungerjahre,
Inflation usw. und entsprechende, eben dann auch magische und voluntaristische
Bewußtseins- und Mentalitätsformen[9][10],
- eine für große Teile der Bevölkerung
relevante Angst vor dem, was ihnen als ‘bolschewistischen’
Frontalinfragestellung der gesamten Gesellschaft galt[10][11],
- die besondere Betroffenheit
Deutschlands (gegenüber Frankreich und England) durch die Weltwirtschaftskrise[11][12],
- der bspw. von B. Lutz (1984)
herausgearbeitete Dualismus zwischen industrieller und kleinproduzentenhafter
Welt, die besonderen Versprechen, die im NS für Bauern, kleine
Gewerbetreibende, Handwerker usw. lagen (vgl. bspw. Leppert-Fögen 1974,
Karuscheit 1995),
- die im Unterschied zu anderen führenden
kapitalistischen Nationen mit starker Weltmarktstellung, Kolonialbesitz,
Insellage (Großbritanien) oder eigener riesiger Ausdehnung (USA) für
‘Deutschland’ ‘naheliegende’ Strategie räumlicher Expansion (vgl. Karuscheit
1995),
- die besondere Bedeutung von Gewalt und
Kampf für die Kerngruppe der nationalsozialistischen Bewegung[12][13],
- die durch die hoch organisierte
Arbeiterbewegung begründete Blockade der (neben der räumlichen Expansion)
möglichen innerkapitalistischen ökonomischen Perspektive, die in der
gravierenden Senkung der Arbeitslöhne lag[13][14],
- auch heute durchaus aktuelle Momente
eines rechtsradikalen Denkens, die die Akzeptanz von Nation (vs. Weltmarkt),
Führung (vs. ‘Illusion der Herrschaftslosigkeit und Überwindung von Hierarchie’[14][15]), Kameradschaft (vs. Konkurrenz)[15][16], die Ablehnung von kultureller und
sozialer Spaltung durch Ausländerbeschäftigung und -einwanderung[16][17] betreffen. Die gegenwärtige ‘Bekämpfung
des Rechtsradikalismus’ mogelt sich meist mit kosmopolitischen und
demokratischen Illusionen und Gutmenschenrhetorik über die hier angesprochenen
realen Probleme hinweg und ‘löst’ Schwierigkeiten, indem sie von ihnen absieht.
Auch die Erklärung der Judenvernichtung[17][18] muß sie nicht auf den Antisemitismus
zurückführen[18][19] oder wie bei Jäger[19][20] primär mit “Endzeit- und
Untergangsdenken” (127) verbinden.
Inwieweit gibt es eine Nähe zwischen der
sehr ‘fundamentalen’, weit in die Vergangenheit ausholenden Erklärung des NS
durch Jäger mit einer Abblendung der skizzierten Erklärungen? Inwieweit muß
Jäger sie auch schon aus seiner oben charakterisierten Herangehensweise
ausschließen? Inwieweit hat das Vorgehen, die weniger aufwendige, ‘banalere’ Erklärung
zu vermeiden, auch eine ästhetische Seite, die sich dazu eignet, für den
Zeitgeist Attraktion jenseits der Sache zu erzeugen?[20][21] Inwieweit tangiert der dabei
einschlägige Überbietungsgestus auch zentrale Problemdiagnosen[21][22] von Jäger ?
Eine kühne These des Buches ist es, mit
Genetik (neuer Mensch) und Raumfahrt (Himmelfahrt) die Säkularisierung des
mythischen Unbewußten ans Ende kommen und d a n n keine “neuen Bedürfnisziele”
zu sehen (148). Jäger behauptet nichts geringeres als daß “das Telos der
kapitalistischen Produktionsgeschichte” “konsequent auf Raumfahrt hinaus” laufe
(146, 147) - “Raumfahrt und Genetik, das ist der embryonale Kern, den die
kapitalistische Produktionsweise von sich aus hat und auch hervorbringt” (147).
Angesichts der Skepsis gegenüber den spin-off-Effekten der Raumfahrt[22][23], angesichts der lauten Kritik am Bau
eines Weltraumlabors vor 2 Jahren, angesichts der Schwierigkeiten, selbst ein
Sonde auf den Mars zu schicken, angesichts der Verteilung der
Forschungsressourcen leuchtet mir die These nicht ein, der Raumfahrt “sei alle
sonstige Technologie zugeordnet und unterworfen” (146) oder “der Westen
(leitet) seine technologische Energie auf den Weg der bemannten Raumfahrt,
statt sie zur Abwendung der ökolog. Katastrophe einzusetzen” (129). Außer einer
chinesischen science-fiction-Äußerung (146) kommen doch im Buch keine
Expertenstimmen vor, die das Verlassen der Erde und die Übersiedelung auf
andere Planeten als eine ernsthafte Perspektive erachten. Habe ich
Gegenargumente im Buch übersehen, wenn ich solche Erwartungen in eine Zeit um
die erste Mondlandung verlege, sie aber nicht für relevant halte in einer Zeit,
in der die bemannte Raumfahrt auf den Mond, immerhin den nächsten in Frage
kommenden Himmelskörpern, schon lange nicht mehr unternommen wird?[23][24] Die science-fiction hat sich derartig
verallgemeinert und banalisiert, daß Ausstiegserwartungen heute aus ihr
weitgehend ausgewandert sind und in der Esoterik ihre neue Heimat gefunden
haben. Inwieweit teilt Jäger ein Moment des Räsonnements über Gentechnik und
Raumfahrt, das nicht an der Sache anknüpft, sondern an science-fictionartigen
Übertreibungen, die von Propagandisten der Projekte ins Spiel gebracht wurden.
Inwiefern werden überzogene Werbesprüche, die nicht für die tatsächlich
maßgeblichen politischen Planungen und ökonomischen Rechnungen stehen, zum
Ausgangspunkt einer Kritik, die meint mit ihrer Extrapolation ins Gigantische[24][25] ein sicheres Agitationsmittel zu
besitzen ? Eine Steilvorlage für die Gegenseite, die Verstiegenheiten der
Hyperkritik zurückweisen und dabei die Sachgehalte der Kritik übergehen zu
können?
“Das 20. Jahrhundert wird als Zeitalter
der Eroberung des Weltalls in die Geschichte eingehen. Erstmals gelang es, die
Planeten unseres Sonnensystems mit Robotersonden zu belauschen. Jene erwiesen
sich als fremdartige, vor allem lebensfeindliche Welten. Gelernt haben wird
daraus, dass wir uns auf der Erde arrangieren müssen, und alle Ideen, andere
Planeten zu besiedeln, auf unabsehbar lange Zeit Hirngespinste bleiben werden”
(Thomas Bührke: Die Eroberung des Himmels , in: SZ-Beilage Unser Jahrhundert
Teil IV 15.12. 99, S. M 23). Wie vermeidet Jäger den mit seiner Problemdiagnose
des ‘Verlassens der Erde’ verbundenen Chic, sich um die Probleme auf der Erde
nicht mehr wirklich kümmern zu müssen, sind sie doch immer schon eingestellt in
den Bezug auf eine fiktive Gefahr? Zu diesem gedachten Wesen verhält sich dann
die Wirklichkeit als Ausdruck, Symbol, Metapher usw.[25][26], muß also in ihrem eigenen Zusammenhang
nicht mehr gedacht werden, insofern sie sich mit weniger Produktionskosten aber
größerem Effekt immer schon deuten läßt? Ein ähnliches (Un-)Wesen ist bei der
Zeitschrift ‘Konkret’ der ‘Faschismus’ und andernorts der Todestrieb des
männlichen Fortschrittswahns (s.u.).
Es handelt sich bei der
Auseinandersetzung um Jägers Buch nicht nur um es selbst. Den negativen
Fluchtpunkt all dessen, was an seinem Text problematisch ist, bildet ein
raunender unkritisch-synkretistischer Radikalismus, wie er in einem ‘Freitag’-Leitartikel
bspw. wie folgt sich besser nicht hätte ausdrücken können: “Das Nebeneinander
von Klimaprognosen, Endeavour und Hochwasserkatastrophe konfrontiert mit der
Frage, ob Freuds Todestrieb in unserer heutigen Kultur nicht wirkmächtiger ist,
als man das wahrzunehmen gewillt ist. Die Globalisierung, der auf losgelöste
Teile fokussierte, reduktionistische Blick der westlichen Wissenschaft und die
Technik nähren partiell den Wahn, Herr über die Natur zu sein. ... Ist der
Mensch Alien, das den Untergang wollende Böse, wie es Enzensberger für die
NS-Zeit diagnostizierte, oder ist er nur ‘nichtgescheiterter Parasit’. ... Der
Konflikt ist so archaisch wie die menschliche Psyche...” Was für eine alles
einander anverwandelnde Rhetorik, die universelle Austauschbarkeit zwischen den
Feindbildern schafft, was für eine verstiegen engführende Alternative: Alien
oder Parasit – so auch der Titel des Artikels von Stefanie Christmann vom
10.3.2000.[26][27] Um auf den groben Klotz einen groben
Keil zu setzen: Werden demnächst gewiss intelligente Schopenhaueriaden à la
Hartmut Lange[27][28] oder Ulrich Horstmann und ein reaktionär
anthropologisierender Diskurs (kongenial zu den eher andernorts beliebten
Eibl-Eibesfeldt und K. Lorenz[28][29]) zum Komplementärphänomen eines Illusionismus
linkspopulistischer Hofferei[29][30]? Der Glaube an Gott scheint verloren,
der an den Satan nicht. Mit einem “Manierismus der Wut” wird dem Ich ein
“Sockel errichtet, von dem herab sich die ekelhaft-unverständliche Welt
verachten läßt” (Sloterdijk).
Literatur:
Althusser,
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Brückner, Peter
1984: Versuch uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären. Westberlin
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Läuterung im Kampf. Zu einem zentralen Moment nationalsozialistischer
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Creydt,
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Kommune H.12., Jg. 14
Creydt,
Meinhard 1997: Protestantische Ethik als gesellschaftlicher 'Weichensteller'?
Zur Kritik an M. Webers pluralistischer Interdependenztheorie. In: Das Argument
H. 222
Creydt,
Meinhard 1999: Das Fernste nah - das Nähste fern? Gesellschaftliche Raumordnung
als Brennpunkt gegenwärtiger Debatten. In: Kommune H.1 (andere Varianten auch
in: Weg und Ziel, Wien H.5/97, Die Aktion (Nautilusvlg.) 2/98, Kalaschnikow
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Creydt,
Meinhard 1999a: Narzißmus als Sozialcharakter. In: H. Leidig (Hg.): Kritisierte
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Creydt,
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1990: Perspektivenwahl und Geschichtserfahrung. In: W. Pehle (Hg.): Der
historische Ort des Nationalsozialismus. Frankf./M.
Fetscher, Iring
1971: Ist die Epoche des Faschismus beendet? In: Horster, D.; Nikolinakos, M.
(Hg.): Ist die Epoche des Faschismus beendet? Frankf.M. 1971
Godelier,
Maurice 1973: Ökonomische Anthropologie. Reinbek bei Hamburg
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Christoph; Hirsch, Joachim 1998: Chancen für eine ´internationale Demokratie´?
In: Das Argument Nr. 225, H. 3/98
Gött, Fritz
1999: Nationalbolschewismus? Eine Aufforderung zum Streitgespräch über die
Ausländerpolitik. In: Aufsätze zur Diskussion, H. 68 1999
Grebing, Helga
1986: Der ´deutsche Sonderweg´. Stuttgart
Hoffmann,
Jürgen 1996: Politisches Handeln und gesellschaftliche Struktur. Münster
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Heiner 1995: Kampf für einen germanischen Massenstaat. In: Aufsätze zur
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1977: Kritik des Alltagslebens Bd. 1, Kronberg Ts.
Leppert-Fögen,
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Löwenthal, Leo
1980: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut
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Losurdo,
Domenico 1989: Hegel und das deutsche Erbe. Köln
Losurdo,
Domenico 1993: Marx und die Geschichte des Totalitarismus. In: Topos H.1
Luhmann, Niklas
1981: Soziologische Aufklärung. Bd. 3 Opladen
Lutz, Burkhard
1984: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Frankf./M.
Narr,
Wolf-Dieter; Roth, Roland; Vack, Klaus: Wider kriegerische Menschenrechte -
Eine pazifistisch-menschenrechtliche Streitschrift. Köln Dezember 1999
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Dietmar 1977: Die deutsche Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit. Wiesbaden
Retzlaw, Karl
1974: Spartakus. Frankf.M.
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1982: Die Wirtschaftskrisen. In: Ders., Ausgewählte Schriften 1018- 1964, Bd. 2
Köln
Weber, Hermann
1991: Aufstieg und Fall des deutschen Kommunismus. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte H. 40
[30][1] “M. Jäger ... bekannt für seine kenntnisreichen
Analysen und überraschenden Folgerungen...” – so die Verlagswerbung. Ich
bedanke mich bei Matthias Oberg, Manfred Ohm und Hans Babendreyer für
Diskussionen und bei M. Jäger für eine ausführliche Antwort auf eine erste
Kritik.
[31][2] Es ist auffällig, wie wenig selbst linke Grüne
gegen weltbürgerliche und Pro-Euro(pa)- Vorstellungen eintreten und für eine
strikte Regionalisierung nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus Gründen
der Gestaltung von Gesellschaft durch die Gesellschaft. Der ‘Globalisierung’
von oben gegenüber muß der Internationalismus von unten subaltern bleiben.
Deshalb erscheint es notwendig, gegen die Ausweitung des gesellschaftlichen
Raumes einzutreten (vgl. Creydt 1999). Zwar bedarf es internationaler
Absprachen, ihr Ziel muß aber sein, die “Notwendigkeit übergreifender
Entscheidungen und Regulierungen zu vermindern” und “die eigenständige
politische Kompetenz lokaler und regionaler Einheiten zu Lasten von Staaten und
internationalen Organisation zu stärken” (Görg/Hirsch 1998/341).
[32][3] “Es gibt allen Produktionsstufen gemeinsame
Bestimmungen, die vom Denken als allgemeine fixiert werden; aber die sog.
allgemeinen Bedingungen aller Produktion sind nichts als diese abstrakten
Momente, mit denen keine wirkliche geschichtliche Produktionsstufe begriffen
ist” (GR 10).
[33][4] ‘Integration’ steht hier abkürzend für “die
Einheit eines strukturierten Ganzen, die verschiedene, ‘relativ autonome’
Ebenen oder Instanzen ermöglicht, welche in der komplexen strukturierten
Einheit nebeneinander existieren, indem sie sich gemäß der spezifischen,
letztlich durch die ökonomische Ebene oder Instanz festgelegten
Determinierungsweisen ineinanderfügen” (Althusser u.a. 1972/127). “Die Dominanz einer Struktur ... kann nicht
auf das Übergewicht eines Zentrums zurückgeführt werden. ... Wie jede dieser
Ebenen selbst wieder in sich strukturiert ist, so ist diese Hierarchie nur die
Hierarchie oder der Grad und Index der Wirksamkeit zwischen den verschiedenen
strukturierten Ebenen” (ebd. 129) – combinaison statt combinatoire (vgl. ebd.
236f., 252f., 289).
Über diese
Konzeptualisierung von Integration geht ein Denken der ‘Konstitution’ der
verschiedenen gesellschaftlichen Sphäre aus der Gesellschaftsformation hinaus. Vgl. Creydt 1997/638ff. und Creydt 2000.
[34][5] Es “kann die strukturale Analyse – obwohl sie
die Geschichte nicht leugnet – nicht mit der Geschichte zusammentreffen, da sie
von Anfang an die Analyse der ‘Form’ der Verwandtschaftsverhältnisse von der
Analyse ihrer ‘Funktionen’ trennte. Nicht daß diese Funktionen ignoriert oder
bestritten würden, aber sie sind nie als solche erforscht worden. Daher wurde
nie das Problem der wirklichen Verknüpfung der Verwandtschaftsverhältnisse mit
den anderen sozialen Strukturen, die die konkreten, historisch bestimmten
Gesellschaften charakterisieren, analysiert: Lévi-Strauss beschränkte sich
darauf, diesen konkreten Gegebenheiten das ‘formale System’ der
Verwandtschaftsverhältnisse zu entnehmen, dessen innere Logik er dann untersucht,
und das er dann mit ähnlichen oder entgegengesetzen ‘Formen’ vergleicht, die
sich letztlich, gerade durch ihre Unterschiede, als der gleichen Gruppe von
Transformationen zugehörig erweisen” (Godelier 1973/65). Vgl. zu einem
ähnlichen Problem die Parsonskritik, es handelt sich um ein (dann notwendige
maßlose) Sich-Ergehen in Possibilitäten, das sich damit beschäftigt, welche
Bedingungen und Beziehungen denkbar und möglich seien.
[35][6] Es ist “denkbar, jeden Ansatz ... aufzulösen
und tieferzulegen – z.B. von Menschen auf Rollen, auf Handlungen, auf
Nervenimpulse ... zurückzugehen. Gegen diese Möglichkeit profiliert sich die
These der emergenten Ordnungsniveaus, die dem Prozeß des Auflösens und
Tieferlegens Grenzen setzt, weil jeder Ordnung ein für sie typisches und
unerläßliches Aggregationsniveau entspricht, auf dem Elemente und Relationen
als Einheiten konstituiert sind” (Luhmann 1981/52).
[36][7] Die Bearbeitung
komplexer Materien in Organisationen erfordert, so der
organisationssoziologische Konsens (so aber auch Engels in ‘Von der
Autorität’), eine interne Staffelung von Kompetenzen und Verantwortlichkeiten.
[37][8] Vgl. zur Kritik stereotyper antideutscher
Deutschlandsbilder und zu den internationalen Ursprüngen der nazistischen
Ideologie Losurdo 1989/507 und 1993.
[38][9] Der historischen Kritik der Sonderwegsthese
(vgl. David Blackbourn und Geoff Eley Mythen deutscher Geschichtsschreibung,
vgl. auch dies. The Peculiarities of German History, 1984) zufolge wird die Bedeutung
vormoderner Mentalitäten und Strukturen für das Kaiserreich und die Weimarer
Republik überschätzt und (vgl. Grebing 1986/129) die Aktivitäten des deutschen
Bürgertums im Kaiserreich unterschätzt. Zugleich relativiert sich der
Unterschied des deutschen Bürgertums zum französischen und englischen mit der
Kritik an den Übertreibungen in bezug auf ihren revolutionären Charakter.
Hoffmann (1996/244) bezieht die deutsche Geschichte im Kaiserreich, das Bündnis
des Bürgertums mit den traditionellen Machteliten, auf die Abwehr der
erstarkenden Sozialdemokratie und auf die “im internationalen Vergleich frühe
Trennung der Arbeiterbewegung von der bürgerlich- nationalen Bewegung”. “Es ist
mehr die Verbindung von der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise
als ein jahrhundertealter Sonderweg, die den Sieg des NS erklärt” (Eric J.
Hobsbawm in: taz vom 25.9.96).
[39][10] Es “bestand in großen Teilen der Bevölkerung
keine erlebte, reale Zeitperspektive mehr. Es reihten sich in der Zeit nur noch
Knoten von Abhängigkeiten, die vielleicht der deus ex machina zerschlagen
konnte; aufzulösen waren sie nur in der Illusion, privatistisch, in einer
Grundstimmung seelischer Irrealität.” Notwendig schien eine totale Veränderung
ohne viel Rechenschaft über die Gegebenheiten, die sie imaginär zu überwinden
trachtete. Atmosphärisch konnte dies nur der NS bieten mit einem
“quasi-revolutionären Sprung aus der Zeit, aus der Fessel der Zeit”, der mit
Ökonomie oder Menschenwerk weniger zu tun hatte, eher mit Erscheinungen
“reineren Ursprung(s)..., z.B.: das biologische Kraftvolumen des Volkes”
(Brückner 1978/74). “Die USA waren von den ‘desintegrierenden und
mobilisierenden Wirkungen (des 1. WK) , ohne die die faschistische Bewegung
kaum möglich gewesen wären’, kaum betroffen. Es fehlte an einer starken und
radikalen Arbeiterbewegung; langanhaltende ökonomische Prosperitätsphasen
hatten eine konfliktdämpfende Wirkung (in Deutschland, wo solche
langanhaltenden Prosperitätsphasen fehlten, wurde die Krise 1930 dagegen als Höhepunkt
einer langfristig sich abwärts bewegenden, allenfalls stagnierenden Entwicklung
aufgenommen)...” (Grebing 1986/180).
[40][11] In der Weimarer Republik hat man es bis 1923
mit einer Kommunistischen Partei zu tun, die als Massenpartei offen Aufstände mitträgt,
auch danach von ihrer antagonistischen Haltung zum System keinen Hehl macht und
damit kontinuierlich Wählerstimmen gewinnt. Dementsprechend hart wird auch von
der Gegenseite der Kampf gegen linke Kräfte geführt. Karl Retzlaw
(1974/171,222) spricht allein “nach amtlichen Angaben” von 557 Opfern der
Freikorpstruppen nach ihrem Einmarsch in München zwischen dem 1.5 und dem 8.5.
1919 und gibt in Bezug auf das Frühjahr 1921 die Zahl von “5.000 bis 6.000
revolutionär-sozialistischen politischen Häftlingen in den Gefängnissen” an.
“In den letzten drei Jahren der Republik wurden 170 Kommunisten von der Polizei
erschossen. Die einseitige Haltung der Justiz war offensichtlich; sie war
Klassenjustiz gegenüber den Kommunisten. Solche Umstände haben die Kommunisten
weiter radikalisiert. Selbst die unsinnige und verheerende These der
KPD-Führung: ‘Brüning hat eine absolute Diktatur eingerichtet wie sie die
Nationalsozialisten nicht absoluter schaffen können’ wurde nun von den
Mitgliedern der Partei kritiklos akzeptiert” (Weber 1991/29). Die faschistische
Selbstdarstellung als ‘Retter vor dem Bolschewismus’ übertrieb die Gefahr einer
nicht wirklich auf der Tagesordnung stehenden Revolution. Gleichwohl war in
Deutschland, Italien und Spanien "die Arbeiterbewegung insgesamt relativ
stark und schränkte zweifellos durch politischen Druck im Rahmen der Demokratie
den Handlungsspielraum der Unternehmer nicht unerheblich ein. V.a. aber war in
Deutschland wie in Italien eine halbe Revolution bzw. eine halbrevolutionäre
Situation der Machtergreifung des Faschismus vorausgegangen. Die revolutionäre
Arbeiterbewegung hatte in Deutschland zwischen 1919 und 1923 wiederholt
punktuelle Erfolge errungen, ohne sich jedoch ... durchsetzen zu können. ...
Harold Laski sagt mit Recht, die deutsche Bourgeoisie ‘ließ sich durch den
deutschen Kommunismus erschrecken, weil er mit der Revolution spielte und daher
die Bourgeoisie in Furcht versetzte, ohne die zu ihrer Unterwerfung nötige
materielle Macht je zu besitzen’” (Fetscher 1971/44).
[41][12] Arbeitslosigkeit Deutschland Großbritannien
USA Frankreich
1930
22,7
16,1
13,0 2,9 %
1931
34,3
21,3
23,3 6,5
1932
43,8
22,1
34,0
15,4 (Petzina 1977/16f.).
Industrieproduktion (1913 = 100)
1929
108,3
104,4
182,6 144
1932
51,8
70,7
81,2
92 (Varga 1982/33).
[42][13] Vgl. a. Creydt 1995. Rund jeder dritte Reichstagsabgeordnete
1936 gehörte früher der ehemaligen Truppen in Deutsch-Südwestafrika, einem
Freikorps oder einer Verschwörergruppe an (Schmitt-Egner 1980/385). Vgl. a. E.
v. Salomon, Die Geächteten. Reinbek bei Hamburg 1962/29.
[43][14] “Diese reformistische Arbeiterbewegung, der es
in der Tat gelang, die Löhne auch während der Krise weitgehend
aufrechtzuerhalten, galt es zu zerschlagen” (Leppert-Fögen 1974/301).
[44][15] Eine diesbezügliche Akzeptanz war in der
Weimarer Republik auch auf der linken Seite präsent, etwa bei Kurt Hiller oder
Leonard Nelson.
[45][16] Hans-Dietrich Sander, Herausgeber des
vergleichsweise als Theorie- und Kaderblatt zu bezeichnenden ‘Staatsbriefe’
spricht von der “oft beschworenen aber nur wenig bewährten Kameradschaft, die
garantieren muß, daß einer sich auf den anderen verlassen kann, und daß man
einen anderen, der etwas kann, was man selbst nicht kann, nicht beneidet,
sondern bewundert, oder nicht mit Verachtung auf einen anderen herabsieht, der
nicht kann, was man selbst kann. Die Kameradschaft muß jegliches
Konkurrenzdenken übersteigen” (Staatsbriefe 1/95 S. 21f.).
[46][17] Die Multikulti-Idyllisierung passt zur
Harmlosigkeit gegenüber der sozialen Segregation (vgl. zur Idealisierung von
‘Differenz’, ‘Vielfalt’, Lebensstilenklaven und Minderheiten Creydt 1999a).
Dies war nicht immer so: Der Internationale Sozialistenkongreß 1907 in
Stuttgart erklärte es “zur Pflicht der organisierten Arbeiterschaft, sich gegen
die im Gefolge des Massenimportes unorganisierter Arbeiter vielfach eintretende
Herabdrückung ihrer Lebenshaltung zu wehren. ... Der Kongreß erkennt die
Schwierigkeiten, welche in vielen Fällen dem Proletariat eines auf hoher
Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften
Einwanderung unorganisierter und an niederer Lebenshaltung gewöhnter Arbeiter
aus Ländern mit vorwiegend agrarischer und landwirtschaftlicher Kultur
erwachsen...” (zit. n. Gött 1999/28).
[47][18] “Die Verschränkung beider Elemente: der
ursprünglich auf Austreibung gerichtete Antisemitismus und die Vernichtung
‘lebensunwerten Lebens’ - eine Praxis, die bis zum Jahre 1941 nicht Juden als
Juden zu ihren Opfern machte - lehrt, daß weder der Antisemitismus allein zur
‘Endlösung’ führte noch die nationalsozialistische Euthanasie Juden von Anfang
an als ‘lebensunwertes Leben’ zu vernichten trachtete. Erst die Verbindung
beider - ein Umstand, der einer ereignis- und handlungsgeschichtlichen
Rekonstruktion oder einer politikorientierten Historik zu seinem Verständnis
bedarf - führt zu dem, was in der nationalsozialistischen Judenvernichtung
gipfelte. ... Die Tat erwächst weit mehr aus den von den Nazis in
antisemitischer Absicht herbeigeführten Umständen und Folgen der barbarischen
Konzentration der Juden im Osten; Umstände und Folgen, die wiederum mittels
sozial- und rassenhygienischer ‘Maßnahmen’ ‘bereinigt’ wurden, d.h. mittels der
fabrikmäßigen Ermordung in Fortführung jener Praxis, die aus der Vernichtung
‘lebensunwerten Lebens’ erwachsen war” (Diner 1990/104ff.).
[48][19] Zu dessen Ausmaß in den USA in den 30er Jahren
vgl. bspw. Leo Löwenthal (1980/33): Er habe “auf einmal entdeckt, daß es hier
(in den USA - Verf.) etwas gibt wie wirklichen everyday- Antisemitismus und daß
man sich nicht ungehemmt und frei als Jude in allen gesellschaftlichen
Bereichen bewegen kann. Das war eine böse Enttäuschung. Daß Hotels und Clubs,
ja auch ganze Berufszweige für Juden einfach verschlossen sind, das gab es in
dem Ausmaß in Deutschland nun doch nicht.”
[49][20] “Und noch hier zeigt sich, daß Endzeit- und
Untergangsdenken in Deutschland eine besondere Verbindung eingehen, denn selbst
die Nazis planten diese ‘Endlösung der Judenfrage’ erst dann, als sie wußten,
daß der Weltkrieg verloren war” (127).
[50][21] »Indem
ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles
Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen
Schein gebe, so romantisiere ich es« (Novalis 1907 Bd.II/304f.). Insgesamt
eröffnet die Verdoppelung des Gegenstands in sich selbst und die aus ihm
gezogene Abstraktion besondere Genüsse: »Der moderne Intellektuelle … nimmt …
das Abstrakte, den Begriff oder die Idee an der Sache selbst gar nicht mehr
wahr, als etwas, was an ihr ist, und zugleich von ihr verschieden. Seinem
Bewußtsein gilt das Abstrakte als mit der Sache Vermischtes, beide werden
miteinander verwechselt…« (Lefebvre 1977/127f.). Ohne den »Nervenschock dieser
besonderen Duplizität … finden das Interesse, die Begierde, die Liebe kein
Objekt mehr. Sie sind unfähig zu leben, die menschlichen Wesen zu begreifen
und zu lieben, wenn sie keinen ambivalenten, äquivoken oder berauschenden Charakter
haben – kein Extra, keinen doppelten Boden präsentieren. Die Dualität von
Geist und Materie, von Idee und Wirklichkeit, Absolutem und Relativem,
Metaphysischem und Sinnlichem, des Übernatürlichen und der Natur ist zur
praktizierten Duplizität geworden … unter dem Deckmantel des Denkens, der
Poesie, der Kunst« (ebd./131).
[51][22] Ich sehe hier ab von einer Diskussion von
Jägers These (128f.), am Christentum sei vorrangig das Endzeitdenken
problematisch. Insofern es sich ja nicht um eine Kleinigkeit handelt, wäre die
Diskussion einschlägiger, nicht auf Jägers Punkt engzuführender Kritiken am
Christentum angebracht gewesen. Ich zitiere hier nur einen Punkt aufgrund
seiner politischen Aktualität: “Luthers ... Einsicht, daß Menschen Gerechte und
Sünder zumal seien und sich auf Erden allemal schuldig machten, muß
Jahrhunderte nach dem reformatorischen Akt und in gründlich verändertem Kontext
als eine Art irdische Rechtfertigungslehre fast beliebigen Tuns herhalten.
Diese neue Rechtfertigungslehre sorgte im jüngsten Krieg dafür, daß politisch
repräsentative Protestanten ihre kriegszustimmenden Hände im Wasser der
Unschuld wuschen. Sie wiesen schlicht darauf hin, Menschen machten sich, um
einen Nichtprotestanten zu zitieren, politisch praktisch unvermeidlich immer
‘schmutzige Hände’ (Sartre). ... Der pauschale Hinweis auf eine existentielle,
letztlich theologisch begründete Befindlichkeit des Menschen versagt sich dem
menschenrechtlich und politisch notwendigen, sich im offenen Prozeß des
Urteilens ausweisenden ‘Prinzip Verantwortung’. Die pauschale Entlastung von
aller genauen Rechenschaftslegung, wie einer zu einer folgenreichen
Entscheidung gelangt ist, öffnet alle Türen der Skrupellosigkeit. ... In diesem
Sinne führt der anscheinhaft Menschen beschwerende Hinweis aufs dauernde
Schuldigbleiben, was immer man tue, zur schier grenzenlosen Leichtigkeit jeder
Entscheidung” (Narr, Roth, Vack 1999/73f.).
[52][23] “Angesichts der bisher im Laufe der Jahre für
Raumfahrtprojekte aufgewandten Kosten gesamtwirtschaftlich nicht sehr
bedeutend” seien die “Spin-offs”, also die indirekten und direkten produktiven
Effekte, so das Ergebnis des für die Koordination für Luft- und Raumfahrt der
Bonner Ministerien erstellte Gutachten des Unternehmensberaters Jürgen
Schulte-Hillen (zit. n. Hoffmann, Wolfgang: Folklore im All. Die
Bundesregierung ließ vergeblich nach sinnvollen Nebenprodukten der Raumfahrt
suchen. In: Die Zeit Nr. 40, 29.9. 1989, S. 23).
[53][24] “Der ehemalige Nasa-Ingenieur und Prof. für Aeronautik
David Peake ist skeptisch. ... Er hält es für denkbar, dass eines Tages reiche
Abenteurer im Weltall herum schwirren, aber bestimmt ‘nicht in den nächsten 100
Jahren’” (Süddt. Zeitung 8.2.2000, S. V 2/3)
[54][25] “Die
Bevorzugung der aufregenden Stoffe (Erotica oder Socialistica oder
Pathologica): alles Zeichen, für wen heute gearbeitet wird, für Überarbeitete
und Zerstreute oder Geschwächte. Man muß tyrannisieren, um überhaupt zu wirken”
(Nietzsche).
[55][26] Daß das ‘Nachdenken’ über Gesellschaft in der
Öffentlichkeit auch diese Formen zeigt, heißt ja nicht, die erscheinende
Metaphorizität von Diskursen aus ihr selbst zu ‘erklären’, sondern im Rekurs
auf die Gesellschaftsformation die ihr spezifischen Bewußtseinsinhalte zu
erklären, also die bestimmten unter gegebenen Bedingungen üblichen Erklärungen,
Zielvorstellungen und Enttäuschungsverarbeitungen. Erst in einem zweiten
Schritt werden an den Leistungsgrenzen dieses Bewußtseins formale Momente des
Schließens, Urteilens usw. tätig, ebenso Metaphern, Metonymien, Allegorien usw.
Mit ihnen homogenisiert der kleine und der große Ideologe die Brüche, Lücken
und Ungereimtheiten seines Bewußtseins und macht auf der Grundlage der
gesellschaftsformationsspezifischen Bewußtseinsinhalte unter Abstraktion von der
Konstitution dieser Resultate sie zu bloßen Denkvoraussetzungen. Sie lassen
sich sodann im Denkraum intern glätten, kombinieren usw. Zu dieser
Unterscheidung zwischen Bewußtseinsinhalten und auf ihrer Grundlage
operierender Ideologiezität vgl. auch MEW 8/139, 21/302f., 37/491, 39/97,451.
Inwieweit verbleibt Jägers Analyse im Rahmen dieser Ideologiezität, inwieweit
sind breite Passagen von Teil II und III nicht selbst metaphorisch beim
Versuch, Metaphorizität zu denken ?
[56][27] Allerdings erinnert sich der Freitagleser gern
an die pointiert-kritischen Artikel der Autorin während des Kosovokrieges,
insbesondere an ihr für realpolitische Grüne zur Pflichtlektüre empfohlenes
Josef-Fischer-Portrait.
[57][28] Vgl. seine ‘Deutschen Empfindungen. Tagebuch
eines Melancholikers’ 1983, vgl. seine Artikelserie in der ‘Welt’ 1993.
[58][29] Boshaft wäre man versucht hinzuzusetzen: Und
die Ehrung des (oben als formelle Abstraktion und Analogie kritisierten)
Geschichtsbezugs als Kritikfolie gegenüber der als bloß modisch verkannten,
weil unterbestimmten Gegenwart. “Die westdeutschen Kanzler wenigstens konnten
eines noch tun, wodurch sie mehr waren als Mode-Masken, sie konnten sich an der
Herrschaftsmethode früherer Kaiser und Kanzler orientieren” (78). Der Vergleich
des Herrschaftspersonals anhand eigener Niveau-Kriterien quer durch die
Geschichte eröffnet ein weites Feld - jetzt auch für Linke?
[59][30]
Es sind die gleichen Autoren, die (in einfacher Entgegensetzung zur Berliner
Maxime ‘Habenses nich ne Nummer kleiner’) gar nicht prinzipiell-fundamental
genug vom Todestrieb zu berichten wissen u n d in anderen Artikeln über Wochen
zu Tode erschreckt sind und es als d i e Katastrophe schlechthin empfinden,
wenn Oskar Lafontaine nicht so will, wie er jenen zufolge soll, die Illusionen
in ihn investiert hatten. Auch bei Jäger fällt eine positive Stilisierung von
Lafontaine auf. Dabei war letzterer für linke wie auch rechte Schlenker
wohlbekannt. Daß das Pendel nun zuletzt zur linken Seite ausschlug und der
Taktiker Lafontaine meinte, hier Unterstützung mobilisieren zu können, wo er
nie davor zurückschreckte, dies auch rechts zu tun, sollte nicht überbewertet
werden. Populistische Engführungen von Kapitalismuskritik auf das Finanzkapital
sind schließlich nichts Neues. Auch wurde der von Schröder mit 30
Spitzenmanagern - dem sog. Spd-Wirtschaftsrat, am 10.9. 97 in Dresden
ausgearbeitete Leitantrag für eine neue Wirtschaftspolitik am 14.9.97 im Spd-PV
mit nur 3 Gegen- und 42 Jastimmen angenommen. “Spd-Chef O. Lafontaine
erklärte..., daß die Spd-Spitze Schröders Thesen unterstütze” (Handelsblatt
16.9.97). Auch in seinem Buch fordert er statt Rente ab 60 ein höheres
Renteneinstiegsalter und verteidigt seine Vorschläge für Flexibilisierung und
Lohnverzicht aus den 80ern. Vgl. zum Typus der linkspopulistischen
Lafontaine-Idealisierung auch W. D. Narrs Kritik in der Kommune 6/99.